Haltung kann man lernen

Haltung kann man lernen

Wie das geht, erklärt Britta Schmidt, Leiterin des Bildungszentrums am Städtischen Krankenhaus Kiel.

Als das Städtische Krankenhaus 2002 alle Aus-, Fort- und Weiterbildungen unter einem Dach vereinigte und sich auf die Suche nach einer geeigneten Leitung machte, ergriff Britta Schmidt ihre Chance. Sie übernahm die Führung und sorgt bis heute für eine ganz besondere Atmosphäre im Bildungszentrum – geprägt von Achtsamkeit und Wertschätzung.

Frau Schmidt, bevor Sie die Leitung des Bildungszentrums am Städtischen Krankenhaus übernommen haben, waren Sie sechzehn Jahre in der Intensivmedizin tätig. Wie kam es zu der beruflichen Neuorientierung?

Ich hatte schon immer eine innere Triebfeder weiterzulernen. Der Beruf der Krankenschwester auf der Intensivstation hat mich sehr erfüllt. Es gab jedoch auch das Interesse, mehr zu lernen. So habe ich neben meiner Tätigkeit als Krankenschwester ein Studium im Bereich Erziehungswissenschaften aufgenommen und bin schließlich über die Bildungsarbeit wieder in den Gesundheitsbereich zurückgekommen.

Was macht für Sie den Reiz der Arbeit im Bildungszentrum aus?

Wer ins Bildungszentrum des Städtischen Krankenhauses kommt, wird schnell merken, dass wir jedem Menschen mit einer ganz besonderen Haltung begegnen. Unser Menschenbild hat seinen Ursprung im humanistischen Grundverständnis: Wir nehmen unser Gegenüber bedingungslos an und unterstützen jeden Menschen in jeglicher Form von Wachstum. Im Bildungszentrum bemühen wir uns sehr, diese Haltung vorzuleben, und so entsteht eine Atmosphäre, die für unsere Auszubildenden viel Raum für die Entwicklung ihrer Stärken bietet. Wir legen den Grundstein für ein humanistisches Menschenbild, und das macht für mich den Reiz dieser Arbeit aus. Hinzu kommt der enge Bezug zum Krankenhaus. Wenn ein Auszubildender in der Praxis Unterstützung von seiner Kursleitung benötigt, kann diese innerhalb kürzester Zeit ein Gespräch führen. Diese Flexibilität ist in anderen berufsschulischen Ausbildungsberufen eher selten.

Britta Schmidt Leiterin vom Bildungszentrum des Städtischen Krankenhaus Kiel

Britta Schmidt, Leiterin des Bildungszentrum vom Städtischen Krankenhaus in Kiel.

Was war Ihr Impuls, die Leitung für das Bildungszentrum des Städtischen Krankenhauses zu übernehmen?

In meiner Arbeit möchte ich ein bestimmtes Menschenbild vermitteln. Ein Umfeld schaffen, in dem wir die Auszubildenden atmosphärisch gut begleiten können. Mein Verständnis von Bildung reichte schon immer weit über die Ausbildung hinaus, denn Fort- und Weiterbildung ist meines Erachtens ein lebenslanger Prozess, und dafür möchte ich attraktive Angebote schaffen.

Welche Angebote sind das?

Das System am Bildungszentrum ist sehr durchlässig, und es gibt viele Möglichkeiten, sich innerhalb der Pflegeberufe fortzubilden oder auch umzuorientieren: Neben der reinen Ausbildung bieten wir immer Fort- und Weiterbildungsangebote für verschiedene Gesundheitsberufe an, bis hin zu Abendveranstaltungen für die Kieler Bevölkerung. So wollen wir den Blick öffnen und Menschen in ihrem ganzheitlichen Gesundheitsverhalten stärken.

Ab September 2022 bietet das Bildungszentrum wieder die einjährige Ausbildung zur Pflegefachkraft an. Sie ermöglicht erste Erfahrungen im Krankenhausalltag und im Umgang mit den Patienten. Für wen ist diese Ausbildung interessant?

