In der ME2BE-Reihe „Nachgefragt“ können Schülerinnen und Schüler, Azubis und Studierende verantwortliche Politikerinnen und Politiker aus Schleswig-Holstein und Hamburg direkt befragen. Julian Schreiber (22) studiert Informatik an der Hochschule Flensburg. Seine Fragen zur Digitalisierung in der Lehre richtet er an den schleswig-holsteinischen Staatssekretär für Wissenschaft und Kultur Dr. Oliver Grundei (CDU).
Zu Beginn eine persönliche Frage: Welche Fächer haben Sie studiert und wie verlief Ihre berufliche Karriere?
Ich habe nach Abitur im Jahr 1990 und Zivildienst in Kiel, Tübingen und Heidelberg Jura studiert und anschließend am Landgericht Hechingen (Baden-Württemberg) das Rechtsreferendariat absolviert. Nach einer Tätigkeit als Rechtsanwalt in Tübingen und Kiel trat ich die Stelle des geschäftsführenden wissenschaftlichen Geschäftsführers des Lorenz-von-Stein-Instituts für Verwaltungswissenschaften in Kiel an. Von dort aus wechselte ich nach abgeschlossener Promotion im öffentlichen Recht 2005 an die Staatliche Akademie der Bildenden Künste, deren Kanzler ich auch war. Zwei Jahre später wurde ich dann zum Kanzler der Universität zu Lübeck gewählt, blieb dort knapp zehn Jahre, bevor ich 2017 zum Staatssekretär ernannt wurde.
Sie sind Staatssekretär für Wissenschaft und Kultur in Schleswig-Holstein, wie sieht ein typischer Arbeitstag aus?
Ich beschreibe mal einen Arbeitstag vor den Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie, denn seit dem 13. März hat sich auch mein Arbeitsalltag grundlegend verändert.
Ein Bürotag startet bei mir damit, dass ich um 7:30 Uhr zuhause in Timmendorfer Strand abgeholt werde. Die Fahrt nach Kiel verbringe ich mit Aktenstudium, schaue die Mappe mit den Vorbereitungen für die Termine des Tages durch, schreibe Mails und telefoniere viel, weil ich im Ministerium so gut wie keine terminfreien Zeiten habe.
In der Regel erreiche ich kurz vor 9 Uhr unser Ministerium in der Brunswiker Straße in Kiel, nutze häufig den Aufzug, seltener den Paternoster und leider noch seltener die Treppe, um in den 8. Stock zu gelangen, wo ich mein Büro mit toller Aussicht über Kiel habe. Zunächst geht es in die tägliche „Morgenlage“ im Büro der Ministerin. Ab 9:30 Uhr folgen dann andere Termine im Ministerium, oder ich fahre zu den ersten Auswärtsterminen. Die Besonderheit meines Aufgabengebiets bringt es mit sich, dass ich in sehr vielen Aufsichtsgremien vor allem wissenschaftlicher Einrichtungen tätig bin und dadurch viel Zeit für die Gremiensitzungen selbst, aber auch Vorbereitungssitzungen und Auswahlverfahren von Mitgliedern der Leitungen der Einrichtungen verbringe. Und durch das Kulturressort gibt es relativ viele Termine in den Abendstunden und am Wochenende. Etwa dreimal im Monat bin ich außerhalb Schleswig-Holsteins unterwegs, meistens in Berlin oder Bonn, zur Kultusministerkonferenz (KMK), der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK), dem Wissenschaftsrat, der Stiftung für Hochschulzulassung oder dem Akkreditierungsrat. Hinzu kommen die Termine der Landesregierung, wie Staatssekretärsbesprechungen, Kabinettssitzungen und des Landtages.
Welche Bedeutung besitzt die Digitalisierung für den Wissenschaftsstandort Schleswig-Holstein?
