Vielfalt belebt die Schule – Ein Gespräch mit dem Schulleiter der Toni-Jensen-Gemeinschaftsschule in Kiel

Vielfalt belebt die Schule – Ein Gespräch mit dem Schulleiter der Toni-Jensen-Gemeinschaftsschule in Kiel

Schulleiter Jörg Thomas verkörpert eine unaufdringliche Autorität, die auf seiner jahrelangen Erfahrung und tiefen Verbundenheit zur Schule beruht. Seit mittlerweile acht Jahren leitet er die Toni-Jensen-Gemeinschaftsschule (TJG), nachdem er zuvor 17 Jahre als Lehrer für Geografie und Kunst an derselben Bildungseinrichtung tätig war. Es war nie sein erklärtes Ziel, Schulleiter zu werden. Vielmehr bewarb er sich vor acht Jahren für diese Position, weil er sich in die Schule regelrecht verliebt hatte. Ein wesentlicher Grund für diese Liebe ist die beeindruckende Diversität der Schülerinnen und Schüler. Hier kommen Jugendliche aus dem Stadtteil zusammen, viele von ihnen mit Migrationshintergrund, Schülerinnen und Schüler (SuS), die ihre eigenen Herausforderungen zu meistern haben, sowie junge Menschen aus den umliegenden Regionen, wie Heikendorf.

Herr Thomas, Sie hatten nie geplant, Schulleiter zu werden, wie kam es dazu?

Ich habe mich schon immer stark für die Schule engagiert. Der besondere Geist an dieser Schule, der Raum für Entfaltung und die Möglichkeit, Ideen umzusetzen, haben mich dazu inspiriert, mich für eine Leitungsfunktion zu bewerben. Nachdem ich zum stellvertretenden Schulleiter ernannt worden war, ergriff ich schließlich die Chance und bewarb mich auch aufgrund von Ermutigungen von einigen Kolleginnen und Kollegen um den Posten des Schulleiters. Vor allem die enge Bindung zur Toni-Jensen-Gemeinschaftsschule hat mich motiviert, diese Position zu übernehmen.

Die TJG zeichnet sich durch ihre vielfältige Schülerschaft aus, die aus dem Stadtteil stammt und sowohl einen Migrationshintergrund als auch individuelle Herausforderungen aufweist. Was fasziniert Sie an dieser Diversität?

Die Mischung aus Schülerinnen und Schülern verschiedener sozialer Hintergründe und Lebenslagen ist etwas Besonderes an unserer Schule. Es ist mir ein Anliegen, dass an der TJG alle Abschlüsse erreicht werden können, unabhängig von der Herkunft oder den bisherigen schulischen Erfahrungen. Diese Idee der Bildungsgerechtigkeit und Offenheit hat mich von Anfang an begeistert.

Gibt es Schülerinnen und Schüler, die nicht primär mit dem Ziel zur Schule kommen, das Abitur zu machen, und sich dann selbst überraschen?

Ja, das gibt es definitiv. Wir haben Schülerinnen und Schüler, die von Gymnasien zu uns wechseln und hier förmlich aufblühen, weil sie sich bei uns gesehen und als Individuen wahrgenommen fühlen. Im Laufe der Jahre habe ich gesehen, dass unsere Lehrer an der TJG den Schülerinnen und Schülern mit großer Wertschätzung begegnen und sich sehr bemühen, jedem Einzelnen Raum für Entfaltung und Anerkennung zu geben.

Wie gestalten Sie als Schulleiter die Schule?

Mein Ansatz ist es, Raum für eigene Ideen und die Umsetzung von Projekten zu geben. Ein herausragendes Beispiel ist die Arbeit von Frau Wille, die sich leidenschaftlich mit dem Thema Berufsorientierung auseinandersetzt und unter anderem die Kooperation mit ME2BE bei der Vorhaben-Woche für Schülerinnen und Schüler des 7. Jahrgangs ins Leben gerufen hat. Das Ziel dieser Vorhabenwoche ist es, den Schülern ihre eigenen Stärken und Fähigkeiten bewusst zu machen, verschiedene Berufsfelder kennenzulernen und ihnen die Mittel für eine fundierte Entscheidung über ihre Berufswahl aufzuzeigen.

Die TJG ist eine Gemeinschaftsschule mit Oberstufe, die eine breite Palette von Schülerinnen und Schülern mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Stärken aufnimmt. Wie geht die Schule mit dieser Herausforderung um?

