Berufsvielfalt für alle – Interview mit BO-Lehrer Florian Borck

Berufsvielfalt für alle – Interview mit BO-Lehrer Florian Borck

BO-Lehrer Florian Borck hat es sich auf die im Nordwind wehende Fahne geschrieben, jungen Menschen die berufliche Bandbreite vorzustellen und sie zu ermutigen, ihren eigenen Weg zu gehen.

Dass er einmal Lehrer sein würde, hätte Florian Borck als Schüler nicht gedacht. Nun unterrichtet er bereits seit zehn Jahren als Lehrer für Mathematik und WiPo an der Ferdinand-Tönnies-Schule (FTS) in Husum. Hier schätzt er vor allem das besonders solidarische Kollegium und die positive Atmosphäre, die sich auf die Schülerschaft überträgt. Rückblick: Zum Studieren zog es den heute vierzigjährigen Bad Segeberger nach Flensburg. Anschließend absolvierte er in der Kleinstadt Viöl in Nordfriesland sein Referendariat. Dort begegnete er zum ersten Mal dem Konzept des LdE-Projekts, das heute fester Bestandteil der FTS ist. Als fertig ausgebildete Lehrkraft nahm er seine jetzige Stelle an der Husumer Schule an, an der er sich „pudelwohl“ fühlt. War er in der Schule selbst als Schüler noch eher orientierungslos, was seinen Wunschberuf anbelangte, ist es ihm heute umso wichtiger, Schülerinnen und Schüler aktiv bei der Berufsorientierung zu unterstützen. Mit ME2BE sprach der engagierte Beauftragte für die Berufs- und Studienorientierung über seinen Weg von der kaufmännischen Ausbildung zum Lehramtsstudium, die Berufsorientierung an der FTS und die kommende Ausbildungsmesse.

Herr Borck, heute sind Sie Lehrer für Mathematik, Wirtschaft/Politik und Ansprechpartner für die Berufsorientierung. Wollten Sie schon immer Lehrer werden?

Am Ende meiner Realschulzeit wusste ich noch gar nicht, in welche berufliche Richtung es mich zieht und zunächst hatte ich mich für eine kaufmännische Ausbildung entschieden. Da mir bald klar wurde, dass ich den Beruf nach der Ausbildung nicht ausüben möchte, nutzte ich die Zeit, um mir parallel Gedanken zu machen, welche Aufgabe mich wirklich ruft. Ich entschied mich dazu, die Allgemeine Hochschulreife anzuschließen. Durch meinen Zivildienst, den ich im sozialen Bereich gemacht habe, wurde mir bewusst, dass ich gerne mit Menschen arbeiten möchte und habe mich dazu entschlossen, Lehramt zu studieren.

Welchen Tipp haben Sie für alle Schülerinnen und Schüler parat, die an Mathe verzweifeln?

Ich werde häufig mit dem Phänomen konfrontiert, dass Schülerinnen und Schüler, die ein mathematisches Thema nicht verstanden haben, denken, sie könnten grundsätzlich kein Mathe. Meistens ist das gar nicht der Fall. Manche werden sogar zuhause dahingehend geprägt. Da heißt es dann: Dein Vater konnte auch kein Mathe, deshalb kannst du kein Mathe. Einige nehmen das dann als Ausrede oder glauben es leider wirklich. Von solchen Mantren sollte man sich lösen und nicht aufgeben! Engagiert mitzumachen, statt dicht zu machen, hilft schon ungemein. Eigentlich macht Mathe sehr viel Freude, aber das sagt wahrscheinlich jeder Mathelehrer.

Was hat Sie dazu motiviert, zusätzlich BO-Lehrer zu werden?

Den wirtschaftlichen Teil meiner kaufmännischen Ausbildung fand ich sehr interessant und für Politik habe ich mich ohnehin immer interessiert. Als WiPo-Lehrerin und -lehrer – es gibt nicht so viele von uns – wird man an Schulen gerne im Bereich Berufsorientierung angesiedelt. Mein Interesse und die Tatsache, dass die Schule Bedarf hatte, passten zusammen. Zunächst arbeitete ich mit einer Kollegin zusammen. Als sie in Pension ging, übernahm ich die Aufgabe hauptverantwortlich.

„Ich möchte den jungen Erwachsenen vermitteln, dass sie nach der Schule gebraucht werden. Vielen ist der Nachwuchsmangel im Ausbildungsbereich gar nicht bewusst.“

Wie hat sich die Berufsorientierung an der Schule gewandelt?

