Aus der Praxis in die Hochschule – Prof. Christian Blatt von der Technischen Hochschule Lübeck über den Studiengang „Nachhaltige Gebäudetechnik“

Aus der Praxis in die Hochschule – Prof. Christian Blatt von der Technischen Hochschule Lübeck über den Studiengang „Nachhaltige Gebäudetechnik“

Christian Blatt hat drei Berufe gelernt, heute lehrt er an der Technischen Hochschule Lübeck. Im Studiengang „Nachhaltige Gebäudetechnik“ will er Studierenden helfen, Gebäude künftig energetisch nachhaltig zu machen.

Es gibt Leben, die reichen für mehr als eine Biografie. Bei Christian Blatt etwa ist das so – zumindest beruflich. Der 52-Jährige hat in seiner Jugend das Tischlerhandwerk gelernt, wurde später Parkettleger, dann Estrichleger – in allen Berufen brachte er es bis zum Meistertitel. „Ich habe alle Jobs sehr gemocht“, sagt Blatt. Trotzdem studierte er Bauphysik, machte seinen Master und ist seit vergangenem Jahr Professur für Gebäudesimulation und -optimierung an der Technischen Hochschule Lübeck.

Mit seinem außergewöhnlichen Weg durch die Gewerke und der langen Praxiserfahrung ist Blatt wie geschaffen für den Studiengang „Nachhaltige Gebäudetechnik“. In Lübeck werden Klimaschutz und Nachhaltigkeit, Physik, Baukonstruktion und Anlagentechnik vereint . „Wir planen im Prinzip ganzheitlich, sehr umfassend“, sagt Blatt, „und nachhaltig“. Letzteres spiegelt sich seit 2021 auch im Namen des Studiengangs wieder. „Es geht zwar noch immer um die Gebäudetechnik, aber insbesondere auch um regenerative Energien“, erklärt Blatt. „Wenn wir ein Gebäude heute planen, dann schauen wir auch, was in 25 Jahren sein wird. Und dann sollten Gas und Öl hoffentlich keine Rolle mehr spielen.“

Mit Software werden Gebäude schon vor dem Bau optimiert

Blatt selbst hält zehn verschiedene Vorlesungen an der TH. Sein Spezialgebiet aber ist die Gebäudesimulation. „Da stecke ich voll drin“, sagt er. Die angehenden Gebäudetechnikerinnen und -techniker lernen bei ihm, mithilfe von Software Gebäude zu planen. „Man kann beispielsweise voraussagen, wo Fenster verschattet werden müssen“, erklärt Blatt. So werden Gebäude schon im Voraus energetisch optimiert. Einige Studierende fokussieren sich etwa auf Wärmepumpen, andere auf Brennstoffzellen – ein naheliegender Fels im Windenergie-Land Schleswig-Holstein.

Auch wenn nach wie vor Bauingenieure, Stadtplaner und Architekten ihre eigenen Studiengänge haben, sammeln die angehenden Gebäudetechniker auch interdisziplinär Erfahrungen. „Das ist ja später nach dem Studium auch der Fall, dass übergreifend über einzelne Gewerke gearbeitet wird“, sagt Blatt. Dass viele seiner Studentinnen und Studenten heute direkt aus der Schule an die TH kommen, sieht Blatt nicht als Problem. Es ist immer gut, wenn man praktische Erfahrung hat, sagt er. Aber durch Praktika und später auch im Job würden die Studierenden die ebenfalls sammeln.

Und auf dem Arbeitsmarkt sind ohnehin alle Absolventen des Studiengangs gefragt, sagt Blatt. „Die werden schon in den ersten Semestern von Unternehmen umworben“, sagt der Professor. „Der Markt ist riesig.“ Viele Studierende arbeiten früh als Werksstudenten. „Eigentlich sind hier alle gut ausgelastet – aber die Betriebe lassen nicht locker.“ Das mache sich auch materiell bemerkbar. Es sei erstaunlich, wie gut einige Studierende bereits während ihrer Bachelorarbeit technisch ausgestattet würden, sagt Blatt. „Die bekommen zum Teil von den Betrieben beispielsweise hochgerüstete Tablets, später gute Angebote für Autos und Wohnung – das ist ziemlich beeindruckend.“ Trotzdem sei die Zahl der Studierenden noch relativ gering. „Wir sind einfach nicht so bekannt, wie andere Studiengänge“, vermutet Blatt.

