FUTUR 3 – Eine Zukunft, die es nicht gibt?!

FUTUR 3 – Eine Zukunft, die es nicht gibt?!

Das Kieler Kunstfestival zur künstlerischen Arbeit

Die alte Hauptpost mit ihrer unverwechselbaren, charakteristischen Glasfront liegt zentral in der Innenstadt, nah am Bahnhof, nah am Wasser. Briefe werden am Stresemannplatz nicht mehr sortiert – das Gebäude steht seit Jahren leer. Ideale Voraussetzungen für das Kunstfestival FUTUR 3, das in diesem Jahr zum zweiten Mal stattfindet. Neben den Ausstellungen gibt es Performances, Workshops sowie Lesungen, Konzerte und Hörspielabende. Wer hinter FUTUR 3 steckt, wie die Ziele und die Zukunft des Festivals aussehen, hat unsere Redakteurin Lina bei einem Besuch in der alten Hauptpost erfahren. 

Im typischen Kieler Nieselregen erreiche ich die Zentrale von FUTUR 3. Der Maskentheater-Workshop macht gerade Pause, sodass ich die phantasievoll gestalteten Masken bewundern kann.

Ergebnisse aus dem Maskentheater-Workshop auf dem Kieler Kunstfestival Futur 3

Arbeiten aus dem Maskentheater-Workshop

Wer macht das FUTUR 3?

Offiziell steht dahinter das „Netzwerk für revolutionäre Ungeduld“. Entwickelt und hauptsächlich getragen wird das dreiwöchige Festival von ehemaligen Studierenden der Muthesius Kunsthochschule und freien Kunstschaffenden der Stadt Kiel. Obwohl alle Organisatoren bislang ehrenamtlich tätig sind, wäre FUTUR 3 ohne eine finanzielle Förderung durch die Stadt und der Hochschule nicht möglich.

Bereits zum Festivalauftakt steht die Frage nach dem Wert von Kunst im Mittelpunkt einer Podiumsdiskussion. „Was ist Arbeit, was ist Kunst, und muss Kunst immer vermarktbar sein? Oder darf Kunst als freie Kunst nicht auch in einem Raum existieren, wo es nicht um Zahlen geht?“, fragt Lisa Dressler, die das Festival letztes Jahr mitgegründet hat. „Es ist teilweise sehr schwierig, die Stadt davon zu überzeugen, dass etwas, das scheinbar keinen Primärnutzen erzeugt, förderungswürdig ist.“ Eintrittspreise für Konzerte oder Theatervorstellungen sind selbstverständlich, und auch die Förderung von Theatern ist im Kulturleben fest verankert. Das gilt für Ausstellungen keinesfalls. „Es geht darum, klar zu machen, dass alle künstlerischen Tätigkeiten gleichwertig sind. Und dass auch die Ausstellung in einer Galerie mit einem beträchtlichen finanziellen Aufwand verbunden sein kann. Die grundsätzliche Schwierigkeit besteht darin, ein Bewusstsein für den besonderen Wert von Kunst zu schaffen und gleichzeitig alle sozialen Schichten anzusprechen“, so Lisa.

Lisa ist Mitgründerinvom Kieler Kunstfestival Futur 3

Eine der Festivalorganisatorinnen Lisa Dressler fragt: „Was ist uns Kunst wert?“

Was will das Futur 3?

„Das Festival trägt einen Namen, der von einer Zukunft zeugt, die es gar nicht gibt“, erklärt mir Mitorganisator Clemens Böckmann. Er selbst ist Absolvent der Muthesius Kunsthochschule und hat seinen Master ‚Sprache und Gestalt’ in der Klasse von Oswald Egger gemacht. So gut ihm das Studium auch gefallen hat, wie es für ihn weitergeht, ist ungewiss. Auch deshalb gibt es das Festival. Um einen Raum zu etablieren, wo sich Absolventen der Kunsthochschule vernetzen können, so dass sich ihnen auch berufliche Perspektiven eröffnen. Denn die Studierenden nach dem Abschluss in der Stadt zu halten, „das ist sowohl im Interesse der Menschen, die hier bleiben möchten, als auch im Interesse der Stadt“, meint Lisa, „man hat ja viel Geld, Mühe und Leidenschaft in die Studierenden investiert.“

Clemens Böckmann auf dem Kunstfestival Futur 3

Wünscht sich ein besseres Verständnis für Kunst, Künstlerinnen und Künstler in Kiel: Clemens Böckmann.

