John Hattie warnt: Warum Individualisierung des Lernens oft mehr schadet als hilft

John Hattie warnt: Warum Individualisierung des Lernens oft mehr schadet als hilft

Der Bildungsforscher John Hattie stellt verbreitete Konzepte der Individualisierung des Lernens infrage und kritisiert deren Umsetzung im schulischen Alltag. Stattdessen plädiert er für ein empirisch fundiertes, gemeinschaftliches „maßgeschneidertes Lernen“, das auf professionelle Lehrkraftdiagnostik setzt.

Mit seiner Studie „Visible Learning“ (2009, dt. „Lernen sichtbar machen“, 2013), in der er über 800 Metaanalysen zu Lernstandserhebungen auswertete, sorgte der neuseeländische Pädagoge John Hattie weltweit für Aufmerksamkeit. Die Lehrperson sei zentral für den Lernerfolg junger Menschen, so seine Diagnose.

„Bildungsgerechtigkeit bedeutet nicht, jedem Kind seinen eigenen Lernpfad zu geben“

Auf der Konferenz „Bildung Digitalisierung 2025“ in Berlin setzte sich Hattie kritisch mit den verbreiteten pädagogischen Konzepten individualisierten und selbstregulierten Lernens auseinander. Er warnte vor einer „Überbetonung des Alleinarbeitens“, es könne erfolgreiches Lernen sogar blockieren.

Der Kern schulischen Lernens sei schon immer Zusammenarbeit und soziales Lernen gewesen – das Lernen mit und von anderen. Viele Lernende bräuchten Struktur, Anleitung und ein gemeinsames Ziel. Sie müssten kollaborative Fähigkeiten entwickeln, da gerade diese für bedeutsames Lernen entscheidend seien.

Warnung vor Risiken der Personalisierung

Hattie warnt in seinem Vortrag vor dem Risiko, Personalisierung mit Bildungsgerechtigkeit zu verwechseln. Bildungsgerechtigkeit bedeute nicht, jedem Kind seinen eigenen Lernpfad zu geben, sondern sicherzustellen, dass jeder Schüler und jede Schülerin mindestens ein Jahr Lernfortschritt in jedem Schuljahr erziele.

„Das Versprechen der Individualisierung ist größtenteils rhetorisch“

Hattie betont, in der Praxis könnten personalisierte Ansätze Ungleichheiten sogar noch verstärken. Denn Schülerinnen und Schüler aus bildungsfernen Haushalten landeten oft in „individualisierten“ Lernpfaden, die nur begrenzten Zugang zu hochwertigen Unterrichtsgesprächen oder zum Austausch mit leistungsstarken Mitschülerinnen und Mitschülern bieten würden. Diese Schülerinnen und Schüler arbeiteten häufig Arbeitsblätter ganz allein ab, ohne Gelegenheit zu tieferem Lernen, zu Transfer oder kritischem Denken.

Echte Bildungsgerechtigkeit würde erfordern, so der neuseeländische Bildungswissenschaftler, dass Lehrkräfte allen Lernenden – unabhängig von ihrer Herkunft – anspruchsvolle Aufgaben, reichhaltige Dialoge und Aufgaben zumuten.

Plädoyer für ein „maßgeschneidertes Lernen“

Hatties Resümee: Gemeinschaftliches Lernen und die professionelle Urteilskraft der Unterrichtenden in Verbindung mit empirischer Forschung könnten hingegen ein wirksames „maßgeschneidertes Lernen“ ermöglichen.

Maßgeschneidertes Lernen beruhe auf der professionellen Expertise und dem Urteil der Pädagoginnen und Pädagogen. Die Klarheit einer Lehrkraft besitze einen mehr als doppelt so starken Einfluss auf die Lernergebnisse wie eine oberflächliche Personalisierung im Unterricht.

Das „Deutsche Schulportal“ veröffentlichte den Vortrag John Hatties am 27.10. 2025. (https://deutsches-schulportal.de/expertenstimmen/john-hattie-warnt-vor-falsch-verstandener-individualisierung-des-lernens/)

TEXT Erhard Mich
ILLUSTRATION KI-generiert, freie Darstellung