Minister Jan Philipp Albrecht über die Energiewende in Schleswig-Holstein

Minister Jan Philipp Albrecht über die Energiewende in Schleswig-Holstein

Nachhaltige Bilanz mit Weitblick

Jan Philip Albrecht, der scheidende Minister für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt, Natur und Digitalisierung in Schleswig-Holstein ist ganz zufrieden mit dem, was er in seiner Amtszeit erreicht hat. „Also ich denke, dass es eine ganze Reihe von Dingen gibt, die wir in den letzten vier Jahren hier über den Berg gebracht haben,“ sagte er in einem Gespräch mit ME2BE über die Fortschritte bei den erneuerbaren Energien, bei Klimaschutz und -anpassung. Gerade die Erneuerbaren sind im nördlichsten Bundesland zum wohl wichtigsten Erfolg geworden, wirtschaftlich wie gesellschaftlich.

Albrecht, dessen Ministerium entscheidend wichtige Themenbereiche für eine gesellschaftliche und vor allem wirtschaftliche Transformation umfasst, ist froh, dass in Schleswig-Holstein die frühere Entkoppelung zwischen Wirtschaftswachstum und ökologischer Nachhaltigkeit zunehmend aufgelöst wird, dass die Wirtschaft von der Einbahnstraße reiner Wachstumslogik wegkommt und in Kreisläufen und Zusammenhängen denkt: „Wir knüpfen wirtschaftliches Wachstum an ökologische Nachhaltigkeit und tragen so dazu bei, dass sich neue technologische Entwicklungen und neue Perspektiven auch wirtschaftlich dort ergeben, wo die Nachhaltigkeit wieder zu einem treibenden Faktor wird. Das erlebe ich hier.“

Gerade jetzt findet weltweit ein enormer Wandel statt, denn überall auf der Welt ist eigentlich klar, dass man sehr schnell vollständig auf erneuerbare Energien umsteigen muss, um das Erdklima für die Menschheit noch einigermaßen erträglich zu halten. Aber auch biologische und geologische Ressourcen fordern einen sorgsameren Umgang.

Da ist der Norden nach Albrechts Ansicht weit fortgeschritten: „Viele Instrumente der Kreislaufwirtschaft, viele Effizienz-Initiativen und auch Einsparung im Energiebereich werden in Schleswig-Holstein entwickelt, weil man den Wert von Nachhaltigkeit als einem ökologischen Faktor mittlerweile auch wirtschaftlich erfassen kann.“

Diesen Weg müsse man weiter gehen, ist er überzeugt: „Bis vor kurzem gab es bei vielen noch Zweifel daran, ob das überhaupt gelingt. Jetzt ist eigentlich klar, dass wir keine andere Chance haben, dass wir nur diesen Weg beschreiten können, um sowohl die Nachhaltigkeit, die Versorgungssicherheit, als auch die Sicherheitsinteressen unseres Landes zu erreichen, die wir brauchen.“

Inzwischen produziert Schleswig-Holstein 160 Prozent des eigenen Strombedarfs aus erneuerbaren Energien. Das Land deckt also nicht nur seine gesamte Stromnachfrage aus regenerativen Quellen, sondern es exportiert auch noch fast 38 Prozent der so erzeugten Elektrizität in andere Regionen. Das heißt aber auch, dass Schleswig-Holstein im Wärmebereich, bei der Mobilität und auch in der Industrie weiterhin noch auf andere Energiequellen angewiesen ist, die nicht durch Erneuerbare ersetzt werden können. „Und da gilt es jetzt im Bereich der Sektorkopplungen massiv voranzukommen“, so Albrecht. „Die erneuerbaren Energien aus dem Strombereich müssen auch in den Wärme- und Mobilitätsbereich viel stärker Einzug halten als das bisher der Fall ist. Das ist ja auch die Richtung, die die Bundesregierung jetzt einschlägt und die uns hier in Schleswig-Holstein darin auch unterstützt.“

Unter der Sektorkopplung versteht man die Vernetzung der Sektoren Elektrizität, Wärmeversorgung, Verkehr und Industrie, die traditionell weitgehend unabhängig voneinander geplant wurden. Heute werden sie alle zusammen als ein einziges Gesamtsystem angesehen. Daraus ergeben sich insgesamt weitaus günstigere klimaschützende Komplettlösungen.

