„KI an Schulen und Hochschulen“: Prof. Dirk Johannßen über KI-Chatbots in der Bildung

„KI an Schulen und Hochschulen“: Prof. Dirk Johannßen über KI-Chatbots in der Bildung

Warum wochenlang an einer Hausarbeit sitzen, wenn ein KI-Chatbot das in Sekunden erledigen kann? Künstliche Intelligenz spielt eine immer größere Rolle in Schulen und Hochschulen. Prof. Dirk Johannßen von der FH Westküste teilt in dieser Folge, welche Chancen KI-Chatbots seiner Meinung nach in der Lehre bieten – und wo ihre Grenzen liegen.

Weiter unten gibt es das komplette Video zum Podcast!

ME2BE: Ich bin Markus, Redakteur bei ME2BE und spreche heute mit Prof. Dirk Johannßen von der FH Westküste. Stellst du dich bitte einmal vor, Dirk.

Prof. Dirk Johannßen: Mein Name ist Dirk Johannßen. Ich bin Professor für Künstliche Intelligenz in der Mensch-Maschine-Interaktion an der Fachhochschule Westküste hier in Heide. Und ich habe die Ehre, in der Wirtschaftspsychologie zu lehren, aber auch ab diesem Wintersemester den neuen Studiengang Angewandte KI zu vertreten.

Wie funktionieren KI-Bots?

Ja, KI-Bots, das ist natürlich ein geflügeltes Wort in aller Munde. Im Grunde ist damit gemeint, dass diese Sprachmodelle, die grundlegend auf Basis des Internets trainiert wurden, jetzt gezielt zu Persönlichkeiten ausgebaut werden. Wir haben da so eine Art Avatare. Und wir können diesen Sprachmodellen auch eine gewisse Persönlichkeit geben durch sogenannte Prompts. Prompts sind genau gestaltete Eingaben und Befehle in diese Systeme. Als Beispiel: Ich könnte jetzt auf die Idee kommen, mit einem KI-Bot Spanisch zu lernen. Dann kann ich dem sagen: ‚Du bist jetzt eine spanische Brötchenverkäuferin. Ich spreche mit dir auf Spanisch. Du bist herzlich und nett. Und wenn ich einen Fehler begehe, dann korrigierst du mich und erklärst mir, was ich falsch gemacht habe.‘ Und dann reden wir weiter und auf einmal hat man sozusagen einen Gesprächspartner. Das heißt, man kann diesen KI-Bots durchaus Persönlichkeiten mitgeben, Instruktionen auf den Weg geben und damit dann weiterarbeiten. Wir haben tatsächlich eine Kollegin im Verlag, die mit ihrem Handy spricht und richtige Antworten kriegt. ‚Liebe Kollegin…‘ heißt es dann. Die merken sich manchmal auch die vorherigen Unterhaltungen und versuchen stellenweise, psychologisch zu spiegeln, wie es ein richtiger Mensch auch machen würde, und auf uns einzugehen. Also total spannend. Man kann da richtige Persönlichkeiten kreieren. Fast verrückt.

Wo sind KI-Bots einsetzbar?

KI-Bots sind im Grunde überall da einsetzbar, wo wir mit Menschen in Kontakt kommen. Das kann auch sehr abstrakt sein, wie zum Beispiel nur im Internet in der Kommentarfunktion. Das sehen wir ganz oft heutzutage, wenn wir auf Webseiten gehen, als ein kleines Assistenzfenster. Da steht so etwas wie: ‚Hallo, ich bin der Pepper‘ oder ‚Hallo, ich bin die Lisa und ich möchte gern mit dir sprechen‘. Überall da sind diese Bots eingestellt und reden mit einem. Man kann sie natürlich in der Lehre verwenden, um sich fortzubilden. Oder man kann sie als Lerncoach für Schülerinnen und Schüler zuhause verwenden. Oder man kann sie auch einstellen – das wird gern gemacht – als Experte oder Zeitzeuge. Man kann zum Beispiel sowas sagen wie: ‚Du bist jetzt Barack Obama und antwortest genau so, wie Barack Obama das in seiner Zeit als Präsident getan hätte‘. Und dann kann man wirklich Fragen zur politischen Grundgesinnung stellen und derart. Also der Einsatz ist wirklich ganz breit. Überall da, wo man auch mit Menschen in Kontakt kommt, kann man diese KI-Bots gut verwenden.

Wie verändern KI-Bots das Arbeitsleben?

Das Arbeitsleben wird durch KI-Bots dahingehend verändert, dass man sich vorstellen könnte, ich habe immer eine Expertin oder einen Experten neben mir sitzen. Manchmal kann es sein, dass ich mit diesen auch emotional arbeite. Also es kann ja durchaus mal sein, dass ich emotional einen Gesprächspartner oder eine Gesprächspartnerin brauche. Es kann aber auch sein, dass ich eine Expertin oder einen Experten auf einem Gebiet habe, die oder der mir dann Fragen, zum Beispiel medizinische Fragen, also Fachfragen, beantwortet oder mal ein Bild oder einen Programmiercode für mich erzeugt. All das muss man sich vorstellen als eine sehr versierte Freundin oder einen sehr versierten Freund, die oder der dann neben einem sitzt und einen unterstützt. 

Wie wird KI in Universitäten genutzt?