Das sehen auch die Teilnehmer des Maskentheater- Workshops Théo Thoumine und Malina Bigale ähnlich. Malina studiert im ersten Mastersemester Kunst und Philosophie auf Lehramt; sie bedauert sehr, dass so viele nach dem Studium abwandern. Théo, der im dritten Semester Szenografie studiert, lobt hingegen die Ausbildung an seiner Hochschule. „Die Werkstatt-Situation ist eine der besten in Deutschland, weil wir einen 24-Stunden-Zugang zu den Werkstätten und zu den Ateliers haben. Es gibt außerdem eine sehr intensive Betreuung durch die Lehrenden.“ Dass die Ausbildungsqualität an der Muthesius erstklassig ist, davon zeugt auch die jährlich stattfindende Ausstellung ‚Einblick/ Ausblick‘, in der die Studierenden ihre aktuellen Projekte vorstellen. Nach dem Ende des Kunststudiums fehlen dann aber berufliche Anknüpfungspunkte in der Stadt.

Lehramtsstudentin Malina Bigale auf dem Kunstfetival Futur 3

Malina studiert im ersten Mastersemester Kunst und Philosophie auf Lehramt; sie bedauert sehr, dass so viele nach dem Studium abwandern.

 

Théo Thoumine auf dem Kieler Künstlerfestival Futur 3

Studiert Szenografie an der Muthesius Kunsthochschule: Théo Thoumine. Er lobt die Ausbildung an der Muthesius Kunsthochschule.

Konkrete Lösungen?

Die Nutzung von leerstehenden Gebäuden macht deutlich – es fehlt an öffentlich geförderten Räumen für Künstler. Auch Ansprechpartner auf Seiten der Stadt, die sich in der Kunstszene gut auskennen oder selbst einen kunstbezogenen Hintergrund haben, wären hilfreich. Clemens betont, dass die freie Kunst ganz anders funktioniert als eine städtische Verwaltung: „Menschen ohne Existenzsicherung, die darauf angewiesen sind, von Woche zu Woche zu denken, stellen eine städtische Bürokratie vor erhebliche Probleme.“ Lisa ergänzt: „Manchmal wissen die städtischen Förderer auch nicht unbedingt, was Künstlerinnen und Künstler brauchen. Und da ist es unsere Aufgabe, nicht einfach zu meckern, dass etwas fehlt, sondern Gespräche mit den Verantwortlichen zu führen.“ Denn nur eine längerfristige Finanzierung sorgt für Planungssicherheit, damit auch das Festival eine Zukunft hat.

Kunst im MOM & DAD auf dem Kieler Kunstfestival Futur 3

Kunst im MUM & DAD auf dem Kieler Kunstfestival Futur 3

 

Außenansicht vom MOM&DAD beim Kieler Kunstfestival

Auch das MUM & DAD wurde zur Bühne für Künstlerinnen und Künstler aus Kiel.

Wie sieht die Zukunft von FUTUR 3 aus?

Lisa enthüllt mir große Pläne: „Eine Biennale für den Ostseeraum, darüber denken wir momentan nach. Im skandinavischen Raum ein Kunstfestival zu etablieren, wo Menschen, die sowieso mit der Fähre von Schweden oder Norwegen kommen, in Kiel an etwas teilhaben können.“ Kiel als Kulisse für eine Kunstbiennale der Ostsee? Das klingt für mich nach einer Zukunft, die es unbedingt geben sollte!

 

TEXT Lina Kerzmann
FOTO Laura Hasl, Privat