Eutin

Wer zum ersten Mal nach Eutin kommt, muss aufpassen, denn in eine Falle tappen Besucher hier allzu leicht: Sie sehen in der ostholsteinischen Kreisstadt einen beschaulichen Ort inmitten einer malerischen Landschaft mit charmanter Altstadt und romantischen Ecken – und liegen damit sicherlich nicht falsch. Dennoch ist Eutin mehr als der schöne Schein vermuten lässt. In der Kleinstadt trifft historisches Erbe auf dynamischen Zeitgeist. Und immer mit dabei: eine große Offenheit für Fortschritt, neue Ideen und Entwicklungen.

Tradition trifft Moderne – Fortschritt, visionäre Ideen und Tatendrang sind seit Jahrhunderten in Eutin zu Hause

Vielleicht war es die Schönheit der Landschaft, die die ersten Siedler im 7. und 8. Jahrhundert dazu veranlasste, auf der Fasaneninsel im Großen Eutiner See eine Burg zu errichten. Rückblickend kann man ihnen zu der guten Wahl nur gratulieren, denn in rund eineinhalb tausend Jahren hat sich aus der einstigen Siedlung eine lebendige Stadt entwickelt. Wer heute in Eutin unterwegs ist, muss nicht lange suchen, um das optimistische Grundrauschen der Stadt zu hören.

Bürgermeister Carsten Behnk erkundet die Stadt am liebsten zu Fuß oder mit dem Fahrrad.

 

Bereits im historischen Zentrum ist deutlich erkennbar, dass Stillstand in Eutin nicht besonders hoch im Kurs steht. Seit sich die Stadt vor einigen Jahren aufgemacht hat, den Bereich rund um den Marktplatz mit all seinen schmucken Gebäuden und historisch gewachsenen Strukturen weitläufig zu modernisieren, verändert sich das Stadtbild – mit sichtbarem Erfolg. Vielleicht ist es diese Lust an der Weiterentwicklung, die auch zahlreiche Menschen in der Stadt motiviert und begeistert. Zumindest finden sich viele Beispiele, die von Kreativität, Tatendrang und auch Mut zeugen. Hier setzen engagierte Eutiner spannende gastronomische Konzepte in die Tat um. Dort verwirklichen überzeugte Unternehmer Ideen aus der Kreativwirtschaft. Trotz der mit rund 17.000 Einwohnern überschaubaren Größe gibt es viele kleine Geschäfte, lokale Initiativen und vielseitige Ehrenämtler, die der Stadt eine ganz eigene positive Ausstrahlung verleihen.

 

Der Eutiner Marktplatz lädt zum Verweilen und Bummeln ein.

 

Kleine Stadt – große Namen

Es mag in der Geschichte Eutins begründet liegen, dass Idee und Pläne vielleicht eine Spur progressiver, fortschrittlicher sind als anderswo. Als Residenzstadt tummelten sich ab dem 12. Jahrhundert einflussreiche Adlige und Geistliche in Eutin, das ab 1257 offiziell zur Stadt ernannt wurde. Im Eutiner Schloss lernte Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst ihren Mann kennen, bevor sie als machtbewusste und zuweilen skrupellose Zarin Katharina die Große zu einer der mächtigsten Herrscherinnen ihrer Zeit aufstieg. Sie pflegte Kontakte zu Philosophen – unter anderem Voltaire und Denis Diderot – und Schriftstellern der Aufklärung, stand den fortschrittlichen Ideen der Epoche also durchaus nahe.

Auch der Name Johann Heinrich Voß ist bis heute präsent. Als Namensgeber eines der zwei Eutiner Gymnasien steht er bis heute sinnbildlich für eine humanistische Bildung. Dabei ist der Lehrer, Dichter und Übersetzer der Epen Homers – der Ilias und der Odyssee – mehr als nur der ehemalige Rektor der Bildungsstätte. Zusammen mit Philosophen, Schriftstellern, Juristen und weiteren Gelehrten bildete Voß den Eutiner Kreis, der zwischen 1776 und 1829 Ausdruck der kulturellen Blütezeit Eutins war. Dieser Zusammenschluss führender Intellektueller verbreitete die Ideen der Aufklärung in der Stadt und zog weitere bekannte Persönlichkeiten zum Gedankenaustausch nach Eutin. Auch der Maler Johann Heinrich Wilhelm Tischbein lebte in der von Seen umgebenen Stadt. Dass der Künstler unter anderem Johann Wolfgang von Goethe portraitierte, brachte der Stadt sogar den Spitznamen „Weimar des Nordens“ ein.

Eutin im Wandel

Jahr für Jahr finden die Eutiner Festspiele im Schlosspark statt.

