„Wir stecken immer noch in einer Zeit, die schon lange vorbei ist“

„Wir stecken immer noch in einer Zeit, die schon lange vorbei ist“

Ein Gespräch mit dem Bildungsberater und Sinto Jonny Kreuzer.

In Schleswig-Holstein leben etwa 6000 Menschen, die zur Volksgruppe der Sinti und Roma gehören. Und das nicht erst seit gestern. Jonny Kreuzers Familie lebt seit mindestens 500 Jahren hier, weit verzweigt und doch gut untereinander bekannt und vernetzt. Wenig bekannt ist, dass Sinti und Roma (darunter versteh man meist aus Ost- und Südosteuropa Stammende) in Schleswig-Holstein neben Dänen und Friesen eine von der Landesverfassung geschützte Minderheit sind. Das ist in Deutschland einmalig. Wir sprechen mit Jonny über seinen Schulweg, seine Familie und ihre Kultur.

ME2BE: Jonny, du bist 29 Jahre alt, geboren in Kiel. Was macht dich so besonders?

Jonny Kreuzer: Besonders macht mich, glaube ich, erst mal nichts. Ich bin ein ganz normaler Bürger und lebe seit 29 Jahren in Kiel.

Du bist Sinto. Das ist die Einzahl von Sinti. Was bedeutet das?

Sinti ist unsere eigene Bezeichnung. Sinto ist die männliche und Sintezza die weibliche Form.

Sprichst du Romanes fließend?

Es ist meine zweite Muttersprache. Wir wachsen mit Deutsch und Romanes auf.

Wo bist du zur Schule gegangen?

Ich bin in Kiel-Elmschenhagen auf die Schule gegangen. Auf die frühere Matthias-Claudius-Schule. Ich hatte keine gute Schrift und ein, zwei Schwierigkeiten, die man halt so hat. Aber ich glaube, ich habe das ganz gut gemeistert. Anschließend bin ich auf eine Hauptschule gegangen, auch in Elmschenhagen. Danach wusste ich erst mal nicht, was anstellen soll, ob ich eine Ausbildung mache, weiter zur Schule gehen, wie das so bei einem jungen Menschen ist. Aber ich habe dann meine Realschule nachgeholt und anschließend auch das Fachabitur.

Hattest du immer das Gefühl, dass du anders bist als deine Mitschüler? Hattest du Probleme in der Grundschule?

Ich hatte den Nachteil, dass ich keine Akademiker als Eltern hatte oder in meinem Umfeld. Ich habe mir meine Bildung selber erkämpft, auf eigene Faust. Es hat an Vorbildern gefehlt. So ist man dann manchmal alleine am Lernen oder sich weiterbilden, und das hat mich von anderen unterschieden.

Da warst du die Ausnahme? 

Nein, würde ich nicht sagen. Es gibt immer wieder Sinti, die studieren, die in ganz gewöhnlichen Jobs arbeiten, die üblichen Bildungsgänge durchlaufen.

Hattest du Diskriminierungserfahrungen?

Ja, das ist etwas, ich will nicht sagen Alltägliches, aber man hat es schon öfter erlebt. In der Schule oder auf der Straße. Wenn man jemanden trifft und sich vorstellt als Sinti, dann ist kommt zuerst die Frage: Was ist das? Und meistens kennt man das dann nur unter dieser Z-Bezeichnung. So fängt das eigentlich immer an.

Also wurdest du auch so tituliert?

Ja, es ist oft so, dass die Leute es gar nicht anders kennen. Also die kennen nur diesen Begriff und dadurch wird man schon in eine Ecke gedrängt.

Was ist das grundsätzliche Problem für den, der es nicht kennt – wenn ich das sagen darf, an dem „Zigeuner“-Begriff.

Es liegt nicht an der Person per se, sondern es gibt zu wenig Aufklärung darüber. Das ist das grundlegende Problem. Wir stecken immer noch in einer Zeit, die schon lange vorbei ist. Damals wurde dieses Wort abfällig benutzt. Das hat sich, glaube ich, so eingeprägt und wurde so weitergegeben, und es ist immer noch präsent. Da müsste es mehr Aufklärungsarbeit an Schulen geben, um es loszuwerden.

Was wäre denn das Wichtigste für dich, was man verstehen müsste?

Also das Wichtigste wäre zu verstehen: Ich bin deutscher Staatsbürger, ich lebe in der deutschen Gesellschaft. Das wird oft schon nicht verstanden. Da heißt es dann, ja okay, und von wo kommst du? Aha, und von wo kommen deine Eltern? Okay, aber die Großeltern müssen doch von woanders herkommen. Aber das ist definitiv nicht so!

Seit wann lebt deine Familie in Schleswig-Holstein?

Das sind circa 5-600 Jahre. Wir haben Stammbäume und so weiter.

Wenn ich dich richtig verstehe, geht es darum, in dieser Gesellschaft gleich zu sein und gleichzeitig auch anders sein zu können. Nimmt denn unser Bildungssystem Rücksicht auf eure Kultur?

Also für mich persönlich haben sich die Kultur und die Bildung nie im Weg gestanden. Ich habe mein Fachabitur im Bereich Wirtschaft absolviert und möchte auch ein Vorbild sein für die Jugend. Die Kultur stand für mich nie im Weg.

Wie ist es bei deinem Freundeskreis? Diskutiert ihr oft darüber?

Mein Freundeskreis ist mit mir aufgewachsen. Wir waren immer bunt gemischt. Da gab es alles. Deutsche, Sinti, polnische Mitbürger, und jeder hatte Verständnis für den anderen.

