Manuela Rousseau spricht in ME2BE über ihre Karriere und die Rolle als Frau an der Spitze

Manuela Rousseau spricht in ME2BE über ihre Karriere und die Rolle als Frau an der Spitze

Die Aussicht hat sich geändert: Als Scheidungskind aus dem Arbeitermilieu hat Manuela Rousseau in ihrer Jugend Armut und Benachteiligung erfahren, heute blickt sie aus ihrem Büro in der oberen Etage eines Weltkonzerns über Hamburg. Die 64-Jährige ist eine der wenigen DAX-Aufsichtsrätinnen, außerdem Professorin, Autorin („Wir brauchen Frauen, die sich trauen“) und engagiert sich ehrenamtlich. Ein Gespräch über ihren von Höhen und Tiefen geprägten Weg nach oben, die Bedeutung klarer Ziele und den Einfluss von Büchern.

 

ME2BE: Frau Professorin Rousseau, durch das Internet hat heute fast jeder Zugang zu einem riesigen Fundus an Wissen. Sie haben den Büchereiausweis Ihrer Kindheit mal als Ihren größten Schatz bezeichnet. Welche Rolle hat Bildung früher in ihrer Familie gespielt?

Manuela Rousseau: Ich komme aus einer Arbeiterfamilie, meine Mutter war Näherin, mein Vater Lokführer. Mein Bruder sollte eine adäquate Schulbildung erhalten, bei mir hielt man das für nicht so dringend nötig. Ich musste mit 14 die Schule verlassen und habe dann eine Lehre als Einzelhandelskauffrau begonnen, um meine alleinerziehende Mutter zu unterstützen. Sie war froh, keine weitere Schulausbildung bezahlen zu müssen.

Wie haben Sie das damals wahrgenommen. Fühlten Sie sich gebremst in Ihrem Wissensdrang?

Also für mich hat sich die Frage nicht gestellt. Ich wäre gerne weiter zur Schule gegangen, fand die Entscheidung unter den gegebenen Lebensumständen jedoch nachvollziehbar. Wenn kein Geld da ist, hat man einen anderen Blick auf die Realität.

Essen ist eben wichtiger als Lesen.

Ja, das war bei uns ein Thema. Meine Mutter hat sich zum Beispiel immer Obst gewünscht, wenn Besuch kam. Erdbeeren zum Beispiel waren ein Luxus. Noch heute muss ich daran denken, wenn ich welche esse.

Sie haben sich dann in der Bücherei Ihren Lesestoff beschafft?

Für mich war die Bücherei ein Zufluchtsort, der sehr viel Ruhe ausgestrahlt hat. Ich mochte diese Stille und ich mochte den Geruch von Büchern. Ich empfand es als ein Geschenk, blättern und entscheiden zu können: Jetzt nehme ich diese fünf Bücher mit nach Hause. Lesen war für mich zunächst eine Flucht, später selbstverständlich auch eine Form der Bildung.

Gibt es ein Buch, das Sie besonders geprägt hat?

Pippi Langstrumpf war das allererste Buch, das ich selber lesen konnte. Das war natürlich kein schlechter Einstieg – sehr inspirierend. Pippi Langstrumpf hat ihr Leben gestaltet, wie sie es für richtig hielt. Ich glaube, das war ansteckend. Das Buch habe ich tatsächlich heute noch – geflickt und zerfleddert.

Je häufiger man scheitert, desto klüger wird man.

Astrid Lindgren würde sich freuen! Sie haben es mit Hauptschulabschluss bis zur stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitzenden geschafft. Wie selbstverständlich ist Ihre Position bei Beiersdorf für Sie heute?

Dadurch, dass ich schon seit über 20 Jahren im Aufsichtsrat sitze und viele wesentliche Entscheidungen im Konzern mit getroffen habe, fühle ich mich in dieser Position richtig – das ist, glaube ich, die treffende Vokabel. Ich verfüge über ein breites Wissen, Netzwerke und das Grundvertrauen der Kolleginnen und Kollegen, die sich fünf Mal entschieden haben, mich zu wählen.

Welche Rolle spielte es bei Ihrer Wahl 1999, dass Sie eine Frau sind?

Ich war damals die erste Frau im Aufsichtsrat des Unternehmens. Die Arbeitnehmerbank bestand überwiegend aus Kollegen von Chemikern, Biologen und Ingenieuren. Deshalb suchten sie jemanden aus dem Bereich Kommunikation, am liebsten eine Frau mit einem hohen internen Bekanntheitsgrad. Außerdem habe ich seit 1992 verschiedene Veranstaltungsreihen aufgebaut, die es vorher nicht gegeben hatte – Kultur für Mitarbeiter. Viermal im Jahr können sie Kulturveranstaltungen besuchen, zum Beispiel Kabarett und Konzerte – früher in einer leerstehenden Fabrikhalle, heute gibt es sogar ein Auditorium. Als Gastgeberin stehe ich regelmäßig auf der Bühne und verschaffe den Leuten mit den Veranstaltungen nach Feierabend Freude. Diese Initiative wurde damals sehr eng mit meinem Namen verknüpft.