Schon vor Corona war die Digitalisierung von enormer Bedeutung für den Wissenschaftsstandort Schleswig-Holstein. Bereits im Koalitionsvertrag haben wir für den Bereich der Wissenschaft formuliert, dass die „Hochschulen und Forschungseinrichtungen des Landes die Rolle eines Impulsgebers und Entwicklungslabors bei der Digitalisierung in Schleswig-Holstein“ einnehmen. Mit dem Hochschulvertrag und den Ziel- und Leistungsvereinbarungen für die Jahre 2020 bis 2024 wurde das weiter konkretisiert.
Worin bestehen Ihrer Meinung nach die Herausforderungen für die Digitalisierung in der Lehre, und wie wird sie in den Hochschulen bereits umgesetzt?
Nach wie vor gibt es technische Herausforderungen, also schlicht die Frage der Verfügbarkeit schnellen Internets in der Fläche und somit auch an allen Wohnorten der Studierenden. Unsere Hochschulen sind dank des DFN-Vereins (Anm.: Deutsches Forschungsnetz) schon sehr gut unterwegs. Hier geht es dann eher um ausreichende finanzielle Ressourcen für Hard- und Software. Durch die weitere Erhöhung der Hochschulbudgets und weitere Mittel für Digitalisierung bemühen wir uns als Landesregierung um Abhilfe. Bedeutender sind aber die Herausforderungen für die Lehre selbst, also die Frage, was wirklich gute digitale Lehre ist. Wie weit digitale Lehre an den Hochschulen bereits umgesetzt wird, erleben wir aktuell: Das Sommersemester 2020 läuft vor allem als digitales Semester. Nur Praxisveranstaltungen und Prüfungen werden in den Hochschulen stattfinden. Vor wenigen Monaten hätten wir so etwas nicht für möglich gehalten. Das überwiegend positive Feedback der Studierenden zeigt, dass offenbar auch die Qualität der Lehre größtenteils stimmt. Ganz sicher kann noch Vieles besser werden. Aber als Zwischenresümee muss man doch festhalten: Die Hochschulen leisten zurzeit wirklich Großartiges. Übrigens unter zum Teil schwersten Bedingungen, da auch Lehrende und teilweise auch Studierende Home-Office und Kinderbetreuung miteinander vereinbaren müssen.
Inwiefern beschleunigt die Corona-Krise den Trend der Digitalisierung? In welchen Bereichen wird das kurzfristig besonders spürbar/sichtbar sein?
Die Corona-Krise hat der Digitalisierung in der Hochschullehre, aber auch in der Selbstverwaltung sowie der Verwaltung der Hochschulen einen gewaltigen Schub gegeben. Nun gilt es, die Erfahrungen des laufenden Sommersemesters auszuwerten, um so für die kommenden Semester, die ja möglicherweise auch noch nicht wieder unter den ‚normalen‘ Bedingungen stattfinden können, weitere Verbesserungen erreichen zu können. Mit Blick auf eine Zukunft nach den Kontaktbeschränkungen kann ich mir sehr gut vorstellen, dass dann einige neue digitale Angebote dauerhafter Bestandteil des Lehrbetriebs an unseren Hochschulen sein werden.
Im Rückblick: Welche digitalen Möglichkeiten hätten Sie während Ihres Studiums bereits gern genutzt?
Während meiner Studienzeit wurden an vielen deutschen Hochschulen kostenlose E-Mailpostfächer für Studierende eingeführt. Über die Uni Kiel konnte ich dann als Doktorand auf die Online-Plattform „juris“ zugreifen, auf der fast sämtliche für meine Dissertation einschlägigen Gerichtsurteile zumeist auch im Volltext zu finden sind. Und das mit einer wirklich guten Suchmaske. Was hätte ich mir vor diesem Hintergrund gewünscht? Einen Einführungskurs für Erstsemester, die im Umgang mit digitalen Werkzeugen nicht so bewandert sind, um dann bereits frühzeitig im Studium Kenntnis von den Möglichkeiten und einem effizienten Umgang mit den digitalen Angeboten der eigenen Hochschule zu haben.
TEXT Elisabeth Witten / Dr. Oliver Grundei
FOTO Frank Peter / Sebastian Weimar