Rund 200 Jahre später gibt es neue große Fragen. Themen wie die Digitalisierung und der demographische Wandel fordern die Gesellschaft insgesamt heraus. Eutin setzt deswegen auf eine fortschrittliche Weiterentwicklung der Stadt. Die Gewerbegebiete sind begehrt, außerdem haben die Stadtwerke bereits einen Großteil der Unternehmen und Privathaushalte an das Glasfasernetz angeschlossen. Und auch die Bildungslandschaft hat sich den veränderten Verhältnissen angepasst: Die Schulen sind zumeist mit moderner Technik ausgestattet und bereiten ihre Schülerinnen und Schüler auf die künftigen Anforderungen vor. Dennoch vergisst Eutin sein kulturelles und intellektuelles Erbe nicht – was unter anderem jeden Sommer während der Eutiner Festspiele zu Ehren des Komponisten Carl Maria von Weber erlebbar ist. Das hätte wohl auch den Gelehrten des Eutiner Kreises gefallen.

Eine Stadt – Viele Perspektiven

 

In der Ruhe liegt die Kraft

Ein stiller Zeuge, immer im Schatten der beeindruckenden Kulisse des Eutiner Schlosses: Das Fabeltier an der Schlossbrücke sieht jeden Gast kommen und gehen. Dass es jemals den Zutritt verweigert hätte, ist nicht überliefert. Es gibt Stimmen, die dem affenartigen Geschöpf glückbringende Kräfte nachsagen. Ansonsten dient es als grundsolider Treffpunkt.

Still schweigend sitzt das Fabeltier vor der Schlossbrücke und bewacht den Eingang.

 

Von der Rolle: Filmkultur im Doppelpack

Sofa, Chips und Netflix? Kann man machen, haben wir nun aber lange genug gemacht. Mit seinen zwei Kinos hat Eutin für Filmfans und Cineasten immer attraktive Angebote. Das kommunale Kino Binchen bietet seit 35 Jahren Kinoerlebnisse der ganz besonderen Art. Die Betreiber – seit 2012 der Kulturbund Eutin – legen viel Wert auf die Auswahl ihrer Filme und verpflichten sich dem Grundsatz der nichtkommerziellen kommunalen Kinos: Filme zeigen, die in größeren und gewinnorientierten Häusern wenig Chancen haben. Im „Binchen“ werden aufregende, innovative und experimentelle Filme gespielt. Auch Dokumentationen haben einen hohen Stellenwert. Häufig werden Filme auch zu inhaltlichen Themenreihen gebündelt.

Wer eher Fan großer Filmproduktionen ist, findet im Programm des „Cine Royal Eutin“den richtigen Streifen. Das klassische Kino wurde 2012 von Fredy und Gisela Müller grundlegend saniert und mit viel Liebe zum Detail wiedereröffnet. Mit samtweichen Sesseln, schweren Vorhängen und kleinen Lampen an jedem Platz liegt der Fokus ganz klar auf Komfort und Bequemlichkeit. Ein weiterer Pluspunkt: Die Besucher können Popcorn, Getränke und Co. direkt am Platz bestellen.

 

Großer Traum für kleine Rollen

Der Traum, den die Eutiner Skateboardszene träumt, hat Ecken und Kanten, dazu herrliche Rundungen sowie einen feinen Belag – und einen neuen Verein als Unterstützer, damit aus dem Traum möglichst schnell Realität wird: Ein neuer Skatepark in zentraler Lage und mit zeitgemäßer Ausstattung soll her. Dafür haben sich Ende September jugendliche und erwachsene Skateboarder sowie weitere Unterstützer zusammengetan und den Verein „drop in“ gegründet. Sie wollen gemeinsam mit Politik und Verwaltung dafür sorgen, dass die aktiven Skateboarder der Stadt einen Ort erhalten, wo sie ihrem Hobby unter guten Bedingungen nachgehen können. Der seit 2001 bestehende Skatepark hinter der Gustav-Peters-Schule ist offenbar in die Jahre gekommen; außerdem habe es den Konstrukteuren vermutlich an Fachkenntnis gefehlt. Das Urteil der Skater: zu klein, zu alt, unpraktikabel und dringend sanierungsbedürftig.

Damit die Skateboarder ihren Sport zukünftig unter besseren Bedingungen ausüben können, hat sich der Verein in den zuständigen politischen Ausschüssen vorgestellt und die Verantwortlichen überzeugt. „Die ersten Planungsgelder und ein gemeinsamer Workshop sind bereits bewilligt“, erläutert Stephan Barnstedt, Vorsitzender von „drop in“. Jetzt gehe es darum, einen Standort für den neuen Skatepark zu finden. Politik und Verwaltung seien dem Projekt wohlgesonnen. Mit ihrem Engagement haben die Organisatoren außerdem einen weiteren Erfolg erzielt. „Die Jugendlichen interessieren sich jetzt für Kommunalpolitik und haben richtig Lust, sich einzubringen“, erzählt Barnstedt. Derzeit rund 60 Mitglieder stehen hinter dem Verein, der den Seepark als möglichen Standort favorisiert.

 

 

TEXT Lutz Timm
FOTOS Shutterstock | Sebastian Weimar