Hightech-Holstein. Die neue Lust aufs Handwerk

Hightech-Holstein. Die neue Lust aufs Handwerk

Das größte Geschenk, das die Evolution für den Menschen bereithielt, war der aufrechte Gang. Warum? Er befreite die Hände für den Gebrauch von Werkzeugen. Mehr brauchen wir nicht: Einen Kopf, um zu denken, zu planen, zu lernen und Wissen zu speichern. Ein Paar Hände, die vorbereiten, bauen, instand halten und reparieren. Die handwerklichen Fähigkeiten an den Nächsten weiterzugeben, sichert unsere Zukunft. Darin liegt seit Tausenden von Jahren die Grundidee von „Ausbildung“. Lernen von denen, die es können.

Passe ich überhaupt ins Handwerk?

Jan Christian Kähler ist 18 Jahre alt. Er ist Klempner im zweiten Lehrjahr bei einer Bordesholmer Dachdeckerei. Nach dem ersten Allgemeinbildenden Schulabschluss an der Gemeinschaftsschule Schönberg wollte er nicht weiter die Schulbank drücken, sondern arbeiten und sein eigenes Geld verdienen. Er hat sich für das Klempner-Handwerk entschieden und fühlt sich wohl damit. „Ich bin gern auf der Baustelle. Mir gefällt es, dass wir abends sehen, was wir geschafft haben. Die Ausbildung ist vielseitig und die Atmosphäre im Team ist locker und entspannt. Nach der Lehre möchte ich eine Zeit als Geselle arbeiten und später vielleicht noch mal zur Schule gehen.“

Wenn sich Schülerinnen und Schüler in der 9. Klasse damit beschäftigen, welche Ausbildung sie nach der Schule machen wollen, müssen sie Antworten auf folgende vier Fragen finden:

Wozu habe ich Lust? Was sind meine Neigungen? Wie viel möchte ich verdienen? Wie sehen meine Zukunftschancen aus? Erst informieren, dann Praktika machen und anschließend halten bundesweit über 120 handwerkliche Ausbildungsberufe um deine Hand an … oder besser gesagt um „deine beiden Hände“! Vom Augenoptiker bis zur Zweiradmechatronikerin –  Handwerk ist bunt und vielseitig.

Zahlen gefällig? Fast 1 Million handwerkliche Betriebe in Deutschland. Rund 5 Millionen Beschäftigte. Ein Drittel aller Lehrlinge Deutschlands. That‘s Handwerk. Mit jedem Schulabschluss gibt es Chancen im Handwerk. Und es gibt weitere gute Gründe, eine handwerkliche Ausbildung zu absolvieren.

Ein junger Mann in einer Werkstatt arbeitet mit einer Stnadbohrmaschine.

Marcel Meyer (23), Metallbaugeselle

Hier unsere Top 5: 

1. Endlich praktisch arbeiten. In der Schule hast du dich jahrelang mit Dreiecken, Gedichten, Kohlenwasserstoff und dem Bundesrat beschäftigt. Jetzt darfst du endlich etwas mit den Händen machen und dabei lernen.

2. Mit anderen im Team arbeiten. Alles dreht sich um Teamwork, um das Miteinander.

3. Auf deiner Ausbildung kannst du ein Leben aufbauen. Mit dem ersten Tag der Ausbildung wird deine Arbeit vergütet. Jedes Jahr wird sich dein Lohn erhöhen. Mit dem Gesellenbrief in der Hand darfst du weltweit in diesem Beruf arbeiten und hast zahlreiche Weiterbildungsmöglichkeiten. Als Geselle arbeiten? Meister werden? Selbstständig machen? Studieren? Alles ist möglich. 

4. Viele Neigungen sind gefragt. In den meisten Handwerksberufen können sich unterschiedliche Talente behaupten. Es gibt die körperlich Starken, die praktisch Veranlagten, die kreativ Begabten, die Kommunikativen, die Mathe- und Physik-Nerds und viele mehr. Alle finden ihren Platz im Handwerk.

5. Weiblich, männlich – egal, Hauptsache fleißig! Frauen im Handwerk. Das ist übrigens schon lange keine Seltenheit mehr. Ungefähr 25 Prozent Frauen führt das Handwerk, darunter die bei Frauen beliebten Ausbildungsberufe Bäckerin, Friseurin, Fachverkäuferin im Lebensmittelhandwerk, Augenoptikerin, Goldschmiedin und Konditorin. Handwerk als reine Männersache? Dieses Klischee ist überholt. Nur wo körperlich schwere Arbeit dauerhaft an der Tagesordnung ist, bleibt der Frauenanteil gering und die Männer meist unter sich: Baugewerbe, Zimmereihandwerk, Metallbauberufe.