So ist erneuerbarer Strom die Grundlage dafür, die Wirtschaft zu dekarbonisieren, also kohlenstofffrei zu bekommen. Mit Techniken, wie Wärmepumpen, Anlagen für Kraft-Wärme-Kopplung oder auch Elektroautos lässt sich der Energieverbrauch noch weiter senken. Große Energiespeicher außerhalb des Stromsektors, wie Speicher für Wärme oder Wasserstoff, können dazu dienen, Schwankungen der Energieausbeute bei Solar- und Windkraftanlagen besser der Nachfrage anzupassen, ohne in teure Batterien investieren zu müssen. Durch die umfassende Vernetzung aller Energiesektoren steigt gleichzeitig auch die Energiesicherheit.

Wir würden natürlich sehr gerne erneuerbaren Strom auch nach Süden abtransportieren.

Die größten Nutznießer des Überschussstroms aus Schleswig-Holstein sind derzeit Dänemark und Norwegen. Zwischen den schleswig-holsteinischen Windkraft- und Photovoltaikanlagen und den norwegischen Wasserkraftwerken findet beispielsweise ein intensiver Energieaustausch statt. „Wir würden natürlich sehr gerne erneuerbaren Strom auch nach Süden abtransportieren“, so der Energieminister. „Nur braucht es dafür die Bereitschaft, im Süden auch Leitungen so zu bauen, wie wir es hier in Schleswig-Holstein getan haben. Ich hoffe sehr, dass da jetzt ein Umdenken stattfindet, und dass die Leitungen sehr schnell weitergebaut werden.“

Windkraftanlagen sind in Schleswig-Holstein allgegenwärtig. Sie prägen das Land und sind wie die Rapsfelder im Frühjahr schon beinahe Teil seines Charakters. Zwei Prozent der Landesfläche sind für sie bisher ausgewiesen. „Meines Erachtens müssen wir uns aber auch darauf gefasst machen, dass wir noch mehr Fläche ausweisen müssen. Das werden wir auch können“, ist der Minister überzeugt. „Das heißt nicht, dass wir alles zupflastern. Aber ich glaube, wenn man darüber diskutiert, auch drei Prozent auszuweisen, dann ist das nicht unmöglich, sondern ein Beitrag dazu, tatsächlich die Versorgung mit erneuerbaren Energien so darzustellen, die wir in den kommenden Jahren brauchen.“

Dafür nimmt er in Kauf, dass sich der Blick ein bisschen wandelt, dass man Windkraftanlagen einfach als gegeben hinnehmen muss, wenn man will, dass auch weiterhin die Energie zur Verfügung steht, die Menschen und Unternehmen im Alltag verbrauchen.

Was die Bürger Schleswig-Holsteins besonders auszeichnet, ist die große Akzeptanz, die sie dem Ausbau der regenerativen Energie entgegen bringen, vor allem der Windenergie. Denn die Bürger sind gut eingebunden in das große Projekt der Energiewende, wobei die Regierung ihr Engagement ja auch fördert. „Das erfolgt vor allen Dingen durch Bürgerenergie-Projekte, die hier im Land sehr üblich sind“, erklärt Albrecht. „Die fördern wir vor Ort durch einen Fond, der gerade kleine Projekte besonders unterstützt.“

Für diesen Zweck hat das Land das Sondervermögen Bürgerenergie.SH bereitgestellt. Daraus können vorbereitende Maßnahmen von Projektgruppen mit bis zu 200.000 Euro gefördert werden. Dazu zählen die Kosten für Machbarkeitsstudien, Wirtschaftlichkeitsberechnungen, Umweltverträglichkeitsprüfung, aber auch Ausgaben für die Öffentlichkeitsarbeit, um noch mehr Bürger zu beteiligen. Ist so ein Gesamtprojekt umgesetzt, muss die Zuwendung zurückgezahlt werden – es sei denn, es hat sich nicht realisieren lassen.

