Transdisziplinäre Frühförderung an der MSH

Transdisziplinäre Frühförderung an der MSH

Spezialisiert für die Kleinsten – Professorin Liane Simon über den Studiengang Transdisziplinäre Frühförderung

„Es ist nur eine Phase“, hören Mütter und Väter oft, die sich Sorgen um ihre Sprösslinge machen. Was aber, wenn dem nicht so ist? Wenn es tatsächlich Handlungsbedarf gibt und der Nachwuchs Hilfe bei bestimmten Entwicklungsschritten benötigt? Dann sind die Absolvierenden des Studiengangs Transdisziplinäre Frühförderung (B. A.) gefragt. Prof. Dr. Liane Simon erklärt uns, wie die Studierenden an der MSH die komplexen pädagogischen Zusammenhänge an der Hochschule erlernen und warum es so vieler unterschiedlicher Disziplinen bedarf, um die Kleinsten unserer Gesellschaft bestmöglich auf ihr Leben vorzubereiten.  

Spielfiguren.

In der Transdisziplinären Frühförderung erkannte man, dass verschiedene Fachbereiche zusammenkommen müssen, um einschätzen zu können, ob die Entwicklung eines Säuglings oder Kleinkindes so stark beeinträchtigt ist, dass ein Handlungsbedarf besteht.

Der Studiengang Transdisziplinäre Frühförderung wurde 2010 an der MSH gegründet, da in der Fachcommunity aus Forschenden und Expertinnen und Experten die Notwendigkeit laut wurde, dass die Fachleute in der Frühförderung nicht ausreichend auf die Arbeit mit Kleinkindern und Familien spezialisiert seien. Warum ist die MSH dazu prädestiniert, diesem Mangel mit einem Studiengang entgegenzuwirken?

Man erkannte in der Frühförderung, dass verschiedene Fachbereiche zusammenkommen müssen, um einschätzen zu können, ob die Entwicklung eines Säuglings oder Kleinkindes so stark beeinträchtigt ist, dass ein Handlungsbedarf besteht. Wenn interdisziplinäre Frühförderung gut umgesetzt wird, führt es dazu, dass die Fachleute so besser zusammenarbeiten und voneinander lernen. Erst wenn dies der Fall ist, sprechen wir von transdisziplinärem Wissen. Unsere Studierenden sind Spezialisten im pädagogischen Bereich, eignen sich jedoch zusätzlich Wissen von den Fachrichtungen Medizin, Physiotherapie, der Logopädie, der Ergotherapie und der Psychologie an. Das interprofessionelle und interdisziplinäre Konzept der MSH bietet beste Voraussetzungen für fächerübergreifendes Lernen und Forschen. In Seminaren wie Statistik treffen beispielsweise Medizinstudenten auf Studierende der Frühförderung und können so mit- und voneinander lernen.  

Warum spielt die Interdisziplinarität besonders in der Frühförderung eine entscheidende Rolle?

In der Frühförderung von Kindern müssen wir besonders genau beobachten, ob bereits eine Unterstützung notwendig ist oder ob es für den Moment ausreicht, nur die Eltern zu beraten, und welche Profession mit dem Kind oder den Eltern arbeiten soll. Die Behandlung lässt sich in einem Team aus verschiedenen Professionen sehr individuell und genau aufeinander abstimmen. Da die Studierenden an der MSH bereits während ihres Studiums Einblicke in die Aufgaben der unterschiedlichen Berufsgruppen erhalten, können sie die Diagnostik differenziert durchführen.   

Raum mit Spielzeug.

In modern freundlicher Atmosphäre lernen die Studierenden der MSH Kinder zu fördern und auf ihre Bedürfnisse einzugehen.

Puppe mit kurzen Haaren.

Mit Hilfe kreativer Methoden helfen die Pädagogen Eltern, feinfühliger auf die Bedürfnisse ihres Kindes einzugehen und es in seinen Reaktionen zu bestärken.

Der Studiengang Transdisziplinäre Frühförderung ist Bestandteil der Fakultät Art, Health and Social Science. Welche Anknüpfungspunkte gibt es mit der Kunst? 

Die ästhetische Bildung bildet einen wichtigen Schwerpunkt im Studiengang der Frühförderung. Zum einen, weil wir aus der Forschung wissen, wie entscheidend Tätigkeiten wie Tanzen, Singen und Basteln in der Frühkindpädagogik sind. Zum anderen nutzen wir die musischen Fähigkeiten für die Förderung der sogenannten Responsivität (dem Antwortverhalten) der Eltern: Da Frühchen in der Regel etwas verzögert auf die Ansprache der Eltern reagieren, schauen diese aus Unwissenheit oft zu früh weg und verhindern so unbewusst die Kommunikation mit ihrem Kind. Mit Hilfe kreativer Methoden helfen wir Eltern, feinfühliger auf die Bedürfnisse ihres Kindes einzugehen und es in seinen Reaktionen zu bestärken.  

Wie gestaltet sich das Wechselspiel von Theorie und Praxis im Studium an der MSH?

Nahezu alle Lehrenden sind auch in der Praxis tätig und bieten den Studierenden bereits ab dem ersten Semester die Möglichkeit, in Frühförderzentren oder anderen Einrichtungen zu hospitieren, um erste Einblicke in das Berufsleben zu bekommen. Praktische Erfahrungen sind daher im gesamten Studienverlauf vorgesehen. Tiefergehende Einblicke und erste Berufserfahrungen sammeln die Studierenden in einem verpflichtenden Praxissemester im dritten Studienjahr. 

An wen richtet sich das Angebot der Frühförderung?

