Im Möller Technicon in Wedel begreifen Schülerinnen und Schüler technische Sachverhalte unmittelbar. Klassenweise besuchen sie einen Vormittag lang den Erlebnisraum und können dort spielerisch ihre Begeisterung für MINT-Themen entdecken. Weitere Angebote für Kinder und Jugendliche gibt es an den Wochenenden.
Es ist ein Mittwochmorgen im Mai, kurz vor neun Uhr, in den Räumen des Möller Technicons auf dem Gelände der ehemaligen JD Möller Optische Werke in Wedel. Gerade wird eine vierte Klasse der Albert-Schweitzer-Schule aus der Stadt im Hamburger Westen in drei Gruppen aufgeteilt. Gleich kann es losgehen: Die Schülerinnen und Schüler werden an drei Stationen verschiedene technische Phänomene entdecken und aktiv mitgestalten.
„Das ist heute die elfte Wedeler Grundschulklasse, die wir im laufenden Jahr zu Besuch haben“, erklärt Claus Dobrowolski, Schatzmeister und 2. Vorsitzender des Fördervereins Möller Technicon e. V.: „Unser Ziel ist, im Jahresverlauf für jede vierte Klasse in Wedel ein Kinder-Labor zu veranstalten.“ Hinzu kommen Wochenend-Labore für Kinder und Jugendliche, insgesamt besuchten das Technicon im vergangenen Jahr rund 450 junge Menschen.
Mehr Anfragen als Plätze
Ein ambitioniertes Projekt, das für das Technicon und seine zumeist ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch eine Herzensangelegenheit ist. Der Erfolg gibt ihnen recht: Mittlerweile seien die Labore so beliebt, dass auch Schulen aus den umliegenden Gemeinden anfragten, erzählt Dobrowolski. Bis auf Weiteres seien sie allerdings voll ausgelastet.
Warum die Kinder-Labore so beliebt sind, zeigt sich auch heute. Noch ist es alterstypisch unruhig, Taschen, Jacken und Rucksäcke werden verstaut; gleichzeitig ist Vorfreude zu spüren in diesen Räumen, die etwas improvisiert wirken. Hier stehen Mikroskope, Kameras und andere optische Gerätschaften in Regalen und Vitrinen; dort Transistorradios, Kassettenrekorder und weitere Akustik-Technik.
Die Sammlung ist der Geschichte der Einrichtung geschuldet: Das Technicon wurde bereits 2006 von ehemaligen Mitarbeitenden lokaler Technikunternehmen sowie engagierten Bürgerinnen und Bürgern Wedels gegründet. Ziel war zunächst, die Technikindustrie-Geschichte der Stadt mittels einer Ausstellung nachzuzeichnen. Davon zeugen bis heute zahllose Fotografien früherer Werkshallen und Betriebsstätten auf den Fluren des Technicons; hinzu kommen Produktprospekte, Zertifikate aus mehreren Jahrhunderten und eine Zeitleiste, auf der alle Wedeler Technikbetriebe von 1859 bis heute verzeichnet sind.
„Made in Wedel“: weltweit führende Technik
Denn die Geschichte der Technik „Made in Wedel“ ist lang und vielfältig: Prominentester Vertreter sind die bereits genannten JD Möller Optische Werke, die heute als Teil einer Schweizer Unternehmensgruppe als Möller-Wedel Optical firmieren. 1864 als kleine optische Werkstatt gegründet, entwickelte sich Möller im 20. Jahrhundert zu einem weltweit führenden Unternehmen für Präzisionsoptik und Messtechnik.
Auf dem Feld der Akustik ist Wedel ebenfalls prominent vertreten: Dort fand ab 1955 die Produktion von Tonbandtechnik durch die AEG-Tochter Telefunken statt. Das Aufzeichnungsverfahren hatte der Ingenieur Eduard Schüller entwickelt, der zudem als Pionier des Videorekorders gilt. Hervorzuheben sind zudem die grundlegenden Entwicklungen zur mittlerweile weltweit eingesetzten Photovoltaik durch die Firma AEG sowie die zahlreichen weiteren Betriebe auf dem Zeitstrahl, die das Bild Wedels als Technikindustrie-Standort geprägt haben und teilweise bis heute prägen.
Verbindungen herstellen, Strom messen, für Bewegung sorgen
Mehr noch in Staunen als die Ausstellungsstücke und die Wedeler Industrie-Geschichte versetzt die drei Schülergruppen indessen das eigenständige Experimentieren. Die Schülerinnen und Schüler konzentrieren sich ganz auf das, was ihnen an den drei Stationen des Kinder-Labors geboten wird: Angeleitet von ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mit technischem, pädagogischem oder museumspädagogischem Hintergrund entdecken sie spielerisch die Welt der Optik; sie basteln ihr jeweils eigenes kleines Solarmobil und müssen dafür unter anderem selbständig die entsprechenden Verbindungen löten; sie machen verschiedene Versuche auf den Feldern Photovoltaik und Elektrotechnik, messen Ströme und bringen einen Mini-Helikopter in Bewegung.

Klar zum Start: In Experimenten erfahren Schülerinnen und Schüler, wie selbst kleine Solarmodule für den Antrieb unterschiedlicher Geräte sorgen.
„Der unmittelbare Umgang mit Solarmodulen, Verkabelung und Messtechnik lässt die Kinder Technik im wahrsten Sinn des Wortes begreifen“, sagt Schatzmeister Dobrowolski, während die Kinder Kabel mit Lüsterklemmen verbinden, Multimeter bedienen und Laserstrahlen in einer Dampfwolke betrachten: „So können sie spielerisch eine Begeisterung für MINT-Themen entwickeln.“ Ein weiterhin wichtiges Anliegen.
