Auf ‘ne Pommes mit dem Bürgermeister  Jörg Sibbel über Zukunftschancen, Digitalisierung und seine Leidenschaft für Eckernförde

Auf ‘ne Pommes mit dem Bürgermeister  Jörg Sibbel über Zukunftschancen, Digitalisierung und seine Leidenschaft für Eckernförde

Jörg Sibbel wurde am 24. September 2006 als parteiloser Kandidat auf Vorschlag der CDU – Ratsfraktion zum Bürgermeister von Eckernförde gewählt. 2022 scheidet er aus dem Amt aus. Wir haben mit ihm über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gesprochen.

 

Herr Sibbel, Sie sind nun bereits seit 15 Jahren Bürgermeister von Eckernförde. Wie hat sich Ihr Blick auf die Stadt im Laufe Ihrer Amtszeit verändert? 

Als ich damals hierher kam, war ich ein Besucher und habe aus dieser Perspektive die Lage und Schönheit der Stadt bewundert. Als Bürgermeister schaut man ins Innere, und da geht es um Themen wie Haushaltslage, städtebauliche Entwicklungen und die Zusammenarbeit zwischen Politik und Verwaltung. Insgesamt kann ich jedoch sagen, dass ich sehr viele positive Erfahrungen machen durfte. Die Zusammenarbeit zwischen Politik und Verwaltung basiert in Eckernförde auf Verlässlichkeit und einem konstruktiven Miteinander.

Vermissen Sie es manchmal, in Jogginghose Brötchen holen zu gehen?

Wenn man ein offizielles Amt bekleidet, ist man im Privaten zur Zurückhaltung verpflichtet und muss sich zwangsläufig anpassen, aber das ist keine unüberwindbare Aufgabe, so dass ich das gerne in Kauf nehme.

Wer 15 Jahre Bürgermeister einer Stadt ist, scheint ein gutes Feeling für die Bedürfnisse der Bürger entwickelt zu haben. Wie würden Sie den typischen Eckernförder beschreiben? 

Die Eckernförder identifizieren sich mit ihrer Stadt und bringen ein hohes Maß an Engagement mit. Das sieht man auch an der Wahrnehmung von ehrenamtlichen Aufgaben, die im Vergleich zu anderen Kommunen sehr ausgeprägt ist. Man hat nicht nur seinen Wohnort hier, sondern erlebt und genießt bewusst und möchte der Stadt etwas zurückgeben. Ein Beispiel ist das Naturfilmfestival ,Green-Screen’, was ja auch aus einem ehrenamtlichen Engagement entstanden ist. Ein anderes Indiz ist die hohe Wahlbeteiligung, die wir hier verzeichnen und die für die Verbundenheit der Bürger mit der Stadt spricht. Andererseits ist man auch gastfreundlich und für vieles Neue aufgeschlossen. Dennoch bleibt es für uns wichtig, dass wir nicht ausschließlich vom Tourismus leben, sondern auch im Winter eine hohe Lebensqualität mit einem kulturellen Leben für unsere Bewohner bieten.

Welcher Art?

Wir veranstalten Themenworkshops für die Einheimischen und geben uns Mühe herauszufinden, was die Stadt braucht und wie der Bürgerdialog gelingt. Wir müssen auch keine Stadtfeste ausschließlich für Touristen zelebrieren, sondern möchten durch ein qualitativ gutes Angebot etwas für alle bieten – nach dem Motto ,Weniger ist mehr’. Das gleiche gilt für das sensible Thema der Wohnraumschaffung im Bereich Ferienwohnungen. Wir möchten, dass die sozialen Strukturen in Quartieren auch außerhalb der Saison aufrecht erhalten werden. Gerade ältere Leute müssen in einer gewachsenen Umgebung mit ihren gewohnten Sozialstrukturen weiter leben können.

Eckernförde ist eine Stadt, die seit Jahren an Beliebtheit gewinnt und durch viele neue Cafés, kleine Lädchen, die Bonbonkocherei, eine neue Strandbar, einen Biergarten und einen Calestanic-Park, den Jugendstrand auch für Familien und junge Leute immer attraktiver wird. Trotzdem verlassen viele Jugendliche auf der Suche nach beruflichen Perspektiven die Stadt. Wie kann Eckernförde jungen Menschen auch beruflich eine attraktive Perspektive bieten?

Das ist sicherlich ein Schwachpunkt. Wir haben ein vielfältiges Schulangebot, aber im Bereich der weiterführenden Bildung, wie zum Beispiel durch die Existenz einer Fachhochschule, könnte noch mehr passieren, damit wir die jungen Leute nicht verlieren. Einige kommen auch wieder zurück, und so setzen wir verstärkt auf junge Familien und die erleichterte Vergabe von Baugrundstücken. Aber die Berufsausbildung beschränkt sich leider zumeist auf die klassische Berufsausbildung und die Marine. Aktuell werden hier 500 neue Posten geschaffen.

