Prof. Dr. Doris Weßels im Gespräch: „Wir waren höchstens zehn Prozent Frauen“

Prof. Dr. Doris Weßels im Gespräch: „Wir waren höchstens zehn Prozent Frauen“

Die KI-Expertin Doris Weßels über Frauen in der KI-Industrie, ihre frühe Studienzeit unter Informatik-Professoren und welche Rolle der soziale Hintergrund beim Umgang mit KI spielen kann.

Doris Weßels bittet zum Gespräch in ihrem Einfamilienhaus bei Kiel. Im Verlauf des Interviews kommt sie nur an einer Stelle ins Stocken: als sie nach einer längeren kritischen Passage über die Ausbildung von Mathematiklehrkräften (die sie, kurz gesagt, in weiten Teilen für hochgradig defizitär und fern jeder Praxis hält) nachdenkt, was man denn daran ändern könnte. Sie weiß nicht, wo man zuerst ansetzen müsste, weil das Aufbrechen der alten Strukturen so komplex sei. Ob sie gerne die zuständige Ministerin für Bildung wäre? Ja, aber auch nein. Sie befürchtet, schon nach kurzer Zeit kündigen zu müssen. An Selbstbewusstsein mangelt es ihr nicht, kein Wunder nach diesem Bildungsweg.

„Wir spürten, das ist ein neues und ganz wichtiges Thema.“

ME2BE: Frau Weßels, Sie sind Wirtschaftsinformatikerin, KI-Expertin und lehrten bis Februar 2025 an der Fachhochschule Kiel Projektmanagement und Natural Language Processing. Sie haben Anfang der 1980er-Jahre Mathematik mit Nebenfach BWL und dem späteren Wahlfach Informatik studiert. Wie viele Frauen waren damals dabei, und warum haben Sie sich für dieses Studium entschieden?

Doris Weßels: Das muss ich ein bisschen korrigieren, denn als ich angefangen habe, an der Uni Münster Mathematik zu studieren, konnte man noch gar nicht Informatik auswählen. Das Fach gab es damals nur an wenigen Standorten in Deutschland und war als Studiengang auch noch nicht voll ausgebaut. Ich konnte es erst nach meinem Vordiplom als Wahlfach studieren, und die meisten haben es damals auch gemacht. Wir spürten, das wird für unseren weiteren beruflichen Werdegang ein neues und ganz wichtiges Thema. Daher hat es mich erst in meinem zweiten Studienteil begleitet.

Waren Sie denn als Frau eine Exotin?

Ich würde mal behaupten, wir waren höchstens zehn Prozent Frauen, die Mathematik als Diplomstudiengang gewählt haben, und bei den Lehramtsstudierenden waren es sicherlich 50 Prozent. Die Tragik ist, und das empfinde ich bis heute als schlimm, dass diese Ausbildung für die Lehramtsstudierenden völlig an der Praxis vorbei ist. Das heißt, das, was Lehramtsstudierende dort lernen, werden sie in dieser Form in der Schule nur in den seltensten Fällen einsetzen können. Die Qualifikation der Lehramtsstudierenden hätte seit Jahrzehnten reformiert werden müssen. Die Erkenntnis ist da und der Reformbedarf ist immer wieder Gesprächsgegenstand. Aber uns gelingt die Umsetzung der Reform leider nicht.

Das heißt, was Sie damals gelernt haben, und was man heute lernt, hat nichts mit dem zu tun, was man an der Schule tatsächlich unterrichtet?

Im Grunde ja. In Einzelfällen können Studieninhalte in der Oberstufe, dort z.B. in Spezialvertiefungen mal ein Thema sein, aber im Großen und Ganzen ist das, was die Studierenden gelernt haben, nichts, was sie später eins zu eins in der Schule einsetzen könnten. Das wusste man zu meiner Studienzeit bereits, das weiß man auch heute. Die Curricula sind historisch gewachsen, und daran wird auch nicht wirklich etwas geändert.

„Es muss wahrscheinlich noch schlimmer werden …“

Ist das typisch deutsch?

