Blühende Aussichten

Blühende Aussichten

Die Olympiade der Botanik

Die internationale Gartenschau zu Gast in Wilhelmsburg

Schade, schon zu Ende, die internationale gartenschau (igs) in Hamburg. Bereits zum 6. Mal war unsere schöne Hansestadt für 171 Tage Gastgeber der blühenden Parade. Ja, die erste Gartenschau nach dem Zweiten Weltkrieg fand 1953 in der Parkanlage „Planten un Blomen“ und den Jungiuswiesen statt; mit der Wasserlichtorgel als besondere Attraktion. Genau 60 Jahre später machte die internationale gartenschau nun also in Wilhelmsburg Station.

Auf dem weitläufigen Gelände der igs entdeckte man zwischen Klima, Vegetation, Religion und Kultur viele Skulpturen internationaler Künstlerinnen und Künstler. Cafés und bunte Marktplätze erzählten Geschichten aus fernen Ländern. Interkultureller Austausch war das Stichwort der igs. Die fünf großen Weltreligionen – Christentum, Islam, Hinduismus, Buddhismus und Judentum – waren eng in die großen Schaugärten eingewoben.

Unter dem Motto „In 80 Gärten um die Welt“ ließen Gärtner, Züchter und Landschaftsarchitekten ihren grünen Ideen bis zum 13. Oktober freien Lauf. Angelehnt an den Romantitel „In 80 Tagen um die Erde“ des französischen Literaten Jules Verne lagen die Gärten in sieben Welten mit unterschiedlichen Themenschwerpunkten. Mitte August „landete“ sogar das Luftschiff „Aéroflorale“ in Wilhelmsburg – ein botanisches Wunderwerk der Künstlergruppe „Compagnie la Machine“ aus Nantes, der aktuellen Umwelthauptstadt Europas und dazu noch Geburtsstadt von Jules Vernes. Die 16 Mitglieder der Besatzung sehen ihre – noch fiktive – Mission in der „Erforschung von Pflanzen zur Energiegewinnung“. In Hamburg beschäftigte sich das Team der „Aéroflorale“ insbesondere mit blauen Blumen, wie Iris, Storchenschnabel und Vergissmeinnicht.

Es grünt so grün…

Für ihre Dauer von 171 Tagen war die igs also grünes und kulturelles Klassenzimmer für kleine und große Botaniker mit Weltblick. Denn forschen, experimentieren, tüfteln und entdecken liegt einfach in unserer Natur. Für Schüler lief das Bildungsprogramm „Klasse“! mit rund 2.200 Wissensangeboten. In Anlehnung an die sieben Welten der igs 2013 gab es sieben verschiedene Schwerpunkte, nämlich Natur, Welt, Umwelt, Gesundheit, Wasser, Kultur und Bewegung. Ungefähr 77 Vereine, Institutionen, Pädagogen und Praktiker aus der Region Hamburg ,gärtnerten‘ mit und eröffneten ein breites Themenfeld. Das bedeutete dreimal täglich zwei- bis vierstündige Freiluftkurse an Teichen und Kanälen, in Zelten und Kiosken, unter einem Schirm oder einem Blätterdach.

Einmal in der Woche lud John Langley auf das ,Grüne Sofa‘ der Gartenschau ein. Sein Markenzeichen: Strohhut und grüne Latzhose. Der Peter Lustig des Nordens ist bekannt aus Funk und Fernsehen und ist seit 2008 der Grüne Daumen der igs in Hamburg. Der waschechte Hamburger mit dem englischen Namen verriet wöchentlich die Geheimnisse der Natur sowie nützliche Tipps zur Pflege von Garten-, Balkon- und Zimmerpflanzen. Der ehemalige Schüler von Loki Schmidt (sie arbeitete von 1940-72 als Lehrerin an deutschen Schulen) ist ausgebildeter Gärtner und Florist, und wurde nach der Meisterprüfung selbst Berufsschullehrer für Agrarwirtschaft.

…und bewegt sich noch dazu!

Eine Fotocollage auf weißem Hintergrund. Davor eine angedeutete Syline. Neben der ganzen grünen und kulturellen Symbolik gab es aber auch eine Erlebniswelt der Gartenschau, die sich allein dem Spiel, Spaß und Sport widmete: die Welt der Bewegung. Im Erlebnispark konnte man im Hochseilgarten herumhangeln, die Skateanlage unsicher machen oder beim Wasserfußball Punkte sammeln. Im Garten „Fitte Kids“ konnten sich die kleinen Bewegungstalente unter uns austoben und stellten sich spannenden Herausforderungen, getreu dem Credo „Muckis, Mut und Marathon“.

Im Garten der Meditation lernten geduldige Besucher, die Langsamkeit zu schätzen. Beim „Yoga-Walking“ brachte jeder den Körper sanft in Bewegung, ließ los und fand den eigenen Rhythmus zwischen Alltag und Ausflug. Das Bewegungskonzept der igs 2013 fand große Resonanz, der Deutsche Olympische Sportbund ist beispielsweise wichtiger Kooperationspartner, zahlreiche Sportvereine machten mit.

Sport ist draußen einfach besser: Spätestens seit der aktuellen Gartenschau ist dieser Satz fester Bestandteil der Wilhelmsburger Stadtteilphilosophie. Und das soll auch so bleiben. Auch nach dem Ende der igs lädt der Inselpark Neugierige aus ganz Hamburg und der Metropolregion in den neuen Erlebnispark auf die Elbinseln ein.

Wilhelms…wo?

Wilhelmsburg und die Veddel: Hamburgs Flusssinseln zwischen Norder- und Süderelbe, zerfurcht von überregionalen Verkehrsstraßen. Erst nach und nach rücken sie wieder ins allgemeine urbane Bewusstsein. Doch hier verbinden sich Natur und Stadt auf außergewöhnliche Weise. Die besondere Lage am Wasser bietet ungewöhnlich schönen Wohn- und Arbeitsraum und bietet viel Potential für Kultur, Spiel und Freizeit. Große Rahmenveranstaltungen wie die igs oder die Internationale Bauausstellung (IBA) ziehen nun wieder mehr Besucher auf die charmanten Inselgeschwister mit den vielen Kanälen, Hafenbecken und bunten Quartieren.

Für Wilhelmsburg, die nach Manhattan größte bewohnte Flussinsel der Welt, bedeutet jeder Besucher jedoch eine kleine Zündung in einem historischen Entwicklungsschub. Die Kooperation zwischen igs, IBA und dem neuen Bewegungspark erzeugt nachhaltige Aufmerksamkeit für einen lang vergessenen Stadtteil, der nun allen Generationen ein grünes Zuhause bieten soll.

Text Jule Malz
Illustration Annemarie Sauerbier