Nur grün reicht nicht! ME2BE im Gespräch mit Minister Jan Philipp Albrecht

Nur grün reicht nicht! ME2BE im Gespräch mit Minister Jan Philipp Albrecht

Die Transformation wird umfassend und groß sein. Noch kann die Welt sie steuern.

Abgesehen von den blau schimmernden Seen und Meeren unter wolkenlosem Himmel ist Schleswig-Holstein ein sehr grünes Land. Grün steht für Ruhe und Entspannung, die seine Bewohner und Besucher wohltuend prägt.

Aber Grün hat in den vergangenen Jahrzehnten auch eine beachtliche andere Karriere hingelegt: grüne Energie, grüne Technologien, grüne IT, grüne Mobilität, grüne Wirtschaft, grünes Wachstum. Manche Unternehmen nehmen für sich sogar eine grüne Transformation in Anspruch. Und natürlich sind inzwischen auch alle politischen Parteien irgendwie grün.

Grün ist ein Buzz-Wort geworden, ein überstrapaziertes Schlagwort. Wofür die Symbolfarbe eigentlich steht, weiß niemand so genau, auch nicht die, die sie benutzen. Die Farbe ist so beliebig geworden, dass sich damit inzwischen fast alles irgendwie anstreichen lässt, abwertend auch Greenwashing“ genannt. Grüne Transformation heißt vielfach: Kosten sparen in Grün.

Wenn die Deutsche Bahn, Versicherungen, viele Banken oder auch große Unternehmen von ihrer grünen Transformation reden, dann meinen sie damit meist nur die kostengünstige Umstellung auf erneuerbaren Strom oder den Rückzug aus der Finanzierung fossiler Energien, deren Marktwert sowieso zu sinken beginnt.

Selbst in seiner Position als Politiker sieht Jan Philipp Albrecht, der scheidende schleswig-holsteinische Super-Minister für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt, Natur und Digitalisierung, eine grüne Transformation nur unter eingeschränktem Blickwinkel. Ich verstehe darunter vor allen Dingen, dass wir die Entkopplung auflösen, die in der Vergangenheit zwischen Wirtschaftswachstum auf der einen Seite und ökologischer Nachhaltigkeit auf der anderen Seite existierte,“ sagte er im Interview mit ME2BE. Dass wir also wirtschaftliches Wachstum an ökologische Nachhaltigkeit knüpfen und dazu beitragen, dass neue technologische Entwicklungen und neue Perspektiven sich wirtschaftlich vor allen Dingen dort ergeben, wo die Nachhaltigkeit ein treibender Faktor wird.“ Doch Wirtschaft und Technologie allein schaffen noch keine nachhaltige Welt.

Genau das aber, eine nachhaltige Entwicklung, sollte eigentlich die Politik ab 1992 nach der Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro prägen. Doch diese Vision des Erdgipfels wurde 2008 mit der so genannten Grünen Wirtschaftsinitiative (Green Economy Initiative) des Umweltprogramms der Vereinten Nationen eingeengt. Jetzt wurde eine grüne Wirtschaft zum Leitmotiv, die sich aber mit der Ökologie versöhnen sollte.

In Schleswig-Holstein sind Politik und Wirtschaft auf diesem Teilpfad durchaus ein Stück weit voran gekommen. Viele Instrumente der Kreislaufwirtschaft, viele Initiativen der Effizienz und auch der Einsparung im Energiebereich werden hier entwickelt, weil man den Wert von Nachhaltigkeit als ökologischen Faktor mittlerweile auch wirtschaftlich erfassen kann“, sagt Albrecht. So können ausgediente Windenergieanlagen oder Teile davon heute zwar zu 90 Prozent wiederverwertet werden, aber für schadhafte oder alte Rotorblätter gibt es immer noch keine echte Recycling-Lösung.

Wir haben keine andere Chance, als dass wir nur diesen Weg beschreiten können, um sowohl die Nachhaltigkeit, die Versorgungssicherheit als auch die Sicherheitsinteressen unseres Landes zu erreichen, die wir brauchen.