Zu meinen Zeiten boten die Schulen keine nennenswerte Berufsorientierung. Diese Aufgabe war beim Elternhaus und den Jugendlichen verortet. Als Jugendlicher hat man jedoch gerne mal andere Interessen und das Konzept geht nicht auf, daher ist es mir heute so wichtig, junge Erwachsene auf diesem Gebiet zu unterstützen. Ich möchte sie frühzeitig dazu anleiten, sich Gedanken zu machen, ohne den Druck, binnen zwei Wochen den Traumberuf finden zu müssen. Schülerinnen und Schüler sollen sich selbst reflektieren, mit verschiedenen Unternehmen und Vertretern der Berufsorientierung in Kontakt treten und Angebote wahrnehmen. Ich möchte den jungen Erwachsenen vermitteln, dass sie nach der Schule gebraucht werden. Vielen ist der Nachwuchsmangel im Ausbildungsbereich gar nicht bewusst.

Was umfasst das BO-Angebot an der FTS?

Von Klasse fünf an gibt es Berufsorientierungselemente im Unterricht, doch ab Klasse acht wird es den Schülerinnen und Schülern erst richtig bewusst. Dann beginnt die aktive Auseinandersetzung mit dem Thema. Im Unterricht setzen wir uns mit den eigenen Stärken und Fähigkeiten sowie der Vielfalt der Berufe auseinander – soweit zur Theorie. Der praktische Teil umfasst zwei Betriebspraktika in Klasse acht und neun, unsere Ausbildungsmesse, die Lehrstellenrallye in Husum und weitere Veranstaltungen, die wir besuchen, oder Experten, die uns besuchen. Außerdem haben wir eine sympathische und kompetente Berufsberaterin von der Agentur für Arbeit an der Schule. Schülerinnen und Schüler, die ein Einzelgespräch suchen, können sich an Frau Albertsen wenden. Zusätzlich gibt sie eine Doppelstunde in Jahrgang neun oder zehn, die sie nutzt, um den jungen Erwachsenen Berufsorientierungsmedien wie Planet-Beruf, Check-U, Praktikum Westküste oder DIGI:BO vorzustellen. Sie führt auch verbindliche Gespräche mit allen Schülerinnen und Schülern der neunten Klasse, selbst wenn jemand bereits weiß, in welche Richtung es für sie oder ihn beruflich gehen soll. Die Mischung aus digitalem Angebot und realem Kontakt hat sich bewährt und soll auf  jeden Fall weiterhin bestehen bleiben.

Zielt die Berufsorientierung der Ferdinand-Tönnies-Schule vorwiegend auf den Ausbildungsweg ab?

Wir betreiben Berufsorientierung in Richtung Berufsausbildung, aber auch im Hinblick auf weiterführende Schulen – hier kooperieren wir mit den beruflichen Schulen in Husum und veranstalten Infoabende. Wir informieren darüber hinaus über eine große Bandbreite von berufsvorbereitendem Jahr bis FSJ oder FÖJ. Die überwiegende Mehrheit unserer Schülerinnen und Schüler interessiert sich jedoch für eine betriebliche oder schulische Berufsausbildung.

Welche Herausforderungen birgt die Berufsorientierung?

Viele junge Menschen wissen nicht, in welche Richtung es sie beruflich zieht. Wenn die Bewerbungsphase für das erste Praktikum beginnt, haben sich einige noch keine Gedanken gemacht. Da setzt der Unterricht in der achten Klasse an, in dem wir versuchen, den Schülerinnen und Schülern Berufsfelder näherzubringen. Die Fragen und Probleme der Jugendlichen sind ansonsten sehr vielfältig. Viele kennen nur 20 oder 30 Ausbildungsberufe, die sie aber nicht ansprechen. Dass es den Beruf des Diamantschleifers oder des Brauers gibt, wissen viele gar nicht. Hier versuchen wir, Kenntnisse zu vermitteln.

Wie bereiten Sie die Jugendlichen auf die Berufsmesse vor?

Bereits Monate vor der Veranstaltung wird die Messe in den Klassen und am Elternabend thematisiert. In den Wochen davor bearbeiten wir gemeinsam ein Themenheft. Die Schülerinnen und Schüler recherchieren konkret zu den ausstellenden Betrieben und den Berufen, die diese ausbilden, erstellen Steckbriefe und notieren ihre eigenen Stärken und Wünsche an einen Beruf. Wir bereiten sie darauf vor, respektvoll den Unternehmensvertreterinnen und -vertretern gegenüberzutreten und auf sie zuzugehen. Das Themenheft schlägt eine Brücke zwischen den Unternehmen, die auf der Ausbildungsmesse vertreten sind und den vorher thematisierten individuellen Fähigkeiten und Interessen der Jugendlichen. So können die Schülerinnen und Schüler das, was sie über sich selbst herausgefunden haben, auf die Messeangebote projizieren. Die etwa 25 Unternehmen sind ein Mix aus verschiedenen Berufsfeldern und geben einen guten Überblick, sodass für jede und jeden etwas dabei sein müsste.

 Mehr zur Ferdinand-Tönnies-Schule: Schülerstimmen der FTS über ihre beruflichen Pläne und Wünsche

TEXT Kristina Krijom
FOTO Reinhard Witt