Professor Dr. Opel: so baut man heute Ökologisch

Professor Dr. Opel: so baut man heute Ökologisch

Ökologisches Bauen liegt im Trend. Doch ein nachhaltiges Gebäude besteht aus mehr als Rohstoffen. An der Fachhochschule Westküste lernen Studentinnen und Studenten, Gebäude als ganzheitliche Systeme zu sehen und ihre Technik so zu programmieren, dass sie umweltfreundlicher und nachhaltiger werden.

Herr Opel, sind die Zeiten vorbei, in denen ohne Rücksicht auf die Umwelt gebaut wurde?

Opel: Ja, ökologisches Bauen spielt eine immer größere Rolle – auch, weil es ein klares Ziel gibt. Die politische Maßgabe ist, dass bis 2050 der deutsche Gebäudebestand klimaneutral sein soll. Die Frage ist nur, wie das erreicht werden kann. Denn natürlich ist es wichtig, dass Gebäude funktionieren und halten. Und deswegen wollen viele Architekten am liebsten weiter so bauen, wie sie es immer gemacht haben. Da gibt es durchaus ein Spannungsfeld.

Wo gibt es denn Ansatzpunkte, um Gebäude nachhaltiger zu gestalten?

Bei der Gebäudetechnik ist es relativ einfach. Da gibt es Hersteller, die gut mitziehen, auch weil sie durch ihre kürzeren Produktzyklen immer neue Produkte entwickeln können – etwa Lüftungs- und Heizungssysteme. Wo es noch nicht so einfach ist, ist bei den Baustoffen. Da interessiert das Thema Recycling inzwischen jeden Bauingenieur, weil es eine Knappheit gibt. Es gibt einen Sandmangel, Beton und Stahl werden immer teurer. Und die Bauherren und die Kunden wollen immer nachhaltigere Gebäude haben.

Für genau die sollen Ihre Studierenden später sorgen – worauf liegt deren Fokus im Studium?

Es geht bei uns um Gebäudetechnik, allerdings mit einem besonderen Schwerpunkt auf effiziente Systeme und erneuerbare Energien. Es geht viel um Gebäudeautomation und darum, nutzerfreundlichere, komfortablere, aber auch energieeffizientere und nachhaltigere Gebäude zu bauen. Das ist die DNA des Studiengangs. Ich habe selbst Physik, Philosophie und später Umweltwissenschaften studiert – bis mir klar wurde, dass Gebäude der Dreh- und Angelpunkt unserer Infrastruktur sind. Ich versuche letztendlich, die jungen Leute auf der philosophisch Schiene abzuholen und sie dann zur Technik zu führen.

Wo landen Ihre Studierenden später mit ihrem Wissen?

Tatsächlich gehen viele in die öffentliche Bauverwaltung. Andere arbeiten in privaten Planungsbüros. Probleme auf dem Arbeitsmarkt hat aber keiner. Denn letztendlich ist der Bedarf an Gebäudetechnikern enorm groß. 38.000 Stellen müssen in den nächsten zehn Jahren besetzt werden – allein in der öffentlichen Bauverwaltung. Dem gegenüber stehen sinkende Studierendenzahlen. Im privaten Sektor ist es genauso, gut ausgebildete Planer für Technische Gebäudeausrüstung (TGA) gibt es kaum. Und noch viel weniger gibt es Leute, die ihre Gebäude dann auch noch programmieren können. Da ist unser Studiengang ziemlich einzigartig, weil wir versuchen, genau das zu verknüpfen. Wir versuchen da eine Lücke zu füllen, auch wenn wir nur 20 bis 30 Studierende im ersten Semester haben, von denen wir wohl die Hälfte ins Ziel bekommen. Nach dem Praxissemester haben fast alle unserer Studenten schon mindestens eine Firma, bei der sie direkt nach der Bachelorarbeit anfangen können – mit einem Jahresgehalt, für das andere zehn Jahre Berufserfahrung brauchen. Bei Architekten und Bauingenieuren sieht das anders aus, an denen herrscht kein Mangel.

Die Berufe sind aber auch deutlich bekannter. Wie kann ein Gebäudetechniker denn Einfluss auf ein Gebäude nehmen?

Unsere Studentinnen und Studenten sollen am Ende ein Gebäude als Ganzes verstehen – vom richtigen Dämmstoff bis hin zur Gebäudestruktur. Die Techniker müssen nachher alles genau auf das Gebäude mit all seinen Eigenschaften abstimmen. Unsere Studentinnen und Studenten sind also in gewisser Hinsicht interdisziplinär qualifiziert.

Es geht bei Ihnen also nicht nur um die Technik?