Dennoch ist dem Minister völlig klar:Wir haben keine andere Chance, als dass wir nur diesen Weg beschreiten können, um sowohl die Nachhaltigkeit, die Versorgungssicherheit als auch die Sicherheitsinteressen unseres Landes zu erreichen, die wir brauchen.“

Doch einfach nur schnell auf 100 Prozent erneuerbare Energien zu kommen und davon auch weniger zu verbrauchen, reicht nicht für eine Transformation, auch wenn man sie grün“ nennt. Um wirklich auf einen Pfad zu kommen, der die planetaren Grenzen nicht überschreitet, sind sehr viel tiefer gehende politische und gesellschaftliche Veränderungen nötig.

Jenseits der planetaren Grenzen, die eine Forschergruppe um Hans Joachim Schellnhuber und Johan Rockström 2009 aufgezeigt hatten, wird nämlich die Stabilität des globalen Ökosystems überschritten und damit die Lebensgrundlage der Menschheit gefährdet. Schellnhuber war von 1992 bis 2018 Gründungsdirektor des bekannten Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, Rockström sein Nachfolger. Zu den planetaren Grenzen zählen unter anderen auch Klimawandel, Biodiversität und geochemische Kreisläufe.

Verengt man den Blick allerdings nur auf die Energiewende, so ist vielen nicht bewusst, dass ihre Umsetzung allein in Deutschland tief in die Ressourcenverfügbarkeit in anderen, meist armen Ländern eingreift. Denn sie verbraucht enorme Mengen an Rohstoffen.

Moderne Fotovoltaikanlagen benötigen beispielsweise mehr als doppelt so viele Metalle wie ein Kohlekraftwerk mit derselben Leistung. Windräder an Land brauchen fünfmal so viel, die auf dem Meer sogar siebenmal mehr. Gewiss, sind sie einmal gebaut, muss man sie nicht weiterhin mit fossilen Brennstoffen füttern. Aber sie müssen eben genau jetzt gebaut werden, um die Treibhausgasemissionen radikal zu reduzieren. Und genau jetzt fällt dieser Ressourcenverbrauch an.

Allein der Bedarf an Neodym, ein Metall der Seltenerden für die Permanentmagnete von Windrädern, dürfte sich bis 2040 weltweit versechsfachen, wie die Deutsche Rohstoffagentur 2021 berechnete. Mehr als 90 Prozent dieses Metalls werden in chinesischen Bergwerken gefördert, wobei neben radioaktivem Uran und Thorium noch weitere Giftstoffe Umwelt und Menschen belasten.

Andere Metalle, die dringend für die Energiewende gebraucht werden, sind Tantal, Coltan und Kobalt, die in Konfliktregionen unter oft unmenschlichen Bedingungen gefördert werden.

Metallhungrig sind aber auch die Technologien, die die Energiewende weiter vorantreiben sollen, wie Elektroautos, Stromspeicher oder Anlagen zur Herstellung grünem Wasserstoff als Treibstoff und Ersatz für fossile Ausgangsstoffe in der Industrie.

Anders als bei Gas, Öl und Kohle, die man in einem Dutzend Länder bestellen kann, gibt es für die eher seltenen Metalle nur wenige Lieferländer, oft nur ein einziges. Das führt zu neuen politischen Abhängigkeiten und neuen Lieferketten aus Ländern, in denen die Lebens- und Arbeitsbedingungen oft äußerst prekär sind.

Nur in den reichen Ländern grün zu werden, reicht bei weitem nicht. Sie müssen vielmehr auch die Verantwortung für ihren unhaltbaren, kohlenstoffbasierten Lebensstil seit Aufkommen der industriellen Revolution vor 200 Jahren übernehmen. Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen prägte dafür 2011 den Begriff der Großen Transformation“.

