Wege in die Pflege mit Sinn, Verstand und Herz – Städtisches Krankenhaus Kiel

Wege in die Pflege mit Sinn, Verstand und Herz – Städtisches Krankenhaus Kiel

Ihre Aufgaben sind genauso vielfältig wie ihre Lebensläufe. Gesundheits- und Krankenpfleger sind direkte Bezugspersonen, unentbehrliche Mitarbeiter sowie Profis in Organisation und Verwaltung. Doch welche Menschen finden überhaupt den Weg in die Pflege? Wir haben mit fünf Auszubildenden des Bildungszentrums am Städtischen Krankenhaus Kiel über ihre Motivation, verworfene Berufsziele und die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit gesprochen.

Jonah (25), André (27) und Jan (31) sind im zweiten Jahr ihrer Ausbildung, Annika (22) und Ronja (26) bereits im dritten. Die Auszubildenden haben eine Gemeinsamkeit, die nicht ungewöhnlich für die Gesundheits- und Krankenpflege ist, in anderen Berufen jedoch seltener vorkommt: Sie alle haben nicht den direkten Weg in die duale Ausbildung genommen.

Pflegeausbildung statt Hörsaal

Der gebürtige Peruaner André entschied sich nach dem Abitur zunächst für ein Studium. Weil er mit Spanisch und Deutsch als Muttersprachen eine Vorliebe für Sprachen hat, entschied er sich für ein Lehramtsstudium in den Fächern Englisch und Spanisch. Doch irgendwann überkamen ihn Zweifel. „Als ich im Schulpraktikum vor der Klasse stand und keinen Spaß am Unterrichten hatte, wurde mir klar, dass es nicht das Richtige für mich ist“, erzählt der Kieler. Er wollte kein Lehrer werden, der nur seinen Unterricht absitzt. „Das wäre unfair gegenüber den Schülern.“ Also entschied André sich für einen Wechsel – absolvierte zuvor allerdings noch seinen Bachelor. Wohin es gehen sollte, war dem 27-Jährigen schnell klar. „Ich hatte schon immer den Willen zu helfen. Außerdem ist mein Vater Arzt, daher war der Bereich Gesundheit präsent“, berichtet er.

Jonah möchte zunächst Erfahrungen in der Praxis sammeln.

 

Über den Umweg Universität in die Ausbildung

Auch Jonah ist über den Umweg Universität in die Ausbildung gekommen. Vom Fach Wirtschaftsinformatik wechselte der 25-Jährige zur Volkswirtschaftslehre. Damals hatte er das Ziel vor Augen, viel Geld zu verdienen. Zufrieden war der gebürtige Eckernförder Jonah auch nach dem Wechsel nicht. „Ich habe Gespräche mit Freunden und meinen Eltern geführt und herausgefunden, was mir fehlt“, berichtet er. „Es war der soziale Aspekt.“ Also entschied er sich für eine Ausbildung zum Krankenpfleger. „Wir sind am dichtesten an den Patienten dran. Wir können den kranken Menschen helfen, das macht mich glücklich.“ Jonah sieht seine Pflegeausbildung als „einen ersten Schritt“. Er möchte zunächst Erfahrungen in der Praxis sammeln, anschließend jedoch gerne noch- mal studieren – und dafür im Pflegebereich bleiben. „Pflegepädagogik könnte ich mir gut vorstellen.“

„Ich bin total glücklich mit dem, was ich hier lernen kann.“

Annikas Werdegang schien eigentlich klar zu sein. Schon als Kind begleitete sie ihre Mutter – ebenfalls eine examinierte Krankenpflegerin – und half bei der Pflege der Urgroßmutter. Es folgte ein Pflegepraktikum während der Schulzeit. Nach dem Abitur ging sie für ein Freiwilliges Soziales Jahr von Freudenberg in Nordrhein-Westfalen nach Sylt. Dort arbeitete sie in einem Wohnheim für Schwerstmehrfachbehinderte – eine Erfahrung, die sie noch immer bewegt. „Die Zusammenarbeit mit den Kollegen und den Bewohnern wird mir unvergesslich bleiben. Ich habe so viel Dankbarkeit erfahren“, berichtet Annika. Es sei immer wieder „herzerwärmend“ gewesen, die Menschen in ihrem Alltag zu begleiten. Zu ihrem Abschied sang einer der Bewohner „Noch in hunderttausend Jahren wirst du meine Liebe spüren“. „Da mussten dann alle vor Rührung weinen“, erzählt Annika.