„Wir fördern besonders die Möglichkeiten, die Energie direkt zu nutzen, etwa im Bereich der Mobilität oder im Bereich der mittelständischen Wirtschaft, die sich hier auch um die Windparks an der Westküste herum etabliert hat. Die bieten Wachstumsmöglichkeiten im ländlichen Raum, die sich ansonsten gar nicht ergeben hätten.“

Unterstützung für den Ausbau kommt auch von der Windenergieforschung. So betreibt die Hochschule Flensburg das Wind Energy Technology Institute, wie es sich international nennt. Es wurde 2010 als Stiftungsinstitut gegründet und hat seinen Schwerpunkt in der Entwicklung von Steuerungen für Windräder, in der Integration von Komponenten und bei den Turmkonzepten an der Spitze der Masten. Da sich an der Finanzierung des Instituts auch eine Gruppe von Unternehmen aus der Windbranche beteiligt, arbeiten die Forscher sehr anwendungsbezogen an konkreten Projekten.

Ein Beispiel sind die hocheffizienten Rotorblätter, die am Institut entwickelt wurden, wie Albrecht erklärt. Sie erlauben es, auch in windschwächeren Standorten die höchste Ausbeute zu erreichen. Aber es gibt auch noch andere, sehr spezifische Fragen an die Elektrotechnik. Etwa bei der so genannten Blindleistung, die nötig ist, um das öffentliche Wechselstromnetz stabil zu halten, wenn Strom aus regenerativen Erzeugungsanlagen eingespeist wird. Auch die Frage, wie die Grundlastversorgung mit intelligenten Netzen wirklich sichergestellt werden kann, ist noch nicht vollständig geklärt. „Und natürlich geht es auch um die Nachhaltigkeit beim Bau von Windkraftanlagen“, ist Albrecht klar. „All das sind Punkte, bei denen wir noch besser werden können, als wir das in der Vergangenheit waren.“

Doch Strom ist nicht alles. Albrecht ist überzeugt, dass in Zukunft alle nur möglichen Energieformen gebraucht werden. Dazu zählt vor allem auch der Wasserstoff. Seine Herstellung und Nutzung ist zwar energetisch äußerst ineffektiv, weil sie sehr viel Strom verbrauchen. Aber in vielen Bereichen ist eine Dekarbonisierung kaum anders möglich. So muss es für viele Zwecke flüssige Treibstoffe auf der Basis von Wasserstoff geben, beispielsweise Ammoniak als Treibstoff für Schiffe. „Das heißt unterm Strich, dass wir einfach erneuerbare Energien ausbauen müssen, und dass wir, je mehr wir auf Wasserstoff setzen, auch mehr Erneuerbare brauchen“, so Albrecht. Deshalb unterstützte die Landesregierung jetzt auch die Windpark Kremsdorf GmbH in Ostholstein mit 4,3 Millionen Euro bei der Anschaffung einer Elektrolyseanlage zur Herstellung von grünem Wasserstoff aus Windenergie.

Auch Erdwärme könnte das nördlichste Bundesland umfangreicher nutzen. Denn in zwei Kilometern Tiefe hat das Wasser im porösen Gestein 70 Grad und wäre damit geradezu ideal für Gebäudeheizungen. Wie man Wärme aus der Tiefe nutzen könnte, darum kümmert sich das Kompetenzzentrum Geo-Energie an der Universität Kiel, das mit zahlreichen Forschungseinrichtungen und Unternehmen vor allem in Schleswig-Holstein und im dänischen Jütland zusammen arbeitet. Für Albrecht hat die Geothermie aber keine große Priorität. „Wir haben im kommunalen Bereich Akteure, die sich dort vernetzen und ihre Kenntnisse über den möglichen Einsatz von Geothermie austauschen“, sagt er. „Wir fördern das auch als Land, weil wir das natürlich als eine Möglichkeit sehen, dort ebenfalls voranzukommen. Aber es ist nur ein Baustein von vielen. Geothermie wird sicherlich nicht den Beitrag leisten, den beispielsweise Windenergie und Photovoltaik bei der Energiewende leisten können. Das ist ein ganz anderes Niveau.“