Die Transformation zur Klimaverträglichkeit ist … moralisch ebenso geboten wie die Abschaffung der Sklaverei und die Ächtung der Kinderarbeit.

Die Transformation zur Klimaverträglichkeit ist … moralisch ebenso geboten wie die Abschaffung der Sklaverei und die Ächtung der Kinderarbeit“, heißt es bereits im Vorwort. Und weiter: [Die große Transformation] ist hinsichtlich der Eingriffstiefe vergleichbar mit den beiden fundamentalen Transformationen der Weltgeschichte: der Neolithischen Revolution, also der Erfindung und Verbreitung von Ackerbau und Viehzucht, sowie der Industriellen Revolution, die von Karl Polanyi (1944) als Great Transformation“ beschrieben wurde und den Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft beschreibt.“

Es geht also um weit mehr als nur um eine weltweite Energiewende. Das stellten verschiedene Beratungsgremien der Bundesregierung vor den Bundestagswahlen im vergangenen Jahr in einem Offenen Brief an die Parteien erneut klar: Ohne eine grundlegende, weltweite Kurskorrektur in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft drohen eine Erderhitzung um mehr als drei Grad und ein dramatischer Verlust an Biodiversität und Lebensräumen, eine dauerhafte Gefährdung von Wohlstand und Entwicklungschancen in ärmeren wie reicheren Ländern und eine Zunahme gesellschaftlicher Zerreißproben mit ernsten Gefahren für Demokratie und Menschenrechte.“

Das weiß auch Albrecht. Deshalb will er nach Ende seiner Legislaturperiode in Schleswig-Holstein ab Juni 2022 im Vorstand der grünen Heinrich-Böll-Stiftung diese gewaltigen, umfassenden und notwendigen Änderungen begleiten: Für mich ist es eine große Chance, mit dazu beizutragen, dass es einen gesellschaftlichen Wandel gibt, parallel zu den Strukturveränderungen, die jetzt politisch nötig sind. So dass wir in der Lage sind, als Gesellschaft mit diesem Transformationsprozess Schritt zu halten und eine Debatte darüber zu führen, was es braucht, um diesen Wandel zu bewirken.“

Denn die nötige große Transformation ist kein Selbstgänger, wie das Gutachten des wissenschaftlichen Beirats klar stellte. Man müsse sich auf die Gestaltung des Unplanbaren“ einlassen. Infrastrukturen, Produktionsprozesse, Regulierungssysteme aber auch die Lebensstile der einzelnen Menschen müssten sich ändern. Politik, Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft müssten neue Wege finden, um wirklich fair miteinander umzugehen und sozialen Ausgleich zu schaffen. Dabei gehe es nicht nur um Energie, sondern auch um den Erhalt von Ökosystemen, die Abschaffung schädlicher Subventionen für fossile Energien, nachhaltige Landwirtschaft und die Förderung gesunder Ernährungsweisen ohne Lebensmittelverschwendung.

Auch das Verhältnis zur den Entwicklungsländern müsse sich ändern, heißt es. Ihnen sollte zunächst mehr Spielraum bei der Transformation zugestanden werden als Schwellen- oder Industrieländern“. Vor allem müsste den armen Entwicklungsländern in Subsahara-Afrika und in Südasien beim Aufbau klimaverträglicher Infrastrukturen geholfen werden, um auch in diesen Ländern ein klimaverträgliches Wachstum zu fördern.

Die beiden vorangegangenen Transformationen der Menschheit entwickelten sich ungeplant und zufällig. Die historisch einmalige Herausforderung bei der nun anstehenden Transformation zur klimaverträglichen Gesellschaft besteht darin, einen umfassenden Umbau aus Einsicht, Umsicht und Voraussicht voranzutreiben“, schrieben die Gutachter der Regierung.

Bereits mit der Veröffentlichung dieser bahnbrechenden Stellungnahme vor elf Jahren war klar, dass für eine wirklich große Transformation nur wenig Zeit bleibt. 