Ich glaube, vieles davon ist typisch deutsch. Wenn man sich den Mathematikunterricht und die PISA-Ergebnisse oder vergleichbare Studienergebnisse anschaut, sehen wir sehr traurige Ergebnisse im Bereich der mathematischen Bildung. … (sie überlegt länger) … Ich weiß nicht, woran es liegt. Es muss wahrscheinlich noch schlimmer werden, damit man endlich den Mut für grundlegende Reformen derartiger Lehramtsstudiengänge aufbringt.

Sie haben sich mit Informatik beschäftigt. Wenn ich auf diese Zeit blicke, in den 1980er Jahren, da gab es Begriffe wie Personal Computer und Internet gar nicht. Was war denn Informatik?

In Münster waren es tatsächlich Professoren, die in der Regel aus der reinen Mathematik und dort sogar aus der Logik kamen. Das waren besonders theoretisch orientierte Mathematikprofessoren, die für diese damals neuen Informatikmodule als Lehrkräfte herangezogen wurden. Das heißt, wir haben vorrangig theoretische Grundlagen behandelt und uns mit Compilerbau u.ä. Themen beschäftigt. Es war etwas, was ich auch hinterher in meiner beruflichen Praxis in der Form natürlich gar nicht mehr verwenden konnte.

Wann ist Ihnen der Begriff „Künstliche Intelligenz“ das erste Mal begegnet?

Der ist schon in meinem Mathe-Diplomstudiengang vorgekommen. Wir sprechen ja von mehreren KI-‚Frühlingsphasen‘, die die künstliche Intelligenz seit den 1950er durchlaufen hat. Im Rückblick kann man das sehr schön erkennen. Es gab immer mal wieder diese Hochphasen, als man glaubte, die künstliche Intelligenz beschere uns jetzt den Durchbruch. Dann folgte die Phase der Ernüchterung. Das waren die sogenannten KI-Winter. Während meines Mathematik-Studiums standen KI-Expertensysteme hoch im Kurs. Wir haben damals schon überlegt, was passiert, wenn eine Software uns Menschen ersetzt. Also die Sorge gab es so schon in den 1980ern und letztlich bis heute.

„So ein Moment … und ich wusste, das wird die Welt verändern.“

Hatten Sie Momente, in denen Sie dachten, das ist jetzt aber Science Fiction?

Ja, in der Tat. Das waren Momente, die mich emotional berührt haben. Manchmal sitze ich mit leichtem Herzklopfen vor dem Rechner.

Gruseln?

Ja. Eine Mischung aus Anspannung, Erwartungshaltung und ein bisschen Sorge. Solch ein Moment war mein erster Aufruf von ChatGPT. Das war der 2.12.2022, an einem Freitagmorgen um 9 Uhr. Ich wusste durch einen Anruf kurz vorher, dass eine komische Software von OpenAI auf den Markt gekommen sei, basierend auf dem damaligen Sprachmodell GPT 3 und nun Version 3.5. Das sei eine Software, die sich sogar entschuldige, wenn man sage: ‚Mensch, das stimmt ja gar nicht!’. Ich hatte einen ganz aufgeregten Anrufer, der mir das erklärte und sagte: ‚Das kannst du dir gar nicht vorstellen. Das Teil hat mir bei einer Softwareaufgabe geholfen und trotz eines Fehlers hat es mir viel Zeit gespart. Das musst du unbedingt ausprobieren’. Das war schon ein sehr besonderer Moment, und ich wusste, das wird die Welt verändern.

Diese Technologie ist in vielen Bereichen überlegen.“

Haben Sie auch gleich versucht, die Grenzen zu testen?

Ja, das mache ich nach wie vor sehr gerne und regelmäßig.

Es ist eine typische Herangehensweise, dass wir Menschen einfach nicht akzeptieren wollen, dass die KI besser ist. Geht es Ihnen auch so?