Frühförderung kann direkt nach der Geburt beginnen und endet in der Regel mit dem Eintritt in die Schule. In diesem Zeitraum haben Eltern ein Recht darauf, sich mit allen Sorgen, die die Entwicklung ihres Kindes betrifft, an die Frühförderstellen vor Ort zu wenden und eine Beratung in Anspruch zu nehmen.

Neben praktischen Erfahrungen, nimmt auch die Forschung einen wichtigen Part im Studium der angehenden Pädagogen ein. Wie werden die Studierenden an die Wissenschaft herangeführt?

Die Studierenden sind aktiv an der Forschungsarbeit der Lehrenden beteiligt, beispielsweise an Erhebungen für meinen Forschungsschwerpunkt „Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit” (ICF) der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Die Studierenden haben Interviews mit Fachleuten aus der Frühförderung geführt und zum Beispiel Erkenntnisse darüber gewonnen, wie es ihnen gelingt, die ICF zu nutzen, aber auch, was sie benötigen, um ICF-basiert zu diagnostizieren, und ob die Bezahlung angemessen ist, wenn sie sich mit anderen Fachleuten austauschen. Die Ergebnisse solcher Umfragen präsentiere ich nach gründlicher Auswertung auf Kongressen oder bei der WHO. 

Welche beruflichen Möglichkeiten warten auf die Absolvierenden des Studiengangs Transdisziplinäre Frühförderung?

In Deutschland gibt es über 1200 Frühförderstellen, die händeringend auf der Suche nach Fachleuten sind. Zudem existieren Einrichtungen der Frühen Hilfe, die auf das Kindeswohl fokussiert sind und von den Jugendämtern organisiert werden. Auch Kindertagesstätten beschäftigen vermehrt Pädagogen der Frühförderung, um das inklusive Konzept umzusetzen. Weitere Berufsmöglichkeiten bieten Jugendämter im Bereich der Hilfen für Erziehung oder im Allgemeinen Sozialen Dienst.  

Zur Person

Liane Simon forscht im Bereich „Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit” (ICF) der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Thema ist eine neue Form der Klassifikation, die von der Weltgesundheitsorganisation entwickelt wurde, weil Diagnosen bisher zwar einen weltweiten Überblick darüber geben, welche Krankheiten wo auftauchen, aber nicht darüber, wie das Syndrom behandelt wird. Eine Arbeitsgruppe der WHO bemängelte dies. Es bedurfte also einer Diagnostik, die den Kontext mit einbezieht und das Kind und die Bedürfnisse der Familie berücksichtigt. Daraufhin wurde die ICF entwickelt, eine fach- und länderübergreifend einheitliche Terminologie zur Beschreibung des funktionalen Gesundheitszustandes, der Behinderung, der sozialen Beeinträchtigung und der relevanten Umgebungsfaktoren eines Menschen. Im Bereich der Frühförderung ist die Diagnostik nach der ICF seit 2007 verpflichtend. 

Auf der Grundlage dieser Erkenntnisse ist Liane Simon seit zehn Jahren dafür zuständig, den Studiengang Transdisziplinäre Frühförderung an der MSH mit den Anforderungen in der Praxis abzugleichen und neueste wissenschaftliche wie praktische Erkenntnisse in den Lehrplan zu integrieren. 

ERZÄHL MAL…

Theresa (25) studiert im 3. Semester Transdisziplinäre Frühförderung an der MSH Medical School Hamburg

Eine Frau lehnt an einer Brücke.

Theresa hat sich für das Studium Transdisziplinäre Frühförderung an der MSH entschieden.

„Mir war schon immer bewusst, dass ich später einen sozialen Beruf ausüben und mit Kindern arbeiten möchte. Ich komme aus Aachen, habe in Bielefeld meine Ausbildung zur Kinderkrankenschwester absolviert und danach in Köln gearbeitet. Da es mich privat in den Norden zog und ich bereits mit dem Fachbereich Frühförderung in Berührung gekommen bin, habe ich mich für das Studium Transdisziplinäre Frühförderung an der MSH entschieden. Im Mittelpunkt des Studiengangs steht das Kind mit seinen Bedürfnissen. Unser Job ist es, die Teilhabe von Kindern an der Gesellschaft zu ermöglichen, zu verbessern und mitzugestalten. Der Studiengang ist sehr umfassend, aber zugleich praxisnah. Viele unserer Dozentinnen und Dozenten arbeiten oder forschen in der Frühförderung und haben diese mit geprägt. Sie sind für uns Studierende sehr nahbar und prägen so die Atmosphäre an der MSH maßgeblich. In den ersten beiden Semestern wurden uns die Grundlagen in den Bereichen Medizin und Inklusion vermittelt. Ab dem dritten Semester lernen wir unter anderem die rechtlichen Vorschriften kennen, aber auch wie wir beim Spielen eine lehrreiche pädagogische Situation gestalten können. Das fünfte ist ein Praxissemester, das sechste dient dann dem Verfassen der Bachelorarbeit. Nach meinem Abschluss spiele ich mit dem Gedanken, eine Fortbildung im traumapädagogischen Bereich zu absolvieren. Für das Studium sollte man wissen, dass sich Eltern und Kinder, mit denen man später arbeitet, oft in Extremsituationen befinden. Man sollte daher einerseits offen sein und dennoch Grenzen setzen können. Das Studium hat bei mir auch den Blick für die Potenziale von Kindern geschärft und dafür, wo es Menschen in unserer Gesellschaft an Teilhabe fehlt.”

Auch ihre ehemalige Studentin Lena Frankenmöller ist vom Studiengang Transdisziplinären Frühförderung begeistert.

 

TEXT Sophie Blady, Katharina Grzeca, Kristina Krijom
FOTO Sebastian Weimar