Zum Nachdenken: Gedichte von Walle Sayer

Zum Nachdenken: Gedichte von Walle Sayer

Kein Zweifel, wir erleben eine finstere Zeit, eine Zeit, die bei vielen sprachloses Entsetzen auslöst, in der es schwer fällt, Worte zu finden, es aber wichtig ist, den Gefühlen der Ohnmacht zum Trotz, besonnen zu bleiben, sich zu informieren, zu orientieren und die eigene Haltung zu bewahren.

Wir von ME2BE sind überzeugt, dass in dieser Zeit auch die Kunst eine unverzichtbare, vielleicht sogar lebenswichtige Rolle spielt. Die Lyrikerin Hilde Domin hat das Gedicht einmal als „Augenblick von Freiheit“ bezeichnet. Vor diesem Hintergrund veröffentlichen wir drei Gedichte des Schriftstellers Walle Sayer, von denen wir glauben, dass sie gerade aufgrund ihres zeitlichen Abstands durch den besonderen poetischen Blickwinkel die gegenwärtige Situation erhellen können.

Biographische Notiz: Walle Sayer

Walle Sayer wurde 1960 in Bierlingen geboren und lebt in Horb am Neckar.

Seit 40 Jahren veröffentlicht er Lyrik und Kurzprosa; darunter die Bände „Die übriggebliebenen Farben“ (1984), „Zeitverwehung“ (1994), „Irrläufer“ (2000), „Von der Beschaffenheit des Staunens“ (2002), „Den Tag zu den Tagen“ (2006) und „Nichts, nur“ (2021). Für sein Werk wurde er mehrfach ausgezeichnet – unter anderem 2017 mit dem Basler-Lyrikpreis.

Der Tübinger Kulturwissenschaftler Hermann Bausinger sagte über Walle Sayer, er sei ein „Widerständler gegen das Vergessen, ein Virtuose des Erinnerns […]. Einer aus der seltenen Gattung derer, die unfähig sind an der Oberfläche zu bleiben.“

 

Sirenenprobe, 21.9.1983, 10.05 Uhr

Im dichten Vogelbeerstrauch,
ein Rotkehlchen.
Wir wagten kaum zu atmen,
so nah waren wir ihm.
Bis es vorm plötzlichen Sirenengeheul,
dem Fauchen der lauernden Kriege,
aufgeschreckt davonflog
in einen abgrundtiefen Himmel.

 

 

Zeitsoldaten

Als ich noch klein war, hörte ich einmal einen aus der Nachbarschaft mit fester Stimme tönen, er werde Zeitsoldat. Da ich mir darunter nichts vorstellen konnte, stellte ich mir vor,
wie er folglich schießen würde auf Zielscheibenkreise, die Jahresringe sind. Er mit seiner Kompanie, im Treibsand einer Wüstengegend, im Tiefschnee versunkener Landschaften, auf
Gewaltmärschen einen Nimmerleinstag umrundend, das große leere Zifferblatt einkreiste. Daß sie, den verlorenen Posten der Gegenwart verteidigend, Wartesäle stürmten und die
verängstigten Stunden sich vor ihnen versteckten im Gehäuse stehengebliebener Standuhren. Stellte mir vor, wie sie bei ihrem Vormarsch ins eigene Hinterland verstockte Hutzelweiber verhörten,
die ihnen dann würden verraten müssen, daß aus Falten Runzeln werden
und aus Runzeln Furchen.

 

 

Der erste Schnee

Die Kinder fragten leise,
um wen der Himmel trauern würde.
Aber keiner konnte reden,
alle standen sie fassungslos
hinter den Vorhängen.
Draußen fiel der erste Schnee
mit dicken schwarzen Flocken
und bedeckte das ganze Land,
mit dicken schwarzen Flocken,
das ganze Land.    

 

TEXT Erhard Mich

GEDICHTE Walle Sayer

TITELFOTO Charly Kuball

FOTOS Sophie Blady