Anschließend wollte Annika in einer gänzlich anderen Branche beruflich starten. Auf sie wartete ein Ausbildungsplatz zur Versicherungsfachangestellten bei einer der größten deutschen Krankenversicherungen – eine Vernunft-, jedoch keine Herzensentscheidung. Bereits am ersten Tag kamen ihr jedoch Zweifel, nach vier Wochen brach Annika die Ausbildung ab. „Es hat mir nichts gegeben“, berichtet die 22-Jährige. Eine passende Alternative lag auf der Hand: eine Zukunft in der Pflege – im Norden. „Ich fühle mich hier sehr wohl. Sylt ist mittlerweile mein Ruhepol.“ Als die Zusage aus Kiel kam, verließ sie ihre Heimat in Nordrhein-Westfalen. Bereut hat sie es nicht: „Ich bin total glücklich mit dem, was ich hier lernen kann.“

 

Jan ist zufrieden, wenn Patienten helfen kann.

 

„Während des Praktikums habe ich gemerkt, dass die Pflege das Richtige für mich ist.“

Als studierter Archäologe ist Jan vermutlich eine Seltenheit unter den Krankenpflegern. Nach seinem Masterstudium (Abschlussnote: 1,5) konnte der 31-Jährige aus Minden jedoch keine der raren Stellen im Bereich Archäologie ergattern. Über eine Zeitarbeitsfirma landete er schließlich in der Küche und im Bettenteam des Städtischen Krankenhauses. Durch den Einblick, den er in den Klinikalltag bekam, begann Jan, sich mit dem Beruf des Gesundheits- und Krankenpflegers zu befassen – und absolvierte ein Pflegepraktikum. „Vorher habe ich mir Sorgen gemacht, ob ich der Arbeit gewachsen bin“, erzählt der 31-Jährige. „Aber während des Praktikums habe ich gemerkt, dass die Pflege das Richtige für mich ist.“

Der Umgang mit den Patienten, die Auseinandersetzung mit den persönlichen Schicksalen, die Abwechslung – all das überzeugte Jan. „Außerdem war mir nach meinen Erfahrungen die gute Perspektive auf dem Arbeitsmarkt wichtig.“ Begeistert hat ihn zudem der Zusammenhalt unter den Pflegekräften. Die Archäologie betreibt Jan jetzt nur noch ehrenamtlich: als wissenschaftlicher Mitarbeiter in einem Museum. Wenn er mit der Ausbildung fertig ist, könnte er sich vorstellen, noch eine Dissertation zu schreiben. „Ein Pfleger mit Doktor in Archäologie, das wäre doch was“, sagt Jan schmunzelnd.

Es muss kein gerader Lebensweg sein

Auch Ronja entschied sich nach ihrem Abitur in Plön für ein Freiwilliges Soziales Jahr, das sie an der Muthesius Kunsthochschule absolvierte. „Ich bin ein kreativer Mensch und habe mit dem Gedanken an ein Studium an einer Kunsthochschule gespielt“, erzählt die 26-Jährige. Doch nach einem Jahr hatte Ronja genug Einblicke erhalten und verwarf das Vorhaben. Stattdessen fing sie ein Pharmazie-Studium an. Als Ronja im vierten Semester ein Fachpraktikum in der Apotheke des Städtischen Krankenhauses absolvierte, kamen ihr Zweifel an der Entscheidung. „Man ist in einer Apotheke oft weit weg von den Menschen und kann nur wenig beraten. Die Kommunikation hat mir gefehlt.“ Ihre Zwillingsschwester, die zur selben Zeit ihre Pflegeausbildung im Städtischen Krankenhaus absolvierte, schlug ihr einen Wechsel in die Pflege vor. „Nach einem zweiwöchigen Praktikum auf der onkologischen Station wusste ich: das soll es sein“, berichtet Ronja.

Theorie und Praxis gehen am Bildungszentrum Hand in Hand

 

Im Übungssaal des Bildungszentrums können Annika und ihre Kollegen trainieren.

