MINT For Her – ein Festival voller Vielfalt

MINT For Her – ein Festival voller Vielfalt

Mehr als 190 Schülerinnen sind am 26. August nach Heide gekommen, um sich auf dem MINT For Her Festival der Fachhochschule Westküste in Heide aus erster Hand über die große Bandbreite des MINT-Bereichs und vielfältige Perspektiven in technischen, naturwissenschaftlichen und innovativen Berufsfeldern zu informieren. Doch das Event hat noch weit mehr geboten: Bewerbungstraining, Bewusstsein für Nachhaltigkeit und bunte Lebenswege.

„Für mich schlägt Neugier Noten.“ Was Imke Nilsson in der Auftaktveranstaltung zum MINT For Her Festival 2026 sagt, kommt gut an. Fast so gut wie die Präsentation ihres eigenen Zeugnisses aus der 8. Klasse. Denn das war alles andere als gut und hat zum Wechsel vom Gymnasium auf die Realschule geführt. Ein Wow-Effekt für die Schülerinnen.

Denn ihre Schullaufbahn hat Nilsson nicht davon abgehalten, ihren Weg zu gehen, eine Ausbildung zur Chemielaborantin zu machen, Online-Kurse zu geben, die Selbständigkeit auszuprobieren und vieles mehr. Nach etlichen Stationen ist Nilsson heute Ausbildungsleiterin bei Covestro, einem weltweit operierenden Chemiekonzern mit einem großen Werk in Brunsbüttel.

Hier in Heide tritt sie heute als eines von vier weiblichen Vorbildern auf, die den Schülerinnen Perspektiven eröffnen und Mut machen. Neben ihrem bunten Lebensweg hat sie drei Tipps für die Zuhörerinnen mitgebracht: „Finde heraus, was dich wirklich fasziniert. Lass dir nicht sagen, was zu dir passt. Und probiere gern alles Mögliche aus.“

Auf Augenhöhe ausprobieren, experimentieren und entdecken

Genau das können die Schülerinnen nach einer kurzen Pause tun: Mehr als ein Dutzend Unternehmen und Institutionen haben unterschiedliche Angebote im Gepäck; Workshops, Experimente und Mitmachstationen laden die Schülerinnen ein, sich in kleinen Gruppen auszuprobieren, zu experimentieren und Technik und Naturwissenschaften für sich zu entdecken.

Einige Unternehmen rücken dabei konkrete berufliche Perspektiven in den Vordergrund, so beispielsweise das Büsumer Bauunternehmen Kähler Bau, das Schülerinnen für eine Ausbildung in immer noch stark männlich dominierten Handwerksberufen wie Zimmerer und Maurer interessieren will, aber auch eine Ausbildung zur technischen Systemplanerin und ein duales Studium Bauingenieurwesen anbietet.

Hier müssen Lösungen her

Auch im Salzlabor des Chemieunternehmens Sasol geht es um Ausbildungschancen. Orientiert an den Ausbildungsberufen Chemikantin, Chemielaborantin und Industriemechanikerin stellen die Schülerinnen an drei Stationen verschiedene Lösungen her, analysieren diese Lösungen und führen einfache Arbeiten am technischen Gerät durch.

Bei Brunsbüttel Ports und ihrer Muttergesellschaft Schramm Group geht es deutlich allgemeiner gefasst um Bewerbertraining, das hier und heute eigentlich Bewerberinnentraining heißen müsste. Hier erproben sich Schülerinnen in nachgestellten Bewerbungssituationen und erfahren unter anderem, welche immer noch häufig gestellten Fragen unzulässig sind. Mit Blick auf Bewerberinnen sind das vor allem Fragen zu Schwangerschaft, Kinderwunsch und Familienplanung, aber auch zur sexuellen Orientierung und zu Glaube und politischem Standpunkt. Viele dieser Informationen sind den Schülerinnen neu, die wenigsten haben schon Bewerbungsübungen in der Schule hinter sich.

Hund, Katze, Fuchs?

Dagegen bringen alle Erfahrungen mit Smartphones, sozialen Medien und Künstlicher Intelligenz (KI) mit. Doch während sie die Geräte und Anwendungen ganz selbstverständlich nutzen, ist vielen nicht klar, dass sie sich damit längst in einem wichtigen MINT-Bereich bewegen: der Informationstechnologie (IT).

