Verantwortung in der „Zeitenwende“ – neu denken und „neue Wege gehen“!

Verantwortung in der „Zeitenwende“ – neu denken und „neue Wege gehen“!

Interview mit Stefan Mohrdieck, Landrat des Kreises Dithmarschen

Seit seinem Amtsantritt 2018 als Landrat des Kreises Dithmarschen gab es für Stefan Mohrdieck aufgrund der verschiedenen Krisensituationen viele Herausforderungen. Trotzdem wünscht er sich keinen anderen Job und liebt seinen Auftrag und das Wirken für einen größeren Raum mit vielfältigen, übergeordneten Themen und Problemen. Diese spricht er im Interview mit ME2BE klar an.

Gerade die letzten Jahre sind von enormen Herausforderungen geprägt und haben neue politische, gesellschaftspolitische und wirtschaftliche Dimensionen und Fragen aufgeworfen. Sehnen Sie sich manchmal zurück in Ihr überschaubares Amt als Bürgermeister von Brunsbüttel?

Ein klares Nein. Aber wir müssen heute feststellen, dass wir in den letzten Jahrzehnten in einer trügerischen Sicherheit aufgewachsen sind. Zu meiner Zeit als junger Mann gab es natürlich auch Kriege, Stichwort Irak/Kuweit, aber die Geschehnisse dort waren weiter weg, und jetzt haben wir direkt vor unserer Haustür einen Krieg. Diese erschreckende Tatsache, gepaart mit anderen Problemen wie Corona oder die Bewältigung der Energiewende, stellt uns vor viele neue Herausforderungen und fordert ein Umdenken.

Nennen Sie uns ein paar konkrete Beispiele?

Schon während der Coronazeit haben sich strukturelle Schwächen offenbart, und durch die Energieversorgungskrise, die sich im Kontext mit dem Ukraine Krieg anbahnt, stehen wir in Punkto Krisenbewältigung nochmal vor einer neuen Dimension von Aufgaben. Preise steigen, Märkte geraten durcheinander, Inflationsraten schießen nach oben, und das ist für uns und unsere Kinder eine völlig neue Situation. Niemand kann bislang sagen, wohin die Reise geht. Das gilt sowohl für die politischen Entscheider, aber auch für jeden einzelnen Bürger. Diese Ungewissheit schürt Ängste. Die bisher gelebte ‚Vollkasko-Mentalität‘, die dadurch entstanden ist, dass der Staat dem Bürger alles abgenommen hat und die Wirtschaft mit stetigem Wachstum gesegnet war, ist nicht aufrecht zu erhalten.
Gleichzeitig zeigen sich auch die Folgen des demografischen Wandels im Bereich Fachkräftemangel und neben vielen positiven Aspekten leider auch die negativen Aspekte der Globalisierung. Abhängigkeiten und Versäumnisse werden offenbar. Das gleiche gilt für den Bereich Klimaveränderung. Sie ist zwar in der Wahrnehmung schleichend erfolgt, aber heute brutal sichtbar, und von daher ergeben sich auch hier dringende Themenfelder, die bearbeitet werden müssen. Der Staat alleine wird es nicht richten können, also sind wir alle aufgefordert, an unserem Mindset zu arbeiten. Wir müssen uns den Übeln stellen und neue Wege gehen.

Zunächst müssen wir trotzdem Zuversicht vermitteln, dass es sich lohnt, etwas zu lernen, eine Ausbildung oder ein Studium zu beginnen.

Wie kann das im Hinblick auf die junge Generation gelingen, die noch weniger geübt im Umgang mit Krisen ist?

Zunächst müssen wir trotzdem Zuversicht vermitteln, dass es sich lohnt, etwas zu lernen, eine Ausbildung oder ein Studium zu beginnen. Hier sind auch die entsprechenden Bildungsstätten dazu aufgerufen, Wissen und Können zu vermitteln, und so den Fachkräftemangel abzufedern und jedem eine Perspektive zu bieten.