Die Ausbildung richtet sich an junge Menschen, die ein Interesse an der Arbeit mit Patienten in einem Krankenhaus haben, aber noch nicht die schulischen Voraussetzungen für die dreijährige Ausbildung mitbringen. In der Ausbildung geht es um die ganz intensive Arbeit mit Menschen und weniger um administrative Tätigkeiten. Pflegehelfer nehmen daher eine sehr wertvolle Rolle in einem Team aus Ärzten und Pflegefachkräften ein. Zudem ist dieser Beruf absolut krisensicher, da unsere Gesellschaft immer älter wird und somit verstärkt auf eine gute gesundheitliche Versorgung angewiesen sein wird.

Die Arbeit am Patienten fordert viel Empathie und Einfühlungsvermögen. Kann man diese Fertigkeiten lernen?

Ich verfolge diese Diskussion um Empathie schon sehr lange und würde sagen, ein Grundverständnis sollte vorhanden sein. In der Ausbildung lernen die angehenden Fachkräfte mit herausfordernden Situationen professionell umzugehen. Denn wenn sie in der Lage sind, empathisch auf ihr Gegenüber einzugehen, können sie die Person in krisenhaften Situationen souverän durch einen Prozess der Gesundung führen.

Welche Rolle spielt die Haltung der Auszubildenden?

Mich fasziniert, dass die Auszubildenden heute viel mehr die Zusammenarbeit gestalten, als sie das noch zu meiner Ausbildungszeit getan haben. Das tradierte Rollenverständnis, in dem sich die Azubis erst nach Jahren an der Gestaltung beteiligen, ist längst überholt. Sie hinterfragen und bringen sich ein. Das ist eine große Chance, die junge Menschen heute, egal in welche Ausbildung sie gehen, wahrnehmen können und müssen. Daher mein Appell: Beteiligt euch! Das ist nicht immer einfach, fördert aber das Gefühl der Selbstwirksamkeit.

Wie glücklich macht Helfen wirklich? Wie lernen die Auszubildenden ihre Arbeit selbst wertzuschätzen?

Ich glaube, dass man sich die Zufriedenheit in diesem Beruf selbst erarbeiten muss. Wir versuchen daher in der Ausbildung das Empowerment zu stärken. Mit dem Ziel, den Auszubildenden ein Gespür dafür zu vermitteln, auch nach einem sehr herausfordernden Tag zufrieden nach Hause zu gehen, weil sie wissen, was sie selbst dazu beigetragen haben, dass es den Patienten und dem Team so gut wie möglich gelungen ist, durch diesen Tag zu kommen. Wir haben beispielsweise versucht, das Arbeitsinstrument der kollegialen Beratung zu implementieren: Schüler regelmäßig zusammenzubringen und zu Dilemmata-Situationen, die sie in der Praxis erlebt haben, in den Austausch zu gehen. Es ist einfach nicht möglich, das theoretisch erlernte Wissen eins zu eins in der Praxis umzusetzen. Vielen hilft, bereits festzustellen, dass sie mit dieser Situation nicht alleine sind. Im Team kann ein professioneller Umgang mit schwierigen Situationen erarbeitet werden, um die wertschätzende Haltung nicht zu verlieren.

Welche Rolle sollte Ihrer Meinung nach die persönliche Fürsorge für Menschen in Gesundheitsberufen spielen?

Wir stehen an der Schwelle zu einem Umbruch der Gesundheitsberufe, weil sie immer relevanter werden. Meine Hoffnung ist, dass wir immer wieder den Raum für das Menschliche und Individuelle finden. Wenn es mir gelingt, trotz der herausfordernden Tätigkeit den einzelnen Patienten im Blick zu haben, ist das sehr viel wert. Diese zugewandte Haltung kann nur mit jungen Menschen gestaltet werden, die neu in diesen Beruf kommen. Von der Digitalisierung erhoffe ich mir eine Befreiung von überflüssiger Bürokratie, so dass mehr Raum für menschliche Begegnung entsteht.

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André, gelernter Gesundheits- und Krankenpfleger über seine Ausbildung im Städtischen Krankenhaus

Azubi untersucht den Arm eines Patienten.