Ein Dozent in einem Hörsaal sitzend.Faszination fürs Lernen ist bis heute geblieben

Blatt selbst hat seinen Weg in den Beruf noch anders gestartet – wobei auch er seinen ersten Job früh sicher hatte. Schon seine Großeltern hatten einen Handwerksbetrieb, früh half er in der Tischlerei des Vaters aus. „Es war klar für mich, dass ich da arbeiten werde“, erinnert er sich. Trotzdem wollte er mehr. Von der Tischlerei zur Verarbeitung von Parkett wechselte Blatt aus praktischen Gründen. „Das war praktischer, da nicht so viele Maschinen benötigt werden“, erklärt er. Also machte er zusätzlich zum Tischlermeister noch den Parkettlegermeister – und zur Sicherheit den Estrichlegermeister. „Man kann unglaublich viele Fehler machen“, sagt er. „Ich wollte alles genau verstehen.“ 2001 machte er sich selbstständig, arbeitete wenig später auch als öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger.

Was Blatt aber vor allem auf der Meisterschule entdeckt hat, war seine Faszination fürs Lernen. „Bis dahin wusste ich gar nicht, wie das wirklich geht. Ich habe mir Bücher übers Lernen gekauft“, erinnert er sich. „Das war der Wahnsinn: Als ob in meinem Kopf vorher ein Stau war.“ Mit 36 wagte Arbeiterkind Blatt dann den Sprung an die Hochschule für Technik in Stuttgart, um seinen Bachelor in Bauphysik zu machen. „Ich konnte durch meine Erfahrung die meisten Module vernachlässigen und musste mich vor allem auf Mathematik fokussieren – das habe ich geliebt.“ Der Betrieb lief nebenbei weiter, später übernahm sein Bruder. „Diese Doppelbelastung hält man nicht lange aus“, erinnert sich Blatt.

Anschließend schloss der heute 52-Jährige ein Masterstudium in Baustoffkunde, Bauchemie und Instandsetzung an der TU München ab. Seine Dissertation hat er noch nicht abgeschlossen. „Jetzt bin ich erst einmal in Lübeck Professor und bereite die Lehre vor. Ich will aber aber noch unbedingt meine Promotion zu Ende machen“, sagt er. Den Antrieb dazu hat er behalten. „Ich finde das noch immer faszinierend: Lernen ist so schön, was da für Glückshormone frei werden können. Das ist seit der Meisterschule da, und ich freue mich bis heute übers Lernen.“

ERZÄHL MAL…

Ein Student im grauen PulliJannis (23) studiert im 7. Semester Nachhaltige Gebäudetechnik an der Technischen Hochschule Lübeck

Jannis steht kurz vor seiner Bachelorarbeit, sein Thema ist hochaktuell. „Es gibt ja gegenwärtig einen Umschwung hin zu erneuerbaren Energien und weg vom Gas“, sagt der 23-Jährige. „Das kann allerdings komplex sein.“ Im Studium lernen Jannis und seine Kommilitonen deshalb unter anderem, Gebäude detailgenau zu simulieren. „Da können wir sehen, was passieren wird, wenn einzelne Parameter verändert werden“, erklärt er. So kann die perfekte Anlagentechnik für ein spezifisches Gebäude gefunden werden. Der Studiengang selbst orientiert sich laut Jannis stark an der Praxis. Das mache sich auch bei den Lehrenden bemerkbar. „Wenn jemand aus der Praxis kommt, kann er eigentlich immer gute Beispiele nennen, anstatt stumpf irgendwelche Rechnungen zu zeigen.“ Seine Entscheidung für Lübeck fiel anhand der Inhalte des Studiums. „Mein Vater arbeitet im Bauwesen, da war das Interesse schon einmal da. Die Gebäudetechnik fand ich dann einfach am spannendsten.“

Eine Studentin vor einer grauen WandAlicia (24) studiert im 7. Semester Nachhaltige Gebäudetechnik an der Technischen Hochschule Lübeck

