Mit dem Bürgermeister auf ’nen „richtigen“ Kaffee – Wilfried Bockholt

Mit dem Bürgermeister auf ’nen „richtigen“ Kaffee – Wilfried Bockholt

Niebülls Bürgermeister Wilfried Bockholt im Interview

Wir sind schon ganz lange kein Dorf mehr und trotzdem nicht verstädtert“, beschreibt Wilfried Bockholt, Bürgermeister von Niebüll, seine Stadt. „Im Gegensatz zu anderen Kommunen sind unsere Einwohnerzahlen nicht rückläufig. Wir legen sogar zu.“ Diese positive Entwicklung wünscht sich so manche Kommune, deren Einwohnerzahlen allmählich schrumpfen. Man fragt sich: Wie machen die das? Was hat dieser Ort an der oberen Grenze Nordfrieslands, was andere nicht haben? Der Bürgermeister hat dafür eine einfache Erklärung: „Wir sind ein zentraler Ort in einem ländlich geprägten Raum. Wir sind für junge Familien ein beliebter Wohnstandort, weil wir all das bieten können, was sie benötigen. Das beginnt bei der Geburtsvorbereitung und Krippenplätzen, geht über Kindergarten und Grundschule bis hin zum Gymnasium und zur Kreisberufsschule mit über 2.300 Schülern.“ Die Siedlungsentwicklung ist in vollem Gang, die Neubautätigkeit floriert. All das wirkt sich natürlich auch positiv auf Handwerk und Handel aus – stabile Voraussetzungen für eine starke Infrastruktur!

Wilfried Bockholt ist gebürtiger Eiderstedter, zog bereits im Kindesalter mit den Eltern nach Leck, ganz in die Nähe von Niebüll, und absolvierte eine Ausbildung zum Verwaltungsangestellten: „Ich ging dann in die Finanzabteilung und als schließlich die Bürgermeisterdirektwahl eingeführt wurde, habe ich mich aufstellen lassen. Und gewonnen“, erinnert er sich gern. Ganz offensichtlich macht er seinen Job sehr gut, denn inzwischen ist er in seiner dritten Amtszeit angekommen. Dennoch bleibt er sympathisch bescheiden: „Es gehört auch Glück dazu. Die Rahmenbedingungen könnten für meine Arbeit hier nicht besser sein. Niebüll hat keine finanziellen Probleme und aus dieser komfortablen Grundsituation heraus lässt sich immer besser argumentieren, als wenn man sich in einer Notsituation befindet. Auch den Syltfaktor darf man nicht unterschätzen!“ Die Nähe zur Insel und die schnelle Anbindung durch den funktionierenden Bahnhof eröffnet den Niebüller Geschäftsleuten und Handwerkern einen umsatzstarken Absatzmarkt und vielen Bürgern auch den Sylter Arbeitsmarkt.

Ein Ort mit Geschichte

Bereits seit den 60-er Jahren sorgt Niebüll für Strukturen, die das Leben und Arbeiten von Menschen mit Behinderungen unterstützen. Zum Beispiel bieten die ‚Mürwiker Werkstätten‘ etwa 300 Arbeitsplätze, 250 davon für Menschen mit Behinderung. Der Ortsverein der ‚Lebenshilfe‘ unterhält ein Wohnheim und betreut Menschen mit Handicaps und deren Familien: „Das Förderzentrum für geistige Entwicklung liefert den schulischen Hintergrund. Menschen mit Handicaps sind bei uns mittendrin und wahrnehmbar – das ist schon beinahe eine Tradition“, findet Wilfried Bockholt. In Zukunft wird eine ganz neue Herausforderung auf viele Städte zukommen, die vor zehn Jahren noch niemand im Blickfeld hatte: „Die Menschen mit Behinderung kommen ins Rentenalter. Ihr gewohnter Tagesablauf, zum Beispiel in den Werkstätten, fällt dann weg und es müssen andere Alltagsstrukturen entwickelt und realisiert werden. Dieser Herausforderung stellen wir uns gerne“, bekräftigt Wilfried Bockholt. „Inklusion ist gut und richtig. Dafür stehen wir!“

„Menschen mit Handicaps sind bei uns mittendrin und wahrnehmbar – das ist schon beinahe eine Tradition“
-Wilfried Bockholt

Es gibt also immer noch viel zu tun und die Arbeit wird nie langweilig. Wenn der Bürgermeister frei hat, genießt er es, am Gotteskoogsee zu chillen: „Der Gotteskoog ist einer der ältesten Köge überhaupt. Vor Jahren schon wurde er renaturiert und zum Wasservogelschutzgebiet erklärt. Dort kann ich sitzen und einfach nur gucken – das ist etwas Anderes als das Bürogeschäft! Wenn mir nach Kultur ist, besuche ich unser Richard Haizmann Museum, das Friesische Heimatmuseum oder das Naturkundemuseum. Die Ausstellung des Naturkundemuseums wurde kürzlich auf den neuesten museumspädagogischen Stand gebracht.“

Ein echtes Highlight und einer der bürgermeisterlichen Lieblingsorte ist der Wochenmarkt am Samstag. Der ist nämlich nicht nur Markt, sondern gleichzeitig ein beliebter Treffpunkt: „Es kommt vor, dass man zwei Stunden auf dem Markt war und noch nichts eingekauft hat“, muss er schmunzeln „man trifft sich, unterhält sich und manchmal wird sogar Stadtpolitik gemacht!“ Wenn er irgendwann dann doch dazu kommt, ein bisschen einzukaufen, landen häufig auch die Zutaten für eine ganz bestimmte Suppe im Einkaufskorb: „Diese Suppe mochte ich schon weit vor meiner Zeit als Bürgermeister. Meine Schwiegermutter ging in ihren Garten und erntete Gemüse. Daraus zauberte sie eine fantastische frische Suppe“, erzählt er. Auf die Frage, wie sich die Suppe denn nennen würde, muss er lachen: „Sie heißt ‚Bürgermeisters Gartensuppe‘!“

TEXT Claudia Kleimann-Balke
FOTOS Tim Riediger