Ausbildung auf Augenhöhe – Svana Behrendt Wrage über Verantwortung, Teamgeist und neue Wege in der Fachkräftesicherung

Ausbildung auf Augenhöhe – Svana Behrendt Wrage über Verantwortung, Teamgeist und neue Wege in der Fachkräftesicherung

Svana Behrendt Wrage ist 28 Jahre alt und selbst ein Eigengewächs des Covestro-Standortes Brunsbüttel. Im Jahr 2016 startete sie ihre Ausbildung zur Chemikantin, heute ist sie Ausbilderin für angehende Chemikantinnen und Chemikanten. Mit ME2BE spricht sie über ihre Ausbildungsphilosophie, die Auswahl neuer Talente, internationale Nachwuchskräfte und warum Ausbildung für sie der Schlüssel zur Zukunft ist.

ME2BE: Svana, du bist Ausbilderin für Chemikanten. Wie würdest du die Ausbildungsphilosophie am Standort beschreiben?

Svana Behrendt Wrage: Wir sind hier vor Ort sehr nah dran – an den Auszubildenden und an den Betrieben. Uns ist wichtig, dass die Kommunikation stimmt: zwischen Ausbildung, Werkstätten, Laboren und den Produktionsbereichen. Wir wollen greifbar sein und früh merken, wenn etwas nicht rund läuft. Ausbildung heißt für uns nicht nur, Fachwissen zu vermitteln, sondern zu begleiten. Wir sind natürlich Vorgesetzte, aber wir möchten auch Vertrauenspersonen sein. Die Azubis sollen wissen, dass sie mit Problemen zu uns kommen können – fachlich wie privat. Gerade in den letzten Jahren haben persönliche Herausforderungen zugenommen. Da braucht es ein offenes Ohr. Gleichzeitig achten wir darauf, dass Hierarchien nicht „von oben herab“ gelebt werden. Wir begegnen uns auf Augenhöhe.

ME2BE: Was umfasst deine Hauptaufgaben?

Svana: Ich bilde Chemikantinnen und Chemikanten aus. Sie sind später als Anlagenfahrer im Einsatz, bedienen und überwachen Produktionsanlagen, erkennen Störungen, ziehen Proben und begleiten Revisionsarbeiten. Das ist ein sehr verantwortungsvoller Beruf – gerade an einem Standort mit Störfallanlagen.

ME2BE: Du hast selbst hier gelernt. Wie sah dein Weg aus?

Svana: Ich habe 2016 meine Ausbildung begonnen, diese um ein halbes Jahr verkürzt und wurde 2019 übernommen. Danach habe ich mehrere Jahre im Schichtdienst in der Produktion gearbeitet und parallel meinen Industriemeister Chemie gemacht. Als ein Kollege im Ausbildungsbereich krankheitsbedingt ausfiel, habe ich zunächst ausgeholfen – und bin seit September 2023 offiziell als Ausbilderin dabei. Wir arbeiten im Team und teilen uns die Verantwortung.

ME2BE: Wie läuft der Bewerbungsprozess ab?

Svana: Die Bewerbung erfolgt ausschließlich online. Zuerst absolvieren die Interessierten einen etwa einstündigen Test. Der ist entscheidend – Schulnoten spielen zunächst keine Rolle. Wer überzeugt, lädt seine Unterlagen hoch und bucht direkt einen Gesprächstermin vor Ort. Hier gibt es ein Interview und einen weiteren kurzen Test. Anschließend beraten wir uns im Gremium – mit Betriebsrat, Fachabteilung, Ausbildungsleitung und Ausbilder. Die Bewertung erfolgt standardisiert, sodass Entscheidungen nachvollziehbar und fair sind. In der Regel geben wir direkt eine Rückmeldung.

ME2BE: Ihr bildet auch internationale Nachwuchskräfte aus. Wie gestaltet sich das?

Svana: Das ist für uns ein Pilotprojekt. Wir haben frühzeitig den Kontakt gesucht, digitale Treffen organisiert und Fragen geklärt – vom Arbeitsalltag bis zu ganz praktischen Dingen. Sprache ist natürlich eine Herausforderung. Neben dem regulären Deutschkurs gibt es zusätzlichen fachlichen Unterricht. Am Ende müssen alle ihre Prüfungen auf Deutsch ablegen. Man merkt aber, wie schnell sich Entwicklung zeigt. Vertrauen wächst, Hemmungen werden weniger. Wichtig ist, Geduld zu haben und sich gegenseitig zu unterstützen.

ME2BE: Zum Ausbildungsstart fahrt ihr gemeinsam weg. Warum?

Svana: In der ersten oder zweiten Woche geht es für ein paar Tage ins IGBCE-Jugenddorf in Grümmels. Dort lernen sich alle kennen – auch berufsübergreifend. Neben Teamübungen gibt es Workshops, etwa zu rechtlichen Grundlagen oder zum Beurteilungssystem. Diese Tage sind intensiv, aber wertvoll. Man erlebt sich außerhalb des Arbeitsumfeldes, baut Vertrauen auf und startet als Gemeinschaft. Danach gehen alle in ihre jeweiligen Bereiche, daher ist dieser gemeinsame Auftakt umso wichtiger.

ME2BE: Welche Rolle spielt die Ausbildung für die Zukunft des Standorts?

Svana: Eine sehr große. Fachkräfte sind am freien Markt schwer zu finden. Also bilden wir bedarfsgerecht selbst aus – mit Übernahmegarantie bei persönlicher und fachlicher Eignung. Das gibt jungen Menschen Sicherheit und uns Planungsperspektive. Viele erfahrene Kolleginnen und Kollegen gehen nach und nach in Rente. Gleichzeitig wird die Belegschaft jünger. Ausbildung ist für uns der Weg, Wissen weiterzugeben und den Betrieb langfristig zu sichern.

ME2BE: Welche Botschaft möchtest du zukünftigen Bewerberinnen und Bewerbern mitgeben?

Svana: Probiert euch aus. Macht Praktika, sammelt Erfahrungen und findet heraus, was euch wirklich liegt. Niemand wird glücklich in einem Job, der nicht passt. Wer Interesse hat, kann gerne ein Praktikum machen und den Beruf kennenlernen. Und wenn es sich richtig anfühlt: bewerben.

TEXT Kristina Kriom
FOTO Mubarak Bacondo