Wie schaffen wir es, dass Schule nicht nur ein Ort ist, an dem Wissen vermittelt wird, sondern an dem Kinder und Jugendliche fürs Leben lernen? Um diese Frage ging es bei der Veranstaltung „Dialogforum Schule: Schule als Lebensort“ an der Lilli-Martius-Schule in Kiel. Neben der Präsentation bestehender Schulprojekte hielt Theresa Inclán von der Initiative „Schule im Aufbruch“ eine spannende Keynote.
„Schule ist ein Ort, der viel mehr ist als Unterricht und Lernen. Die Zeit, die Kinder hier verbringen, prägt sie für ihr gesamtes Leben“, leitete Schulrätin Bettina Becker das Event am Montagabend ein. Rund 25 Lehrkräfte, Eltern, Kinder und Interessierte hatten sich in der Mensa der Lilli-Martius-Schule (LMS) in Kiel versammelt, um über die Bedeutung der Schule für den weiteren Lebensweg von Kindern und Jugendlichen zu sprechen. Mit dem Dialogforum möchte die Hermann Ehlers Akademie einen Raum für offenen Austausch zwischen Menschen aus unterschiedlichen Lebens- und Arbeitsbereichen schaffen.
Der „Schuli-Club“
Zu Beginn wurden bestehende Schulprojekte vorgestellt, darunter auch der „Schuli-Club“. Dieser soll Kindergartenkindern, die kurz vor der Einschulung stehen, die Chance geben, die Abläufe an Schulen kennenzulernen. Beteiligt sind zahlreiche Kindertagesstätten im Kieler Umkreis, wie zum Beispiel das Familienzentrum Elmschenhagen, die KiTa Franzensbader Straße oder der Kinderladen Elmschlinge. Zweimal pro Woche besuchen rund 15 bis 20 Kinder für je eine Stunde die Lilli-Martius-Schule Kiel. Das Fazit ist positiv: Die Kinder hätten von den Schulbesuchen profitiert und seien selbstsicherer und selbstständiger geworden. Zudem seien Gefühle wie Ängste und Unsicherheit bei vielen Kindern weniger geworden und die Hemmschwelle vor Schulbeginn sei gesunken.
„Schule ist ein Ort, der viel mehr ist als Unterricht und Lernen. Die Zeit, die Kinder hier verbringen, prägt sie für ihr gesamtes Leben.“
Schulrätin Bettina Becker
Der MINT-Tag: Naturwissenschaften zum Anfassen
Frank Lüthjohann, Lehrer für Naturwissenschaften an der Lilli-Martius-Schule, stellte ein weiteres erfolgreiches Schulprojekt vor: den MINT-Tag. Einmal pro Halbjahr besuchen die Schülerinnen und Schüler des achten Jahrgangs außerschulische Lernorte wie zum Beispiel den Falkensteiner Strand, das GEOMAR oder die HAW Kiel. „Am GEOMAR hat ein Meeresforscher unseren Schülern Einblicke in seine Arbeit gegeben. Der Vorteil ist, dass die Jugendlichen auf diese Weise Naturwissenschaften authentisch erleben“, erklärt Frank Lüthjohann. Auch für die Berufsorientierung seien die Exkursionstage wichtig, weil die Schülerinnen und Schüler mit Auszubildenden ins Gespräch kommen und Fragen stellen können. Ihre Lernfortschritte halten die Achtklässlerinnen und -klässler in digitalen Forschertagebüchern fest. „Evaluationen haben gezeigt, dass sich vor allem Mädchen nach dem MINT-Tag eher vorstellen können, im MINT-Bereich zu arbeiten“, berichtet Lüthjohann.
Von „Schule trifft Handwerk“ bis hin zum Impact Battle
Im Anschluss trat Andrea Günther, Lehrkraft für Französisch und WiPo, auf die Bühne und teilte einige Erfolgsgeschichten von Schülerinnen und Schülern, die durch die Schulprojekte einen Ausbildungsplatz gefunden haben. Lobend hob sie unter anderem die Reihe „Schule trifft Handwerk“ hervor. Ob Dachdecker, Klempner oder Kfz-Mechatroniker – die Initiative der Kreishandwerkerschaft Kiel gibt den achten bis zehnten Klassen die Chance, handwerkliche Berufe zu entdecken. Ein weiteres Projekt, an dem die LMS teilgenommen hat, ist das Impact Battle, das im Rahmen der Social Entrepreneurship Education (SEEd) im Metro Kino Kiel Anfang des Jahres stattfand. Insgesamt elf Teams von elf verschiedenen Schulen pitchten im großen Finale ihre innovativen Ideen. Die LMS Kiel wurde von fünf Schülerinnen vertreten, die eine eigene App entwickelten. Diese hat das Ziel, die Nutzung des Smartphones einzuschränken. Auch wenn es letztendlich nicht zum Sieg gereicht hat, betonte Andrea Günther, wie positiv sich die Teilnahme am Wettbewerb auf das Selbstbewusstsein der Mädchen und die Beteiligung im Unterricht ausgewirkt habe.
„Evaluationen haben gezeigt, dass sich vor allem Mädchen nach dem MINT-Tag eher vorstellen können, im MINT-Bereich zu arbeiten.“
Lehrer Frank Lüthjohann
Theresa Inclán von „Schule im Aufbruch“
Zum Abschluss hielt Theresa Inclán, Prozessbegleiterin der Schule im Aufbruch gGmbH, eine Keynote und gab Einblicke in die Vision der Bildungsorganisation. Ziel der 2012 gegründeten Initiative ist es, Schulen in Transformationsprozessen zu begleiten. Denn: „Ohne zukunftsfähige Schulen gibt es auch keine nachhaltige und zukunftsmutige Gesellschaft“, appellierte Inclán an das Publikum. Um das zu erreichen, sollten Schulen sich an die 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen halten. Diese sind Teil der Agenda 2030 und sollen nachhaltigen Frieden und Wohlstand fördern und zum Schutz unseres Planeten beitragen. Dazu gehören unter anderem Ziele wie Hochwertige Bildung, Maßnahmen zum Klimaschutz oder Geschlechtergleichheit. Gerade in Hinblick auf aktuelle globale Herausforderungen wie den Klimawandel oder die zunehmende Bedeutung von Künstlicher Intelligenz in der Arbeitswelt sei es wichtig, Kinder zu aktiven „Change Agents“ zu erziehen.
Im Anschluss an ihre Keynote öffnete Inclán den Raum für Fragen und Austausch. Es entstand eine rege Diskussion über die bereits erreichten Erfolge, aber auch über die Herausforderungen bei der Umsetzung im Schulalltag. Denn solche Schulprojekte „kosten immer viele Ressourcen und leben davon, dass sich Lehrkräfte über die regulären Arbeitszeiten hinaus engagieren“, betonte Schulleiter Torben Wegner zum Abschluss. Der Abend endete aber mit einem optimistischen Ausblick: „Hier entsteht ganz viel. Das ist mehr als Lesen, Rechnen und Schreiben.“
TEXT & FOTO Mareike Neumann

