Please talk about Sex!

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In dem neuen Studiengang Sexualwissenschaft an der MSH Medical School Hamburg

Sexting und Cybersex – in Zeiten von Internetpornografie scheint es keine sexuellen Tabus zu geben. Sex ist allgegenwärtig. Doch medial vermittelte Pornografie und sexuelle Diversität beeinflussen die Gesellschaft auf eine Weise, die aktuelle Antworten für einen offenen Umgang mit Erotik und Geschlechterrollen sucht. An der privaten, staatlich anerkannten MSH Medical School Hamburg – University of Applied Sciences and Medical University können Studierende jetzt im neuen Masterstudiengang Sexualwissenschaft (M.A.) erfahren, wie sie junge (und alte) Menschen über aktuelle Themen sensibel aufklären, und warum Forschung gerade auf diesem Gebiet so wichtig ist.

Prof. Dr. Thorsten Bührmann leitet stellvertretend das Department Family, Child and Social Work an der MSH. Freundlich, entspannt und optimistisch gestimmt, so präsentiert er den neuen Studiengang Sexualwissenschaft während des Video-Interviews. Als Methodiker ist er federführend an der Entwicklung des Studiengangs an der Hamburger Hochschule beteiligt gewesen und weiß, worauf es für die zukünftigen Absolvierenden ankommt: „Wir sind sehr eng mit der Praxis in Kontakt und haben dort festgestellt, dass in vielen Einrichtungen ausgebildetes Fachpersonal im Bereich sexualpädagogischer Bildungs- und Beratungsangebote fehlt.“ Bisher, so Bührmann, gebe es für Fachkräfte nur Weiterbildungen. Doch der Wissenschaftler weiß, wie dringend spezialisierte Ansprechpartner und Institutionen gebraucht werden, die beispielsweise Schutzkonzepte entwickeln können. „Ein Stichwort sind sexuelle Missbrauchsfälle in Organisationen, wie etwa in der Kirche, die seit zehn Jahren in der Öffentlichkeit stärker thematisiert werden. Wir haben zunehmend Bedarf an Personen, die auch konzeptionell denken, die Strukturen entwickeln und aufbauen können.“

Über Bilder, Werbung und Pornografie haben wir Zugang zu verschiedenen Sexualitäten, was fehlt, ist die Orientierung.

Mit der Akkreditierung des Masterstudiengangs Sexualwissenschaft in Hamburg hat das Team im Department Family, Child and Social Work eine europaweite Anerkennung erreicht und bietet seit dem vergangenen Wintersemester 30 Studierenden Plätze an. Neben der Hochschule Merseburg ist die private Einrichtung in Hamburg die einzige deutschlandweit, die einen fundierten Studiengang zum Thema Sexualität anbietet. „Wir glauben, dass der spezialisierte Studiengang für die Wissenschaftslandschaft wichtig ist, auch weil es relativ wenig Forschung gibt“, so Prof. Dr. Bührmann, der selbst ein Forschungsprojekt zur innerkirchlichen Präventionsarbeit zum Thema Missbrauch betreut.

Die Nachfrage junger Leute nach dem neuen Studiengang sei groß, erklärt der stellvertretende Departmentleiter, der schon bei den Bachelor-Studierenden der Sozialen Arbeit an der MSH ein besonderes Interesse an dem Thema beobachtete. Dort wurde Sexualpädagogik als Wahlpflichtfach eingeführt. „In der Sozialen Arbeit beschäftigen wir uns immer mit gesellschaftlichen Entwicklungen und Dynamiken und seit vielen Jahren auch mit dem großen Thema der Diversität und Heterogenität. Da spielt die Frage nach sexueller Identität, nach sexueller Orientierung und dem Umgang mit Sexualität in der Gesellschaft eine große Rolle“, erklärt Prof. Dr. Bührmann. Die Einführung eines neuen Masterstudiengangs, so der Professor, sei daher eine logische Konsequenz und ein wichtiger Schritt in Richtung Spezialisierung für alle Beteiligten.

 

Sexualität spielt in vielen Berufsfeldern eine Rolle

Dass der Bedarf auf verschiedenen Ebenen sehr groß ist, weiß auch Prof. Dr. Urszula Martyniuk, die seit 14 Jahren Erfahrungen auf dem Feld der Sexualwissenschaften besitzt und jetzt eine Professur an der MSH innehat. „In der interdisziplinären Lehre hatte ich Anmeldungen für Seminare von ganz unterschiedlichen Studierenden. Zum Beispiel Lehramtsstudierende, Pädagogen oder angehende Psychologen. Das Thema Sexualität ist in verschiedenen Berufsfeldern sehr relevant.“ Dabei sei es nur scheinbar enttabuisiert, ergänzt Prof. Dr. Bührmann. „Wir befinden uns in einer gefährlichen Zwischenphase.“ Auf der einen Seite sei das Thema viel präsenter und scheinbar leichter verfügbar, so Bührmann, aber besonders in den öffentlichen Bildungsinstitutionen fehle es oft an einem offenen Umgang mit dem Thema Sexualität sowie an entsprechenden pädagogischen Konzepten. Als Beispiel nennt der Professor einen nahezu ungehinderten Zugang zu kostenlosen pornografischen Inhalten im Internet für Jugendliche. „In vielen Schulen ist es ein Tabu, offen darüber zu sprechen.“ Das Problem: Die jungen Leute würden medial vermittelt bestimmte Erfahrungen machen und Sexualität in einer Art und Weise erleben, die oft wenig mit der Realität gemein hat. „Wenn sie sich dann verlieben, und auf einmal kommen Gefühle hinzu, also etwas, was über die mediale Plattform nicht vermittelt und nicht erfahrbar wird, dann sind das Prozesse, die in der Pubertät eigentlich aufgearbeitet werden müssten. Das führt dazu, dass Lehrkräfte entsprechende Angebote suchen. In den staatlichen Ausbildungsplänen für das Lehramt ist das nicht enthalten.“

