Berufsorientierung in Zeiten von KI: getBIM an der Isarnwohld-Schule Gettorf

Berufsorientierung in Zeiten von KI: getBIM an der Isarnwohld-Schule Gettorf

Rund 300 Schülerinnen und Schüler kamen Anfang September zur Berufsinformationsmesse getBIM zusammen und informierten sich über Ausbildungen und Studiengänge in der Region. Wir haben mit den Unternehmen gesprochen und nachgefragt: Wie macht sich der wachsende Einzug von Künstlicher Intelligenz im Berufsalltag bemerkbar? Die Antworten fielen unterschiedlich aus.

Trotz Dauerregen herrschte an diesem Freitagvormittag reges Treiben auf dem Gelände der Isarnwohld-Schule Gettorf. Unternehmen und Hochschulen aus der Umgebung trugen früh morgens alles für ihre Messestände in die Turnhalle. Währenddessen trafen auch immer mehr Schülerinnen und Schüler ein. Gegen 8 Uhr eröffnete Schulleiter Sönke Strand schließlich die diesjährige getBIM. Seine Empfehlung an die jungen Menschen: „Seid neugierig, stellt Fragen und lernt die Unternehmen kennen!“ Denn: „Vielleicht ist heute genau die Begegnung dabei, die euch bei der Frage, was ihr beruflich machen wollt, weiterhilft.“

Schulleiter Sönke Strand mit dem diesjährigen Schulmagazin, das ME2BE begleitend zur Messe getBIM erstellt hat.

Schulleiter Sönke Strand mit dem diesjährigen Schulmagazin, das ME2BE begleitend zur Messe getBIM erstellt hat.

ChatGPT und Co. machen Zukunft der Arbeitswelt ungewiss

Die Frage „Was mache ich nach der Schulzeit?“ dürfte heute noch schwieriger zu beantworten sein als in den vergangenen Jahren. Zum einen ist die Anzahl an Studiengängen und Ausbildungen enorm gestiegen, zum anderen könnten einige Arbeitsplätze zukünftig durch Digitalisierung und KI bedroht werden. Durch den Einsatz von Chatbots könnten besonders Routinetätigkeiten, zum Beispiel in der Verwaltung oder Buchhaltung, in naher Zukunft von Computern übernommen werden. „Berufe werden sich verändern. Darauf wollen wir die Schülerinnen und Schüler vorbereiten“, erklärt Schulleiter Sönke Stand. Aber wie genau macht sich die steigende Bedeutung von KI schon heute bemerkbar in den Betrieben?

Auch ME2BE war mit einem Messestand vertreten. Mitarbeiterin Nadia Ritter zeigte den Schülerinnen und Schülern unser digitales Berufsportal DIGI.BO.

Auch ME2BE war mit einem Messestand vertreten. Mitarbeiterin Nadia Ritter zeigte den Schülerinnen und Schülern unser digitales Berufsportal DIGI.BO.

KI im kaufmännischen Bereich angekommen

Bei den Stadtwerken SH ist der Einsatz von Künstlicher Intelligenz längst Alltag. „Im kaufmännischen Bereich nutzt jeder KI“, berichtet Chiara Nagel. Die 25-Jährige hat 2023 selbst ihre Ausbildung zur Industriekauffrau bei den Stadtwerken SH abgeschlossen und ist nun fürs Recruiting und Ausbildungsmarketing zuständig. „Viele Kolleginnen und Kollegen bauen sich KI-Agenten, zum Beispiel als Experten bei arbeitsrechtlichen Themen.“ Aber nicht nur kaufmännische Berufe werden von KI beeinflusst. „Es gibt immer wieder Momente, in denen ich mir bei technischen Fragen nicht sicher bin und ich die KI frage“, erzählt der angehende Elektroniker Furkan Yegit. Diese Entwicklung unterstützen die Stadtwerke SH als Arbeitgeber und bieten ihren Mitarbeitenden ein firmeninternes KI-System sowie regelmäßige Schulungen an.

Für Chiara Nagel (re.) und Furkan Yegit von den Stadtwerken SH ist der Gebrauch von KI im Berufsalltag selbstverständlich.

Für Chiara Nagel (re.) und Furkan Yegit von den Stadtwerken SH ist der Gebrauch von KI im Berufsalltag selbstverständlich.