Ich bin modern. Das Handwerk auch?

Handwerk ist vielseitig. Handwerk ist ehrlich, Handwerk ist menschlich und hat Tradition. Aber ist es auch modern? Lehrlinge, Gesellen, Meister … Freisprechung, Zunftkleidung, Walz – ein Hauch von Mittelalter liegt im Raum … STOPP.  Schüler zwischen 16 und 20 Jahren werden morgens vom iphone 6 geweckt. Sie kommunizieren über „WhatsApp“, sprechen über „Netflix“, informieren sich auf „YouTube“  und spielen „FIFA 14“. Sie haben Kopfhörer auf. Den spiralförmigen Wanderstock finden sie vielleicht „nice“, möchten damit aber wahrscheinlich nicht über ihr Ortsschild klettern, um drei Jahre zu Fuß, in ein und derselben Kluft, durchs Land zu wandern. Und schon gar nicht ohne Geld und Handy!

 

Ein Traktor von hinten.

Foto: Christian Dorbandt

Unterwegs in Mittelholstein – wir suchen Traditionelles und Modernes. Von der Autobahn A7  geht’s ab nach Neumünster, Bad Segeberg, Henstedt-Ulzburg, Bordesholm, Norderstedt und Kaltenkirchen.In Henstedt-Ulzburg sitzt die Firma Metalltechnik Naegler. Es geht um Metallbau, Stahlbau und Blechverarbeitung. Die Firma fertigt Stahl, Edelstahl und Aluminium für Wohnungsbauunternehmen, Maschinenbaufirmen und Privatkunden. Ihre fünf Auszubildenden lernen das Handwerk des Metallbauers. Traditioneller Rahmen: Die Ausbildung verläuft wie in allen Handwerksberufen im dualen System: Praktische Ausbildung im Betrieb und ggf. in überbetrieblichen Lehrwerkstätten, schulische Ausbildung in der Berufsschule.

Modernes Innenleben: Hightech vom Feinsten in der Produktionshalle. Ein Hallenlaufkrahn mit fünf Tonnen Traglast befördert die Metallträger zur Werkbank. Links eine Tafelschere zum Schneiden der Bleche, rechts eine Abkantpresse, die Bleche selbst in schwierigste Profile biegt. Laserstrahlen steuern die Zweihandsicherheitsschaltung an der Maschine. Nur wenn beide Schalter an der Maschine gleichzeitig mit beiden Händen gedrückt werden, führt sie die mächtige Biegung durch. Verlässt auch nur eine Hand für eine Sekunde den Schalter, kommt es automatisch zum Notstopp. In die laufende Maschine kann die Hand nicht gelangen. Das war nicht immer so im Metallhandwerk.

Im Handwerk selbst verwirklichen

An der CNC-Nibbelmaschine werden Metallteile vollautomatisch zurechtgeschnitten und auf Maß angefertigt. Hier kommt moderne Computer-Steuerungstechnologie zum Einsatz.  Metallbauer im Jahre 2015 müssen auch am Monitor stehen und Stanzparameter in den Computer eingeben.

Marcel Meyer (23) hat hier nach dem ersten Allgemeinbildenden Schulabschluss seine Ausbildung zum Metallbauer in verkürzter Lehrzeit geschafft. Als Geselle bewegt er  sich selbstsicher in der Welt des Metalls. „Das Schöne am Beruf des Metallbauers“, erklärt er, „sind die abwechslungsreichen Tätigkeiten und die Arbeit an den modernsten Maschinen. Ich kann mich in meinem Beruf selbst verwirklichen, kann selbstständig arbeiten und eigene Ideen umsetzen.“

Auf dem Rundgang mit Marcel sind Tradition und Fortschritt nah beieinander. Im Metallhandwerk ist es nach wie vor laut, man wird schmutzig und es riecht nach Metall. Doch mit der Arbeit eines Schmieds mit Blasebalg hat dieses Handwerk nichts mehr zu tun. Werkstoffkunde, Metallbearbeitung, Schweißtechnik und die Arbeit an Hightech-Maschinen bestimmen den Alltag. Und für alle, denen das noch nicht modern genug ist, hat Marcel noch eine Info: „Wir arbeiten hier in einer 4-Tage-Woche. Unser Wochenende fängt meistens schon Donnerstagabend an. Moderne Arbeitszeitregelung!“

Mit dem Smartphone die Welt bewegen

Ortswechsel. Zu Gast bei der Bernd Ickert-Elektroanlagen GmbH in Neumünster.