Corona hat die Digitalisierung auf allen Ebenen stark vorangetrieben und stellt Gemeinden und Städte immer wieder vor große Herausforderungen. Welche Schwierigkeiten und welche Chancen sehen Sie in der Digitalisierung in Bezug auf Eckernförde? 

Ich sehe in erster Linie Chancen. Wir haben in der Verwaltung einen Digitalisierungsschub erfahren. Das Arbeiten wird anders sein als vor Corona. Wir stellen gerade die Verwaltungsvorgänge im Rathaus auf E-Akten um und  werden familienfreundliches Home-Office stärker ausbauen. Zusätzlich haben wir vor, in den nächsten Wochen das Parkplatzproblem durch ein digitales Parkraummanagement mit Hilfe von Data-Port zu verbessern. E-Ladesäulen sind bedarfsgerecht ausgebaut. Freies WLAN und Co-Working-Space haben wir schon länger. Das Thema Mobilitätswende ist neben dem Thema Digitalisierung ebenfalls sehr wichtig für uns. Das Projekt Sprotten-Flotte mit Leihfahrrädern ist seit einigen Monaten am Start. Der Umstieg auf alternative Beförderungsmethoden, wie den ÖPNV, unterstützen wir durch  kostenlose Parkplätze für Pendler.

Im Zusammenhang mit der Erderwärmung werden Naturkatastrophen jeglicher Art zunehmen. Welche Maßnahmen plant die Stadt Eckernförde?  

Unsere größte Herausforderung ist ja das Wasser! Wir haben ein Hochwasserschutzkonzept fertiggestellt und der Öffentlichkeit präsentiert.  Damit können wir zukünftig gefährdete Gebiete entsprechend ihrer topografischen Anforderungen schützen. Natürlich alles unter der Prämisse,  den attraktiven Ausblickspunkten auf das Meer Rechnung zu tragen.

Wie gut ist Eckernförde durch die Corona Krise gekommen? 

Corona hat viel Zusammenhalt gefördert, und als wir mit der Schlei zusammen touristische Modellregion geworden sind, war das natürlich eine große Herausforderung. Wir haben in kürzester Zeit ein eigenes Konzept für Tourismus, Beherbergung und Gastronomie entwickelt. Auf diesem Weg ist es uns gelungen, die Wirtschaft in der Region zu unterstützen, ohne die Inzidenz in die Höhe zu treiben.

Hand aufs Herz, hatten Sie in dieser turbulenten Zeit auch mal schlaflose Nächte? Was tun Sie, um zu entspannen?

Ich habe eigentlich kein Problem zu entspannen. Nach fast 20 Jahren als hauptamtlicher Bürgermeister hier oder vorher in der Rendsburger-Region bin ich es gewohnt, mit vielfältigen beruflichen Herausforderungen umzugehen. Natürlich gebe ich trotzdem gerne zu, dass mich die Verantwortung mit dem Thema Modellregion als Interessensverwalter unserer Bürger schon sehr beschäftigt hat.

Würden Sie jungen Leuten einen Job in der Verwaltung empfehlen – und wenn ja warum?

Unbedingt! Es ist weder angestaubt noch langweilig. Die Berufsbereiche sind sehr vielfältig. Vom Verwaltungsfachangestellten über den Bauzeichner bis hin zu einer technischen Ausbildung, sind je nach Interesse viele Möglichkeiten bei der Stadt gegeben. Zusätzlich ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ein großes Thema, und da sind wir ein sehr attraktiver und fortschrittlicher Arbeitgeber.

Gibt es etwas aus Ihrer Amtszeit, worauf Sie besonders stolz sind? 

Ja, auf die Erneuerung der innerstädtischen Straßenzüge und der  Hafenpromenaden. Damit haben wir eine ganz neue Aufenthaltsqualität in der Stadt geschaffen.

 

Ihre Amtszeit endet am 31.12.22, im Interview mit der EZ sagten Sie, dass es Zeit für einen Wechsel sei. Worauf freuen Sie sich?

Wenn ich aus dem Amt des Bürgermeisters ausscheide, bin ich erst 57 Jahre alt. Von daher geht es nicht darum, mich zur Ruhe zu setzen, sondern nach fast vier Jahrzehnten  Kommunalverwaltung mal etwas ganz anderes zu machen. Das kann in der freien Wirtschaft oder im ehrenamtlichen Bereich sein. Ich bin der Auffassung, dass wir als sogenannte ,Wahlbeamte auf Zeit’ auch Nachfolgenden rechtzeitig den Platz einräumen müssen. Neue Ideen und Impulse sind wichtig für dieses Amt. Auch das ist eine Frage der Verantwortung gegenüber dieser Aufgabe. Ich freue mich darauf, mich freier in der Stadt bewegen zu können und auf Zeit zum Wandern, Radfahren und Tanzen mit meiner Frau.

Was bedeutet Heimat für Sie?

Heimat ist dort, wo man sich wohlfühlt, und Eckernförde ist meine Heimat geworden.

 

TEXT Sophie Blady, Anja Nacken
FOTO Sophie Blady