Hier setzen der Software-Entwickler Singular IT mit Standorten in Leipzig und Lübeck und die Kieler Ennit GmbH an, die innovative Lösungen für die IT-Infrastruktur anbietet. Bei der Singular IT heißt es. „Werde selbst zur KI.“ Indem die Schülerinnen Bilder den Kategorien „Hund“ und „Katze“ zuordnen, erkennen sie, wie eine KI arbeitet und wie komplex schon einfache Aufgaben sind. Denn einige Hunderassen sehen selbst auf den zweiten Blick eher wie Katzen aus. Und was passiert, wenn ein Fuchs dazwischen rutscht? Den Schülerinnen vermittelt die spielerische Aufgabe ein erstes Gespür dafür, dass die KI auch gerne mal daneben liegt.

Was KI, Serien-Streaming übers Smartphone und Cloud-Dienste mit Nachhaltigkeit zu tun haben, vermittelt die Ennit GmbH. Sie möchte ein Bewusstsein dafür schaffen, wie viel Energie und Ressourcen die ganz alltägliche Nutzung von Handy, Internet & Co. schon heute frisst. Hinzu kommt der enorme Bedarf, der durch die Produktion ständig neuer Modelle von Mobilfunkgeräten entsteht. Eine nachhaltigere Nutzung der Geräte, vor allem aber innovative Lösungen für eine klimaneutrale IT können hier zumindest teilweise Abhilfe schaffen, so die Botschaft. Auch hier können sich spannende berufliche Perspektiven ergeben.

Es muss nicht immer MINT sein

Immer vorausgesetzt, dass die Schülerinnen dem etwas abgewinnen können. „Wir sind auch zufrieden, wenn die Teilnehmerinnen feststellen, dass der technisch-naturwissenschaftliche Bereich nichts für sie ist, weil sie sich beispielsweise stärker zu den Geisteswissenschaften hingezogen fühlen“, sagt Sönke Appel. Der Professor für Technische Informatik und Mikroelektronik am Fachbereich Technik der FH Westküste ist mitverantwortlich für das Programm „Moin MINT“ sowie für das jährliche Science Camp an der Hochschule und lässt heute Mini-Roboter programmieren. Entscheidend ist für Appel, jungen Menschen zunächst einen Zugang zu MINT-Themen zu bieten, damit sie entsprechende Neigungen überhaupt entdecken können.

Dieser Aufgabe hat sich auch die Stiftung Kinder forschen verschrieben. Auf dem Festival mit einem Stand des offiziellen Kooperationspartners für die Kreise Dithmarschen und Nordfriesland ME2BE prominent im Foyer vertreten, steht die Stiftung dafür, junge Menschen bereits ab dem Kindergartenalter für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik zu begeistern. Als Deutschlands größtes Fortbildungsprogramm für frühe MINT-Bildung legt die gemeinnützige Initiative damit einen wichtigen Grundstein für den Erfolg von Formaten, wie sie das heutige Festival bietet.

Fokus auf Mädchen und junge Frauen

Das gilt umso mehr, als sich einige der Initiativen der Stiftung bewusst an Mädchen richten. Ein Beispiel ist das Programm „Bits for Girls“: Hier geht es darum, Mädchen gezielt für Informatik zu begeistern und geschlechtsspezifischen Stereotypen früh entgegenzuwirken. „Denn obwohl Mädchen digitalen Themen ebenso offen und interessiert begegnen wie Jungen, werden ihnen Kompetenzen und Interesse in diesem Bereich oft weniger zugetraut“, heißt es in der Beschreibung des Programms.

Heute, so viel lässt sich am bunten Treiben und intensivem Austausch im Foyer zwischen den Stationen ablesen, gelingt es ziemlich gut, Perspektiven zu eröffnen, die Schülerinnen bislang gar nicht oder kaum wahrgenommen haben. Gerade auch für Mädchen und junge Frauen, die nicht aus akademischen Haushalten stammen.

Denn nur einen Stand weiter stehen die Vertreterinnen von der Initiative Arbeiterkind: Sie ermutigen junge Menschen aus nichtakademischen Familien zum Studium und begleiten die Menschen auf ihrem Weg – vom Studienbeginn bis zum Berufseinstieg.

Zwei von ihnen haben schon bei der Eingangsveranstaltung im Plenum ihren nicht ganz einfachen Lebensweg geschildert. Dass sie Erfolg hatten, erzählen sie, hat viel mit Vertrauen in die eigenen Interessen und Stärken, aber auch mit externer Unterstützung zu tun.

Am Ende des Festivals sind viele Schülerinnen ein wenig erschöpft vom umfangreichen Programm. Hätten sie lieber einen normalen Schultag gehabt? Nein, heißt es aus den Gruppen, die langsam zurück ins Foyer kommen. Viele Schülerinnen haben erstmals Perspektiven entdeckt, Mut geschöpft und Selbstvertrauen gewonnen, um sich auszuprobieren – ganz im Sinne der Role Models.

TEXT Christopher Nachtweh
FOTO FH Westküste