In der Tat reizt es mich, mir ganz schwierige Fragestellungen auszudenken. Nun sind wir schon in die nächste Ära der KI-Agentensysteme eingetreten. Diese KI-Systeme sind noch deutlich leistungsstärker als das ChatGPT im letzten Jahr. Und sich bei den Agentensystemen bewusst schwierige Aufgabenstellungen zu überlegen und sie auszutesten, macht mir großen Spaß. Aber bei diesen Tests spüren wir auch eine narzisstische Kränkung, weil es uns unmittelbar bewusst wird: ‚Diese und jene Aufgabe, in der Geschwindigkeit, das hätte niemals ein Mensch gekonnt.‘ Glücklicherweise punkten wir Menschen in der Qualität häufig noch, weil wir feststellen: ‚Da ist der KI wieder einmal ein Fehler unterlaufen, da ist etwas nicht korrekt.‘ Und das beruhigt uns natürlich in gewisser Weise. Aber wenn man die letzten drei Jahre Revue passieren lässt, müssen wir konstatieren, dass die Leistungsstärke dieser Systeme drastisch angestiegen ist. Diese Technologie ist uns Menschen in vielen Bereichen selbst auf einem hohen kognitiven Level überlegen, wie z.B. Vergleiche von KI-Lösungen mit Doktoranten zeigen.

Gibt es eigentlich in der Geschichte der generativen KI auch Frauen, die die Entwicklung geprägt haben?

Ja, durchaus. Gerade bei der Entwicklung von ChatGPT hat Mira Murati als frühere Technik-Chefin von OpenAI eine wichtige Rolle gespielt. Sie hat sich vor einiger Zeit selbständig gemacht und ein eigenes KI-Unternehmen aufgebaut. Wir haben an vielen Stellen in Organisationen und Verbänden Frauen, die als Rednerinnen auftreten und als Expertinnen eingeladen werden. Das ist vielleicht meine subjektive Wahrnehmung, aber im Verhältnis zu früher gibt es mehr Frauen, die wegen ihrer KI-Expertise geschätzt werden.

Woran liegt es, dass sich das Verhältnis verändert hat?

Das ist eine sehr gute Frage. Es könnte daran liegen, dass diese Form der Software so vielseitig einsetzbar ist. Sie erscheint grenzenlos. Sie ist eben nicht reduziert auf eine technische Dimension, sondern sie ist in dieser Anwendungsvielfalt generalistisch. Frauen könnten das attraktiver finden, sich mit ihrer Expertise aus anderen Fachdisziplinen und ihrem umfassenderen Blick auf das KI-Thema stärker einzubringen. Ich habe das nie fundiert untersucht, aber von Beginn an so wahrgenommen. Es ist toll, dass ich hier auf mehr Frauen treffe als zuvor.

„Es geht um Macht, weil diese Technologie Macht über Sprache bedeutet.“

Prof. Dr. Doris Weßels im Podcast
Gibt es analog dazu auch einen besonderen männlichen Aspekt?

Ja, den gibt es und den können wir jeden Tag beobachten. Wenn wir uns die aktuellen Anführer der großen Tech-Giganten anschauen, dann ist diese Gruppe auffällig männerdominiert und zugleich machtorientiert: Elon Musk mit seinem KI-Unternehmen XAI. Sam Altman, der Chef von OpenAI, Anbieter von ChatGPT. Gleiches bei Google und Microsoft. Es geht um Macht, weil diese Technologie sehr einfach und schnell vielfältigen Output generieren kann: Text, Software, Bilder, Musik, Videos usw. bedeutet. Ich habe schon Jahre vor ChatGPT beim Aufkommen der ersten KI-gestützten Schreibwerkzeuge, die auf den großen KI-Sprachmodellen basierten, immer darauf hingewiesen: Wer Sprache beherrscht, wer Sprache weltweit regeln, zensieren, manipulieren kann, hält sehr viel Macht in seinen Händen.

„Wir sind Zaungäste dieser Entwicklung.“

Und diese Technologie kommt jetzt, finde ich, sehr ungefiltert in die Klassenzimmer.

Ja, das ist so. Sie ist auf allen mobilen Endgeräten zuhause. Außerdem ist sie zwischenzeitlich in die gängigen Office-Lösungen wie z.B. Textverarbeitungssysteme eingezogen, egal ob Word oder Google Docs. Bei WhatsApp haben wir Meta-AI, den blauen Kreis. KI ist auch eingezogen in die Suchmaschine von Google. Wir können also gar nicht mehr ohne. Und das große Problem im Bildungsbereich ist, dass die Lehrenden im Vergleich zu den Lernenden dieser Entwicklung deutlich hinterherhinken. Es ist uns leider bis heute nicht gelungen, die Lehrenden in Deutschland ausreichend und schnell genug zu qualifizieren. Das ist auch keine einmalige Aktion, das ist eine kontinuierliche Aufgabe.