Digitalisierung gehört ebenso in den Bereich moderner Wissensvermittlung. Wie ist der notgedrungene Anschub dieses Themas durch Corona in den Schulen Ihres Kreises umgesetzt worden?

Das war ein schwieriges Thema, welches sich aus verschiedenen Komponenten zusammengesetzt. Es ging ja nicht nur um die Beschaffung der Endgeräte. Das ist in vielen Bereichen gelungen, aber das reichte natürlich nicht. Es mussten, neben diesen technischen Voraussetzungen im Hardwarebereich, eine ausgebaute, funktionierende Netzstruktur bereitgestellt und letztendlich auch Medien – sowie pädagogische Konzepte im Bereich Homeschooling entwickelt werden, die von ausreichend qualifizierten Lehrern umzusetzen waren.
Leider hat meist jeder seinen eigenen Weg beschritten. Das zur Verfügung gestellte Bildungspaket des Bundes erleichterte zwar mit Sicherheit den Kommunen und Schulträgern, die Beschaffung voranzutreiben, aber an so manchen Stellen hakte es bei der Umsetzung hinsichtlich der Anwendung. Entweder fehlte die Zeit innerhalb des Schulbetriebs, oder es scheiterte an der Medienkompetenz der Lehrer. Hier besteht meiner Meinung nach erheblicher Nachbesserungsbedarf.

Wir hören als Medienpartner der Schulen immer wieder, dass sich etwas verändern muss. Warum dauert es Ihres Erachtens so lange, bis den Worten Taten folgen?

Das liegt daran, dass zwei Welten aufeinandertreffen. Auf der einen Seite gibt es bildungspolitische und interne Strukturen an den Schulen, die diese umsetzen müssen, und andererseits bestehen Anforderungen, die zu den Aufgaben der Schulträger gehören, die diese wiederum realisiert sehen wollen. An dieser Schnittstelle scheiden sich oftmals die Geister. In den Kommunalparlamenten wird darüber entschieden, wie viel und wofür das Geld in den Schulen ausgegeben wird. Das ist nicht einheitlich geregelt. Es gibt beispielsweise keine Verordnungen, die festlegen, wieviel Geld für einen Schüler zur Verfügung gestellt wird oder ob bis zu einem bestimmten Zeitpunkt ein ausreichendes W-LAN-Netz vorhanden sein muss. Jeder Schulträger entscheidet im Grunde in Abstimmung mit der örtlichen Schulleitung über seine Belange, darüber, was gerade an der entsprechenden Schule gebraucht wird. Oft spielt auch die Altersstruktur einer Schulleitung hinsichtlich der Frage, medial neue Wege zu gehen, eine Rolle. Manche haben oft Berührungsängste mit den neuen Lernformen und melden keinen Bedarf für Veränderungen an.
Generell ergeben sich aus dieser Rollenteilung zwischen Schulen und Trägern viele Unterschiede im Lande, und dieser Umstand erklärt unter anderem auch, dass mittlerweile Schulstandorte miteinander konkurrieren, Schüler wechseln oder Gymnasien um Schüler ringen – was gut ist, denn so wird sichtbar, wo Schwächen liegen. Dadurch wird die Verantwortlichkeit der Schulträger deutlicher, und es erhöht sich der Druck, zu handeln und Verbesserungen anzuschieben.

In Ihrer Region gibt es ein positives und sichtbares Beispiel aus dem Bereich Bildung – das Projekt BBZ 2020. Eine Umstrukturierung des Berufsbildungszentrums, inklusive imposantem Neubau in Heide, sowie neue praktische Werkstätten in Meldorf sind realisiert worden.

Der Weg zur endgültigen Entscheidungsfindung hat zehn Jahre gedauert, aber das Ergebnis kann sich sehen lassen. Zunächst war zu überlegen, welche strategisch grundsätzliche Ausrichtung es für das BBZ, das fast 4000 Schülerinnen und Schülern eine fundierte Ausbildung bietet und zu den größeren des Landes gehört, geben soll. Ebenso wurde über den Standort verhandelt, denn seitens der Verwaltung war ursprünglich ein neuer Standort in der Nähe der FH Westküste geplant.
Mittlerweile ist die Profilgebung dergestalt umgesetzt worden, dass alle kaufmännischen, sozialen und medizinischen Berufe in Heide und die technischen Berufe in Meldorf mit entsprechenden Werkstätten angesiedelt sind. Das Gesamtkonzept bleibt weiterhin dynamisch und wird immer wieder überarbeitet, da wir die Entwicklung der Berufsfelder nicht voraussehen konnten und jetzt zum Beispiel merken, dass wir für den sozialpädagogischen Bereich mehr Nachfragen haben als Angebote.
Alles in allem sind für unsere Region dieses Projekt und der Neubau wirklich etwas Besonderes. Von außen und innen erkennt man den Geist einer richtigen Stätte der Bildung. Ein fast schon studentisches Flair, wo moderne Lernstrukturen umgesetzt werden können. An solchen Anforderungen scheitern die meisten Bestandsgebäude, da sie alleine schon den notwendigen Raum, den es braucht, nicht abbilden können. Dies alles ist hier perfekt gelungen, auch weil die Lehrkörper aktiv mit in die Planung eingebunden wurden und sehr engagiert waren. Eine solche Zusammenarbeit schafft eine ganz andere Identifikationsgrundlage, die Freude am Lehren und damit auch am Lernen erzeugt. Mit diesem Projekt setzen wir uns trotz eines strukturellen Defizits aufgrund unserer geografischen Lage gegenüber zentraleren oder universitätsnäheren Orten ab.

Apropos Standort – gibt es auch neue Projekte, die den Wirtschaftsstandort Dithmarschen stärken?

Wir stecken mitten in der Energiewende und haben gerade den Zuschlag für eine der größten Investitionen, die Schleswig-Holstein in den letzten dreißig Jahren getätigt hat, bekommen. Wir reden von einem Drei-Milliarden-Projekt, das die Realisierung einer Batteriezellenfabrik in Heide vorantreiben wird. Das Unternehmen hat sich bewusst für uns als Standort entschieden, da eine grüne Batteriezellenfabrik entstehen soll, die durch unsere Energieversorgungsmöglichkeiten gegeben ist.
Bei uns kann man im Gegensatz zum Rest des Landes EEG-Strom in ausreichender Menge und Güte bekommen. Geplant sind 3000 neue Arbeitsplätze, und wir sind froh, dass unsere Bemühungen, Industrien hier anzusiedeln, die mit unserem Überschussstrom versorgt werden können, geglückt sind. Im Zuge des Aufbaus in diesem neuen technologischen Bereich wird es einen großen Bedarf an Arbeitskräften – von Technikern bis hin zu Kaufleuten – geben. Das sehe ich als außerordentlichen Impuls, der gerade für junge Leute im Bereich beruflicher Orientierung interessant sein wird, da es um das gerade für sie wichtige Thema der zukünftigen Energieversorgung geht.

Auch eine Entwicklung, die für die Betriebe und die Ausbildungen interessant sein dürften und die Region unterstützen wird.

Absolut. Wir werden neue Betriebe ansiedeln. Es werden sich neue Berufszweige und Infrastrukturen – wie ein Ausbau des ÖPNV – entwickeln. Eine riesige Herausforderung, aber auch eine große Chance für die gesamte Region, die sich von Hamburg bis nach Husum erstrecken wird. Wir brauchen die Zusammenarbeit der gesamten Westküstenregion. Wir haben uns im Vorfeld als Energieküste in einer Regionalkooperation mit den vier Westküstenkreisen Pinneberg, Dithmarschen, Steinburg und Friesland vermarktet. Wir begreifen uns als eine Arbeitsregion. Diese Tatsache und die damit verbundenen Änderungen wirken wie ein Booster für unsere wirtschaftliche Entwicklung und für Strukturverbesserung, die wir zwar immer wollten, aber aufgrund unseres Bevölkerungsrückgangs nicht bekommen haben. Das hat sich jetzt grundlegend geändert.

TEXT Anja Nacken
FOTO Pressestelle Kreisverwaltung Dithmarschen