Ihr beruflicher Weg verlief nicht immer gradlinig. Sie haben nach Ihrer Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau eine erste Karriere als Unternehmerin hingelegt, die allerdings ein jähes Ende fand.

Heute würde man das vermutlich Start-up nennen. Je häufiger man scheitert, desto klüger wird man. Diese Einsicht kam aber erst später. Mit 28 Jahren erlebte ich den Konkurs. Allerdings nicht, weil wir falsch gewirtschaftet hatten, sondern weil sich unser Geschäftsführer bereichert hatte. Damals stand ich vor einem Scherbenhaufen. Das Geld war weg; ich musste Mitarbeiter entlassen, meine erste Ehe ging in die Brüche, und ohne Studium bestand kaum eine berufliche Perspektive. Das war wirklich ein Tiefpunkt.

Wie konnten Sie sich da wieder aufrichten?

Es gab keine Alternative. Man kann zwar liegenbleiben, aber das ist mit 28 keine Lösung.

Ein bisschen früh.

Das finde ich auch. Insofern dachte ich: Ich weiß, was ich nicht will. Ich will nicht mehr im Handel arbeiten, das habe bis dahin die Hälfte meines Lebens gemacht – von 14 bis 28. Im Handel hatte ich alles gegeben, was man einbringen kann, und nun gab es eine Grenze. Mir war klar, dass alles so bleiben würde. Also habe ich für mich ein Ziel formuliert und in eine Kladde geschrieben: Ich möchte in einem Industrieunternehmen arbeiten, das mir mehr Chancen bietet, mich hochzuarbeiten und Bildungsmöglichkeiten innerhalb des Unternehmens zu nutzen. Der zweite Punkt war die Altersabsicherung. Ich wollte nie wieder arm sein wie als Kind.

Ihr Mentor war Klaus-Peter Nebel. Was hat er in Ihnen gesehen, als Sie ins Unternehmen gekommen sind?

Nach meinem Konkurs absolvierte ich ein Volontariat bei Teldec Schallplatten in Eimsbüttel. So lernte ich den PR-Bereich kennen und stellte fest, dass mir die Arbeit liegt. Mir fehlten für einen Einstieg bei Beiersdorf allerdings alle dafür erforderlichen formalen Voraussetzungen. Daher bewarb ich mich 1984 im Einkauf; in einer Mittagspause entdeckte ich etwa zwei Jahre später zufällig die Ausschreibung für die Pressestelle am schwarzen Brett. Ich rief, ohne mich zu bewerben, einfach Herrn Nebel an und erzählte ihm, warum ich diesen Job haben möchte. Wir trafen uns in der Kantine und nach dem Essen sagte er: „Stellen Sie einen Versetzungsantrag, Sie haben den Job.“

Hatten Sie sich vorher überhaupt Chancen ausgerechnet?

Ich wollte diesen Job, deswegen bin ich nicht den üblichen Weg gegangen.

Mussten Sie diesen Weg gehen, weil Sie aufgrund fehlender Abschlüsse sonst chancenlos gewesen wären?

Ja. Wer sich meinen Lebenslauf angeguckt hätte, hätte mich nicht eingeladen.

Offenbar besitzen Sie Talent für unkonventionelle Wege.

Ich habe nach dem Konkurs sehr viele Bewerbungen geschrieben und meistens nicht einmal eine Antwort erhalten. Also musste ich nach anderen Möglichkeiten suchen.

Empfinden Sie Stolz oder Genugtuung, wenn Sie Ihre Karriere betrachten?

Genugtuung kenne ich nicht in der Form. Selbst das mit dem Stolz hat ganz schön lange gedauert. Während der Arbeit an meinem Buch wurde mir jedoch bewusst, dass es nach fast fünfzig Berufsjahren doch eine ganz beachtliche Lebensleistung ist.

Neben Ihrer Karriere bei Beiersdorf sind Sie seit vielen Jahren Dozentin an der Hochschule für Musik und Theater.

Meine Professur erhielt ich Anfang 2000, war aber davor schon seit 1992 als Gastdozentin tätig. Mittlerweile besteht der Studiengang Kultur- und Medienmanagement seit 31 Jahren – eine Initiative von Professor Dr. Hermann Rauhe. Insgesamt 29 Studiengänge habe ich begleitet.

Inwiefern haben Sie Ihre Studierenden geprägt?

Erst kürzlich schrieb mir Lisa, eine Studentin aus dem 18. Jahrgang, die jetzt für eine Filmproduktionsgesellschaft arbeitet. Sie habe mich in der Redaktion für eine Portraitreihe vorgeschlagen, die Menschen mit ungewöhnlichen Lebensläufen vorstellt. Sie erinnerte sich an mich. Jetzt freue ich mich darauf, sie wiederzusehen. Das sind Beziehungen, die sich fortsetzen. Ehemalige rufen mich an und tauschen sich mit mir aus. Das ist ein wunderbares Netzwerk, auf das ich zurückgreifen darf. Für mich ist das eine zweite Familie, meine ‚intellektuelle Familie‘.