MINT-Themen im Fokus
Denn über die wachsende Bedeutung von MINT-Themen – also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik – im gesamtgesellschaftlichen Kontext herrscht heute weitgehend Konsens. Erst vor kurzem hat die Kultusministerkonferenz (KMK) die Relevanz von MINT-Bildung vor dem Hintergrund eines rasant fortschreitenden wissenschaftlich-technologischen Wandels und eines steigenden Fachkräftebedarfs neuerlich hervorgehoben und entsprechende Empfehlungen für die schulische Bildung abgegeben. „Die Orientierung in einer von informatisch- naturwissenschaftlich-technologischen Errungenschaften geprägten Welt erfordert ein hohes Maß an Bewertungs-, Urteils- und Entscheidungs- sowie Gestaltungs- und Handlungskompetenz. MINT-Bildung führt Kinder und Jugendliche an diese Kompetenzen heran“, heißt es in der Empfehlung der KMK zur Stärkung der mathematisch-informatisch-naturwissenschaftlich-technischen Bildung in der Fassung von Juni 2024.
Außerschulische Angebote wie die des Technicons bleiben eine wichtige Ergänzung. Insbesondere weil sie Erfahrungen ermöglichen, die im klassischen Schulunterricht nur schwierig zu vermitteln sind. Zudem lassen sich gerade im Jugendbereich Technik-Themen über im Lehrplan vorgesehene Inhalte hinaus gezielt vertiefen.
Große Pläne für die Kleinen – und für alle anderen
Konsequenterweise möchten die Vorstände des Fördervereins die Aktivitäten deutlich ausweiten. Den entscheidenden Grundstein haben sie im vergangenen Jahr mit der Gründung des Vereins gelegt: Seither ist das Möller Technicon, zuvor an das Wedeler Stadtmuseum angegliedert, vollständig unabhängig. „Das schafft neue Finanzierungsmöglichkeiten“, sagt der Schatzmeister, „denn viele grundsätzlich interessierte Firmen durften aus Compliance-Gründen keine Gelder an städtische Einrichtungen spenden.“ Mittlerweile ist die Zahl der Mitglieder des Fördervereins auf Förderer auf 58 angewachsen; insgesamt 13 Firmen, Stiftungen und Privatpersonen fördern das Technicon derzeit finanziell.
„Die Eigenständigkeit eröffnet neuen Spielraum bei der Weiterentwicklung der Ausstellung, der Jugendarbeit, der Spendenakquise und vor allem auch dabei, engagierte neue Mitstreiter zu gewinnen“, ergänzt der erste Vorsitzende des Vereins Oliver Schulz-Oster.

Eines von zahlreichen Mikroskopen in der Ausstellung des Möller Technicons: Mit Präzisionsoptik sind die namensgebenden JD Möller Optische Werke groß geworden.
Praxisorientierte Bildungsformate und Berufsorientierung
Die Jugendarbeit steht dabei weiterhin im Fokus. Konkret geplant ist, die Zusammenarbeit mit Schulen, Hochschulen und regionalen Technologieunternehmen wie Airbus und DESY auszuweiten, um praxisorientierte Bildungsformate, Berufsorientierung und -vorbereitung anzubieten. Gleichzeitig wollen Schulz-Oster und Dobrowolski ein Netzwerk aus jungen Fachkräften, Studierenden und sonstigen Technikinteressierten etablieren. Sie sollen neben aktuellen Entwicklungen auch die Technikgeschichte vermitteln, indem sie das Wissen der aktuellen Experten bewahren und weitergeben und insbesondere jungen Menschen so eine umfassendere Perspektive auf Technik-Themen zu eröffnen.
In diesem Zusammenhang strebt der Verein auch eine Modernisierung der Ausstellung an. Technikgeschichte soll noch besser erfahrbar sein – für Schülerinnen und Schüler, aber auch für alle anderen Besucherinnen und Besucher. Dafür sollen moderne Präsentationstechniken und interaktive, multimediale Elemente die vorhandenen Exponate ergänzen und für ein Technik-Erlebnis am Puls der Zeit sorgen.
Neue Räume für neue Technik – und die alte
Auch das klingt ambitioniert in den Räumen, in denen die Kinder gerade noch zwischen Exponaten und Plakaten experimentieren. Doch die Grundsteine für das erweiterte Konzept stehen längst: Direkt neben dem derzeit provisorisch untergebrachten Technicon befindet sich ein ehemaliges Verwaltungsgebäude.
Und während der Schweizer Konzern als neuer Eigner der Möller-Wedel auf dem Betriebsgelände ringsherum gerade Platz für 300 neue Wohnungen, Gastronomie und einen Marktplatz schafft, wird er dieses Gebäude umfassend sanieren – großzügigen Raum für das Möller Technicon und dessen Wünsche inbegriffen.
Damit rückt das etablierte Zentrum für die Wedeler Technikgeschichte und die Vermittlung von Technikerfahrungen direkt in eine erweiterte Stadtmitte und soll ein zentraler Anziehungspunkt werden.
Ungeachtet der eingerissenen Gebäude und Baustellen im Umfeld war es das für die Schülerinnen und Schüler der Albert-Schweitzer- Schule schon heute. Denn sie haben etwas Besonderes erlebt: Technik, die begeistert. Viele wollen wiederkommen.
TEXT Christopher Nachtweh
FOTO Mubarak Bacondo