Wenn ein Handwerk boomt, dann das Elektro-Handwerk! LED-Beleuchtungstechnik, moderne EDV-Netzwerklösungen, Hightech-Energiesteuerung per Smartphone, EIB-Bus-Systeme, elektronische Video, Brand- und Einbruchmeldeanlagen, Hifi-, TV- und SAT-Anlagen, Telekommunikation und … not to forget … das Thema Erneuerbare Energien. Die moderne Automatisierungstechnik wird von Elektronikern gebaut, programmiert, installiert, gewartet und repariert. In kaum einem anderen Bereich haben Innovation und Moderne so viel Bewegung verursacht. Die rasche Digitalisierung der Welt beschert dem Elektro-Handwerk prallvolle Auftragsbücher. Entsprechend hoch ist der Bedarf an Nachwuchs und gut ausgebildeten Fachkräften.

„Man muss es sich nur mal vorstellen … 50 Prozent der heutigen Technologien waren vor zehn Jahren noch völlig unbekannt!“ verdeutlicht Firmenchef und Innungsobermeister Bernd Ickert die rasante Entwicklung. „Die Nachfrage nach intelligenter Gebäudetechnik und erneuerbaren Energien ist gewaltig! Menschen werden mit dem Smartphone die Welt bewegen.“ Viel Arbeit, nicht nur für seine sechzig Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und 14 Auszubildenden. So sieht es momentan in den meisten elektrotechnischen Betrieben  aus.

Marco Ketelsen (23) hat sein Abitur gemacht und ist nun im dritten Lehrjahr seiner Ausbildung zum Elektroniker bei Elektro Bollmann in Ellerau bei Quickborn. Auf seinem Weg ins Handwerk begegneten ihm Vorurteile. „Als ich nach dem Abi Elektroniker werden wollte, haben mir manche Leute einen Vogel gezeigt. „Du bist ja blöd“, sagten sie, „mit Abi kannst du doch total viel erreichen.“ Nach anderthalb Jahren weiß ich, dass ich mich genau richtig entschieden habe.“

Sein anfängliches Studium der Elektrotechnik brach er ab: „Zu theoretisch! Ich bin eher praktisch veranlagt und arbeite lieber selbst an speicherprogrammierbaren Steuerungen“. Seine Ausbildung absolviert Marco mit Zustimmung seines Chefs in Form eines dualen Studium zum Fach-Betriebswirt. Neben dem Berufsabschluss Elektroniker wird er einige Zeit später dann auch Betriebswirt im Handwerk sein. Moderne Wege der Ausbildung in einem modernen Handwerk.

50 Prozent der heutigen Technologien waren vor zehn Jahren noch völlig unbekannt

Vierte Station: Bad Segeberg. Ole Thies (18) aus Stuvenborn, befindet sich im ersten Lehrjahr zum Bauwerksmechaniker für Abbruch und Betontrenntechnik. Sein Lehrbetrieb ist die Sprenggesellschaft Wahlstedt in Wahlstedt, Berufsschule und überbetriebliche Ausbildung finden in Bad Segeberg statt. „In der betrieblichen Ausbildung lerne ich, wie Hochhäuser, Industrieanlagen und andere Bauwerke fachgerecht abgerissen und die Baustoffe anschließend verwertet oder entsorgt werden. Nach der Lehre werde ich noch eine 2-jährige Maurerlehre anhängen. Das alles ist eine gute Grundlage, wenn ich mir später mein eigenes Haus bauen möchte. In der überbetrieblichen Ausbildung erlerne ich alle Grundfähigkeiten. Mir machts Spaß.“

Das Ausbildungszentrum der Baugewerbe-Innung Bad Segeberg kann sich sehen lassen. In dem riesigen Neubau an der Burgfeldstraße erhalten Maurer, Beton- und Stahlbauer, Estrichleger, Fliesen-, Platten- und Mosaikleger, Zimmerer, Baugeräteführer, Kanalbauer und Straßenbauer ihre überbetriebliche Ausbildung. In drei großen Hallen haben die Azubis den Platz, den sie benötigen, um ihr Handwerk zu erlernen. Die Ausstattung ist hochmodern.

Ein junger Mann mit Schutzbrille steht lächelnd an einer Werkbank.