Der Weg zur Gebäudetechnik führte für Alicia über eine ungewöhnliche Ausbildung. „Ich habe eine Lehre zur Bürokauffrau gemacht“, sagt die 24-Jährige. „Ich habe aber gemerkt, dass das auf Dauer nichts für mich ist.“ Da sie ihren Ausbildungsplatz allerdings im elterlichen Bauunternehmen hatte, war die Richtung für Alicia allerdings schnell klar. „Ich habe gemerkt, dass mich das interessiert. Als ich dann den Studiengang entdeckt hatte, wollte ich auf jeden Fall an die Hochschule.“ Nach dem Abschluss seien die Möglichkeiten schier unendlich. „Man kann als Planer arbeiten, als Bauleitung oder sich spezifisch für ein bestimmtes Gewerk entscheiden, man kann ins Gebäudemanagement, in Bauphysikbüros. Oder man macht sich selbständig als Energieberater“, ergänzt Alicia. Durch ihr Studium betrachtet sie Häuser heute anders. „Man fährt an einem Gebäude vorbei und fragt sich, was man daran ändern könnte oder welche Technik verwendet wurde“, sagt sie.

Ein Student in hellem HemdRobin (27) hat im Frühjahr seinen Bachelor im Studiengang Nachhaltige Gebäudetechnik an der Technischen Hochschule Lübeck gemacht

Seit März ist Robin mit dem Studium fertig. Probleme, einen Job zu finden, hatte er keine, sagt er. „Ich habe ein paar Bewerbungen geschrieben und wurde jedes Mal zum Gespräch eingeladen. Am Ende hat man die Qual der Wahl.“ Der 27-Jährige arbeitet inzwischen in einem kleinen Planungsbüro. „Ich habe mich für die technische Gebäudeausrüstung entschieden, wobei es auch noch viele andere spannende Bereiche gegeben hätte“, sagt er. Für das Studium an der TH Lübeck hat sich Robin entschieden, da es seinem Interesse an Technik und an Nachhaltigkeit entsprochen habe. „Mich hat interessiert, wie wir nachhaltig mit Energie umgehen können“, sagt er. Das Studium habe einen sehr vielseitigen Blick auf Gebäude ermöglicht. In seiner Bachelorarbeit hat Robin folgerichtig untersucht, wie man mit einer Wasserstoff-Brennstoffzelle den CO2-Abdruck der Technischen Hochschule verringern könnte. „Ich fand den Gedanken einfach interessant, da Wasserstoff komplett regenerativ erzeugt werden kann“, sagt er.

Ein Student mit BrillePatrick (31) hat 2020 seinen Bachelor im Studiengang Nachhaltige Gebäudetechnik an der Technischen Hochschule Lübeck gemacht

Als Patrick sein Studium in Lübeck begann, trug der Studiengang noch den Namen Energie- und Gebäudeingenieurwesen. Mit dem Thema Nachhaltigkeit hatte sich der 31-Jährige bereits beschäftigt. In seiner Bachelorarbeit befasste sich Patrick mit der Wirtschaftlichkeit von Brennstoffzellen. „Es sollte darum gehen, wie Wasserstoff, der das ganze Jahr über mit überschüssigem Strom aus Photovoltaik-Zellen erzeugt wird, im Winter zum Heizen und zur Stromerzeugung genutzt werden kann“, erklärt Patrick, der inzwischen in einem Ingenieurbüro für die Planung von Gebäudetechnik arbeitet. Vor seinem Studium hat der 31-Jährige eine Ausbildung zum Anlagenmechaniker für Sanitär, Heizung und Klimatechnik abgeschlossen. „Ich habe nach drei Jahren Gesellentätigkeit geschaut, wie ich mich weiterentwickeln könnte und mich dann für ein Studium entschieden, weil ich dadurch am breitesten aufgestellt bin“, sagt er. Der Studiengang in Lübeck habe ideal zu seiner Ausbildung gepasst. „Und das Spannende ist, dass man nicht nur die Gebäudetechnik betrachtet, sondern auch viel aus anderen Fachdisziplinen mitbekommt“, sagt Patrick.

Noch mehr zum Thema „Nachhaltige Gebäudetechnik“ gibt es hier auf ME2BE:

Im Interview erklärt Professor Sebastian Fiedler, wie sich das Klimaproblem des Bauwesens lösen lässt – und welchen Beitrag die Lübecker Absolventen dazu leisten.

Student Eric Culemann haben wir gefragt, was ihn am Studiengang „Nachhaltige Gebäudetechnik“ an der TH Lübeck fasziniert.

Wie weitere nachhaltige Studiengänge der TH Lübeck die Welt retten sollen, haben wir in diesem Artikel erzählt.

TEXT Robert Otto-Moog

FOTO Sebastian Weimar