Ein Urgestein mit großem Herz – Interview mit Thomas Willers

Ein Urgestein mit großem Herz – Interview mit Thomas Willers

Thomas Willers ist seit 30 Jahren an der Friedrich-Junge-Gemeinschaftsschule. Er bezeichnet sich schmunzelnd selber als Urgestein und hat eine Karriere vom Lehrer für Sport und Bio bis zum Rektor der Schule durchlaufen. Keine leichte Aufgabe, denn seit sieben Jahren kümmert er sich ebenfalls um die Belange der Wik. Ein zweiter Standort. Trotzdem spürt man, mit welcher Leidenschaft und Motivation er bis heute für die Belange seiner Schüler und seiner Schule eintritt. Hierbei spielt auch die Berufsorientierung eine besondere Rolle. Seit Herbst 2018 ist die FJS als Berufswahl-SIEGEL-Schule zertifiziert.

Mit welcher Motivation haben Sie damals das Amt des Schulleiters übernommen?

Die Friedrich-Junge-Schule war in einer schwierigen personellen Situation. Es gab Veränderungen und damit verbunden natürlich auch gewisse Unsicherheiten. Da ich Konrektor war, wurde ich gefragt, ob ich mich für das Amt des Rektors bewerben möchte. Das habe ich dann auch getan und bin mit Unterstützung des Kollegiums und der Schulgemeinschaft aufgefordert worden, das Amt zu übernehmen. Eine Entscheidung, die ich bis heute nicht bereut habe! Mein oberstes Anliegen war, dass wieder Ruhe und Sicherheit einkehren. Zeitgleich war es aber so, dass wir aufgrund eines Ratsbeschlusses der Kieler Ratsversammlung, den Schulstandort Wik im Kieler Norden mit übernehmen mussten.

Wie kam es dazu?

Manchmal geraten Schulen in die Situation, dass die Nachfrage sinkt und die Schülerzahlen runtergehen. So war es vor sieben Jahren am Standort Wik. Hier drohte die Schulschließung der Grund- und Gemeinschaftsschule. Die Stadt Kiel wollte aber zu recht den schönen Schulstandort mit großem Potential erhalten und hat uns als profunden Partner zur Seite gestellt, um diese Schule wieder auf einen erfolgreichen Weg zu bringen.

Und wie ist die Situation heute?

Es war ein Konstrukt, das nicht leicht zu handhaben war. Man muss sich vorstellen, dass neben dem Handling einer größeren Schülerzahl auch unterschiedliche Schulformen unter einen Hut zu bringen waren. Hier unterrichten wir in den Jahrgangsstufen 5 bis 10 und drüben gibt es eine Grund- und Gemeinschaftsschule mit den Klassen 1 bis 10. Aber wir haben es geschafft. Heute hat sich die Wik-Schülerzahl verdoppelt, und so ist für die Zukunft wieder die Eigenständigkeit durch das Ministerium entschieden worden.

Welche Vorteile sehen Sie bezüglich der Eigenständigkeit beider Schulen?

Mit einer Eigenständigkeit, sprich auch mit einem eigenen Rektor und Konrektor, wären für beide Schulen die Entscheidungswege kürzer und die Organisation des Schulalltags generell konzentrierter zu bewerkstelligen. Für uns Verantwortliche wäre Zeit keine Mangelware mehr. Die Stabilisierung an zwei Standorten voranzutreiben, ist ja nicht etwas, was man mal so nebenbei macht und erfordert viele Gespräche und umfangreiche organisatorische Arbeit. Jetzt sind wir so weit, dass jeder Schulstandort seine Alleinstellung zurückbekommt.

Worauf sind Sie rückblickend besonders stolz?

Auf mein Team. Ich habe das ja nicht alleine gemacht. Wir haben uns übrigens kontinuierlich seit den 1990er Jahren um Schulentwicklung und Qualitätssicherung gekümmert. Das hat dazu geführt, dass wir Stück für Stück unser Schulprogramm mit Hilfe der Eltern- und Schülerschaft aufgebaut und viele Ideen entwickelt haben. Ergebnis ist eine lebendige Schule und das heutige Verständnis als ,Friedrich-Junge-Familie’. Das zeigt sich auch darin, dass ich teilweise heute schon die Kinder meiner ehemaligen Schülerinnen und Schüler unterrichte. Ich bin auch stolz auf unser Berufsorientierungsprogramm, das ich zusammen mit meiner ehemaligen Kollegin Margrit Gebel aufgebaut habe und für das wir als Schule auch auf Landesebene ausgezeichnet worden sind. Auch unsere Medienpartnerschaft mit  ME2BE hat in diesem Bereich viel vorangebracht, und die neue DIGI.BO Plattform ist ein etabliertes Instrument in unserem Berufsorientierungsunterricht. Unsere Aktivitäten haben unseren guten Ruf gefestigt, so dass selbst Eltern aus anderen Orten ihre Kinder auf der FJS anmelden.

Was zeichnet die FJS aus?

