Marianna, Gabriel und Camilo kommen aus Kolumbien. Seit Herbst 2025 absolvieren sie eine Ausbildung bei Covestro in Brunsbüttel. Drei junge Menschen, die Tausende Kilometer hinter sich gelassen haben, um an der Nordsee einen neuen beruflichen Weg zu beginnen.
Dass sie heute hier sind ist kein Zufall, sondern Ergebnis eines aufwendigen Auswahl- und Vorbereitungsprozesses. Zuvor hatten alle drei in Kolumbien an einem Programm der kolumbianischen Handelskammer teilgenommen. Im Rahmen dessen erhielten sie ein Stipendium, um sechs Monate lang Deutsch zu lernen. Ihre B1-Sprachkenntnisse stellten sie erfolgreich in einer Prüfung am Goethe-Institut unter Beweis. Damit lösten sie ihr Ticket für eine Ausbildung bei Covestro und wurden Teil eines Pilotprojekts, das zeigt, wie internationale Fachkräftegewinnung gelingen kann. Der Weg hierher war anspruchsvoll, sowohl für die jungen Menschen als auch für das Unternehmen.
Sorgfältig ausgewählt
„Wenn man Auszubildende aus Drittstaaten gewinnen möchte, kann man nicht einfach irgendwo anfangen“, sagt Jürgen Evers, Ausbildungsleiter am Covestro-Standort Brunsbüttel. Entscheidend sei, dass Schulbildung und berufliche Grundlagen zum deutschen dualen System passen. „Unsere Berufsschule baut auf unserem Schulsystem auf. Wenn dort wesentliche Inhalte fehlen, entsteht eine große Lücke.“
Gemeinsam mit der Agentur für Arbeit, der Industrie- und Handelskammer sowie den deutschen Auslandshandelskammern wurde geprüft, welche Länder geeignete Voraussetzungen mitbringen. Kolumbien rückte dabei den Fokus. In dem südamerikanischen Land existieren technische Vorqualifikationen, und Schulabschlüsse sind mit dem mittleren Bildungsabschluss oder dem Abitur vergleichbar. Einige Bewerber verfügten zudem über Studienerfahrung oder hatten bereits leitende Tätigkeiten in der Industrie ausgeübt.
Initiiert wurde das Projekt von der IHK Schleswig-Holstein gemeinsam mit Partnern in Kolumbien. Neben Covestro beteiligten sich die Schramm Group (Brunsbüttel Ports), Kruse Junior und Sorel. Geplant war, 19 junge Menschen nach Schleswig-Holstein zu holen. Alle 19 starteten mit dem Sprachkurs, 15 traten zur Prüfung an, doch nur ein Teil bestand alle Module. „Das Leben spielt manchmal mit“, sagt Evers. „Manche sind ausgestiegen, aus familiären Gründen oder wegen Krankheit.“
Am Ende kamen deutlich weniger Auszubildende an als ursprünglich geplant. Für Evers ist das kein Scheitern: „Es ist ein Leuchtturmprojekt. Es lief nicht alles reibungslos, aber wir haben unglaublich viel gelernt.“
Vertrauen über Kontinente hinweg
Bevor die ersten Verträge unterschrieben wurden, gab es monatelangen Austausch per Videokonferenz. „Man baut eine Beziehung auf“, sagt Evers. In persönlichen Gesprächen prüfte er gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen, ob die sprachlichen Fähigkeiten für den Start ausreichen würden.
Er erinnert sich an eine Szene mit Gabriel: „Ich habe ihn gefragt: Wenn du mit Strom arbeitest, was ist das Erste, was du machst?“ Gabriel antwortete ohne Zögern: „Ich schalte den Strom ab.“ Für Evers ein entscheidender Moment. „Er hat die Frage sprachlich verstanden. Das war wichtig.“
Viele berufliche Erfahrungen aus Kolumbien werden in Deutschland formal zunächst nicht anerkannt. Auch Führerscheine gelten nicht automatisch. „Da merkt man, wo wir es uns in Deutschland manchmal selbst schwer machen“, sagt Evers. Umso wichtiger sei es, die jungen Menschen individuell zu begleiten.
