Was geht Kant uns an?

Was geht Kant uns an?

Wie der Königsberger Philosoph die Basis für unser Zusammenleben legte

Nicht nur Immanuel Kant, auch das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland feiert 2024 einen bedeutenden Geburtstag. Die Verfassung ist ohne die philosophische Basis des Königsbergers nicht denkbar.

Als am 23. Mai 1949 das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland in Kraft tritt, geht es vor dem Hintergrund und den Erfahrungen aus dem nationalsozialistischen Unrechtsstaat allem anderen voran um Grundrechte, also Rechte, die als beständig, dauerhaft und einklagbar per Verfassung garantiert sind. In Artikel 1 heißt es:

„(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

(2) Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.

(3) Die nachfolgenden Grundrechte binden Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung als unmittelbar geltendes Recht.“

Ausdrücklich beruft sich die Bundesrepublik Deutschland dabei auf Immanuel Kant. Wie und warum, das erklärt die Bundeszentrale für politische Bildung und das ist ihr offenkundig wichtig, die klare und einfache Sprache zeigt es: „Dinge sind wertvoll, wenn wir sie brauchen können. Ein Schuh ist zum Beispiel wertvoll, wenn er passt und man mit ihm gut laufen kann. Der Schuh hat dann einen Wert. Wenn der Schuh kaputt ist, hat er keinen Wert mehr. Bei Menschen ist das anders: Der Mensch hat immer einen Wert. Auch wenn er krank ist. Auch wenn er nicht arbeiten kann. Wenn etwas immer einen Wert hat, sagt man: Es hat eine Würde. Jeder Mensch ist deshalb wertvoll, weil er ein Mensch ist. Darum sagt Kant: Alles hat einen Wert, der Mensch aber hat eine Würde. In Artikel 1 steht: ,Die Würde des Menschen ist unantastbar.‘ Die Würde darf auf keinen Fall verletzt werden. Alle Menschen sind wertvoll und haben eine Würde.“

„Was kann ich wissen?“ – „Was soll ich tun?“ – „Was darf ich hoffen?“ – „Was ist der Mensch?“ Dies sind die zentralen Fragen, an denen sich Kant abarbeitet.

Es ist vor allem die zweite Frage, „Was soll ich tun“, die unser Zusammenleben bis heute prägt. Kant geht ihr in der „Kritik der praktischen Vernunft“ und in der „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ nach und formuliert mit dem Kategorischen Imperativ einen Grundsatz, der alle moralischen Gebote umfasst: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Dabei hat er nicht nur das Königreich Preußen im Blick, in dem er lebt. „Für Staaten kann es nach der Vernunft keine andere Art geben, aus dem gesetzlosen Zustande herauszukommen, als einen Völkerstaat, der zuletzt alle Völker der Erde befassen würde“, schreibt er und stößt die Idee der 1945 gegründeten Vereinten Nationen an, die ihre Wurzeln in den Haager Friedenskonferenzen und im Völkerbund haben, der sich nach dem Ersten Weltkrieg mit dem Ziel zusammenfindet, den Frieden in der Welt dauerhaft zu sichern. Kants Altersschrift „Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf“ beeinflusst die Charta der Vereinten Nationen wesentlich. Und in der 1948 verkündeten Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte heißt es: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.“ Jeder weiß, dass diese ebenso wie ein „ewiger Frieden“ noch lange nicht umgesetzt sind. Doch auch für Kant ist die Entwicklung zum Besseren ein Prozess, an dessen Möglichkeit er glaubt. In der „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ schreibt er: „Wenn denn nun gefragt wird: Leben wir jetzt in einem aufgeklärten Zeitalter? So ist die Antwort: Nein, aber wohl in einem Zeitalter der Aufklärung.“

Ihn beschäftigt, was jeder Mensch für den Weg vom Schlechteren zum Besseren tun kann. „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“, lautet einer seiner Kernsätze, denn: „Die Fähigkeit, mit ihrer Vernunft zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden, ist allen Menschen angeboren.“ Es geht um die Befreiung von Unwissenheit, um die Erhellung, die mit der Aufklärung einhergeht.

Dazu braucht es Bildung. Kant sieht jeden einzelnen in der Pflicht, sich aus fremdbestimmten Situationen zu befreien: „Was der Mensch im moralischen Sinne ist, oder werden soll, gut oder böse, dazu muß er sich selbst machen, oder gemacht haben.“ Das gilt im 21. Jahrhundert wie im 18. Jahrhundert und ist mit Blick auf die Wahlen im Jahr 2024, insbesondere die Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg sowie die zum Europäischen Parlament, hochaktuell. Selber denken statt nachplappern und geschehen lassen, könnte man Kant flapsig interpretieren. Er selber sagt: „Wer sich zum Wurm macht, kann nachher nicht klagen, wenn er mit Füßen getreten wird.“

TEXT Karin Lubowski
GEMÄLDE Johann Gottlieb Becker (1720-1782)
FOTO Shutterstock, Konstantin Aksenov