„In vielen Schulen ist es ein Tabuthema, pornografische Inhalte im Internet anzusprechen und offen darüber zu reden.“ Sexualwissenschaftler Prof. Dr. Thorsten Bührmann

Orientierung in einer übersexualisierten Welt

Dies ist einer der zentralen Punkte, an dem studierte Sexualwissenschaftler zukünftig in der Praxis ansetzen können. Nämlich durch ihre sozialpädagogische Arbeit in unterschiedlichen Institutionen oder mit Beratungsangeboten bei sozialen Anlaufstellen, wie beispielsweise der Ehe- und Familienberatung oder einem Jugendmigrationsdienst. FürProf. Dr. Bührmann und Prof. Dr. Martyniuk ist es wichtig, die individuelle Beratung von einer Sexualtherapie zu differenzieren, die nur von psychologischen Psychotherapeuten mit einer Zusatzqualifikation begleitet werden kann. „Bei sehr vielen Menschen reicht die Sexualberatung aus. In einzelnen Fällen empfehlen wir, eine Therapie zu beginnen“, so Prof. Dr. Martyniuk. Die überpräsenten sexuellen Eindrücke und Bilder lösen auch Beratungsbedarf aus. Wo früher – vor der sogenannten ‘sexuellen Revolution’ der 68er – Sexualität eher tabuisiert gewesen sei, ergänzt die Professorin, lebten wir heute in einer übersexualisierten Welt. „Jetzt haben wir mit dem Phänomen zu tun, dass Menschen ‚overscripted‘ sind. Sie haben sehr viele Vorbilder, Bilder, Werbung, Pornografie, durch die sie vermeintlich leichten Zugang zu verschiedenen Sexualitäten und Beziehungen erhalten. Was aber fehlt, ist die Orientierung. Und diese Orientierung könnten ausgebildete Fachkräfte geben.“ Nicht nur für junge Menschen übrigens, meint Prof. Dr. Bührmann, sondern auch für Erwachsene oder Menschen in Pflegeheimen.

„Bei sexuellen Grenzverletzungen liegt der Schwerpunkt oft auf dem Internet.“ Sexualwissenschaftlerin Prof. Dr. Urszula Martyniuk

Sexualwissenschaft Studis und Dozenten

Neue Forschungsthemen

Doch auch die Wissenschaft sei ein wichtiges Feld für das Thema Sexualität. „In unserem Studiengang haben wir ein Forschungsmodul über zwei Semester, in dem Studierende befähigt werden, eigene Forschung zu betreiben“, hebt Prof. Dr. Bührmann hervor. Die Zusammenarbeit mit Betroffenen etwa bei der Durchführung von Interviews sei eine besondere Herausforderung. „Das fängt an mit einer sensiblen Wortwahl. Der Begriff `Glied` beispielsweise kann in solchen Forschungssettings bei den Personen bestimmte Dynamiken hervorrufen. Das muss ich reflektieren.“ Besonders in den Bereichen von sexueller Gewalt und Grenzverletzungen sei es daher wichtig, die Studierenden gut vorzubereiten, weiß auch Prof. Dr. Martyniuk, die sich viele Jahre mit der Forschung zum Thema Sexualität im Internet wie beispielsweise Pornografie beschäftigt hat. „Sexuelle Grenzverletzungen treten auch im Zusammenhang mit der Internetnutzung auf “, so Prof. Dr. Martyniuk. Zu den neueren Forschungsthemen gehöre beispielsweise das Sexting, bei dem Nacktfotos versendet werden. Menschen, die sich miteinander in einem erotischen Chat befinden, oder Paare, die ihre Sexualität ausleben, indem sie sich gegenseitig Nacktfotos schicken, schaffen neue Phänomene der sexuellen Interaktion. „Wir erforschen alles, was die Menschen daran interessiert: Warum wird das gemacht, welche Intention steckt dahinter? Und wann kommt es tatsächlich zu Grenzverletzungen?“

Sexualwissenschaft Studis

In der Realität brauche es besonders bei Kindern und Jugendlichen, für die ein erotisches Gespräch und sexuelle Belästigung im Internet oft mit großer Scham und Schuld verbunden sei, zukünftig eine professionelle Begleitung durch ausgebildete Fachkräfte. Nach Ansicht der Sexualwissenschaft gibt es an den Schulen noch viel zu tun. Aber auch in sozialen Beratungsstellen herrsche angesichts der Zunahme von sexueller Diversität und medial vermittelter Sexualität ein großer Nachholbedarf. „Eine schlecht pädagogisch-didaktisch konzipierte Unterrichtseinheit zu dem Thema kann mehr schaden als nutzen“, warnt Prof. Dr. Bührmann. Die Einführung des neuen Masterstudiengangs lässt die beiden Wissenschaftler hoffen, dass Praxis und Forschung zukünftig gestärkt werden. Denn das Thema Sex beschäftigt uns alle. Immer. Irgendwie.