Wir fördern das auch als Land, weil wir das natürlich als eine Möglichkeit sehen, dort ebenfalls voranzukommen. Aber es ist nur ein Baustein von vielen.

Eine sichere Energieversorgung bietet aber noch keine Sicherheit vor den Auswirkungen des Klimawandels und des Artenschwunds. Gerade im Land zwischen den Meeren gehört zur Sicherheit der Menschen die Anpassung an die Unbilden der Zukunft. Auch die gehört in Albrechts Ressort als Umwelt-, Natur- und Landwirtschaftsminister. „Was den Küstenschutz angeht, da haben wir aus der Vergangenheit gelernt“, gibt er zu. „Heute haben wir einen Küstenschutz, der weit in die Zukunft denkt, immer mit der Perspektive 2100, mitunter sogar bis 2150.“

Auf Grund der aktuellsten Daten des Weltklimarates IPCC wurden an der gesamten Westküste Klimadeiche gebaut. Klimadeiche sind auf acht bis neun Meter Höhe aufgestockte Deiche. Wegen ihrer weiten Breite von 130 Metern können sie besonders sanft ansteigen, um auflaufenden Sturmflutbrechern ihre Kraft zu nehmen. Die Deichkrone ist so breit, dass auch später noch weitere Erhöhungen möglich sind.

An der Ostseeküste plant die Regierung bereits mit möglichen Abbrüchen an den Steilküsten und entwickelt dazu derzeit die Strategie Ostseeküste 2100.

„Ich glaube, dass diese Art von vorausschauendem Planen sowohl im Sinne eines Klimaanpassungsprozesses, als auch der Klimaschutzmaßnahmen ist. Das wird uns auch weiterhin beschäftigen“, ist Albrecht überzeugt.

Damit all diese Umstrukturierungen angesichts des Klimawandels gelingen können, sind aber auch gut ausgebildete Menschen nötig, die im wahrsten Sinne des Wortes ihr Handwerk verstehen. „Für die Energiewende, ja, den Umbau unserer Gesellschaft, werden wir einen erheblichen Fachkräftemangel haben. Insbesondere auch im Bereich der handwerklichen Tätigkeit. Allein da werden wir einen riesigen Bedarf für die Sanierung und den Umbau von Gebäuden haben, den wir jetzt ankurbeln müssen. Das gilt natürlich gerade auch im Bereich der Sektorkopplung. Da wird es viel technisches Know-how brauchen“, ist Albrecht überzeugt. Auch wenn es nicht in sein Ministerressort fällt, plädiert er dafür, die Ausbildung und Weiterbildung übergreifend im Blick zu behalten, was auch bedeute, die schulische und die berufliche Bildung immer mitzudenken. „Denn wir alle werden am Ende mit neuen Fähigkeiten ausgestattet werden müssen, weil wir alle einen Beitrag dazu leisten, unsere Gesellschaft umzubauen“, sagt der scheidende Minister.
Mitte des Jahres wird Albrecht als Ko-Vorstand zur grünen Heinrich-Böll-Stiftung wechseln. Dort will er das, was er in Schleswig-Holstein bewirkte, auf gesamtgesellschaftlicher Ebene vertiefen und die Dialoge und Debatten über die anstehenden Transformationsprozesse auf nationaler, europäischer und globaler Ebene weiter treiben.

TEXT Hanns-J. Neubert
FOTO Ruprecht Stempell
ILLUSTRATION ME2BE