Natürlich nicht. Eigentlich sind die Baustoffe ein Thema für Bauingenieure, für die es auch Studiengänge mit ökologischer Ausrichtung gibt. Die Techniker müssen aber das Gebäude als System verstehen. Deswegen bekommen sie die Basics bei uns mit: Chemietechnik, Werkstoffkunde, Bauphysik. Da sind nachhaltige Baustoffe genauso wichtig wie effektive technische Anlagen, die ja auch auf den Rest des Gebäudes angepasst werden müssen.

Green Building ist das, für das sich die meisten interessieren – und worüber sie vielleicht an das Thema kommen. Und dann müssen sie sich entscheiden: Will ich das als Bauingenieur machen, als Architekt, oder kann ich die Rolle des Gebäudetechnikers übernehmen.

„Unsere Studentinnen und Studenten sollen am Ende ein Gebäude als Ganzes verstehen.“

Wie kann diese Rolle in der Praxis aussehen?

Unsere Absolventinnen und Absolventen schauen sich später beispielsweise die Energieverbräuche an und überlegen, wie besonders effizient und bedarfsgerecht geheizt und gekühlt werden kann. Den Anspruch, den ich dabei an meine Studierenden habe, ist, dass sie auch beim Gebäudeentwurf mitsprechen können. Etwa, dass sie erkennen, wenn eine große Glasfront in Richtung Süden geplant ist, dass die Kühllast zu groß wird und eine Verschattung eingeplant werden sollte. Andernfalls müsste die Technik größer geplant werden.

Ich wünsche mir, dass unsere Gebäudetechniker schon in diesem Stadium in der Lage sind, diese Tipps zu geben. Der Schwerpunkt ist zwar die Technik, wir sehen das Gebäude aber als komplettes System: von den Rohstoffen über die Bauart bis hin zu den technischen Ausrüstungen und eben auch der Software dahinter. Es geht um die Frage: Wie soll das Gebäude funktionieren?

Sind Sie damit noch alleine?

Nein, nicht ganz. Erneuerbare Energien und Energieeffizienz sind in allen Studiengängen ‚Technische Gebäudeausrüstung‘ (TGA) angekommen – da kommt niemand drum herum. Wir gehen mit unserem Ansatz aber noch etwas weiter. Wir wenden das Thema Nachhaltigkeit auch auf die Gebäudeautomation an. Das findet meistens viel zu wenig Beachtung. Wir schauen auf die Abhängigkeiten im Gebäudekonzept. Wir denken bis zur Inbetriebnahme. Das passiert in der Realität viel zu wenig. Denn meistens bleibt das an den Ausbildungsberufen hängen, denen der theoretische Überbau fehlt. Da wird meistens nur die Heizung nach dem Grundsatz in Betrieb genommen: Wird sie warm oder nicht. Eine Verbindung mit der Lüftungsanlage wird nicht mehr programmiert. Einfach, weil nicht verstanden wird, warum das nötig ist. Deswegen brauchen wir Ingenieure von der Hochschule an der Stelle, die den Blick über die Gewerke hinaus haben.

Was kann eine Heizung denn noch mehr, wenn einer Ihrer Absolventen die Programmierung übernimmt?

Ein klassisches Beispiel ist etwa die Bauteilaktivierung, bei der Wände oder Böden zur Temperaturregulierung genutzt werden. Die klassischen Heizkörper machen die Luft warm, die Wände bleiben kälter als der Raum. Dabei ist es günstiger, wenn die Wände selbst warm sind. Das Problem dabei ist aber, dass diese Bauteile träge sind. Man muss vorausschauend heizen oder kühlen. In der Praxis müssen diese Systeme mit einer schnell reagierenden Lüftung oder statischen Heizung zusammenarbeiten – das funktioniert aber nicht einfach über eine simple Temperaturregelung, weil es sich um Systeme mit zeitlich unterschiedlichen Ansprechzeiten handelt. Im schlechtesten Fall, und der trat in der Vergangenheit oft auf, arbeiten die Systeme im Betrieb später gegeneinander. Das können unsere Gebäudetechniker verhindern, indem sie die Programmierung dahinter optimieren.

Andere spannende Felder sind der Betrieb von Speichern und mehreren Wärmeerzeugern, mit denen das Gebäude beispielsweise auf Energiepreisschwankungen reagieren kann, sowie Beleuchtung, die auf Tageszeiten und die jeweilige Nutzung reagiert. Auch wenn die klassischen Bereiche Heizen, Kühlen und Lüften sind, gibt es noch viel mehr, was ineinandergreift und optimiert werden kann. Wir müssen es nur verstehen.

Zur Person: Oliver Opel leitet den Bachelorstudiengang „Green Building Systems“ an der Fachhochschule Westküste. Der 43-Jährige ist selbst auf Umwegen zur Gebäudetechnik gekommen. Er hat Physik und Philosophie sowie Umweltwissenschaften studiert – Felder, die er auch seinen Studentinnen und Studenten näher bringen will. Die sollen später in der Lage sein, die technische Gebäudeausrüstung übergreifend zu planen und zu automatisieren.

