Klimaschutz und Studium: Bauwesen an der FH Kiel

Klimaschutz und Studium: Bauwesen an der FH Kiel

Prof. Dr.-Ing. Frauke Gerder-Rohkamm ist Studiengangsleitern am Institut für Bauwesen der FH Kiel. Im Interview spricht die Professorin über den Weg zum klimaneutralen Bauen und den großen Einfluss, den Bauingenieure darauf haben.

Deutschland will 2045 klimaneutral sein. Was wird das für den Berufsalltag der Bauingenieure bedeuten, die Sie heute ausbilden?

Frauke Rohkamm: Dass sie bei jedem Projekt die CO2-Bilanz im Blick haben, und zwar über den gesamten Lebenszyklus hinweg: von der Planung über den Bau und Betrieb bis zum Rückbau irgendwann in der Zukunft. Ich wundere mich manchmal, dass das nicht längst selbstverständlich ist, trotz des Bewusstseinswandels, den Fridays for Future und andere bewirkt haben. Wäre die Zementindustrie ein Land, würde sie im Ranking der CO2-Verursacher gleich hinter den USA und China rangieren. Daran sieht man, wie viel Einfluss Bauingenieure schon bei der Auswahl ihrer Baustoffe haben, aber auch, wie groß ihre Verantwortung ist.

Wie werden Sie dem an der FH Kiel gerecht?

Unser Vorteil ist, dass wir den Studiengang 2018 ganz neu ins Leben gerufen haben. Wir konnten Themen wie Klimaschutz und Green Building von Beginn an im Studienablauf verankern und mussten den Stoff nicht nachträglich in bestehende Strukturen einbauen.

Beton ist ein Baustoff mit tollen Eigenschaften, aber er hat ein CO2-Problem

Was bedeutet das konkret? Mit welchen Inhalten beschäftigen Sie sich?

Eine wesentliche Frage betrifft die Materialien, die im Bau eingesetzt werden. Beton zum Beispiel ist ein Baustoff mit vielen vorteilhaften Eigenschaften, hat aber das beschriebene CO2-Problem. Auch Stahl ist sehr CO2-intensiv. Wir beschäftigen uns deshalb damit, wie man zu schlankeren Strukturen im Bau kommt und wo man alternative Baustoffe wie etwa Basaltbewehrung oder Carbonfasern einsetzen könnte. Auch die Wiederaufarbeitung von Altmaterialien spielt eine große Rolle. Oft werden solche Rohstoffe einfach geschreddert und als Unterbau im Straßenbau verwendet, aber dafür sind sie viel zu wertvoll. Wir müssen endlich in Kreisläufen denken.

Wird auch Holz als Baustoff künftig eine größere Rolle spielen?

Auf jeden Fall! Wir bekommen an der FH hoffentlich bald eine Professur für Holzbau. Daran ist übrigens auch die Holzwirtschaft hier im Norden sehr interessiert. Holz ist bislang eher in Süddeutschland, Österreich und der Schweiz verbreitet, hat aber definitiv eine große Berechtigung im Bau, auch in Kombination mit anderen Stoffen wie eben Beton.

Ein Großteil der Gebäude stammt aus den Sechzigern und Siebzigern – was bautechnisch eine Vollkatastrophe ist

Geht es in Ihrem Studiengang allein um Neubauten oder auch um Bestandsimmobilien?

Wir legen einen großen Schwerpunkt auf Sanierungen. Daran führt schon mit Blick auf den Klimaschutz kein Weg vorbei. Über 90 Prozent der Gebäude in Deutschland stammen aus der Zeit vor 2000, als es noch keine hinreichenden Energiestandards gab. Ein Großteil davon stammt aus den Sechzigern und Siebzigern – was bautechnisch eine Vollkatastrophe ist, um es mal plakativ zu formulieren. Die spannende Frage ist, wie wir damit umgehen. Pauschale Antworten darauf gibt es nicht, weil so viele verschiedene Punkte hineinspielen – soziale Aspekte etwa oder Fragen der Baukultur. Wir wollen Gründerzeitfassaden ja nicht hinter einer schmucklosen Wärmedämmung verstecken, und wenn Altbauten energetisch saniert werden, aber die Mieten anschließend unerschwinglich sind, ist der Gesellschaft auch nicht geholfen. Deswegen finde ich es so wichtig, über den Tellerrand zu blicken und interdisziplinär an den großen Fragen zu arbeiten. Eine einzelne Berufsgruppe wird das Klimaproblem im Bauwesen nicht lösen – dazu braucht es die Zusammenarbeit aller Beteiligten.