Die Vielfalt an Schülerinnen und Schülern mit unterschiedlichen Bedürfnissen ist eine Herausforderung, der sich die Schule erfolgreich stellt. Mir ist wichtig, dass jeder Schüler bestmöglich gemäß seiner individuellen Fähigkeiten gefördert wird. Das ermöglichen wir mit unseren DaZ-Klassen, einer Basisstufe und zwei sehr kompetenten Sozialpädagogen vielen Kindern. Besonders in den letzten Jahren übernehmen Schulen eine große gesellschaftliche Verantwortung der Fürsorge.

Die Toni-Jensen-Gemeinschaftsschule trägt die Auszeichnung „Schule ohne Rassismus“. Wie geht die Schule mit dem Thema Antisemitismus um und welche Maßnahmen werden ergriffen, um dem entgegenzuwirken?

Die Schule legt großen Wert auf Wertschätzung und Respekt gegenüber jedem Einzelnen. Sowohl unsere Sozialpädagogen als auch der Unterricht setzen sich mit diesem Thema auseinander. Wir schulen das Verständnis für ein harmonisches Miteinander aller Menschen und achten darauf, dass niemand aufgrund seiner Herkunft, Fähigkeiten oder anderer Gründe ausgeschlossen wird. Bei Themen, die zu Konflikten und Missgunst führen könnten, ergreifen wir Maßnahmen, um aufzuklären und Unterstützung zu bieten.

Welche Themen könnten das sein?

Aktuell hat der Nahostkonflikt Diskussionen unter Schülerinnen und Schülern ausgelöst. Wir planen, einen unabhängigen Experten einzuladen, um in den Jahrgängen 11 und 12 Klarheit zu schaffen und Fragen zu beantworten. Unser Ziel ist es, die Diskussionen in den richtigen Kontext zu setzen und so einen einseitigen Blickwinkel zu vermeiden.

Welche Rolle spielen soziale Netzwerke bei der Diskussion kontroverser Themen?

Wir möchten in unseren Schülern eine kritische Reflektion in Bezug auf Informationsquellen fördern und behandeln dieses Thema im Unterricht regelmäßig. Unser Ziel ist es nicht, digitale Medien zu verteufeln, da sie hervorragende Möglichkeiten zur Recherche und zum Zugang zu Material bieten. Allerdings beobachte ich, dass in Konfliktsituationen oft gefilmt wird und Schülerinnen und Schüler Schwierigkeiten haben, Quellen richtig einzuordnen.

In welchem Rahmen platzieren Sie an der Schule Themen, für die es kein eigenes Unterrichtsfach gibt?

Sowohl die Vorhabenwoche als auch unsere Projektwoche bieten die Möglichkeiten, wichtige Themen, die im regulären Schulunterricht wenig Raum finden, zu vertiefen und ein Bewusstsein für beispielsweise Medienkompetenz oder Berufsorientierung zu schaffen. Obwohl die meisten Jugendlichen sehr vertraut mit Medien umgehen, fällt es vielen Schülerinnen und Schülern schwer, eine Powerpoint-Präsentation zu erstellen oder einen Text in Word zu verfassen. Hinzu kommt der Aufbau einer konsistenten Ordnerstruktur. Damit auch die Lehrer immer auf dem neuesten Stand sind, bieten wir regelmäßig Schulungen und Weiterbildungen an.

ME2BE wird in diesem Jahr zum ersten Mal eine Berufsorientierungsmesse an der Tonie-Jensen-Gemeinschaftsschule durchführen, die Work-Flow-Grow! Warum haben Sie sich dazu entschieden? Und was erwarten Sie sich von der Messe?

Wir möchten den Schülern frühzeitig die Möglichkeit geben, herauszufinden, wie sie sich ihre berufliche Zukunft vorstellen. Ich beobachte, dass auch viele Eltern von Kindern an Gemeinschaftsschulen sich wünschen, dass ihre Kinder Abitur machen. Manchmal ist jedoch eine Ausbildung der bessere Weg. Mit der Berufsorientierungsmesse möchten wir ein Spektrum der Möglichkeiten eröffnen und Impulse geben. Ich bin überzeugt davon, dass die Durchlässigkeit des Bildungssystems in Deutschland auch mit einer Ausbildung alle Möglichkeiten offen hält und wünsche mir mehr Flexibilität bei der beruflichen Orientierung. Mit der Messe versuchen wir möglichst früh Möglichkeiten aufzuzeigen und die Jugendlichen dazu zu ermutigen, auch eine Ausbildung in Betracht zu ziehen.

Mehr zur Toni-Jensen-Schule: Über die berufliche Laufbahn der Deutsch- und Wipolehrerin Ann-Kathrin Wille und ihr Engagement in der Berufsorientierung

TEXT und FOTO Sophie Blady