Wie siehst du die aktuelle politische Situation? Den Rechtsextremismus in Deutschland?

Die politische Lage ist nicht ganz klar, würde ich sagen. Auch mit der aktuellen Regierung gibt es Dinge, die mich schockieren. Es war ja lange nicht klar, ob die Stelle des Beauftragten der Bundesregierung für Antiziganismus nochmal besetzt wird. Das versetzt einen schon in Panik, weil da etwas Wichtiges wegfällt. Dann schlagen schon Warnsignale an. Natürlich! Denn so hat es damals auch angefangen.

Gibt es denn spezielle Bildungsangebote für Sinti in Kiel?

Ja, es gibt vom Verband (der Sinti und Roma e.V.) immer wieder Angebote. Zum Beispiel werden Bildungsberater ausgebildet, die unsere Kinder in den Schulen begleiten und Hilfe leisten.

Die schulische Disziplin ist nicht immer hundertprozentig. Würdest du dem zustimmen?

Ja. Gerade bei Kindern ist das so, dass die ziemlich wild sind, frei sein wollen und die Füße nicht stillhalten können. Gerade im jungen Alter müssten die aber auch lernen, für den Schulunterricht still zu sitzen und sich zu konzentrieren, ganz klar. Das kenne ich auch von mir selber. Aber ich bin eher eine ruhige Person. Da kann man nicht alle über einen Kamm scheren.

Was sind eure typischen Berufswünsche?

Ich wollte immer Lehrer werden und habe dementsprechend meine schulische Laufbahn auch darauf ausgerichtet. Habe es bis zum Fachabitur auch geschafft. Und dann dachte ich aber ach, jetzt habe ich schon so lange Schule gemacht, ich habe jetzt auch mal Lust, etwas anderes zu machen und vielleicht auch noch ein bisschen Geld zu verdienen. Jetzt bin ich Bildungsberater und mache gerade eine Schulung zum Bildungsbeauftragten. Ich bin schon ganz nah dran an dem, was ich ursprünglich mal werden wollte.

Was machst du da konkret?

Ich bin mit den Kindern im Unterricht und helfe ihnen. Manchmal geht es nur ums Stillsitzen und sich zu konzentrieren. Ich vermittele zwischen Lehrern, Eltern und Schülern. Meistens ist alles ganz ruhig und so, wie es sein soll. Manchmal gibt es auch Zwischenfälle. Das letzte Ding, was wir hatten, war, dass sich auf dem Schulhof zwei Schüler geschlagen hatten. Dann ist man natürlich da und geht dazwischen und vermittelt zwischen den Kindern, dass sie sich wieder die Hand reichen.

Ich stelle mir da einen Konflikt vor. So nach dem Motto, irgendwie ist das alles schön und gut, aber ich möchte meine Kultur behalten und ich habe einen Konflikt mit eurem Bildungssystem.

Für mich persönlich war das nie ein Konflikt. Ich konnte immer meine Kultur ausleben und meinen Bildungsgang gehen.

Es gibt Umfragen unter Jugendlichen, die sich überfordert zeigen vom Unterricht über den Holocaust und über die Nazizeit. Was sagst du dazu?

Die Nazizeit ist natürlich ein Bestandteil der deutschen Geschichte, ganz klar. Das darf natürlich nicht vergessen werden. Man muss halt unterscheiden. Der Unterricht ist ja keine Schuldzuweisung an den heutigen Jugendlichen.

Habt ihr in der Familie darüber geredet?

Ja, so wächst man auf. Es gab Vorfahren, die das selbst miterlebt haben, und da habe ich persönlich schon von klein auf viele Geschichten mitbekommen. Ganz klar.

Wenn ich dich richtig verstanden habe, möchtest du dafür sorgen, dass Bildungskonflikte, die es ja wirklich gibt, verbessert werden. Was fehlt noch, was würdest du dir wünschen?

Man könnte dafür sorgen, dass es mehr Bildungsbeauftragte gibt. Wir haben manchmal 20 oder 30 Kinder an einer Schule. Und wir sind zu zweit. Da ist noch Luft nach oben. Man kann mehr Personal einstellen und für mehrere Kinder gleichzeitig da sein. Das wäre eine gute Hilfe.

Bildung hat immer mit Elternhäusern zu tun. Was müsste sich bei euch ändern?

In der Vergangenheit gab es Kinder, die weniger Bildung erfahren haben. Deren Eltern die Nazizeit miterlebt hatten. Und die hatten Angst, ihre Kinder wieder in die Schule zu schicken nach alldem, was alles passiert ist. Denn deren Generation wurde damals direkt aus der Schule geholt, entführt und ermordet. Dementsprechend steckte das noch in den Knochen drin. Das wandelt sich langsam. Das kriegt man aber nicht von heute auf morgen, sondern es ist ein Prozess. Und wie gesagt, da möchte ich auch als Beispiel für die Kinder heute vorangehen. Damit die sagen können, „Er hat es geschafft. Daran nehme ich mir jetzt ein Beispiel.“

Wenn du selber Kinder hast, wie sollen die aufwachsen?

Mit Respekt. Ich hoffe, dass diese Ängste nie wieder ausgelöst werden. Nicht bei meinen Kindern und auch in Zukunft gar nicht mehr.

Ist das realistisch?

Na ja, wenn wir nicht darauf hinarbeiten, dann nicht. Aber ich hoffe, dass genug Menschenverstand da ist, dass wir alles dafür tun.

Vielen Dank für das Gespräch! 

 

Jetzt reinhören: Ein persönlicher Einblick in eine Kultur, die tief in Schleswig-Holstein verwurzelt ist.

TEXT & FOTO Christian Bock