Eutin gehört zu den Gewinnern des Wettbewerbs „Digitale Modellkommune Schleswig- Holstein“

Eutin gehört zu den Gewinnern des Wettbewerbs „Digitale Modellkommune Schleswig- Holstein“

„Wir können Digitalisierung“

Die Verbindung zwischen Tradition und Moderne ist für die Stadt und die Bürger von Eutin nicht nur eine leere Worthülse, sondern ein brennendes Thema, an dem viele mit Engagement teilhaben. Mit einem Ideen-Katalog in Richtung digitaler Stadtentwicklung qualifizierte sich die Stadt 2020 innerhalb des Wettbewerbs „Digitale Modellkommune Schleswig-Holstein“ – ausgelobt vom Ministerium für Inneres, ländliche Räume, Integration und Gleichstellung – als eine von neun Regionen als Modellprojekt. Unter dem Motto: Smart Region Lab Eutin“ punktete die Stadt mit innovativen Ideen wie Reisemobilparksensoren oder dem Smart Region Dashboard- und darf die Fördermittel von 100.00 Euro sinnvoll in die Entwicklung und Umsetzung digitaler Strategien einbringen. Dies hat im Februar 2020 eine Jury des Ministeriums mit Vertretern der kommunalen Spitzenverbände, der IHK Schleswig-Holstein, des IT-Verbunds Schleswig-Holstein sowie des Ministeriums für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt, Natur und Digitalisierung entschieden. Zu den Modellkommunen gehören neben Eutin die Kreise Dithmarschen, Schleswig-Flensburg, der Wirtschaftsraum Rendsburg, dazu die Städte Kiel, Flensburg, Pinneberg und Nortorf sowie die Gemeinde Kirchbarkau.

Mit den Fördermitteln des Ministeriums soll eine digitale Transformation der Kommunen zur Entstehung von „Smart Citys“ und „Smart Regions“ führen, die den Nutzen digitaler Anwendungen für die Bürger in den Mittelpunkt stellen und digitale Prototypen und Strategien gemäß den Bedürfnissen erarbeiten. Aber nicht nur Schleswig-Holstein ist beteiligt. Ein Modellversuch läuft hierzu auch bundesweit. Laut einer Pressemeldung der Stadtverwaltung Eutin sagt Bundesinnenminister Horst Seehofer dazu: „In der Stadt trifft die Digitalisierung auf das Leben der Menschen und verändert unseren Alltag – wir kaufen zunehmend in Online-Shops statt in Geschäften, teilen Fahrzeuge und sind mit dem Smartphone ganz anders unterwegs. Für die Chancen und Herausforderungen, die sich daraus ergeben, brauchen wir zukunftsfähige Konzepte, auch im Bereich der Stadtentwicklung. Genau hier setzen die Modellprojekte an“.

SMART ist Trumpf

Der Begriff „Smart Region Lab Eutin“ ist spätestens seit 2020 kein Novum mehr für viele Eutiner. Anfang des vergangenen Jahres startete die Stadtwerke Eutin GmbH (SWE) unter diesem Begriff in eine vielversprechende Zukunft. Dabei geht es um die Frage, wie die Bürger im Einzugsbereich des Versorgungsunternehmens vor dem Hintergrund der Digitalisierung in Zukunft leben wollen. Das Wort „Lab“ in der Projektbezeichnung steht für „Labor“ und bedeutet, dass die Bevölkerung von Anfang an aktiv in die Gestaltung der „smarten Region“ mit einbezogen werden soll. Die Beschäftigung mit dem komplexen Thema geht alle Bürger an und wird durch Workshops mit den entsprechenden Parteien entwickelt. Hier werden nicht nur sogenannte Digital-Natives einbezogen. Die Möglichkeiten des Smart-Region-Projektes betreffen Dinge, die das ganz alltägliche Leben – generationsübergreifend  – einfacher machen. Hier wird im Bereich der Verwaltung, der Infrastruktur, der Arbeit sowie der Transparenz und Partizipation weitergedacht. Ein Beispiel für Eutin: Wo gibt es mehr freie Parkplätze –am Stadtgraben oder am Segenhörn? Wie können Verkehrsflüsse anders gesteuert und gemanagt werden? Wie kann ich Sicherheitsbedürfnisse bei mir Zuhause und auch im öffentlichen Raum erfüllen? Wie kann ich Energieflüsse intelligenter steuern und somit einen aktiven Beitrag zum Klimaschutz leisten? Wie können betriebliche Abläufe über smarte Anwendungen effizienter gestaltet werden? Wie können Kommunen die Informationsbedürfnisse ihrer Bürger befriedigen? Welche Behördengänge kann ich als Bürger online erledigen und damit erheblich Zeit einsparen?

