KI verändert Berufsbilder rasant. Unsere Bildungseinrichtungen bereiten junge Menschen auf eine Arbeitswelt vor, die es so nicht mehr gibt. Sieben Empfehlungen, was Schulen und Hochschulen jetzt ändern sollten.
Geoffrey Hinton, einer der Pioniere der KI, wurde in einem Interview kürzlich gefragt, welchen Beruf er seinen Enkeln angesichts der aktuellen Entwicklung raten würde. Seine Antwort: Klempner. Das war nicht humorvoll gemeint, sondern als ein Hinweis auf eine neue Realität.
Denn viele Tätigkeiten werden gerade neu verteilt, zwischen Menschen und Maschinen. Bei einigen sind Menschen gar nicht mehr nötig, hier werden Berufe wegfallen, Katalogfotografie gehört dazu. Andere Tätigkeiten werden neu entstehen und neue Kompetenzen erfordern. Nur wenige Berufe – wie beispielsweise das Klempnern – werden kaum betroffen sein.
Wir lassen Fähigkeiten wie Textgestaltung verkümmern, weil Maschinen sie scheinbar überflüssig machen.
Diese Entwicklung zwingt uns als Gesellschaft, darüber nachzudenken, wie wir mit dem Wegfall von Erwerbsarbeit in der Zukunft umgehen. KI-Firmen wie OpenAI, die diese Entwicklung mit Macht vorantreiben, finanzieren schon jetzt Studien über bedingungsloses Grundeinkommen. Das ist kein Zufall.
Wer junge Menschen ausbildet, muss diese Entwicklung im Blick behalten, damit diese nicht nach Berufen suchen, die es kaum noch gibt. Oder vor Aufgaben stehen werden, für die sie nicht vorbereitet sind.
Merkwürdig ist, wie wenig wir öffentlich darüber sprechen, was das für Bildung in Schule, beruflicher Ausbildung und Studium bedeutet. In den Programmen der großen Parteien zur letzten Bundestagswahl fand sich zu dieser Frage kein einziger Satz. Dabei sind Ausbildungsstätten der Ort, an dem sich entscheidet, ob eine Gesellschaft vorbereitet ist: auf neue Tools oder auf die neue Arbeitsteilung zwischen Mensch und Maschinen.
Personen und Organisationen im Bildungsbereich – von den Klassenzimmern über die Ausbildungsstätten bis in die Hörsäle – sträuben sich normalerweise mit guten Gründen dagegen, jede aktuelle Entwicklung in ihre Lehrpläne zu integrieren. Wenn man bei Lehrplänen jedem Trend hinterherläuft, ist man notwendigerweise zu langsam. Es spricht aber viel dafür, dass die aktuellen, KI-getriebenen Veränderungen kein kurzfristiger Hype sind, der bald von einem anderen abgelöst wird. KI verändert die Strukturen der Arbeitswelt langfristig.
Bildungsexperten sehen gleichzeitig mit Sorgen, dass der rasante Fortschritt der KI ihren Lehr- und Prüfungsroutinen den Boden entzieht. Aus einer juristischen Hausarbeit lässt sich beispielsweise nicht mehr erkennen, ob der Studierende das Rechtssystem wirklich verstanden oder nur clever Prompts genutzt hat, um Texte von ChatGPT erstellen zu lassen.
Unis müssen ihre Rolle neu definieren
Weil das Bildungssystem den KI-Fortschritt zu wenig berücksichtigt, entstehen drei Risiken: Wir qualifizieren an der Praxis vorbei. Wir bilden Menschen für Berufsbilder aus, die sich durch Automatisierung und KI gerade verändern, sodass Teile der vermittelten Kompetenzen bald nicht mehr benötigt werden – statt sie auf die Arbeit mit KI vorzubereiten. Gleichzeitig lassen wir Fähigkeiten wie Textgestaltung verkümmern, weil Maschinen sie scheinbar überflüssig machen. Und wir erzeugen Abhängigkeiten von Systemen, deren Grenzen kaum jemand versteht oder erklären kann.
Was folgt daraus? Universitäten und andere Ausbildungsstätten müssen ihre Rolle neu definieren. Nicht – oder nicht nur – als Lieferanten kurzfristiger „KI-Skills“, die in zwei Semestern veraltet sind, sondern als Institutionen, die auf die neue Arbeitsteilung vorbereiten und dabei Urteilskraft, Anpassungsfähigkeit und Verantwortungsfähigkeit systematisch trainieren. Damit ergeben sich Antworten auf die Frage: Habe ich die Kompetenz, von KI erstellte Gutachten oder Entwürfe zu überprüfen, und unter welchen Voraussetzungen kann ich die fachliche Verantwortung dafür übernehmen? Dafür braucht es einige Veränderungen.