Hat es Sie in Ihrer ‚intellektuellen Familie‘ gestört, dass Sie selbst keine akademische Ausbildung besitzen?

Ja, besonders als ich Professorin wurde. Seit diesem Tag fragte man mich regelmäßig: Was haben Sie studiert? Mit dem Zusatz ­„Professorin“ auf der Visitenkarte fühlte ich mich anfangs unwohl. Diese Frage hat mich so gequält, dass ich den Titel zuerst weglassen wollte. Mein Mentor Herr Nebel überzeugte mich schließlich. Er sagte: Den Titel müssen Sie jetzt mit Stolz tragen.

Den Titel müssen Sie jetzt mit Stolz tragen.

Aber ist es dann nicht eher ein gesellschaftliches Problem, dass Zertifikate letztendlich mehr zählen als Wissen?

So ist es. Bildung umfasst viel mehr als Wissen. Bildung hat auch mit dem Herzen zu tun, mit Lebenserfahrung und einer Wertorientierung. Auf der Frankfurter Buchmesse habe ich mich dann endlich als Professorin geoutet. Viele Menschen reagierten sehr wohlwollend. Seither fällt es mir wesentlich leichter, dem Ratschlag von Herrn Nebel zu folgen.

Mit welchen Herausforderungen sind junge Menschen wie Ihre Studierenden heute konfrontiert?

Ich glaube, die größte Herausforderung ist, dass wir die Arbeit gleichmäßiger verteilen müssen. Die ehemals kontroversen Themen Frauen in Teilzeit oder der Mann als Alleinverdiener gibt es eigentlich nicht mehr. Nur in der Gesellschaft hat sich diese Einsicht noch nicht so ganz durchgesetzt. Insofern müssen die jungen Leute heute überlegen, wie sie Einkommen und Familienleben in Einklang bringen. Auch die Zeit für Kinder und pflegebedürftige Angehörige spielt eine immer größere Rolle, aber auch lebenslanges Lernen sowie die Möglichkeiten der Digitalisierung.

Sind die Gesellschaft und die Wirtschaft schon so weit?

Wir sind alle auf dem Weg.

Stichwort: Frauenquote. Die gibt es jetzt seit vier Jahren für Aufsichtsräte. Noch 2015 hat ein Aktionär auf offener Bühne die Führungskompetenz von Frauen infrage gestellt – und Applaus bekommen. Nehmen Sie so etwas persönlich?

Ich war schockiert und wie gelähmt. Ich dachte, das kann nicht die Realität im Jahr 2015 sein, so absurd war die Situation. Völlig unwirklich. Dennoch hatte ich die klischeehafte Vorstellung, dass jetzt jemand vom Aufsichtsrat aufsteht und das gerade rückt.

Ein Mann?

Ja, ein Mann, ich hatte das vom Aufsichtsratsvorsitzenden erwartet. Der hat es aber nicht getan. Im Nachhinein haben wir darüber gesprochen und er sagte, er habe die Bühne für diesen Unsinn nicht erweitern wollen. Damit lag er taktisch richtig.

Wie wichtig ist die Frauenquote?

Man kann die Frauenquote ganz sachlich darstellen: Ich bin dafür und dagegen. Die Quote ist eine Krücke. Und Krücken helfen manchmal, auf dem Weg ein Stück weiter zu kommen. Irgendwann kann man sie wieder weglegen. In Deutschland sind etwa 28 Prozent der Positionen in Aufsichtsräten mit Frauen besetzt, das war vorher anders. In den Vorständen gibt es nur die freiwillige Quote, da tut sich so gut wie gar nichts. Für mich der Beleg, dass eine Quote als Übergangslösung funktioniert.

Wie lange dauert es noch, bis derartige gesetzliche Regelungen überflüssig sind?

Angeblich noch 30 Jahre. Die Generation der Frauen, die in den 70ern für Frauenrechte kämpfte, hat den Weg für uns alle freigemacht. Heute gehen mehr Frauen von einer Universität ab als Männer, aber sie sind noch nicht in gleichem Maß bis in die Führungspositionen vorgedrungen. Frauen und Männer müssen miteinander vereinbaren, wie sie ihr Leben gestalten wollen. Dadurch wird sich der Prozess gewiss beschleunigen. Wenn die Männer sich trauen und erkennen würden: Alleinverdiener zu sein war und ist keine attraktive Rolle und Zeit für Kinder oder Hobbys zu haben, wäre auch schön, dann kämen wir voran.

Frau Professorin Rousseau, vielen Dank für das Gespräch.

INTERVIEW Lutz Timm
FOTOS Maxim Schulz