André Beck bei der Arbeit im Städtischen Krankenhaus Kiel.

 

Besonders beeindruckt hat mich während der Ausbildung die internistische Intensivstation, weil die Arbeit im Team einfach so gut funktioniert hat.

„Nach meinem Abitur habe ich Englisch und Spanisch auf Lehramt studiert, jedoch im Schulpraktikum schnell festgestellt, dass ich nicht als Lehrer arbeiten möchte. Da ich aus einer medizinisch versierten Familie stamme, orientierte ich mich in diese Richtung um und begann eine Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger im Städtischen Krankenhaus in Kiel. 

Bereits im Bewerbungsgespräch sind mir die familiäre Atmosphäre im Bildungszentrum und das nette Miteinander sehr positiv aufgefallen. Die individuelle Betreuung hat mir den Einstieg in die Arbeit am Patienten sehr leicht gemacht. Besonders gut gefällt mir das Projekt POWER: Noch vor der ersten Praxisphase waren wir eine Woche zusammen mit Auszubildenden aus dem dritten Lehrjahr auf Station, um erste Einblicke zu bekommen, Fragen zu stellen und Hemmschwellen abzubauen. Zwar war ich nervös, aber bereits nach etwa zwei Wochen hatte ich mich gut auf der chirurgischen Station eingelebt und konnte erste Aufgaben selbständig erledigen. 

Vom Aufklärungsgespräch über die Verabreichung der Medikation bis hin zur Kontrolle der Vitalzeichen nach einer Operation lernte ich im Laufe meiner Ausbildung immer mehr Aufgaben kennen und wurde Teil des Teams. Die Sorge, Fehler zu machen, konnte ich schnell ablegen. Ich finde, man sollte sich immer fragen, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass etwas passiert. Meist geht es den Patienten nach der Behandlung gut, und sie werden genesen nach Hause entlassen.

Besonders beeindruckt hat mich während der Ausbildung die internistische Intensivstation, weil die Arbeit im Team einfach so gut funktioniert hat. Egal wie schlimm eine Situation war, man hatte immer Rückendeckung durch die Kollegen. Die Anforderungen auf der Intensivstation sind zudem deutlich anspruchsvoller und vielfältiger, da die jeweiligen Krankheitsbilder der Patienten meist noch nicht klar definiert sind.  

Nachdem ich meine Ausbildung erfolgreich abgeschlossen habe, arbeite ich seit Juli als Gesundheits- und Krankenpfleger auf der Intensivstation des Städtischen Krankenhauses. Zu Beginn war es ein komisches Gefühl, zur Arbeit zu gehen, da mir bewusst war, dass ich nun die volle Verantwortung für mein Handeln trage. Ich wurde jedoch von meinen Kollegen intensiv eingearbeitet und kann auch heute noch auf ihren Rückhalt zählen. Das gibt mir sehr viel Sicherheit und die Freiheit, mit meinen Aufgaben zu wachsen. Es fühlt sich gut an, die Patienten, ohne die Vorgaben der Schule zu versorgen und beispielsweise Prophylaxen wie Atemtechniken oder Bewegungsübungen vorzunehmen.

Wenn ich nach einer anstrengenden Schicht aus dem Krankenhaus komme, höre ich meist Musik und dann koche ich. Dabei kann ich sehr gut abschalten und die Ereignisse während der Arbeit hinter mir lassen. Sehr großen Halt geben mir außerdem die Gespräche mit meiner Verlobten. Sie lebt in Peru, aber wir telefonieren jeden Tag, und ich hoffe, dass sie bald nach Deutschland kommen kann. 

Beruflich freue ich mich darauf, in den nächsten Jahren noch mehr Erfahrungen als Pflegekraft zu sammeln und irgendwann eine Fortbildung als Intensivpfleger zu absolvieren. Ich könnte mir inzwischen sogar vorstellen, Medizin zu studieren.”

TEXT Sophie Blady
FOTO Henrik Matzen, Anna Leste-Matzen