ERZÄHL MAL …

Jonah (21) studiert im vierten Semester Soziale Arbeit an der MSH

„Ich habe nach meinem Abitur ein Freiwilliges Soziales Jahr in einer sozialpsychiatrischen Tagesstätte für Erwachsene gemacht und für mich herausgefunden, dass mir die soziale Arbeit liegt. Ich merkte, wenn ich mich intensiv mit den Menschen beschäftige, kann ich etwas bei ihnen bewirken. Also informierte ich mich, wo ich Soziale Arbeit studieren kann und stieß fast überall auf einen Numerus Clausus, den ich mit meiner Abi-Note nicht erreichen konnte. Ich hätte lange auf einen Studienplatz warten müssen. Doch dann erfuhr ich von der MSH Medical School Hamburg, bewarb mich um einen Studienplatz und wurde gleich zu einem Gespräch eingeladen. Jetzt studiere ich die Grundlagen Sozialer Arbeit und kann mir vorstellen, auch noch einen Master zu machen. Gerne möchte ich nach dem Studium mit psychisch Erkrankten arbeiten, weil das eine Arbeit ist, die ich als sehr bereichernd empfinde. Aber auch die Forschung finde ich spannend, denn die Themenbereiche wie Rassismus, Partizipation, Medienkonsum oder Sexualwissenschaften sind breit gefächert. Ich kann jedem empfehlen, der mit seiner Berufswahl unsicher ist, ein Praktikum oder ein FSJ zu machen. Und wenn die Abi-Note nicht reicht, dann sollte man schauen, wie viele Wartesemester es braucht oder ob man sich ein privates Studium vielleicht mit Hilfe von Stipendien oder BAföG leisten kann. Ich selbst habe Stunden vor meinem Laptop verbracht und recherchiert. Aber jetzt bin ich angekommen und total glücklich.“

Birthe (26) studiert im zweiten Semester Sexualwissenschaft an der MSH

„Meine Eltern reagierten amüsiert und meinten, dass ich dann wohl die neue ‚Doktor Sommer‘ in der Bravo werde. Insgesamt muss ich jedoch sagen, dass mir sehr viel Interesse, Neugierde und Zuspruch entgegengebracht wurde, als ich vor einem Jahr das Studium Sexualwissenschaft an der MSH begonnen habe. Ich halte diesen Studiengang für eine Bereicherung, weil ich während meiner Arbeit als Physiotherapeutin zunehmend die Notwendigkeit sah, dem Thema Sexualität im Sinne von Berührung, Nähe und körperlichem Wohlbefinden mehr Aufmerksamkeit in der Gesellschaft zu schenken – sei es bei Menschen mit Behinderung, bei schwangeren oder alten Menschen. Während das Thema Sexualität in den Niederlanden bereits fester Bestandteil in der Anamnese ist, findet es in Deutschland meiner Meinung nach oft viel zu wenig Beachtung in den medizinisch-therapeutischen Berufen. Umso besser, dass die MSH Studierende in dem neuen Studiengang Sexualwissenschaft lehrt, derartige Themen sensibel anzusprechen. Grundlage sind aktuelle Forschungsergebnisse, auch aus den Gender- und Queer-Debatten. Themen wie Psychologie, Intervention und Beratung sind aber ebenso fester Bestandteil des Studiums. Nach dem Studium sind wir nicht nur Sexualwisschenschaftler, sondern auch zertifizierte Sexualpädagogen. Somit stehen uns Berufsmöglichkeiten in Beratungsstellen wie pro familia offen. Um frei von Scham und Hemmungen über Sexualität sprechen zu können, gibt es auch das Seminar der Supervision und Reflexion, in dem wir auch unsere eigene sexuelle Vorgeschichte genauer unter die Lupe nehmen.

Weitere relevante Schwerpunkte sind Sexualmedizin sowie Ethik und Recht. Genau diese Vielfalt und der Umgang mit gesellschaftlichen Tabuthemen macht für mich den Reiz dieses Studiengangs aus. Nach dem Studium könnte ich mir gut vorstellen, in der Forschung und Lehre tätig zu werden. Auf der anderen Seite fände ich es spannend, meine Praxiserfahrung weiter auszubauen und Inhalte der Physiotherapie mit der Sexualberatung zu verbinden.“

TEXT Nadine Schättler, Sophie Blady
FOTOS Apo Genc, privat