Moderne Sensortechnik schafft hier Informationschancen, die bisher ohne riesigen Aufwand nicht möglich gewesen wären. Bald könnte das alles einfach per Smartphone abrufbar sein – ebenso wie eine Vielzahl anderer interessanter Daten.

Digitalisierung Eutin

Keine Weiterentwicklung ohne digitale Möglichkeiten

Hinzugekommen ist in den letzten Monaten ein LoRaWAN-Netz in Eutin und Umgebung. LoRaWAN steht für „Long Range Wide Area Network“ und bedeutet bzw. ermöglicht ein energieeffizientes Senden von Daten über lange Strecken. LoRaWAN wurde speziell für das Internet of Things (IoT) und Industrial Internet of Things (IIoT) entwickelt. Mit LoRaWAN ist es möglich, mehrere hundert Sensoren innerhalb eines Netzwerkes zu verwalten und Sensordaten zu verarbeiten.

Zusätzlich wurde eine erste Version einer kommunalen Datenplattform auf der Basis von FiWare programmiert. Diese technische Plattform, die in dem „Smart Region Lab Eutin“ zum Einsatz kommt, ist bereits seit Jahren praktisch erprobt. Städte wie Barcelona, Wien oder München setzen sie ebenfalls für ihre Smart-City-Lösungen ein. Das für die Stadt Eutin programmierte Dashboard kann unter smartregion-eutin.de eingesehen werden.

Am 10. Juni 2021 ging das Modellprojekt in die nächste Runde: Die Stadtwerke luden zu einer öffentlichen Online-Veranstaltung mit dem Namen „Smart Region Dialog – Beteiligungsworkshop der Stadtwerke Eutin-“ für interessierte Bürgerinnen und Bürger ein. Wir haben mit Axel Neumann, Leiter des neu geschaffenen Bereiches Innovation und Digitalisierung der Stadtwerke Eutin, über das Projekt und weitere digitale Möglichkeiten gesprochen:

Axel Neumann, Leiter Bereich Innovation und Digitalisierung der Stadtwerke Eutin

Axel Neumann, Leiter Bereich Innovation und Digitalisierung der Stadtwerke Eutin

Eutin ist als digitale Modellkommune gesetzt. Das erste Ziel ist also erreicht. Wie ist es seitdem weiter gegangen? Wahrscheinlich Corona bedingt nicht so zügig?

Genau! Es war ja von Anfang an gedacht, dass wir durch unsere Veranstaltungen mit den Bürgern schnell konkrete Möglichkeiten, die das LoRaWAN Netz bietet, umsetzen können. Jetzt geht es umso dringender darum, die spannenden Punkte und Ideen der Bürger in daraus resultierende Anwendungen zu übertragen. Dafür gab es bereits einige Workshops und nun am 30. Oktober ein sogenanntes Barcamp in Eutin. Eine öffentliche Veranstaltung, zu der alle Bürger eingeladen sind. Hinter dem Namen Barcamp steht eine Methodik, mit der wir dank Arbeitsgruppen Bedürfnisse konkretisieren können, um die Ergebnisse dann als Pilotprojekte bis zum Sommer 2022 umsetzen zu können. Hier reden wir von digitalen Modellprojekten für Privatpersonen, Tourismusbranche, Verwaltung etc.

Auf der bis dato bestehenden Plattform und dem Dashboard kann man heute schon als interessierter Bürger einige Informationen – wie Feinstaubbelastung, Temperatur, UV-Index, Parkplatzmöglichkeiten oder Verkehrsfluss abrufen. Das zeigt, dass die Technik funktioniert und Eutiner-Daten in Echtzeit übertragen werden können.

