Covestro: Mit Mut und Struktur durch die Corona-Krise

Covestro: Mit Mut und Struktur durch die Corona-Krise

Homeoffice und Industrie – das passt nur schwerlich zusammen. Da die aktuelle Corona-Pandemie aber auch vor den Schwergewichten der Wirtschaft keinen Halt macht, müssen große Unternehmen ebenfalls praktikable Wege durch die Krise finden. Wir haben uns bei Covestro in Brunsbüttel umgehört, wie der Alltag mit Abstand auf dem Werksgelände läuft und wie sich die Situation auf die Ausbildung auswirkt.

Schon vor der Corona-Pandemie war Sicherheit ein großes, wenn nicht gar allgegenwärtiges Thema auf dem Covestro-Werksgelände im Brunsbütteler ChemCoast Park. Kein Gang treppauf treppab ohne Handlauf, Schutzbrillen in den Werk- und Produktionsstätten sind sowieso Pflicht und wer mit zu üppiger Haarpracht in der Nähe rotierender Maschinen arbeitet, erhält dazu noch ein nicht gerade modisches, dafür aber schützendes Haarnetz. Die Ernte des strengen Sicherheitskonzepts können Mitarbeiter und Besucher auf großen Schildern ablesen, die die seltenen Vorkommnisse der vergangenen Jahre anzeigen.

Schnelle Reaktion, gute Vorbereitung

Zum Schutz der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gilt bei Covestro: Mund- und Nasenschutzpflicht.

So weit, so normal für ein weltweit tätiges Unternehmen aus der Chemiebranche. Doch dass sich Covestro einmal dank eines Pandemie-Konzepts in einer weltweiten Krise würde zurechtfinden müssen, hätte wohl auch niemand geahnt. Als sich die ersten Menschen in Deutschland mit dem Corona-Virus infizierten, reagierte Covestro schnell. „Wir haben uns früh Gedanken gemacht, was da auf uns zukommt und das zahlt sich jetzt aus“, erzählt Jürgen Evers, Leiter Ausbildung und Training. Aufgrund der Erfahrungen von Kollegen in China habe das Unternehmen nach Bekanntwerden der ersten Fälle viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ins Homeoffice geschickt und ein Team gebildet, das die bestehenden Pandemiepläne an Corona anpasst. „Seitdem beurteilen wir die Lage jeden Tag neu und passen die Maßnahmen an die Entwicklung an.“

Für den Arbeitsalltag im Werk bedeutet das trotzdem viele Veränderungen. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die nicht zwingend für die Produktion und Verwaltung benötigt werden, müssen derzeit zu Hause bleiben. Für die, die trotzdem kommen, heißt es bereits am Tor: Temperaturmessen. Wer eine erhöhe Temperatur aufweist, wird ebenfalls nach Hause geschickt. Auf dem Betriebsgelände herrscht zudem Mund- und Nasenschutzpflicht, nur wer alleine im Büro ist, darf den Schutz dort abnehmen. Die verschiedenen Teams aus der Produktion treffen beim Schichtwechsel nicht mehr aufeinander, Übergaben erfolgen telefonisch oder online.

Auch im Ernstfall nicht alleine

Und wenn es dennoch einen Infektionsverdacht mit dem Corona-Virus gibt, kann ein Test direkt im Werk durchgeführt werden – in Abstimmung mit dem Gesundheitsamt. „Wir hatten bereits Betroffene“, berichtet Jürgen Evers. Um die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch im Fall einer Infektion nicht alleine zu lassen, hat Covestro ein sogenanntes Kommunikationsteam aufgebaut. Dessen Mitglieder halten den Kontakt zu betroffenen Kollegen, rufen an und fragen nach dem Befinden. „Für unser Krisenmanagement haben wir viel Lob bekommen“, sagt Evers.

Die 70 Auszubildenden sind ebenfalls im Homeoffice. „Das ist schon ein befremdliches Gefühl, dass wir unsere Azubis nicht so häufig sehen“, klagt Evers. Seine übliche Runde durch die Werkstätten und Labore entfällt und damit auch die Gespräche mit den Auszubildenden. Um dennoch auf dem Laufenden zu bleiben, die Kommunikation über Messenger. „Der Austausch läuft derzeit über eigene Azubi-Kanäle auf dem Smartphone. Die Stimmung ist gut“, erzählt der Ausbildungsleiter.

Theorieunterricht auf der Online-Plattform

Rund 20 Auszubildende stehen vor den Abschlussprüfungen und kommen daher trotz der Corona-Pandemie ins Unternehmen. „Zur Vorbereitung haben wir Schlosser, Elektroniker für Automatisierungstechnik und einige Chemikanten im Haus – mit den entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen, damit alle ausreichend Platz in den Aufenthaltsräumen haben.“ Die übrigen Auszubildenden müssen im Moment auf den praktischen Teil ihrer Ausbildung verzichten und konzentrieren sich auf die Theorie. „Dazu nutzen wir eine Online-Lernplattform. Die hatten wir bereits vor Corona, aber jetzt erhält sie nochmal eine andere Bedeutung.“

 

Vor dem Ausbruch des Coronavirus: die angehenden Chemikanten auf dem Werkgelände.

 

Für die Covestro-Azubis sei die Umstellung auf digitales Lernen zumindest aus technischer Sicht keine große Hürde, so Evers. „Der jüngste Jahrgang ist bereits zu Beginn der Ausbildung mit Laptops ausgestattet worden. Die anderen Jahrgänge erhalten gerade nach und nach ihre Geräte.“

Um potentielle Bewerber anzusprechen, geht Covestro in Zeiten von Corona ebenfalls neue Wege. „Unsere Ausbilder haben auf Instagram live Fragen beantwortet. Die vielen positiven Rückmeldungen bestärken uns, die Aktion zu wiederholen“, freut sich Evers.

Weil auch die Auswahltests bei Covestro zunächst online stattfinden, ändere sich, so Evers, zunächst nicht viel. „Wie wir im Sommer mit den vertiefenden Tests im Unternehmen und den Bewerbungsgesprächen umgehen, können wir allerdings bislang noch nicht absehen.“

 

Mit positiver Einstellung in Richtung Zukunft

Jürgen Evers sieht der Zukunft positiv entgegen.

Für Evers und seine Kollegen ist die Zeit der Corona-Krise trotz aller Maßnahmen eine schwierige Zeit. Aber auch eine, die sie als Herausforderung begreifen. „Wir versuchen alle, das Beste aus der Situation zu machen.“ Auf einige Bereichen könne sich die verordnete Distanz sogar positiv auswirken, glaubt Evers, etwa in der Nutzung digitaler Werkzeuge und Kommunikationskanäle. „Ich hoffe, dass diese grundsätzliche Offenheit bestehen bleibt.“ Ansonsten helfe nur Geduld. „Wir bewerten die Lage alle 14 Tage neu. Derzeit arbeitet ein Team an einer Exit-Strategie mit dem Namen „Back to normal“.“ Bis dahin handelt der erfahrene Ausbildungsleiter auch in der Krise getreu der Unternehmenswerte: neugierig, mutig, vielfältig.

 

 

 

 

TEXT Lutz Timm
FOTOS Covestro / Sebastian Weimar