Schnittstelle zwischen Medizin und Management

Schnittstelle zwischen Medizin und Management

Gesundheit wird ein Megatrend der Zukunft – da sind sich alle Experten/-innen einig. Die Technische Hochschule Lübeck bietet deshalb in allen vier Fachbereichen eine Vielfalt interessanter Studiengänge an. Sie reichen von Gesundheitswirtschaft über Bauen im Gesundheitswesen bis Biomedizintechnik und Hörakustik. ME2BE Campus stellt zwei von ihnen auf den nächsten Seiten vor.

Im Interview: Prof. Oliver Rentzsch lehrt Betriebswirtschaft mit dem Schwerpunkt Gesundheitswirtschaft an der TH Lübeck

FH_Lübeck_Prof_Rentzsch (2) KopieFH_Lübeck_Prof_Rentzsch (2) KopieEin man nit Brille lächelt in die Kamera. ME2BE: Eine private Frage vorab: Sie haben ja selbst als Arzt im Krankenhaus gearbeitet. Warum haben Sie sich später für die Betriebswirtschaft entschieden?
PROF. RENTZSCH: Ich war und bin schon immer breit interessiert gewesen. Schon im Studium habe ich zusätzlich Ingenieurwissenschaften und auch ein wenig BWL studiert. Ich denke mal, ein Schwerpunkt meiner Interessen liegt also eher in den „Schnittstellen“ zwischen verschiedenen Disziplinen. Während meiner Tätigkeit als Arzt, die mir wirklich viel Spaß macht, sind immer mehr fachübergreifende Managementfragen in der klinischen Tätigkeit aufgetreten. So entstanden schnell neue Aufgaben, genau an der Schnittstelle zwischen Medizin und Management, die beide einfach enger zusammenrückten und somit genau meine Interessen trafen. Es waren Aufgaben im Medizin-Management, im Qualitätsmanagement, der EDV und der medizinischen Steuerung von Kliniken.

Warum wird der „Kampf ums Geld“ in Kliniken und Arztpraxen immer wichtiger?
Zunächst mal ist eine Ursache ganz einfach: „Ohne Moos nichts los“. Die Praxen, die Kliniken, die Medizintechnik, die Pharmazie sind Unternehmen, diese können einfach nicht bestehen, wenn sie auf Dauer mehr Geld ausgeben, als sie einnehmen. Die Gehälter, die Technik, die Verbrauchsmittel müssen halt auch bezahlt werden. Gleichzeitig können wir immer mehr in der Medizin machen, mehr Krankheiten behandeln, neue Technologien nutzen und wir wollen dies ja auch. Im Gegensatz dazu sind die Finanzmittel der Gesellschaft begrenzt. Es ist also nicht so sehr ein „Kampf ums Geld“, sondern ein täglicher Kampf, das „Beste mit dem verfügbaren Geld“ zu machen.

Wie berücksichtigt die FH Lübeck mit der BWL-Vertiefungsrichtung Gesundheitswirtschaft die Veränderungen im Gesundheitssystem?
Die BWL mit der Vertiefungsrichtung Gesundheitswirtschaft in Lübeck ist da ideal aufgestellt. Ärzte/-innen, Pfleger/-innen und Betriebswirte/-innen ticken teilweise völlig anders, weil sie einfach völlig unterschiedliche Jobs und Aufgaben im Gesundheitswesen haben. Die Fragen der Zukunft können aber nur gemeinsam gelöst werden. Und genau dort liegt der Schwerpunkt der Vertiefungsrichtung Gesundheitswirtschaft. Es wird Medizin, medizinische Ethik, Politik, Qualitätsmanagement, Organisation in Gesundheitsunternehmen, internationale Gesundheitswirtschaft genauso unterrichtet wie klassische BWL mit Marketing, Finanzen, Personalmanagement, Controlling. Die Dozenten/-innen sind erfahrene Mediziner/-innen und Wirtschaftswissenschaftler/-innen, sodass die Studierenden wirklich beide Welten kennenlernen und diese auch verstehen und zusammenbringen können.

Mit welchem Rüstzeug gehen die Absolvent/-innen ins Berufsleben?
Bereits mit dem Bachelor-Abschluss sind die Absolvent/-innen sehr gut für den Arbeitsmarkt gerüstet. Der Master vertieft einzelne fachliche Bereiche und ergänzt das Studium um Forschungs- und Projektthemen. In der Praxis sind die Herausforderungen immer individuell, generelle Patentrezepte helfen hier nicht. Die Lösungen müssen immer erarbeitet werden. Genau hier setzt das „Rüstzeug“ an. Sie beherrschen die Methoden, die sie brauchen, um Lösungen zu entwickeln. Dies sind etwa statistische Verfahren, Projektmanagement, die Nutzung von EDV, die Verfahren und Methoden in den Teil-Disziplinen der BWL. Speziell die Master-Absolvent/-innen lernen auch das wissenschaftliche Arbeiten, um in der Forschung selbstständig Ergebnisse erarbeiten zu können.

In welchen Positionen arbeiten sie später, welche Karrierechancen haben sie?
Eine Karriere nach dem Studium beginnt nicht sofort im Topmanagement. Die Einstiege erfolgen in fachlich anspruchsvollen Aufgaben in Abteilungen oder Projekten in den Unternehmen. Analysen, Konzepte erstellen, dem Management direkt zuzuarbeiten sind typische Aufgaben. Mit zunehmender Erfahrung und natürlich abhängig von der Qualität der Arbeit steigt dann die Verantwortung, und dafür gibt es keine prinzipiellen Grenzen, bis hin zur Geschäftsführung. Einige unserer Absolvent/-innen gehen auch gezielt in eine Selbstständigkeit. Auch dafür sind sie durch das Studium gut vorbereitet.

Sollte ein „Zahlenmensch“, der im Krankenhaus arbeitet, auch etwas von Medizin verstehen?
Ja! Keine Zahl macht Sinn, ohne eine Idee davon zu haben, was hinter ihr steckt. Dies gilt nicht nur im Krankenhaus, aber vielleicht ist es dort noch ein wenig spezieller. Der Kern der medizinisch-pflegerischen Leistung ist die individuelle Behandlung und Linderung von individuellen Leiden. Dies ist schon was Besonderes und muss verstanden werden können. Das Erheben von Zahlen geht häufig automatisch – dies zu deuten und die richtigen Schlüsse aus ihnen zu ziehen, ist die Kunst, und dann sollte man schon genau verstehen, worum es geht.

Betriebswirtschaftslehre (Bachelor of Science)
Regelstudienzeit: 6 Semester
Studienbeginn: Jeweils zum Wintersemester
Vertiefungsrichtungen: Gesundheitswirtschaft (GW)
International Management and Business (IMB)
Grundpraktikum: 12-wöchiges Vorpraktikum (bis zum Ende des 3. Semesters zu erbringen)
Internet: www.bwl.th-luebeck.de

Text Joachim Welding
Fotos TH Lübeck