Der Einsatzbereich von Künstlicher Intelligenz in Universitäten ist sehr breit. Lange Zeit hatten wir, zumindest hier an der Fachhochschule Westküste, eine Diskussion darüber, ob wir Künstliche Intelligenz, sprich diese Sprachmodelle, überhaupt zulassen wollen. Ganz groß ist natürlich immer die Frage – und die treibt ja vor allem Schulen um – wenn es um Prüfungsleistungen geht. Also dürfen Studierende überhaupt für eine Hausarbeit KI verwenden? Dürfen sie in einer Prüfung wirklich KI verwenden? Und wir selbst haben da den Grundsatz, dass wir sagen: Wir wollen ja an der Fachhochschule gerade für die Realität ausbilden. Wir wollen uns überlegen: Wie arbeitet man später, wie sehen später Berufe aus, was sind Fähigkeiten, die man mitbringen muss, aber welche Fähigkeiten lagere ich auch aus? Natürlich haben junge Leute einen Taschenrechner zur Verfügung und können im Internet recherchieren. Und natürlich wird es später so sein, dass auch Sprachmodelle in aller Regel in irgendeiner Weise zur Verfügung stehen werden. Bei mir ist es sogar so, dass ich unter anderem Statistik unterrichte und selbst in Statistik sage ich stellenweise: ‚Ja, die Studierenden dürfen Sprachmodelle, KI-Bots und Assistenten verwenden‘. Nur die Lösung muss halt Sinn ergeben, es muss kritisch geprüft werden, ob die Lösung überhaupt funktioniert. Und auch eine Voraussetzung ist, wenn ich eine ganz einfache Lösung gezeigt habe für irgendeine Berechnung oder so, und die Studierenden haben eine super komplizierte, viel zu lange, die kein Mensch versteht, dann würden die Studis zum Beispiel Abzug bekommen, weil das ja kein Mensch mehr wirklich verwenden kann. Aber dass sie Chatbots verwenden können, um Lösungswege zu finden, genau das wollen wir im Grunde. Das sieht aber natürlich nicht jede Hochschule so, nicht jede Universität erlaubt Chatbots, aber wir sagen ganz eindeutig: ‚Das gehört dazu‘. Und wir bauen Chatbots stellenweise auch in unseren Vorlesungen ein. Wir sagen dann oft: ‚Okay, die neuesten Entwicklungen sehen so aus und hier werden Chatbots verwendet dafür‘. Das heißt, wir versuchen, das sogar aktiv zu unterstützen und die Studierenden auch aktiv heranzuführen.

Wo sind die Grenzen, auch für Schulen?

Die Grenzen von diesen Chatbots sind aus meiner Sicht vor allem mentale. Die Grenze zu verstehen, dass Chatbots – obwohl sie menschlich wirken, obwohl sie total nahbar sind, obwohl sie sozusagen der Kumpel an meiner Seite sein können – trotzdem noch Maschinen sind. Dahinter steckt trotzdem noch Informatik, dahinter stecken trotzdem noch Berechnungen, auch wenn wir sie oft, weil sie so groß sind, gar nicht mehr verstehen. Aber das ist keine reale Person und vor allem machen diese Geräte auch Fehler. Die können mal falsch liegen, die können mal Details unterschlagen, die können sogar – was man auch kennt, aber weniger geworden ist – halluzinieren. Das heißt, oft ist es so, dass so ein KI-Bot gezwungen ist, eine Antwort zu geben. Und wenn diese Systeme die Antwort gerade mal nicht haben, dann denken die sich manchmal was aus. Das ist so wie ein sehr versiertes Kind, das erklären muss, warum auf einmal die Vase in Trümmern liegt. Aber das war natürlich jemand anders oder da kam eine Katze durch das Fenster und hat die umgeworfen. Und im übertragenen Sinne kann das bei diesem System auch passieren. Ein Paradebeispiel ist immer, wenn Studierende oder Schüler einen Aufsatz oder eine Hausarbeit schreiben und Quellen angeben müssen. Und dann guckt man sich dieses Quellenverzeichnis an als Professor und muss feststellen, dass ein Teil davon gar nicht existiert. Niemand hat jemals eine solche Studie geschrieben, so ein Buch wurde nie verfasst. Die Situation war dann, dass diese Modelle sich einfach irgendwelche Quellen ausgedacht haben. Und heutzutage muss man auch anmerken, dass diese Modelle, die ja auf das ganze Internet trainiert sind, manchmal Falschinformationen drin haben, dass sie auf Falschinformationen reinfallen. Es gibt ein großes Netzwerk, das gerade entdeckt wurde, an Onlineartikeln, die Russland verfasst hat. Das sind irgendwie 175.000 Artikel, die nie ein Mensch gesehen hat, aber die von sogenannten Internetcrawlern, Robotern, die sozusagen das Internet lesen, gesehen wurden. Und die wandern dann in diese Modelle rein. Man hat also untersucht, dass manche dieser Sprachmodelle zum Beispiel russische Propaganda drin haben. Oder Deepseek sollte man nicht nach dem Platz des himmlischen Friedens fragen. Da ist etwas Schlimmes passiert und dazu sagt Deepseek dann auch nichts, weil die Partei das in dem Modell nicht drin haben wollte. Das heißt, diese Grundhaltung – das ist kein Mensch, das ist immer noch ein Programm, das Ding kann sich irren, das Ding kann halluzinieren. Und es gibt heutzutage auch Effekte, dass wir wirklich sehen, da landen manchmal Fake News, Falschinformationen oder Propaganda in den Modellen – das ist so eine Medienkritik, die man kennen sollte. Und das ist natürlich besonders in Schulen wichtig, wo Schülerinnen und Schüler vielleicht zu blind vertrauen, was da so drin steckt.

Vielen Dank fürs Gespräch!

Sehr gerne.

Jetzt reinhören!

TEXT Markus Till / Mareike Neumann
FOTO Sebastian Weimar