Ankommen in einer neuen Welt
Für Marianna, 25, bedeutet die Ausbildung zur Chemikantin eine echte Chance. „Damit habe ich die Möglichkeit, persönlich und beruflich zu wachsen“, sagt sie. In Kolumbien hatte sie bereits im Labor gearbeitet. Nun lernt sie Prozesse noch einmal neu, in einer anderen Sprache und in einem anderen System.
„Manchmal mischt sich mein Deutsch mit Englisch“, erzählt sie. Im Alltag helfen Kollegen, erklären Begriffe, zeigen Abläufe. Der größte Unterschied sei neben der Sprache das Klima: „In meiner Heimatstadt sind es das ganze Jahr über 25 Grad.“ Trotzdem bleibt sie zuversichtlich. „Ich möchte meine Familie zwischendurch besuchen, aber ich bin gern hier.“

Gabriel, 31, hat sich bewusst für einen langfristigen Weg entschieden. „Ich möchte mir hier eine Zukunft aufbauen.“ Die Offenheit im Betrieb habe ihm den Start erleichtert. „Alle waren sehr nett.“
Camilo, 33, bringt elf Jahre Erfahrung als Elektromechaniker mit. „Ich finde es toll, Lösungen zu finden.“ Besonders in Erinnerung geblieben ist ihm der Empfang in Deutschland: „Sie haben uns vom Flughafen abgeholt. Am zweiten Tag gab es ein gemeinsames Frühstück.“ Dass ausgerechnet am Anreisetag alle Koffer verloren gingen, konnte die gute Stimmung nicht trüben. „Alle haben geholfen.“
Eine Familie im Unternehmen
Auch am Standort selbst zeigt sich, wie eine Bindung entstehen kann. Das wird deutlich am Beispiel dreier Schwestern, die bei Covestro ihren Einstieg gefunden haben.
Hanna, 20, ist im zweiten Lehrjahr zur Industriemechanikerin. Ihr Vater arbeitet als Chemikant bei Covestro. Nach einer abgebrochenen Ausbildung in der Zahntechnik fand sie über ein internes Starthilfeprogramm ihren Platz. „Handwerklich habe ich schon immer viel gemacht“, sagt sie. „Hier ist es wie eine große Familie.“ Der Wunsch zu bleiben ist klar: „Warum weggehen? Besser kann es gar nicht laufen.“
Ihre Schwester Sara, 18, lernt Chemielaborantin. Besonders beeindruckt hat sie die individuelle Betreuung. „Hier wird man wirklich an die Hand genommen.“ Einmal pro Woche erhält sie zusätzliche Unterstützung, um schulische Inhalte zu vertiefen. „Die Ausbilder stehen zwar über uns, aber wir sind auf Augenhöhe.“ Kennenlernwochen, Teamfahrten und gemeinsame Projekte stärken von Beginn an das Gemeinschaftsgefühl. „Man will, dass sich das Lehrjahr versteht“, sagt Sara. „Das ist wichtiger als alles andere.“
Die jüngste Schwester Sina, 16, absolviert derzeit ein Schulpraktikum. Sie lötet, sägt, feilt und erhält Einblicke in verschiedene Bereiche. „Man merkt, dass sich alle verstehen“, sagt sie. Ob es sie, wie ihre Schwestern, ebenfalls in Richtung Ausbildung zieht, ist noch offen. Vielleicht folgt zunächst das Abitur.
Mehr als ein Projekt
Für Jürgen Evers steht fest: Internationale Rekrutierung ist kein kurzfristiges Instrument gegen Fachkräftemangel. „Man muss sich Zeit nehmen – für Auswahl, für Sprache, für Begleitung.“ Gleichzeitig sei es wichtig, die eigenen Nachwuchskräfte nicht aus dem Blick zu verlieren. Willkommenskultur bedeutet in Brunsbüttel daher beides: Türen für Menschen aus anderen Ländern zu öffnen und jungen Menschen aus der Region Perspektiven zu geben. Manche Wege führen über den Atlantik, andere beginnen im Nachbarort. Entscheidend ist, dass sie in eine Zukunft führen, in der man sagen kann: angekommen. Und geblieben.
TEXT Kristina Kriom
FOTO Mubarak Bacondo