Grundsätzlich ist erstmal festzuhalten, dass mit dem technologischen Experiment des LoRaWAN Netz alle technischen Gegebenheiten für eine Smart-Region gegeben sind. Anders ausgedrückt: Wir können Digitalisierung. Daten können gesammelt und zusammengeführt werden. Wie gesagt, wir befinden uns nun in dem Prozess, die Wünsche der verschiedenen Interessensgruppen zu bündeln und umzusetzen. Es bringt ja nichts, etwas an den Menschen vorbei zu entwickeln. Also liegt unser Augenmerk nicht auf „abgespaceten“ Apps, sondern auf einem Mehrwert für alle teilhabenden Gruppen. Wir haben zwar kein mehrköpfiges Team an Softwareentwicklern im Haus, aber wir können viele spannende Projekte umsetzen und nutzen dort, wo es benötigt wird, die Unterstützung von Hardware- und Systementwicklern.

Welche Rolle übernehmen die Stadtwerke dabei generell?

Erstmal sind wir als Stadtwerke Eutin ein Infrastruktur-Dienstleister. Wir kümmern uns im Tagesgeschäft ganz klassisch zum Beispiel um die Themen Ausbau des Glasfasernetzes, WLAN, Datenspeicherung, Clouddienstleistung, was wird wo dringend benötigt…also um die Basics. Wir verstehen unsere Funktion als passender, kompetenter Digitalisierungspartner vor Ort.

Stichwort Digitalisierung in den Schulen. Es gibt viele Gegenden in SH, die technisch nicht gut ausgestattet sind. Eutin ist da vergleichsweise gut aufgestellt. Wie ist Ihre Einschätzung, wie man nach den Erfahrungen rund um das digitale Lernen während der Pandemie noch mehr Unterstützung leisten kann?

Wir können auch da zukünftig ein spannender Partner sein. Vom Glasfaseranschluss über die WLAN-Anwendung bis zum Support können wir viel schneller reagieren als zentrale Dienstleister. Ganz praktisch: Wir können einfach in die Schulen der Region fahren und ganz gezielt Probleme lösen. Auch eine Fortbildung der Lehrer durch uns im Bereich der neuen Technologien ist möglich. In Zukunft wird zum Beispiel das Thema Smart-Boards immer wichtiger. Da können wir die lernförderliche IT-Infrastruktur gemeinsam mit den Schulen vor Ort aufbauen und unterstützen.

Woher kommen die Mittel?

Dafür gibt es den bundesweit verabschiedeten DigitalPakt*, der die Gelder bereitstellt. Hier gibt es u.a. auch Mittel für Endgeräte, sowohl für Lehrer als auch für Schüler. Die Stadt Eutin als kommunaler Träger kann diese Mittel bedarfsgerecht abrufen.

Und wie sieht es mit der Förderung speziell Ihres Projekts Digitale Modellkommune aus?

Die großen Städte wie Lübeck und Kiel haben relativ große Fördermittel aus dem Bundestopf erhalten. Wir müssen uns bemühen, dass wir als Smart-Region, zwischen diesen beiden großen Smart-Citys auch von weiteren Bundesfördergeldern profitieren können, um die Ideen nicht nur umzusetzen, sondern auch wirtschaftlich auf den Weg zu bringen. Wenn wir beispielsweise von unseren Clouddienstleistungen sprechen, die wir an Unternehmen verkaufen können, wäre das eine Möglichkeit die Entwicklungsgelder zu refinanzieren und zusätzlich regionale digitale Möglichkeiten – abseits von Google & Co. – vermarkten zu können.

Sie sind aus der Region und in Eutin zur Schule gegangen. Wie sind Sie zu Ihrem heutigen Job gekommen?

Ich habe Wirtschaftsingenieurwesen mit Schwerpunkt regenerative Energien an der FH Kiel studiert und hatte dort schon immer die Möglichkeit, mich praktisch auszuprobieren. Ich bin ein Freund von Praxisnähe. So wird ja auch in der Wirtschaft gearbeitet. Nach Jahren der Berufserfahrung in der Energiewirtschaft und im Energiedatenmanagement, inklusive naturgemäßem Umgang mit Digitalisierung, fand ich es spannend, mein Wissen mal in einem anderen Segment anzuwenden. Dass ich das nun in meiner Heimat tun kann, gefällt mir!

TEXT Anja Nacken
FOTOS Axel Neumann/ smartregion-eutin.de
QUELLE *Bundesministerium für Bildung & Forschung