Foto: Soenke Dwenger karstens © soenke-dwenger_de_SDJ4250

Top Equipment – Harmonische Lernatmosphäre

Wir treffen auf ca. 30 Lehrlinge des örtlichen Bauhandwerks, die sich in den Werkhallen an großzügigen Holzwerkbänken oder an Übungs-Mauerplätzen ausgebreitet haben. Die Ausbildungsleiter Joachim Püst und Bruno Deutschmann sind dementsprechend zufrieden mit der Ausbildungsstätte. „Das Equipment ist top!“ sagt Joachim Püst,„und die Lernatmosphäre harmonisch.“ Das unterstreicht den hohen Qualitätsstandard der Ausbildung. Um die Qualität unserer handwerklichen Ausbildung beneidet uns die ganze Welt!“ sagt Deutschmann, der 1985 in Osaka Vize-Weltmeister im Mauern wurde.

Jörg Specht, Obermeister der Baugewerbe-Innung Segeberg, sieht positiv in die Zukunft: „Unsere Auftragslage ist gut. Wir schauen zuversichtlich in die Zukunft. Mit Gebäudesanierungen und energetischer Instandsetzung werden wir in der Zukunft genug zu tun haben. Gute Maurer werden immer gesucht.“ Gute Handwerker sind also gefragt. Gut werden sie durch gute Ausbildung.

Wird das Handwerk auch nach meiner drei- bis vierjährigen Ausbildung noch über eine gute Auftragslage verfügen? Wie sind meine Karrieremöglichkeiten?

Manche versuchen die Zukunft in Glaskugeln zu erkennen. Die meisten holsteinischen Innungen können darauf verzichten. Was sie erleben, sind stabile Auftragslagen, technische Innovation, hoher Bedarf an Auszubildenden sowie wirtschaftlich starke private und gewerbliche Kunden, die auch zukünftig das Handwerk beauftragen werden.

Allen voran tanzt das Elektrohandwerk im Innovationsrausch. „In allen Bereichen der Energieanwendung (Licht, Wärme, Strom) gibt es gute Perspektiven“, meint Andreas Münster, Obermeister der Elektro-Innung Segeberg, „denn alle sind von elementarer Bedeutung. Die eingeleitete Energiewende und das Thema Energie-Effizienz werden uns noch lange Zeit beschäftigen. Mit der Gebäude-Automation gibt es ein neues Aufgabengebiet mit interessanten Tätigkeitsfeldern. Deshalb legen zukunftsorientierte Betriebe großen Wert auf eine permanente Mitarbeiterschulung. “

Handwerk hat goldenen Boden. Hat es auch eine goldene Zukunft?

Doch auch die anderen Gewerke signalisieren gute Zukunftsaussichten. Mechatroniker/-innen für KFZ, Nutzfahrzeuge, Kältetechnik oder Land- und Baumaschinen stehen mit dem Laptop in den Werkstätten, bereit für den Aufbau von Anlagen oder für die Wartung und Reparatur von Fahrzeugen, die mit immer mehr Elektronik ausgerüstet werden. Zukünftig sehr gefragt.

Anlagenmechaniker/-innen für Sanitär-, Heizung- und Klimatechnik sanieren vormittags private Bäder und nachmittags Blockheizwerke. Zukünftig sehr gefragt. „In Schleswig-Holstein gab es im letzten Jahr sogar deutschlandweit den höchsten Zuwachs an Ausbildungsplätzen für Dachdecker“,

Ein Windrad auf einem grünen Feld.

Foto: iStock

bilanziert Andreas Bente, Obermeister der Dachdeckerinnung Mittelholstein. Zukünftig sehr gefragt.

Ob Fleischereien oder Friseursalons, Maurer oder Maler und Lackierer, Tischler oder Tiefbaufacharbeiter, Raumausstatter oder Rohrleitungsfacharbeiter … ohne Nachwuchs geht es nicht weiter! In den vielen Ausbildungsberufen des Handwerks stecken also jede Menge Zukunftschancen für Schülerinnen und Schüler. Nach wie vor bietet das Handwerk attraktive Möglichkeiten für jeden Schulabschluss und eine hohe Durchlässigkeit zu vielen Weiterbildungsmöglichkeiten.

In der Metropolregion Hamburg, direkt an der nördlichen Verkehrsader A7 und in unmittelbarer Nähe zu Kiel und Lübeck, liegen die Kreise Segeberg und Neumünster. Das örtliche Handwerk bewahrt viele seiner Traditionen. Gleichzeitig verändert es sich rasant. Das ist kein Widerspruch. Das ist spannend. Und hochmodern. Wer hier heute eine handwerkliche Ausbildung erfolgreich abschließt, steht vor einer gesicherten Zukunft. Mitten in Schleswig-Holstein.

TEXT Christian Dorbandt 
AUFMACHERFOTO Sönke Dwenger, 
AZUBIFOTO MEYER MTN