Medienwissenschaftler Lankau: Digitalisierung der Schulen läuft in die falsche Richtung

Medienwissenschaftler Lankau: Digitalisierung der Schulen läuft in die falsche Richtung

Die Coronapandemie ist ein Turbo für die Digitalisierung von Schulen. Der Medienwissenschaftler Ralf Lankau sieht darin eine Gefahr: Ohne sinnvolles pädagogisches Konzept würden Schüler den Marktinteressen von US-Techkonzernen ausgeliefert.

Plötzlich musste alles ganz schnell gehen: Als die zweite Welle der Coronapandemie rollte, spülte sie zehntausende Tablets in deutsche Klassenzimmer. 1,5 Milliarden Euro stellten Bund und Länder seit den coronabedingten Schulschließungen zur Verfügung, um Endgeräte für Schüler und Lehrer anzuschaffen. Allein das oft gescholtene Bremen hat knapp 100.000 Geräte bereitgestellt; für die Schüler gab es iPads vom Techgiganten-Apple. Dafür wurde Bremen nahezu einstimmig als Vorreiter gefeiert. Völlig zu Unrecht, wenn man Ralf Lankau folgt. „Tablets und Smartphones gehören nicht in die Schulen“, sagte der Professor. „Nichts von dem, was wir gerade tun, ist alternativlos.“

Lankau ist Pädagoge, er lehrt Mediengestaltung und Medientheorie an der Hochschule Offenburg. Seit Jahren forscht er zur Digitalisierung im Bildungsbereich. Seine Thesen vertrat er zuletzt am 8. Juli an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) auf Einladung des Instituts für Psychologie und der Kieler Forschungsstelle Toleranz (KFT). Titel seiner Veranstaltung, die sowohl im Hörsaal als auch digital zu verfolgen war: „Kein Mensch lernt digital – Warum IT für Schule und Unterricht neu gedacht werden muss“.

„Wir sprechen hier von einer Macht, deren Wirkung wir noch nicht einschätzen können“

Um das Problem der Digitalisierung an Schulen anschaulich zu machen, nahm er einen Umweg in den Alltag der Erwachsenen. „Wir könnten alle ohne Smartphones überleben – bis vor zwölf Jahren gab es die Dinger ja noch gar nicht“, sagte er. Trotzdem seien wir längst abhängig von iPhone, Galaxy und Co. Das Problem laut Lankau: Medienbedienkompetenz besäßen alle. Was fehle, sei der Blick dahinter. Kaum einer reflektiere. „Wir sprechen hier von einer Macht, deren Wirkung wir noch nicht einschätzen können“, betonte der Professor. „Es gibt schon heute keinen Bereich in unserem Leben, der nicht verdatet wird.“

Es würden immer mehr Daten gesammelt, mit deren Hilfe wir gesteuert würden. „Und wir bringen immer mehr Geräte in unser Leben“, sagte der Wissenschaftler. Alles sei heute smart: Telefone, Uhren, Fernseher, Autos, Kühlschränke. „Smart ist aber nur ein Synonym dafür, dass Kameras und Sensoren uns die ganze Zeit auswerten“, stellte Lankau fest. „Wir selbst werden zum Datensatz.“ Statt Akteure seien Menschen heute reine Datenlieferanten für Techkonzerne. Und Daten, so Lankau, sind „der Rohstoff des Überwachungskapitalismus“. Alles, was zur Überwachung genutzt werden könne, werde prinzipiell auch genutzt.

Vom „Überwachungskapitalismus“ zur „Überwachungspädagogik“

Dass nun auch die Bildung smart werden soll, und das am besten schnell, behagt dem Pädagogen nicht. „Diese Techniken gehen jetzt in die Schulen“, sagte er und schob die Frage hinterher: „Wird aus dem Überwachungskapitalismus jetzt Überwachungspädagogik?“ Schon seit einiger Zeit gehe die Tendenz im Bildungsbereich zu immer stärkerem Vermessen. Immer mehr Daten würden gesammelt. Einige Politiker fabulierten schon von intelligenten Programmen, die Aufsätze korrigieren können, warnte der Professor „Wir entfernen uns immer weiter von der tatsächlichen Pädagogik, vom Individuum.“ Die Folge: Das pädagogische System kippe in die Systematik der Informatik. „Die Frage ist, ob wir das wollen“, so Lankau. Statt Pädagogen einzustellen, müssten Stellen geschaffen werden für Systeminformatiker und Qualitätsmanager. Schüler lernten hingegen nur, wie man Geräte bedient – und würden schlussendlich zu Datenlieferanten. Denn nicht nur Daten zu schulischen Leistungen könnten analysiert und erfasst werden, sondern auch solche zur Freizeit, zum sozialen Umfeld, zur Familiensituation.

Digitalisierung an den Schulen? Ja, aber richtig!

Dabei ist die Digitalisierung auch für Lankau durchaus wünschenswert – nur eben durchdacht, nicht übereilt. „Es geht nicht darum, die Schulen mit besserer Medientechnik auszustatten“, sagte er. Es gehe darum, Schülern Computer als Werkzeuge zu vermitteln, ganz ohne Kontrollfunktionen. Und dafür sei das überstürzte Anschaffen von Tablets nicht geeignet. So liefen auf den eiligst für Bremens Grundschulen angeschafften Tablets am Anfang noch Youtube-Videos, weil die App dort installiert werden konnte. „Google weiß, was wir denken, Youtube, was wir sehen“, warnte der Gastreferent aus Offenburg nun in Kiel. „Die Schule hat die Aufgabe, zu zeigen, dass auch Smartphones keine reinen Konsumgeräte sind.“

Dazu müssten aber erst einmal Grundsatzfragen geklärt werden. Etwa über Lernziele. Die dürften nicht auf Bedienkompetenz beschränkt sein. Und sie dürften nicht zum Vorteil von kommerziellen Unternehmen genutzt werden. Jede Schule brauche nach Einschätzung des Wissenschaftlers eine eigene IT-Infrastruktur, ein geschlossenes Netzwerk, unabhängige Hardware, unabhängige Software. „Schulen sind keine Datenlieferanten“, sagte er. „Für alles gibt es Alternativen, auch bei der Technik. Entscheidend ist, dass wir unsere Autonomie zurückgewinnen.“

Schulen dürfen sich den Techkonzernen nicht ausliefern

Nicht US-Tech-Unternehmen dürften die Regeln aufstellen, sondern die Schulen. „Wir müssen die Monopole brechen“, sagte Lankau, der selbst als Mediengestalter Open-Source-Software nutzt. Alternative IT-Infrastrukturen ermöglichten ein freies Arbeiten an den Schulen. „Dann können Schüler auch Codes schreiben oder sich gegenseitig hacken“, ergänzte er. Möglich werde so etwas aber nur durch Kooperation. Beispielsweise könnten einige IT-Fachleute mehrere Schulen betreuen. „Allein sind wir gegen die IT-Wirtschaft hilflos“, sagte Lankau.

Schule müsse ein herrschaftsfreier Raum sein, forderte der Professor. Sie müsse zeigen, wie vielfältig Wissenschaft sei. Computer würden Schüler nur danach beurteilen, ob sie systemkonform seien. Und nebenbei ihre Daten abschöpfen. „Wir sollten anders mit den Produkten umgehen“, resümierte der Medienwissenschaftler. „Ich weiß, dass das anstrengend ist, aber wir müssen uns von der Bequemlichkeit verabschieden.“ Und von der Vorstellung, dass es reicht, zehntausende Tablets zu kaufen.

TEXT Robert Otto-Moog
FOTO Shutterstock