1 Veränderungen antizipieren
Bildungseinrichtungen müssen stärker in Szenarien denken. Jede Disziplin sollte regelmäßig durchspielen, wie sich typische Arbeitsprozesse verändern könnten. Neben Szenarien-Workshops kann es auch hilfreich sein, die Vorstellungen von Pionier-Communities zu untersuchen. Das sind Gemeinschaften, die neue soziale, technologische oder kulturelle Praktiken entwickeln und erproben, bevor sie sich breiter durchsetzen. Welche Routinen werden in einzelnen Berufsfeldern automatisiert? Zum Beispiel könnte Qualitätssicherung von automatisch erzeugten Texten eine Rolle spielen, oder Systemaufsicht. Solche Szenarien helfen auch, Lehrpläne zu ordnen, nach Fundament, grundlegenden Methoden und aktueller Praxis.
2 Kritischen KI-Umgang lehren
Reflektiert-kritisch mit der Technologie herumzuspielen sollte Pflichtbestandteil sein. Lernende sollten KI-Systeme nicht nur anwenden, sondern prüfen, etwa indem sie schauen, wann die Systeme falsche Angaben machen. Ein Phänomen, das in der KI-Forschung „Halluzination“ genannt wird. Entscheidend ist ein Format, das den Weg dokumentiert: Annahmen, Quellen, Zwischenschritte, Prüfungen. Wer im Jurastudium etwa Entwürfe von Schriftsätzen oder Vertragsklauseln mit KI erstellt, muss zugleich lernen, systematisch zu verifizieren – faktisch und normativ. Dazu gehört auch die Fähigkeit, einem Mandanten oder einer vorgesetzten Person nachvollziehbar zu erklären, warum ein Vorschlag tragfähig ist oder eben nicht.
3 Methoden und Grundlagen bleiben unerlässlich
Die Grundlagen eines Faches gewinnen an Bedeutung. Um die Ergebnisse, die KI- oder automatische Systeme liefern – das können etwa Texte, Analysen, Berechnungen, juristische Entwürfe sein –, prüfen zu können, muss man selbst die Methoden beherrschen und die Bedeutung von Praktiken im größeren Zusammenhang sehen können. Der Satz „Es gibt nichts Praktischeres als eine gute Theorie“ wird weiter zu Ehren kommen: Wenn man die dahinterliegende Theorie beherrscht, versteht man, wann der KI-Output sinnvoll genutzt werden kann und wann nicht.
4 Das Menschliche in den Mittelpunkt
Soziale Fähigkeiten werden wichtiger. Wenn KI lästige Routinen übernimmt, verschiebt sich Arbeit zu dem, was schwer zu automatisieren ist: Zuhören, Aushandeln, Führen, Konfliktlösung, Empathie, öffentliche Kommunikation, Entscheidungen treffen bei widersprüchlichen Zielen. Diese Kompetenzen gehören nicht ins Wahlfach, sondern ins Zentrum der Ausbildung – trainiert mit Rollenspielen und Praxisfällen. Gerade dort, wo Menschen in Krisen beraten werden, wo die Verwaltung über Ansprüche entscheidet oder wo Journalismus einordnet, wird die Qualität des gemeinsamen Umgangs zum entscheidenden Faktor.
5 Mehr Schnittstellen schaffen
Die Fähigkeit, sich mit anderen Wissensbereichen zu vernetzen, wird zur Kernkompetenz. Niemand muss zugleich Jurist und Informatiker sein. Aber jede Profession braucht eine Schnittstelle zu angrenzenden Feldern: Grundbegriffe von Daten, Modellgrenzen, Validierung, Datenschutz – und umgekehrt Verständnis für Fachlogiken, Ethik und institutionelle Verantwortung. Beide Fächer müssen wechselseitig voneinander lernen. Co-Teaching und projektbasierte Lehre sind dafür besser geeignet als isolierte Zusatzkurse.
6 Alle brauchen Zugang zu den Basics
Sechstens müssen Schulen und Hochschulen ihre eigene Infrastruktur und Lehrkultur anpassen. Fortbildungen für Lehrende, sichere Zugänge zu Werkzeugen, klare Regeln für Transparenz (Was wurde wie mit KI erzeugt?), und Räume für unterschiedliche Stärken von Lehrenden – nicht jeder hat Spaß daran, mit Studierenden KIs zu testen. Ohne diese Rahmenbedingungen bleibt jede Reform ein Stückwerk.
7 Prüfungsformen anpassen
Prüfungen und Lehrformen müssen sich ändern. Wenn jeder Text und jede Standardanalyse per KI erzeugt werden kann, sollten wir nicht nur das Endprodukt bewerten, sondern den Weg dorthin: mündliche Verteidigungen, Portfolios, dokumentierte Entscheidungen, Begutachtung durch Fachkollegen. Es geht nicht darum, KI aus dem Studium zu verbannen, sondern relevante Kompetenz sichtbar zu machen.
All das kostet Geld und Anstrengung, und das in einem Bildungssystem, das schon jetzt unter Kostendruck leidet. Aber es ist der günstigste Hebel, den eine Gesellschaft hat.
AUTOR
Professor Dr. Wolfgang Schulz lehrt Medienrecht an der Universität Hamburg und ist Direktor des Leibniz-Institut für Medienforschung/ Hans-Bredow-Institut sowie Direktor des Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft. Er ist Inhaber des UNESCO-Lehrstuhls für Freiheit der Information und Kommunikation.
QUELLE / ERSTVERÖFFENTLICHUNG
Tagesspiegel vom 21.03.2026

