SELBSTBEWUSSTE PFLEGE: EIN BERUF FÜR MENSCHEN MIT HERZ

SELBSTBEWUSSTE PFLEGE: EIN BERUF FÜR MENSCHEN MIT HERZ

Mehr Kompetenzen, klare Grenzen zur Medizin und ein stärkerer Fokus auf die eigenen Möglichkeiten: Die Pflegeberufereform bringt ab Januar 2020 viele Veränderungen mit sich. Um den Übergang in der Ausbildung möglichst sanft zu gestalten, bereitet sich die Pflegeschule der Akademie des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH) am Standort Lübeck bereits seit zweieinhalb Jahren auf den Neustart vor. Davon profitieren auch die aktuellen Auszubildenden Hanna, Tracy und Tom.

 

Aus drei mach eins

Die Pflegeberufereform ordnet ab Januar 2020 die Ausbildung in der Pflege neu. Dafür werden die drei Ausbildungsberufe in der Altenpflege, der Gesundheits- und Krankenpflege sowie der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege abgeschafft und im Berufsbild Pflegefachfrau/mann zusammengefasst. Azubis können sich allerdings im dritten Jahr der Ausbildung spezialisieren. Die sogenannte generalistische Ausbildung wurde 2017 vom Bundestag beschlossen, bis 2023 soll die Übergangszeit abgeschlossen sein.

Tracy (22), Tom (19) und Hanna (20) sind im zweiten Ausbildungsjahr und gehören zu den letzten Azubis, die noch in den alten Berufen ausgebildet werden. Drei Mal im Jahr beginnen die Ausbildungen in Lübeck: Jeweils zum 1. April, 1. August und
1. Oktober fangen bis zu 30 zukünftige Pflegerinnen und Pfleger ihre Ausbildung an.

Für Tracy (22) war es schon immer wichtig, Menschen zu helfen.

 

Nach einem rund sechswöchigen Theorieteil geht es für die Azubis bereits in die Praxis. „Wir werden dann auf die verschiedenen Stationen verteilt und haben gleich Kontakt zu den Patienten“, berichtet Tracy. Die erste Zeit habe sie sehr geprägt. „Die Kollegen zeigen einem sehr viel. Ich habe mich sofort offen für neue Aufgaben gefühlt.“ Es sei toll zu sehen, was ein einzelner Mensch in der Pflege leisten könne. „Daran bin ich auch als Mensch unglaublich gewachsen“, erzählt die
22-Jährige. Es sei ihr schon immer ein Bedürfnis gewesen, Menschen durch schwierige Zeiten zu begleiten. „Ein Maurer sieht am Ende seiner Arbeit ein fertiges Haus, wir haben im besten Fall einen gesunden Menschen, der das Krankenhaus verlässt“.

Präventionsarbeit leisten, die Patienten auf die Therapien vorbereiten und „helfen, dass die Menschen gesund werden“, waren für Tracy die Gründe, warum sie sich für die Ausbildung am UKSH entschieden hat. Nach ihrem Mittleren Schulabschluss (MSA) hat sie ein vorbereitendes Jahr an einer Berufsschule mit Schwerpunkt Humandienstleistung absolviert.

Ich habe mehrere Notfallsanitäter in der Familie und wollte immer Kinderkrankenschwester werden.

Auch Hanna hat ein klares Bild von ihrem zukünftigen Beruf. Weil sie nach ihrem Schulabschluss (MSA) noch zu jung für eine Ausbildung im Krankenhaus war, absolvierte sie zunächst eine Ausbildung zur Sozialpädagogischen Assistentin. „Ich habe mehrere Notfallsanitäter in der Familie und wollte immer Kinderkrankenschwester werden. In meiner ersten Ausbildung habe ich den Umgang mit Kindern gelernt“, erzählt Hanna. „Allerdings wollte ich mehr.“ Sie wollte Kinder und ihre Eltern in schwierigen Phasen begleiten und die „helfende Hand“ sein.

Wie hart die Realität dann sein kann, merkte Hanna gleich zu Beginn. „Mein erster Patient war ein einjähriges Kind, das misshandelt worden ist. Es war ganz allein im Krankenhaus, hat keinen Besuch bekommen und brauchte Unterstützung. Wir waren dann wie eine Familie für das Kind.“ Hanna kümmerte sich jeden Tag um den kleinen Patienten und wurde mehr und mehr zur Bezugsperson. „Das hat mich in meiner Entscheidung bestärkt, mir aber auch gezeigt, wie psychisch belastend der Beruf sein kann.“

Anschließend stehen einem viele Türen offen.

Für Tom war ebenfalls früh klar, dass er im Krankenhaus arbeiten will. Seine Eltern, Großeltern und auch seine Schwester arbeiten in der Pflege, er selbst möchte „etwas Sinnvolles machen“ und sich für Menschen engagieren. Dieses Ziel verfolgt der 19-Jährige auch in seiner Freizeit: Als Ehrenamtler ist er im Jugendrotkreuz, in der Wasserrettung und im Katastrophenschutz aktiv. Nach einem Freiwilligen Sozialen Jahr in der Altenpflege hat er seine Ausbildung am UKSH begonnen. „Der Beruf ist körperlich und psychisch anstrengend, und daher nicht für jeden geeignet. Aber dafür stehen einem anschließend viele Türen offen“, berichtet Tom.

Bessere Vergleichbarkeit und mehr Attraktivität: Reform ist „Glücksfall“

Für Bettina Naujoks, Leiterin der Pflegeschule an der UKSH Akademie, ist die Pflegeberufereform „ein Glücksfall“. „Ich bin zutiefst überzeugt, dass es zu einer Attraktivitätssteigerung der Pflegeberufe insgesamt kommt“, sagt die Diplom-Pflegepädagogin. Durch die Umstellung gebe es eine bessere Vergleichbarkeit innerhalb der EU. „Außerdem wird schon in der Ausbildung ein Schwerpunkt auf die Kompetenzentwicklung gelegt“, erläutert Naujoks. „Die Azubis lernen, Risiken zu erkennen, daraus Maßnahmen abzuleiten und so die Sorge und Pflege in einer älter werdenden Gesellschaft sicherzustellen.“ Dazu gehöre, dass sogenannte vorbehaltliche Tätigkeiten festgelegt werden – also Tätigkeiten, die nur Pfleger durchführen dürfen und nicht mehr im Verantwortungsbereich der Ärzte liegen. „Die Gestaltung, Durchführung und Evaluation des gesamten Pflegeprozesses liegen dann in der Verantwortung des Pflegepersonals.“

Damit der Umbruch im kommenden Jahr möglichst geräuschlos über die Bühne geht, passen Bettina Naujoks und ihre Kolleginnen und Kollegen die Ausbildungsinhalte bereits seit zweieinhalb Jahrenden zunehmend den neuen Vorgaben an.
„Der Unterricht richtet sich vermehrt an Pflegediagnosen und Pflegeplänen aus, und nicht mehr an medizinischen Krankheitsbildern“, sagt Naujoks. „Im Kern geht es darum, zu sehen, wo die Pflegebedürftigkeit liegt und wie die Ressourcen bestmöglich eingesetzt werden.“

TEXT & FOTOS Lutz Timm