Anfang April 2022 zeichnete der dritte Teil des aktuellen Klima-Sachstandsberichts des Weltklimarats IPCC jetzt aber ein noch viel dramatischeres Bild. Denn seit dem ersten IPCC-Sachstandsbericht vor 32 Jahren ist kaum etwas passiert. Die Erde ist derzeit auf direkten dem Weg in eine Drei-, möglicherweise sogar Vier-Grad-Welt, von der sich niemand eine Vorstellung machen kann und will. Dabei sind es die wohlhabendsten zehn Prozent der Weltbevölkerung, die zwischen 34 und 45 Prozent aller Treibhausgasemissionen produzieren, die aber wohl am wenigsten unter den kommenden Krisen leiden werden.

Für Deutschland ist das so genannte Osterpaket“ der Bundesregierung, das zeitgleich mit dem letzten Teil es IPCC-Berichts vorgestellt wurde, durchaus ein Fortschritt nach Jahren der Stagnation. Denn damit dient jetzt die Nutzung erneuerbarer Energien dem überragenden öffentlichen Interesse und der öffentlichen Sicherheit“. Zumindest die Energieversorgung soll in Deutschlands mit Hilfe des Gesetzespakets bis 2035 vollständig auf erneuerbaren Energien fußen. Was allerdings fehlt, sind ähnlich ehrgeizige entwicklungspolitische Maßnahmen, wie Technologietransfers und vor allem Hilfen zur Schadensminderung in den besonders vom Klimawandel betroffenen Ländern.

Denn dort fehlt das Geld für ähnlich notwendigen und schnelle Entwicklungen. Auf CO2-intensive Entwicklungsländer können hohe Kosten zukommen“, sagt der IPCC-Mitautor Elmar Kriegler vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Effiziente Industrieländer wie Deutschland und Österreich, die derzeit noch fossile Brennstoffe importieren und dann umstellen, sind die Gewinner. Deshalb ist unbedingt ein fairer Ausgleich erforderlich, nicht nur innerhalb der einzelnen Länder, sondern auch international.“

Einen kleinen Vorgeschmack von dem, was kommen kann, lieferte das Ahrtal-Unwetter im vergangenen Jahr. In Deutschland waren glücklicherweise nur 135 Tote zu beklagen. Hunderte von Toten hinterließen dagegen die sintflutartigen Niederschläge von Januar bis April diesen Jahres, die weite Teile des südlichen Afrika von Mosambik bis zur Republik Südafrika unter Wasser setzten. Tausende wurden obdachlos und irrten durch verwüstete Infrastrukturen. Auch ein ungewöhnlich heftiger Tropensturm auf den Philippinen hinterließ Zerstörung und Tote. Weltweit sind es inzwischen Hunderttausende, die klimabedingte Unwetter heimatlos machten. Und die, die es wagen, in den Verursacherländern ein sichereres Leben zu finden, sind dort nicht willkommen.

Die Interessen kleiner und armer Entwicklungsländer müssen … glaubwürdig berücksichtigt werden, um sukzessive die gesamte internationale Staatengemeinschaft für die Transformation mobilisieren zu können“, forderte der Wissenschaftliche Beirat deshalb schon vor elf Jahren.

Zumindest Jan Philipp Albrecht, der scheidende Minister und zukünftige Moderator gesellschaftlicher Transformationsdebatten, ist mit seiner Arbeit im nördlichsten Bundesland zufrieden: Wenn ich die Windkraftanlagen hier in Schleswig-Holstein sehe, dann sehe ich sie immer mit großem Wohlwollen und Freude, weil ich weiß, dass damit die Zukunft von mir und meinen Kindern und Kindeskindern gesichert ist in einer Welt, die noch lebenswert ist.“

Die Welt, die er meint, dürfte Deutschland sein. Dass von den Vorschlägen für eine große Transformation auch der Großteil der übrigen Welt profitiert, bleibt wohl erst einmal nur eine Hoffnung.

TEXT Hanns-J. Neubert
FOTO EW Fotografie