 

Rund 120 Auszubildende fangen jedes Jahr im Bildungszentrum des Städtischen Krankenhauses eine Ausbildung zum/r Gesundheits- und Krankenpfleger/in oder Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger/in an. Nach einem mehrwöchigen Einführungsblock lernen die angehenden Pflegeexperten in den modernen Räumen des Bildungszentrums die theoretischen Inhalte. Anschließend werden sie auf den verschiedenen Stationen des 1864 gegründeten Krankenhauses eingesetzt. Während ihrer Ausbildung lernen die Auszubildenden im Kursverband und werden von einem Kursleiter drei Jahre begleitet. Die Vermittlung erfolgt durch qualifizierte Lehrkräfte und Fachdozenten, auf den Stationen warten geschulte und erfahrene Praxisanleiter. Ab 2020 bildet das Bildungszentrum gemäß der Pflegeberufereform den Beruf Pflegefachkraft aus (siehe Interview mit Britta Schmidt, Leiterin des Bildungszentrums).

Annika, Jonah, André, Ronja und Jan sind mit ihrer Ausbildung zufrieden. Sie stimmen überein, dass sie sich in dieser Zeit verändert haben. „Ich habe mich fachlich, sozial und persönlich weiterentwickelt“, findet André. Er habe viel gelernt und mittlerweile herausgefunden, dass er in der Intensivpflege arbeiten möchte. Auch Ronja hat durch ihre Arbeit gelernt, vieles mit anderen Augen zu sehen. Am Anfang hätte sie Berührungsängste gehabt, die sie jedoch mittlerweile abgelegt habe. „Die Arbeit auf der Palliativstation zeigt: Der Tod gehört genau wie die Geburt einfach zum Leben dazu“, sagt Ronja. „Und das Krankenhaus kann den Menschen ein Sterben ermöglichen, wie man es sich nur wünschen kann.“ Die Arbeit mit todkranken Menschen erde einen sehr, erzählt die Auszubildende.

Ich dachte, man wird ins kalte Wasser geworfen, aber wir werden sehr genau vorbereitet.

Für Annika kam ein besonderes Projekt innerhalb der Ausbildung zum richtigen Zeitpunkt. Im dritten Jahr übernehmen die angehenden Pflegerinnen und Pfleger eine Station und leiten diese eigenständig. „Vorher hatte ich ein kleines Tief, aber das Projekt hat mir einen richtigen Schub gegeben“, erinnert sie sich. Ihr wurde deutlich, dass sie viel gelernt habe und einer sinnvollen Aufgabe nachgehe. „Das hat mich sehr motiviert und mir viel Selbstvertrauen gegeben. Mittlerweile kann ich auf eine gewisse Erfahrung zurückgreifen und zum Beispiel in der Kommunikation mit Ärzten ganz anders auftreten.“

Ich habe viel gelernt und gehe einer sinnvollen Aufgabe nach, erzählt Annika.

 

Wie eine Ausbildung im Gegensatz zum Studium abläuft , war vor allem für André überraschend. „Ich dachte, man wird einfach ins kalte Wasser geworfen“, sagt er. „Aber es ist der genaue Gegensatz. Wir werden hier sehr genau und gut auf unsere Einsätze in der Praxis vorbereitet.“ Seine Erwartungen seien im positiven Sinn noch übertroffen worden, berichtet der Kieler.

Dass fünf junge Menschen mit unterschiedlichen Biografien und Lebenswegen letztlich im selben Beruf landen, hat wohl viele Gründe. Die Haltung zum Leben und zu den Mitmenschen, einen ausgeprägten Drang, anderen zu helfen und die Fähigkeit zur Kommunikation gehören sicherlich dazu. Im Fall von André, Jan, Jonah, Ronja und Annika kommt noch eine weitere Gemeinsamkeit hinzu: Sie alle haben Familienmitglieder, die bereits in der Pflege oder einem pflegenahen Beruf arbeiten. Ronja folgte ihrer Zwillingsschwester in die Ausbildung als Krankenpflegerin. André hatte über seinen Vater früh Einblicke ins Gesundheitswesen. Jonahs Eltern sind als Krankenpflegerin und Physiotherapeut prägend gewesen. Ebenso Annikas Mutter, die Krankenpflegerin ist. Und Jan diskutiert leidenschaftlich mit seinen zwei Schwestern – einer Krankenpflegerin und einer Altenpflegerin. Nun sind familiäre Bande in die Branche keine Voraussetzung für die Arbeit in der Pflege. Eine passende Lebensanschauung schon eher – und die kann sich auf unterschiedliche Weisen zeigen.

 

TEXT Lutz Timm
FOTO Henrik Matzen