Patientengespräche simulieren mithilfe von KI

Auch im Bereich Pflege wächst der Einfluss von künstlicher Intelligenz langsam aber sicher. Das beginnt bereits in der Ausbildung: „Im Berufsschulalltag kommen wir gar nicht drum herum, zum Beispiel bei Rechercheaufgaben“, sagt Judith Kreuziger. Sie ist stellvertretende Schulleiterin am Gesundheits- und Bildungszentrum der Schön Klinik Rendsburg. „Wir wollen den Azubis aber auch einen kritischen Umgang mit solchen Technologien beibringen“, betont Kreuziger. Leni Haders, angehende Pflegefachfrau im zweiten Lehrjahr, teilt diese Meinung. Die 18-Jährige vermeidet laut eigener Aussage die Nutzung von KI. „Im Examen bin ich schließlich auch auf mich allein gestellt. Ich nutze KI höchstens bei der Vorbereitung, um mir Texte in einfachen Worten erklären zu lassen.“ Im Pflegealltag seien KI-Tools zudem nützlich, um Gespräche mit Patientinnen und Patienten zu simulieren und zu trainieren, so Kreuziger.

Magnus Kraus und Leni Haders (v. l.) absolvieren eine Ausbildung im Pflegebereich.

Magnus Kraus und Leni Haders (v. l.) absolvieren eine Ausbildung im Pflegebereich.

Manche Branchen weniger betroffen

Für andere Betriebe ist die Nutzung von ChatGPT und Co. noch Neuland. „Wir nutzen KI sehr, sehr selten“, berichtet Florian Waitschat, Meister für Bäderbetriebe bei den Kieler Bädern. „Mal schauen, ob das in Zukunft anders wird. Vielleicht gibt es ja mal eine Kamera, die uns mitteilt, wenn jemand droht zu ertrinken“, überlegt der 26-Jährige. Ebenfalls auf der Messe mit dabei ist Carlo Estrada, der im Sommer 2026 seine Ausbildung zum Fachangestellten für Bäderbetriebe begonnen hat. Der 17-Jährige ist zuvor selbst durch eine Berufsmesse auf die Kieler Bäder aufmerksam geworden. „Am meisten Spaß macht mir das ausbildungsbegleitende Schwimmtraining. Da lernen wir unter anderem, wie man jemanden, der vollständig angezogen ein paar Meter untergegangen ist, rettet.“

Florian Waitschat, Meister für Bäderbetriebe, mit dem neuen Azubi Carlo Estrada (v. l.).

Florian Waitschat, Meister für Bäderbetriebe, und Azubi Carlo Estrada (v. l.) nutzen KI-Tools selten.

„Wir hängen 10 bis 15 Jahre hinterher“

Eher analog geht es auch beim Handwerksbetrieb Bünning Treppenbau zu. Das Familienunternehmen aus Osdorf wird inzwischen in fünfter Generation geführt. „In der Fertigung könnten viele Arbeitsabläufe mit KI optimiert werden“, so Tischler Thies Bünning. „In der Ausbildung machen wir aber noch alles analog. Da hängen wir noch so 10 bis 15 Jahre hinterher.“ Stattdessen wird auf Fähigkeiten Wert gelegt, über die eine KI nicht verfügt: „Junge Menschen, die über eine Ausbildung zum Tischler oder zur Tischlerin nachdenken, sollten teamfähig sein, räumlich denken können und Spaß daran haben, etwas mit den Händen zu machen“, zählt Bünning auf. 

Tischler Thies Bünning, dessen Familie den Betrieb bereits in 5. Generation führt, mit Tischlergeselle Justin Stunz (v. l.).

In ihrem Tätigkeitsfeld kommt es eher auf handwerkliche Fähigkeiten an: Tischler Thies Bünning mit Tischlergeselle Justin Stunz (v. l.).

Jungen Menschen offenen Umgang mit KI lehren

Auch wenn die Nutzung in den Betrieben noch unterschiedlich ausgeprägt ist, hält Schulleiter Sönke Strand den Einzug von künstlicher Intelligenz in der Arbeitswelt für unaufhaltsam. Diesen Ansatz verfolgt auch die Isarnwohld-Schule in Gettorf: Die Lehrkräfte nutzen die Plattform Fobizz für wöchentliche Mini-Schulungen rund um das Thema KI. Zusätzlich steht ihnen der KI-gestützte Chatbot AIS.chat, der speziell für den Einsatz in der Schule vorgesehen ist, zur Verfügung. „Man sollte einen offenen Umgang mit KI pflegen. Das wollen wir auch den Schülerinnen und Schülern mit auf den Weg geben.“

TEXT Mareike Neumann
FOTO Sophie Weichselgartner