Abschied oder Wandel? Wie Arbeit sich neu erfindet – und warum manche Berufe trotzdem nicht mehr existieren

Abschied oder Wandel? Wie Arbeit sich neu erfindet – und warum manche Berufe trotzdem nicht mehr existieren

New Work, agiles Personalmanagement, Industrie 4.0 – es gibt viele Begriffe für das, was sich gerade rund um den Globus in den Büros, Werkstätten, Agenturen oder Produktionshallen verändert. Es betrifft Angestellte genauso wie Selbständige, Firmeninhaber ebenso wie Absolventen von Schulen und Hochschulen. Für manche ist es Zukunftsmusik, für andere bereits die Hintergrundmelodie des Arbeitsalltags. Doch was bedeuten die neuen Konzepte, Entwicklungen und Trends konkret? Und wie genau wirken sie sich auf das Verständnis von Arbeit aus, das heute noch vorherrscht? Eine Reise in die voraussichtliche Zukunft der Arbeit.

Kollision oder Ausweichen

Stellt man sich die Arbeitswelt als einen Autoscooter vor, so gab es lange Zeit vor allem einen prägenden Konflikt: Die Jungen hatten den Willen zur Veränderung, die Alten pochten auf bewährte traditionelle Arbeitsweisen. Wenn diese beide Anschauungen aufeinander zurasten, waren zumeist zwei Möglichkeiten programmiert: Kollision oder Ausweichen. Doch mit Blick auf die tiefgreifenden Umwälzungen, die die Digitalisierung weltweit in nahezu alle Unternehmen bringt, erscheinen derartige Zwistigkeiten wie Bürofolklore – für die zukünftigen Formen der Arbeit genauso unerheblich wie zeitraubend.

Klar ist, dass in vielen Berufen bereits erhebliche Veränderungen eingetreten sind. Die Anforderungen wandeln sich stetig. Die wichtigen Aufgaben von heute sind vielleicht morgen schon nicht mehr als eine Beschäftigungsmaßnahme. Und die Umgestaltung der Arbeitswelt steht vermutlich gerade erst am Anfang. Gängige Berufe werden aussterben, andere sich wesentlich verändern, neue hinzukommen. Das ist an sich zunächst eine Tatsache – und nicht einmal eine besonders charakteristische, wenn man die Veränderung der Wirtschafts- und Arbeitswelt der vergangenen Jahrhunderte betrachtet.

Die Anforderungen wandeln sich stetig.

Neue Dynamiken

So hat sich der Bedarf an menschlicher Arbeitskraft durch die Industrielle Revolution drastisch verändert. Menschen, die vorher auf den Feldern und Äckern arbeiteten, wurden nun in den Fabriken an den Maschinen gebraucht. Rund 100 Jahre später beschleunigten die Fließbänder und eine umfassende Elektrifizierung die Entwicklung erneut. Eine völlig neue Dynamik brachte der Einsatz von immer mehr Computern und IT-Systemen etwa ab Mitte der 1970er Jahre.

Heute ist es der globale Prozess der Digitalisierung auf breiter Fläche, der ganze Wirtschaftszweige in Aufruhr versetzt und vor nie dagewesene Herausforderungen stellt. Während Tageszeitungen
und Fernsehnachrichten bis vor wenigen Jahren noch wie selbstverständlich ein Monopol besaßen, was die Auswahl Einordnung und Verbreitung von Nachrichten betraf, sind heute neue Meinungsmacher unterwegs. Bekannte Influencer erreichen etwa auf Instagram, Youtube Millionen von Menschen mit ihren Beiträgen. Auch wenn es professionellen Journalisten nicht gefällt: Die Klickzahlen der großen Social-Media-Stars lassen fast jeden Medienmanager neidisch in die Tastatur beißen.

Der traditionelle Einzelhandel wurde von Amazon und anderen E-Commerce-Anbieter ebenso krachend unbarmherzig vom Thron gestoßen. Und nicht zuletzt der wichtigste deutsche Industriezweig: die Autobranche, an der in Deutschland Millionen Jobs hängen, musste sich in den vergangenen Jahren abwechselnd von der Deutschen Post (Stichwort: elektrobetriebener Streetscooter) und dem schillernden Tesla-Chef Elon Musk vorführen lassen.

