Landschlachterei Neidhardt

Landschlachterei Neidhardt

Hans-Jürgen Neidhardt folgte dem Rat seiner Mutter und ging nach Gettorf, um eine Schlachterausbildung zu machen. Schon seine Großmutter war gleich nach dem Krieg der Auffassung gewesen, „Gegessen wird immer“. Heute hat der 79-Jährige in der Gemeinde Holtsee einen modernen Betrieb mit eigener Schlachterei und Ladengeschäft aufgebaut, der von Sohn Norbert (48) in zweiter Generation nach alter Tradition weitergeführt wird. Auch Enkel Jannes (18) steht bereits in den Startlöchern. Er macht seine Schlachterausbildung im Familienbetrieb und verzichtet beim Essen ungern auf Fleisch. Es sei denn, er weiß nicht, wo es herkommt.

„Heute wird alles mit Lust und Liebe gemacht“

In der geräumigen Wohnküche bei Familie Neidhardt gleich hinter dem Ladengeschäft tobt das Leben. Familienmitglieder und Mitarbeiter durchqueren den Raum, der Laden und Schlachterei miteinander verbindet. Mittendrin streiten sich die beiden Jagdhunde Wilma und Lilli knurrend um ein quietschendes Kuscheltier. Als ruhender Pol in dem Chaos bearbeitet Bianca Neidhardt am großen Esstisch den Papierkram. Sie ist die Schwiegertochter und hat ihren Mann Norbert vor 25 Jahren in der ehemaligen Dorfdisko „Kutsche“ in Fleckeby kennengelernt. Ursprünglich kommt sie aus der Landwirtschaft. „Ich bin in unserem Betrieb eigentlich für alles zuständig“, erzählt Bianca, während sie gut gelaunt Zettel sortiert und abheftet. Zwischendurch ermahnt sie die beiden Hunde, spricht mit Mitarbeitern. „Mir ist sehr wichtig, dass der Verkaufsladen authentisch ist und es nett aussieht“, verrät die 43-Jährige. Ländliche Floristik ist ihr Steckenpferd, mit dem sie das Ladengeschäft zum Verkauf dekoriert, in dem die Familie nicht nur frische Fleisch- und Wurstwaren, sondern auch regionale Produkte sowie Backwaren anbietet. Außerdem gibt es noch einen Catering- und Partyservice. „Wir haben viel zu tun. Deswegen mussten meine Kinder immer schon mit ran.“

Landschlachterei Neidhardt

Mutter Rosemarie Neidhardt packt auch heute noch mit viel Freude im Verkauf mit an.

 

Die zweite Generation steht bereits in den Startlöchern
Landschlachterei Neidhardt

Sohn Jannes (18) absolviert seine Schlachterausbildung im familiären Betrieb und freut sich, die Landschlachterei Neidhardt eines Tages zu übernehmen.

 

Von den drei Sprösslingen hat sich der zweitälteste Sohn Jannes (18) früh als potentieller Nachfolger für die Landschlachterei herauskristallisiert. Bereits als Kindergartenkind verfolgte er auf dem Arm seines Vaters die Schlachtungen von Rindern und Schweinen mit großem Interesse. Er kümmerte sich stets um die Tiere und zeigte keine Scheu. Als der Vater später auf einer Betriebsversammlung einmal erklärte, dass er auf einen Nachfolger für das Unternehmen hoffe, meldete sich ein zartes Stimmchen aus der hinteren Reihe: „Hier, ich!“ Mittlerweile absolviert Jannes seine Schlachterausbildung im familiären Betrieb und kann sich kaum einen anderen Beruf vorstellen. „Ich bin ein großer Tierfreund und habe viel Spaß an der Arbeit mit den Tieren“, sagt er selbstbewusst. Auch wenn Kühe und Schweine irgendwann vor ihm im Schlachthaus am Haken baumeln, verliere er nie den Respekt, meint Jannes.

