RASANTE STUDIS ODER „LEARNING BY DOING“

RASANTE STUDIS ODER „LEARNING BY DOING“

FH-KIEL-TEAM TRITT MIT SELBST GEBAUTEM RENNWAGEN BEI FORMULA STUDENT AN

Vor dem Rennen in Österreich 2012: FH-Student Oliver Kruhl bereitet sich im Kieler
Rennwagen auf seinen Einsatz in der Formula Student vor. Foto: Raceyard

Bevor die beiden Super-E-Motoren den Renner in 3 Sekunden auf Tempo 100 beschleunigen, müssen 45 StudentInnen Teamgeist, Disziplin und Durchhaltevermögen beweisen: Das Team Raceyard der FH Kiel will mit seinem Elektro-Rennwagen gegen die besten Teams Europas antreten.

Autos, die an der Ostsee gebaut werden? Wie bitte? Wer im Kieler Supermarkt einkaufen geht, muss sich über den schnittigen Rennwagen vorm Kühlregal nicht wundern. Die breitbereifte Flunder vom Team Raceyard der FH Kiel kämpfte vor einigen Jahren schon am Hockenheimring erfolgreich um Punkte. Jetzt können es Unternehmen ausleihen und präsentieren – das gehört zum PR-Konzept des Studentenprojektes, das für seine originellen Ideen schon so manchen Preis eingeheimst hat. Motto: Nach dem Hörsaal selber schrauben, tüfteln, diskutieren – machen! „Seit sieben Jahren arbeiten Studenten aus allen Fachrichtungen jedes Jahr aufs Neue an einem immer neuen Rennwagen“, erzählt Mario Zastrow, technischer Leiter Elektro und mit 29 Jahren ein echter „Senior“ im Team. „Alte Hasen unterstützen dabei die Newcomer – in diesem Jahr sind 45 Studis dabei.“ Vom 18-jährigen Erstsemester bis zum gestandenen Masterkandidat bringen Männer und Frauen ihr Können ins Team ein. Noch lässt sich angesichts des Rohzustandes von „T-Kiel A13E“ kaum erahnen, dass der Bolide mit den fetten Reifen in der übernächsten Woche zum Roll-Out soll. Der große Tag, an dem die Neuschöpfung ins Rampenlicht der Öffentlichkeit tritt. „Damit wir das packen, arbeiten wir jetzt jeden Tag und am Wochenende durch“, erklärt Oliver Kruhl (23), angehender Wirtschaftsingenieur und technischer Leiter bei Raceyard. Er durfte den Renner schon im letzten Jahr fahren und ist 2013 für das Testprogramm vor dem Renneinsatz zuständig. „Wir haben eine enorme Herausforderung zu bewältigen. Denn dies wird nach dem Debüt 2012 erst das zweite elektrisch betriebene Auto, das wir auf die Beine stellen. Vorher hatten wir mit Hochleistungs-Benzinmotoren gearbeitet.“

Um im Wettbewerb der anderen europäischen Hochschulen mitzuhalten, legt das Studi-Team die Latte extrem hoch: „Unser Wagen arbeitet mit zwei Elektromotoren, die je ein Hinterrad antreiben. Das ermöglicht in Verbindung mit einer Schlupfkontrolle – sie verhindert das Durchdrehen der Räder – ein extremes Drehmoment von 1110 Nm und ein hervorragendes Kurvenverhalten.“ Da horchen sogar Formel1-Fans auf. „Wir erwarten eine Beschleunigung von unter drei Sekunden auf Tempo 100“, ergänzt Sinje Krützfeld (23), die zum PR-Team gehört. Dass der Wagen nicht schneller als Tempo 135 schafft, stört nicht: Bei der Formula Student kommt es nicht auf Topspeed an, sondern auf Beschleunigung, Fahrverhalten, Zuverlässigkeit und Energieeffizienz. Außerdem bewertet eine Jury das technologische Gesamtpaket und die wirtschaftliche Seite des Projekts.

Apropos Geld: Nur durch die tatkräftige Unterstützung von begeisterten Sponsoren können die Studenten das aufwändige Projekt stemmen. Deshalb präsentiert sich Raceyard auch auf Messen, bei Presseterminen und anderen Veranstaltungen, um Resonanz und Förderung in der Öffentlichkeit zu erfahren. „Klar, dass die Studis umsonst arbeiten – das aber trotzdem engagiert und immer pünktlich“, berichtet Elena Schütt (24), die für das Eventmanagement und damit für die Außenwirkung von Raceyard zuständig ist.

„Das Projekt ermöglicht uns einen Einblick in die Arbeitswelt – denn Raceyard ist wie eine Firma aufgebaut“, ergänzt Maschinenbau-Student Daniel Wetzel (19), der sich um die Getriebekonstruktion kümmert. Unbezahlbare Erfahrungen sammeln alle, wenn sie ein neues, komplexes Ding kreieren. „Da stecken bei allen Herzblut, Schweiß, schlaflose Nächte und unzählige Arbeitsstunden drin“, weiß Technikchef Mario Zastrow. Auch spätere Arbeitgeber lesen von solchem Engagement gern in der Bewerbung. Damit beweist der Berufsnachwuchs Praxisnähe und Teamfähigkeit. Und den Willen, Qualität abzuliefern: Denn nur so packen es die Kieler bei den Rennen in Silverstone oder auf dem Hockenheimring vielleicht bis aufs Siegertreppchen.

FHkielRaceyard (4)

Ein Elektro-Renner wird geboren: Das Raceyard-Team der FH Kiel werkelt am
T-Kiel A13E. Foto: Joachim Welding

Text Joachim Welding