Potenzial für Veränderung

Doch all diese Umstände besitzen vor allem eines: Potenzial für Veränderung – und das durchaus im positiven Sinne. Wer Innovation als Chance begreift und den Schwung der Entwicklung ausnutzt, könnte eine spannende Zukunft vor sich haben.

In einem starken Team zum Erfolg.

Insbesondere die Art und Weise, wie Menschen künftig zusammenarbeiten, zeigt sich in einigen Unternehmen schon heute. In einer immer komplexer werdenden Welt gibt es ständig neue Aufgaben, variable Voraussetzungen und sehr unterschiedliche Fähigkeiten, die gefragt sind. Da wirken starre Hierarchien und unflexible Organisationsstrukturen eher als Bremsklotz. Eine neue Philosophie des Personalmanagements heißt daher: „In einem starken Team zum Erfolg.“ Dazu gehören gemeinsam getroffene Entscheidungen ebenso wie eine größere Verantwortung für den Einzelnen – vor allem aber eine Zusammenarbeit, die sich ständig im Fluss befindet, auch mit Blick auf den Führungsanspruch. Wenn aktuell ein IT-Problem das gesamte Team vor Herausforderungen stellt, wieso sollte dann nicht auch der Experte auf dem Gebiet federführend in die Lösung eingebunden sein? Um eine derartige Unternehmensphilosophie umsetzen zu können, die eher auf Netzwerkarbeit denn auf hierarchische Strukturen wert legt, werden andere Eigenschaften wichtiger. Empathie, soziale Kompetenz, Kreativität und Kommunikationsfähigkeiten bilden maßgebliche Bedingungen, um transparent und vertrauensvoll zusammenarbeiten zu können. Die dadurch entstehende Chancengleichheit stärkt dann im Idealfall das Verantwortungsbewusstsein im ganzen Unternehmen.

 

Work-Life-Balance

Auch die Arbeitsbedingungen sind im Wandel begriffen. Der klassische Dreiklang im Büro vergangener Tage lautete: großer Schreibtisch, eigener Parkplatz und Sekretärin. Um für die künftigen Herausforderungen gewappnet zu sein, geht der Trend weg vom starren Arbeitsplatz mit Anspruch auf Multifunktionalität. Unterschiedliche Bereiche lösen feste Plätze zunehmend ab und orientieren sich vor allem an der Funktion. Vom abgeschotteten Stillarbeitsplatz über Besprechungsräume und Kreativzonen bis zum kommunikativen Treffpunkt bieten neue Raumkonzepte für jeden Bedarf jeweils individuelle Lösungen. Das Arbeiten an festen Plätzen ist in diesen Systemen nicht vorgesehen. Durch das sogenannte Desksharing nutzen verschiedene Mitarbeiter den gleichen Schreibtisch – je nach Bedarf. Die persönlichen Gegenstände landen nach der Nutzung in einem abschließbaren Rollcontainer und können schnell verschoben werden.

Konzepte wie das Arbeiten im Home-Office sind ebenfalls Teil der neuen Philosophie. Neben den neuen Arbeitsplatzmodellen werden zunehmend auch Arbeitszeitmodelle abseits der 9-to-5-Schicht diskutiert. Warum sollten Mitarbeiter nicht weniger arbeiten, dafür aber umso motivierter ans Werk gehen können. Einzelne Experimente haben gezeigt, dass zufriedene Mitarbeiter mit mehr Freizeit bessere Ergebnisse für ihr Unternehmen erzielen, als die Kollegen mit der 40-Stunden-Woche. Auch flexible Schichtmodelle, Gleitzeit oder Jahreskontingente erhöhen die Flexibilität in der Arbeitswelt – mit Vorteilen für Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Schließlich hat sich seit der Industriellen Revolution nicht nur die Form der Arbeit gewandelt, auch die Umstände sind inzwischen andere. ZEIT ALSO, FÜR DEN NÄCHSTEN SCHRITT.

 

TEXT Lutz Timm
ILLUSTRATIONEN Ibou Gueye