Mit Rücksicht auf das Tierwohl

Und das ist überhaupt einer der wichtigsten Grundsätze im Hause Neidhardt: Geschlachtet werden ausgewählte Tiere von Höfen aus der Region, denen das Tierwohl bei konventioneller Landwirtschaft am Herzen liegt. Früher, erinnert sich Rosemarie Neidhardt, die mit ihrem Mann und Firmengründer Hans-Jürgen am großen Esstisch Platz genommen hat, sei das ohnehin selbstverständlich gewesen. Dann kamen die großen Massenabfertigungen. „Jetzt wandelt sich das glücklicherweise wieder“, sagt sie. Auch für Enkel Jannes ist ein behutsames Schlachten mit Rücksicht auf das Tierwohl wichtig. Der 18-Jährige ist bekennender Fleisch-Fan. Aber wenn er nicht zu Hause ist, rührt er ein Steak selten an. „Wenn ich nicht weiß, wo das herkommt und keinen Bezug zu dem Tier habe, dann esse ich das nicht.“

Landschlachterei Neidhardt

Hans-Jürgen Neidhardt, der 1957 seine Lehre in Gettorf begann, verfolgt das steigende Tierwohl-Interesse heutzutage mit gemischten Gefühlen. Als er noch Schlachter gelernt hat, dachten die Menschen eher pragmatisch: Fleisch muss gegessen werden. Seinen Beruf, erzählt der Senior, habe er auch gewählt, um die Bevölkerung mit Lebensmitteln zu versorgen. Damals galten hinsichtlich der Ernährung andere Maßstäbe. „Früher war der Fleischermeister kugelrund und hat das schiere Fett wie selbstverständlich gegessen“, meint der 79-Jährige. Hans-Jürgen Neidhardt absolvierte seinen Meister vor 65 Jahren im bayerischen Landshut. Kugelrund ist er nicht. Er esse vielseitig, verrät der Schlachtermeister. Obst, Gemüse, auch Fisch und etwas Geflügel.

Ein Beruf im Wandel

Vieles, was sich über all die Jahre in seinem Beruf verändert hat, beschäftigt Hans-Jürgen Neidhardt beinahe täglich. Denn noch immer steht er hinten im Betrieb und hilft mit aus. Beim Wursten an der Spritze beispielsweise. Dann fühlt er sich in seinem Element. „Das Verfeinern und Veredeln ist ja eine Kunst für sich“, sagt er. Früher, so der Senior, gab es nur Salz und Pfeffer. „Heute wird alles mit Lust und Liebe und Kräutern gemacht.“ Die Naturdärme habe er anfänglich noch selber in einem besonderen Raum hergestellt, Pansen gebrüht und Därme geschleimt. Heutzutage würden die einfach zugekauft.

Landschlachterei Neidhardt

Hans-Jürgen Neidhardt hilft auch heute noch regelmäßig mit aus.

 

Weniger ist manchmal mehr

Doch vieles ist in der Landschlachterei Neidhardt auch gleichgeblieben. Etwa, dass weniger mitunter mehr sein kann, wie der Meister betont. Deswegen konzentriert sich das Unternehmen auf die Schlachtung von zehn Schweinen und zwei Rindern pro Woche für das eigene Geschäft, die zu verschiedenen Fleisch- und Wurstwaren wie beispielsweise Kurzgebratenem, mariniertem Grillfleisch, Brüh- und Kochwürsten, Fleischsalat oder Mettwurst verarbeitet werden. Einen Großteil des Betriebs macht die Lohnschlachterei aus, bei der Familie Neidhardt auch Tiere von Biobetrieben oder Straußenfleisch per Auftrag schlachtet. Als Vertriebswege nutzt das Unternehmen in erster Linie den eigenen Laden in Holtsee und den Partyservice. Außerdem gibt es regelmäßige Abnehmer aus der Gastronomie wie beispielsweise John´s Burger in Kiel.

Landschlachterei Neidhardt

Sprössling Jannes denkt aber auch über eine eigene Homepage nach. Allerdings: Genug zu tun gibt es auch ohne digitale Vernetzung. Gerade in der Corona-Krise, so Jannes Neidhardt, habe es einen ganzen Schwung Neukunden gegeben. Das bestärke ihn in seinem Tun. „Erstmal möchte ich die Landschlachterei so weiterführen, wie sie jetzt ist.“ Tierwohl und Qualität stehen dabei an erster Stelle. Streicheleinheiten für Kuh und Schwein inklusive. Wie damals bei Papa auf dem Arm. Für Jannes ist daher klar: „Wir wollen nicht groß werden, sondern immer eine kleine Landschlachterei bleiben.“

„Das Verfeinern und Veredeln ist eine Kunst für sich.“
Hans-Jürgen Neidhardt (79)

Hans-Jürgen Neidhardt begann seine Lehre 1957 in Gettorf – damals galten hinsichtlich der Ernährung andere Maßstäbe.
Geschlachtet werden nur ausgewählte Tiere von Höfen aus der Region.

TEXT Nadine Schättler
FOTOS Henrik Matzen