Man kann nur in einem Bereich wirklich gut werden, für den man sich begeistert

Das klingt, als sollte man mehr mitbringen als ‚nur’ gute Mathenoten, wenn man das Studium bei Ihnen beginnt.

Mathe ist natürlich wichtig, gerade in den ersten Semestern, bevor man sich spezialisiert. Aber ich zum Beispiel hatte im Abi Französisch und Kunst als Leistungskurse, und daran ist es auch nicht gescheitert (lacht). Das Wichtigste ist, dass die Studierenden Herzblut, Neugier und Begeisterungsfähigkeit mitbringen! Man kann nur in einem Bereich wirklich gut werden, für den man sich begeistert.

Was für einen Hintergrund haben die Studierenden in der Regel?

Sehr unterschiedlich. Viele haben vorher eine Ausbildung gemacht und wollen tiefer in die Materie einsteigen. Wir haben zum Beispiel Dachdecker, Maurer, Betonbauer, Tischler oder Bauzeichner. Andere kommen aus Familienbetrieben wie Baufirmen oder Planungs- und Ingenieurbüros, die sie später übernehmen wollen. Und wieder andere schreiben sich direkt nach der Schule ein und wissen oft noch gar nicht, wohin sie wollen und was man mit dem Studium alles machen kann. Der Bereich Bauingenieurwesen ist ja sehr vielfältig. Man kann im konstruktiven Ingenieurbau landen, sich mit dem Themen Green Building und Energieeffizienz beschäftigten, in den Straßen- oder Wasserbau gehen oder auch in einen Bereich, der gerade hier in Schleswig-Holstein durch den Klimawandel wichtiger werden wird: den Küstenschutz.

Wie finden die Studierenden ihre jeweilige Nische?

Dazu ist vor allem die Praxisphase im fünften Semester eine gute Orientierungshilfe. Bis dahin ist das Studium für alle gleich. Wenn die Studierenden dann für mehrere Monate den Alltag in einem konkreten Beruf erleben, wissen sie meist sehr gut, ob sie dieser Bereich reizt. Das muss übrigens nicht unbedingt ein Unternehmen in der Privatwirtschaft sein. Es gibt auch viele Behörden, in die man reinschnuppern kann. Das Umweltamt hier in Kiel zum Beispiel befasst sich gerade sehr intensiv mit der Frage, wie man ganze Stadtquartiere klimagerecht weiterentwickeln kann. Auch daran erkennt man die Vielfältigkeit dieses Berufsfeldes.

TEXT Volker Kühn
FOTO Hanna Börm

„Ich bin immer noch begeistert“

Stefanie Teupe (35), studiert Bauingenieurwesen im 5. Semester an der Fachhochschule Kiel unter Prof. Dr.-Ing. Frauke Rohkamm.

„Nach meiner Ausbildung im kaufmännischen Bereich wurde mir bewusst, dass ich mich noch weiterentwickeln möchte. Mein Interesse galt schon länger dem Bauwesen und besonders der Gebäudeplanung der Zukunft. Green Building-Themen wie ressourcenschonendes, energieeffizientes Bauen und die Erhaltung alter Gebäude, was ja ebenfalls zur Nachhaltigkeit beiträgt, faszinieren mich, weil sie insgesamt Aufgaben einer zukunftsorientierten Baubranche sind. Diese und viele andere Aspekte bilden Schwerpunkte meines Studiums Bauingenieurwesen. Mittlerweile studiere ich im fünften Semester an der Fachhochschule Kiel und bin immer noch begeistert.

Der Studiengang ist sehr vielseitig. Man sollte allerdings über gute mathematische und physikalische Vorkenntnisse verfügen und ein Verständnis für Statik haben. Sie wird in vielen Modulen angewendet. So lernt man beispielsweise, was ein sogenannter Lastabtrag in Gebäuden ist. Außerdem erhält man ein vertieftes Fachwissen bezogen auf  verschiedene Baustoffe wie Beton, Stahl und Holz: Welche Festigkeiten besitzen die Baustoffe, wie kann man sie konstruktiv zusammen verwenden, und wie können die verwendeten Rohstoffe wieder recycelt werden. Mein Pflichtpraktikum mache ich momentan bei der Thomas Beton GmbH in Kiel. Ich kann viel von meinem erlernten Wissen anwenden und vertiefen, insbesondere in der Betontechnologie. Zukünftig kann ich mir sehr gut vorstellen, auf der Projektebene tätig zu sein und bei innovativen, nachhaltigen Projekten mitzuwirken.“

TEXT Anja Nacken
FOTO Christina Kloodt