Wir arbeiten als Gemeinschaftsschule mit Binnendifferenzierung. Das heißt, dass die Kinder, trotz heterogener Schülerschaft, innerhalb des Klassenverbandes verbleiben und hier entsprechend ihrer Leistungen gefördert werden. Wir sind davon überzeugt, dass sich die enge Einbindung positiv auf das Lernverhalten auswirkt. Das ist nicht immer einfach, und man muss sehr genau hinschauen, dass jeder zu seinem Recht kommt. Aber wir sind sehr stolz darauf, dass wir, laut offizieller Übergangsstatistiken im Verhältnis zu anderen Kieler Schulen unserer Schulart, immer einen ganzen Schwung mehr an Kindern haben, die eine  duale Ausbildung machen oder weiterführend auf das berufliche Gymnasium wechseln. Hierfür ist eine intensive Auseinandersetzung mit den Stärken und Schwächen eines jeden Einzelnen wichtig. Uns hilft dabei auch unser ausgeklügeltes berufliches Beratungssystem, mit dem wir viele abholen können. Wir geben keinen auf! Nur weil ein Schüler in der Pubertät gerade nicht weiß, wohin die Reise gehen soll, können wir dennoch verschiedene Möglichkeiten aufzeigen, die dann eventuell auch über Umwege zum Erfolg führen. Das zeichnet uns aus.

Wie ist Ihre eigene berufliche Orientierung gelaufen. Hatten Sie einen Ansprechpartner

Nein, gar nicht. Aber ich war immer schon leidenschaftlicher Mannschaftssportler. Man muss kompromissfähig sein und an einer gemeinsamen erfolgreichen Linie arbeiten. Ich habe schon als Schüler Jugendgruppen im Handball trainiert, und von daher war für mich früh klar, dass ich Lehrer werden will. Teilweise auch ein harter Job, das darf man nicht vergessen. Das Engagement fordert sehr viel Kraft, und manchmal scheitert man als Lehrkraft, aber auch das gehört dazu.

Sie haben die Medienpartnerschaft mit ME2BE angesprochen. Welchen Gewinn sehen Sie hier konkret?

Neben aktiven oder digitalen Besuchen in Betrieben ist eine mediale Begleitung wie durch das BOM-Magazin eine super Sache. Tolle Artikel und Fotos. Interessante Einblicke in Unternehmen und viele Tipps, welche Ausbildungsangebote es gibt. In den Anfängen kam Frau Gebel auf die Idee, dass die Eltern der Schüler auf der BOM-Messe Einblicke in ihre Berufe geben. Damit wurde den Schülern die Scheu genommen, in den Dialog zu gehen. Diese Aufgabe übernimmt nun das Magazin. Die Kinder können sich im Vorfeld informieren, welcher Aussteller da sein wird, mit wem sie sprechen möchten und sich im BO-Unterricht mit den Heften im Vor- und Nachgang einen Überblick verschaffen. Zusätzlich gibt es natürlich auch die digitale Plattform DIGI.BO, die uns besonders während der Pandemie im Bereich der Berufsorientierung sehr geholfen hat, da ja kein Präsenzunterricht stattfinden konnte.

Arbeiten Sie auch sonst viel mit DIGI.BO?

Natürlich. In den BO-Stunden wird das Format mit eingebunden. Vor allem in den  Abgangsklassen neun und zehn ist es ein wichtiges Instrument zur Orientierung. Viele Schüler finden dort Infos zu ihrem Plan A oder entwickeln parallel einen Plan B. Auch die digitale Besichtigung von möglichen Arbeitsstätten war eine sehr gute Sache. Das wollen wir auch nach Corona weiter ausbauen. Die Zukunft wird immer digitaler, und auch wenn wir jetzt wieder Präsenzunterricht haben, sollte man alle Mittel ausschöpfen.

Sind mit der Coronazeit auch positive Aspekte verbunden?

Insgesamt war es für alle eine schwere Zeit. Wenn man aber dem ganzen etwas Positives abgewinnen will, waren es die Erfahrungen, die wir durch einen sehr konzentrierten Unterricht mit den Abgangsklassen erlebt haben. Wir haben trotz Schulschließung den Präsenzunterricht in den Hauptfächern fortgeführt, um unsere Abgänger bestmöglich auf die Prüfungen vorzubereiten. Das hat für viele Vorteile gebracht. Trotzdem werden wir die Auswirkungen dieser Zeit noch lange spüren. Aber da Kinder ja große Schnelllerner sind, bin ich hoffnungsvoll, dass wir bald wieder in unser normales Leben zurückkehren können.

Wird es weitere Änderungen geben?

Wir haben schon vor Corona über eine Verlängerung der Schulstunden von 45 auf 60 Minuten nachgedacht. Das haben wir während Corona dann umgesetzt. Mit dem Ergebnis, dass sich die Schüler viel besser und tiefergehender mit den Aufgaben auseinandersetzen konnten und entsprechend davon profitiert haben.

Ein persönlicher Wunsch für das neue Schuljahr?

Ganz klar die Hoffnung auf Normalität und die Umsetzung des Plans der Eigenständigkeit beider Schulen.

 

TEXT Anja Nacken,
FOTO Christina Kloodt