Nachhaltigkeit ist eines der wichtigsten Themen unserer Zeit – auch in der Baubranche. Flexibel und ökologisch müssen die Gebäude der Zukunft sein. Green Building will dazu einen wichtigen Beitrag leisten. Studentinnen und Studenten erzählen von ihrem Studiengang und was sie daran begeistert.

 

Franziska Tölkes, 24,

Franziska Tölkes studiert Green Buildings Systems an der FH Westküste

studiert im 5. Semester Green Buildings Systems an der FH Westküste.

„Green Building wird in Zukunft immer wichtiger, und die Alternativen zu herkömmlichen Lösungen beim Bauen werden sehr schnell immer besser. Es ist notwendig, Gebäude als Ganzes zu betrachten, unabhängig von den einzelnen Gewerken. Wir müssen ganzheitliche Lösungen finden. Das lernen wir im Studium. Dabei bleiben wir auch immer auf dem Laufenden, was Neuerungen angeht. Ich bin über das Handwerk zu meinem Studiengang gekommen. Während meiner Lehre zur Tischlerin habe ich gemerkt, dass ich das Bauwesen sehr spannend finde. Anschließend suchte ich nach entsprechenden Studiengängen und bin auf umweltgerechte Gebäudesystemtechnik gestoßen. Der Studiengang ist besonders, da wir seit dem ersten Semester den Bezug zur Praxis haben.

Aktuell bin ich im fünften Semester. Das ist bei uns das Praxissemester. Das heißt, wir arbeiten 20 Wochen als Praktikanten in einem Unternehmen, das wir uns selbst aussuchen können. Ich bin in Heide geblieben in einem Planungsbüro für Technische Gebäudeausrüstung (TGA). In den vergangenen beiden Monaten habe ich gemerkt, dass mir das Planen der unterschiedlichen Gewerke und Anlagen besonders gefällt. Ich kann mir vorstellen, auch zukünftig in diesem Bereich zu arbeiten.“

Darius Bonk, 25,

studiert im 7. Semester Green Buildings Systems an der FH Westküste.

„Für den Studiengang habe ich mich entschieden, weil ich an den technischen Aspekten von Gebäuden sehr interessiert bin. Hinzu kommt die klare Ausrichtung auf die Integration von erneuerbaren Energien. Das Thema ‘Green Building‘ hat eine enorme Bedeutung. Durch ökologisches Bauen können viele Ressourcen im Gebäudesektor eingespart werden – insbesondere auch durch die Verwendung von erneuerbaren Energien und die Modernisierung der Heizungsanlagen. In unserem Studiengang haben wir eine große Nähe zu den Professoren und die Lerngruppen sind klein. Das ermöglicht gute Diskussionen, um Themen und Lernstoff zu vertiefen. In wenigen Wochen starte ich mit meiner Bachelor Thesis – danach würde ich gern wie bisher an der Planung von Gebäuden arbeiten. Als langfristiges Ziel möchte ich meinen Schwerpunkt auf die Bereiche Energieeffizienz und Automation legen.“

Jim Armbruster, 27,

studiert im 5. Semester Green Buildings Systems an der FH Westküste.

„Zum Studium bin ich über den zweiten Bildungsweg gekommen. Zuvor habe ich eine Ausbildung zum Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik absolviert und einen Meistertitel im Installateur- und Heizungsbauerhandwerk erworben. Deswegen wollte ich unbedingt an eine praxisnahe Fachhochschule. Die habe ich in Heide gefunden. Besonders die Nähe zu den Professoren schätze ich sehr. Da der Studiengang recht klein ist, ist sogar eine individuelle Betreuung möglich, in der ein spontanes Telefonat mit einem Professor nicht unüblich ist.

Für mich ist die Erzeugung von regenerativer oder ‘sauberer’ Energie und die Reduzierung von Wärmeverlusten ein Schwerpunkt. Besonders wichtig ist für mich die Transmission von ‘Altlasten’. Sprich: Je weniger Wärmebedarf ein Gebäude hat, umso weniger Energie muss auch bereitgestellt werden. Aktuell befinde ich mich im Praxissemester bei einem Ingenieurbüro, das sich mit der Planung technischer Gebäudeausrüstung beschäftigt. Diese Tätigkeit könnte ich mir durchaus für später vorstellen. Allerdings würde ich auch gern bei einem Hersteller für Wärmepumpen arbeiten, da mich dieses Thema sehr interessiert. Forschung finde ich ebenfalls spannend, besonders die Thermodynamik von verschiedenen Erzeugern der Wärme- und Kältetechnik.“

TEXT Robert Otto-Moog
FOTO Christina Kloodt