Wenn wir uns die weltweite Entwicklung generativer KI anschauen, müssen wir leider feststellen, dass wir in Deutschland Zaungäste dieser Entwicklung sind. Wir sind, ob wir das wollen oder nicht, Getriebene dieser Entwicklung, die im Moment vorrangig aus den USA und China forciert wird. Jetzt müssen wir aus dieser Situation das Beste machen. Diese Technologie birgt im Bildungsbereich durchaus Potenziale. Wir haben erstmalig die Möglichkeit, ohne Sprachbarrieren zu arbeiten, wir können multimodal und multidisziplinär arbeiten. Aber dazu müssen wir die Technologie verstehen und dann noch gute Ideen haben, wie wir das in den Unterricht lernförderlich integrieren.

„Jetzt hängt es aber davon ab, wie Kinder mit dieser Technologie umgehen.“

Gibt es da eine soziale Komponente? Oder anders gefragt: Muss man bei Schülern mit einem schwierigen sozialen Hintergrund besonders auf deren Umgang mit KI achten?

Das ist eine ambivalente Geschichte. Auf der einen Seite kann man argumentieren – und das konnte man schon immer beobachten, dass Kinder aus eher bildungsfernen Schichten kaum Rückhalt durch Betreuung und qualifizierte Unterstützung ihrer Eltern haben. Sie waren daher im Vergleich zu Kindern aus akademisch geprägten Elternhäusern. Mit dieser Technologie stehen nun frei zugängliche Lernwerkzeuge zur Verfügung, mit denen jeder lernen kann, ohne dass die Eltern unterstützen. Es könnte die Bildungsgerechtigkeit deutlich verbessern. Jetzt hängt es aber davon ab, wie Kinder diese Technologie nutzen. Es gibt eine große britische Studie, die untersucht hat, wie Kinder oder auch Jugendliche mit Chatbots umgehen. Wenn mir ein realer Gesprächspartner fehlt, wenn ich keinen Menschen habe, der mich betreut, dann kann sich leider sehr schnell eine emotionale Nähe bis hin zur emotionalen Abhängigkeit auch zu Chatbots entwickeln. Diese Entwicklung kann auch die Onlinesucht weiter verstärken. Dann schlägt das Pendel in die negative Richtung aus, und zwar ganz stark, wenn die Kinder allein gelassen werden. Das ist eine große Gefahr.

„Schon das Morgen ist mit einem großen Fragezeichen versehen.“

Wenn Sie mal 20 Jahre in die Zukunft schauen, wie sieht das Klassenzimmer aus? Gibt es Lehrerinnen und Lehrer noch?

Ich habe leider keine Glaskugel. Und angesichts dieser wirklich unglaublichen Dynamik, bei der sich jeden Tag etwas verändert, ist schon ein Zeitraum von fünf Jahren nicht mehr zu überblicken. Schon das Morgen ist mit einem großen Fragezeichen versehen. Wir wissen nicht, was in den Schubläden der großen Tech-Giganten der Welt steckt. Und das sind ja nicht nur die Amerikaner und chinesische Anbieter. In den Startlöchern stehen auch die Golfstaaten, die mit sehr hohem Kapitaleinsatz in diese Zukunftstechnologie investieren. Sicher ist, wir werden in anderen Welten unterwegs sein.

Macht Ihnen das Angst, oder ist das eine zu deutsche Frage?

Die ‚German Angst‘ prägt uns tatsächlich sehr. Wir neigen dazu, in Deutschland zunächst einmal die Risiken einer Technologie zu diskutieren, bevor wir uns den Chancen zuwenden. Ich kann mich davon auch nicht so ganz frei machen. Tragischerweise stellt sich die Frage aber gar nicht, ob wir das wollen oder nicht. Diese Technologie ist gekommen, um zu bleiben, und verbreitet sich täglich sehr rasant weiter Davon können wir uns nicht freimachen. Auch wenn wir es wollten.

ANMERKUNG: Der Podcast wurde für die Textfassung redigiert.

TEXT Christian Bock
FOTO Mubarak Bacondo

Hier gibt’s das Video zum Podcast: