Trecker statt Hörsaal

Trecker statt Hörsaal

Wiebke wird Landwirtin

Was macht man mit einem 1a-Abi? Zahnmedizin, Psychologie oder Medizin studieren? Von wegen! Es muss nicht immer gleich ein Studium sein. Wiebke Stock hat sich für einen anderen, bodenständigen Weg entschieden. Die 21-jährige befindet sich im dritten Ausbildungsjahr zur Landwirtin. Mit ME2BE spricht sie über die Herausforderungen, ihre Zukunftspläne und den Arbeitsalltag.

Wie hat dein privates Umfeld auf deinen Ausbildungswunsch reagiert?
Die meisten waren erstmal positiv überrascht. Der zweite Gedanke war dann oftmals, dass es zu mir passt. Von den Skeptikern kam besonders oft die Frage: „Danach willst du aber schon noch studieren, oder?“ Ein befreundeter Landwirt hatte auch Bedenken wegen der körperlichen Herausforderung geäußert.

Du kommst ursprünglich nicht vom Bauernhof. Wie bist du auf die Idee gekommen, Landwirtin zu werden?
Ich fand den Gedanken verlockend, raus aus dem Kopf zu gehen und rein ins Praktische. Dazu kam mein allgemeines Interesse an dem Thema Ernährung. Da war es nur ein konsequenter Schritt, herauszufinden und hautnah zu erfahren, wo Brot, Käse, Milch, Eier, Fleisch und Gemüse herkommen. Dass ich nicht vom Hof komme, kann man außerdem auch als großen Vorteil sehen. Dadurch werden alte Strukturen aufgebrochen, neue Ansichten und frischer Wind in den Betrieb gebracht.

„Man arbeitet zusammen und man lebt zusammen. Das klappt nicht mit jedem und ist eine sehr extreme und intensive Form.“

Deshalb auch erstmal die Entscheidung gegen ein Studium?
Ich wollte an der Basis anfangen und wirklich wissen, worum es geht. Ich wollte keinen Beruf studieren, der in der Realität aus hauptsächlich praktischer Arbeit besteht.

Was ist dein Plan, nachdem du die Grundlage gelernt hast?
Vermutlich wird es mich nach Witzhausen verschlagen, um dort an der „Universität Kassel“ „Ökologische Agrarwissenschaften“ zu studieren. Im späteren Beruf sehe ich mich definitiv nicht nur am Schreibtisch. Eine Kombination aus Theorie und Praxis in einer klein bis mittelgroß strukturierten Landwirtschaft wäre schön.

Wiebke StockEs fällt auf, dass deine beiden Lehrbetriebe Bio-Bauernhöfe sind. Wieso hast du dich gerade dafür und gegen einen konventionellen Betrieb entschieden?
Meine Erziehung ist geprägt von Wertschätzung der Natur. Natürlich findet man das auch auf konventionellen Betrieben und das heißt nicht, dass in der Bio-Welt alles „Friede-Freude-Eierkuchen“ ist, aber mir war es vor allem wichtig nahezu hundertprozentig hinter dem zu stehen, was ich tue und wofür ich fast meine ganze Zeit opfere. Ich kann nur Leidenschaft in etwas stecken, das ich für gut befinde. Da ich Pflanzenschutzmittel und chemisch-synthetisch hergestellte Düngemittel absolut gar nicht unterstützen wollte und konnte und nach wie vor nicht will, habe ich mich für biologisch wirtschaftende Betriebe entschieden.

Auch interessant ist, dass du von Kindheit an Vegetarierin bist. Wie erlebst du es, wenn Tiere zum Schlachter gebracht werden?
Zur Landwirtschaft gehörte schon immer Tierhaltung und somit auch das Schlachten. Früher hatte man mehr Zeit für die Tiere, kannte sie also besser. Da war dann alles mit einer gewissen Wertschätzung verbunden. Heutzutage ist das nicht mehr so. Diese Anonymität kommt vor allem durch die Vergrößerung der Herden. Dazu kommt, dass kaum ein Landwirt das Schlachten noch selber übernimmt. Kleinere Schlachtereien werden ebenfalls weniger. Schlachtung ist und bleibt nicht schön und wenn man dann noch über das Moralische und das Lebewesen im Allgemeinen nachdenkt, sträubt sich vieles. Wenn man das aber öfter erlebt hat, stumpft man ab. Das erleichtert vieles.

Bei keiner anderen Ausbildung wohnt man mit seinen Ausbildern zusammen. Was bringt das für Vorteile mit sich?
Man arbeitet zusammen und man lebt zusammen. Das klappt nicht mit jedem und ist eine sehr extreme und intensive Form. Wenn es gut passt, ist es nett, den Chef und die Familie auch privat zu erleben. Als Azubi erlebt man auf diesem Weg das landwirtschaftliche Leben und Planen viel intensiver und ist bei allen Themen, Fragen und Problemen hautnah dabei.

Und die Nachteile?
Wenn es nicht hundertprozentig passt, ist der Nervfaktor sehr hoch. Ein Abstand nach Feierabend ist manchmal kaum möglich. Auch die Küche wird geteilt, und es gibt das zu essen, was eingekauft wird. Gelegenheiten, mal das eigene Lieblingsessen zu kochen, gibt es selten.
Es gibt auch Betriebe, in denen die Wohnsituation besser geregelt ist. Dort hat man mehr Raum für sich, muss allerdings Küche und Haushalt selbst schmeißen. Da bleibt neben der Arbeit häufig keine Zeit für Privates.

Darfst du als Azubi denn schon Verantwortung übernehmen?
Inwiefern man Verantwortung übertragen bekommt ist abhängig vom Lehrjahr, dem Betrieb, dem Ausbilder und der eigenen Persönlichkeit. Aber alleine dadurch, dass man schon mit Tieren und Maschinen arbeitet, bekommt man automatisch Verantwortung. Außerdem gibt es einen Lehrplan in dem fest drin steht, in welchem Lehrjahr man was lernen muss. Zum Beispiel ist fürs dritte Lehrjahr der Umgang mit der Drillmaschine vorgesehen.

Was waren die Highlights deiner bisherigen Ausbildung?
14 Stunden auf einem Trecker sitzen zu können ohne einzuschlafen (lacht). Toll ist auch, das Erleben von Leben. Ich finde die Geburtshilfe bei Ziege, Schaf und Kuh super faszinierend. Krass ist auch, den Unterschied zwischen Milchvieh und Muttertieren, egal ob Schaf, Ziege oder Kuh, zu sehen. Milchvieh ist fehlkonditioniert, also in gewisser Weise auf den Menschen getrimmt.

Kornfeld

Die Ausbildung zum Landwirt ist das Richtige für alle Naturverbundenen

Gab es schon Teile der Ausbildung, die du lieber übersprungen hättest?
In der Berufsschule, in der Art und Weise, wie und was dort vermittelt wird, besteht definitiv Handlungsbedarf.

Welche Tipps gibst du Schülern, die sich für die Ausbildung interessieren?
Du solltest körperliche Fitness mitbringen, Lust haben im Dreck zu wühlen und gerne draußen sein. Besonders in der Erntezeit musst du die Bereitschaft entwickeln, viele Stunden zu reißen und trotzdem noch Spaß daran zu haben. Eine gewisse Portion Mumm kann auch nicht schaden. Denn den wirst du brauchen, wenn du für deine Rechte wie Arbeitszeiten, Überstunden und Vergütung kämpfst.

Wenn du neben der Arbeit noch Zeit hast, was machst du dann am liebsten?
Ich versuche natürlich, meine Freundschaften zu pflegen. Dann spiele ich noch Gitarre und Handball. Wie schon gesagt, beschäftige ich mich super gerne mit dem Thema „Essen“. Ich lese viel darüber, koche oft und gerne und ich “töte“ für ein gutes Stück Kuchen.

Zum Abschluss, was gefällt dir am besten am Beruf der Landwirtin?
Ganz klar, die Vielseitigkeit, das Arbeiten mit den Tieren auf dem Acker und mit den Maschinen, Pflanzen wachsen sehen und ernten, allgemein die Faszination der wirtschaftlichen und organischen Kreisläufe, die frische Luft, das jeder Tag anders ist, die körperliche Arbeit, der Praxisbezug, und das Arbeiten in den Jahreszeiten.

TEXT Aenne Boye
FOTOS Wiebke Stock