„Wir müssen neu denken!“ – Stefan Mohrdieck, Landrat im Kreis Dithmarschen

„Wir müssen neu denken!“ – Stefan Mohrdieck, Landrat im Kreis Dithmarschen

Der Landrat des Kreises Dithmarschen heißt Stefan Mohrdieck. Seit dem 1. Juni 2018 setzt er als oberster Verwaltungsbeamter die Beschlüsse des Dithmarscher Kreistags in die Tat um. Der gebürtige Brunsbütteler ist ein echter ‚Verwaltungsmensch’. Nach einer Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten studierte er Verwaltungswirtschaft und sammelte anschließend in seiner Heimatstadt Erfahrungen im Kämmereiamt, leitete mehrere Abteilungen und wurde 2011 hauptamtlicher Bürgermeister der Stadt Brunsbüttel. Welche Veränderungen das neue Amt mit sich bringt und wie er sich das Dithmarschen der Zukunft vorstellt, verrät er uns bei einem Interviewtermin im Kreishaus Heide.

Moin, Herr Landrat. ME2BE gratuliert Ihnen noch einmal zu Ihrem Amt. Vor drei Jahren haben wir Sie als Bürgermeister von Brunsbüttel interviewt. Nun sind Sie für den gesamten Kreis Dithmarschen zuständig. Wie fühlt sich das an?

Vielen Dank. Herzlich willkommen in Heide und auch an Sie erst einmal ein Dankeschön, dass Sie seit Jahren authentisch über unsere Schulen, Ausbildungs- und Studienplätze berichten und auf vielen unserer Berufsorientierungsmessen präsent sind. Wie fühlt es sich an, Landrat zu sein? Man weiß ja vorher nie so genau, was einen in einer neuen Position erwartet. Nach sechs Monaten kann ich sagen: Das fühlt sich sehr gut an! Ich wurde hervorragend aufgenommen und bin in der Kreisverwaltung Dithmarschen von ausgezeichneten Kolleginnen und Kollegen umgeben.

Was hat sich für Sie persönlich verändert?

Verändert hat sich einiges, angefangen beim Arbeitsweg. Da ich mit meiner Familie in Brunsbüttel wohne, pendle ich täglich nach Heide. Darüber hinaus habe ich als Landrat neue Aufgaben wahrzunehmen. Auch die Dimensionen sind andere. Die Möglichkeiten einer Kreisverwaltung sind größer als die einer Stadtverwaltung, allein aufgrund der höheren Anzahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Annehmliche Veränderungen bestehen darin, dass mich als Landrat ein größeres Team umgibt und ich die Fahrbereitschaft in Anspruch nehmen kann.

Die Möglichkeiten der digitalen Technik werden uns helfen, viele Abläufe zu vereinfachen. Doch der Mensch muss stets im Mittelpunkt des Handelns stehen!

Welche konkreten Projekte stehen in den kommenden Jahren an?

Es gibt viel zu tun! Ich nenne drei wichtige Projekte: 1.) Berufliche Bildung: Der Kreistag hat entschieden, an den beiden Berufsschulstandorten Heide und Meldorf festzuhalten. 2019 beginnen wir mit dem Neubau des Beruflichen Bildungszentrums in Heide. Insgesamt investieren wir in beiden Städten mehr als 40 Millionen Euro. 2.) Medizinische Versorgung: Mit dem „Büsumer Modell“ beschreiten wir neue Wege in der ärztlichen Selbstversorgung. Da wir kaum noch Medizinerinnen und Mediziner finden, die sich in ländlichen Regionen in Vollzeit niederlassen, unterstützen wir die Kommunen dabei, als Träger von Gesundheitseinrichtungen aufzutreten. Dieses Modell kostet zwar Geld, hat sich aber bundesweit etabliert und schafft attraktive Arbeitsbedingungen für medizinische Fachkräfte. 3.) Digitaler Wandel: Unsere öffentlichen Verwaltungen beschäftigen sich mit den Themen „E-Akte“ und „E-Government“. Die elektronische Aktenführung wird den Aktenordner ablösen. Bis es so weit ist, müssen wir sorgfältig klären, welche Konsequenzen dadurch für den gesamten Apparat entstehen. Was bedeutet das beispielsweise für die Eingliederungshilfe? Welche Probleme entstehen für die Bußgeldstelle? Was verändert sich praktisch für Bürgerinnen und Bürger? Die Möglichkeiten der digitalen Technik werden uns helfen, viele Abläufe zu vereinfachen. Doch der Mensch muss stets im Mittelpunkt des Handelns stehen!

2024 … das klingt nach Science-Fiction und markiert das vorläufige Ende Ihrer Amtszeit! Wie gestalten Sie die Zukunft Dithmarschens?

Mir ist wichtig, dass man erkennt, wie schön es ist, in Dithmarschen zu leben. Schon heute haben wir eine attraktive Region, nicht nur für die vielen Touristen, die uns das ganze Jahr besuchen! Wir wollen dafür sorgen, dass unsere Region stark bleibt und sich weiter modernisiert. Auch als Arbeitsmarkt möchten wir noch interessanter werden. Wie können wir das organisieren? Indem wir in die flächendeckende Breitbandversorgung investieren. Ein Drittel der Fläche ist bereits vernetzt! Indem wir innovative Tourismuskonzepte entwickeln. Die Tourismusbranche bietet mehr Vollzeitarbeitsplätze als Landwirtschaft, Forst- und Fischwirtschaft zusammen. Indem wir das Angebot industrieller Arbeitsplätze erhöhen. Der ChemCoast Park in Brunsbüttel ist Schleswig-Holsteins größter Industriepark! Indem wir uns intensiv mit dem Thema Erneuerbare Energien auseinandersetzen. Ein Viertel des landesweit produzierten Öko-Stroms kommt heute aus Dithmarschen. Und indem wir unsere Innovationszentren stärken, zum Beispiel die Fachhochschule Westküste und das Maritime Zentrum in Büsum. Dithmarschen wird zukünftig eine wichtige Rolle in Forschung und Technik spielen. Bei uns leben und arbeiten viele schlaue Leute, und wir sind deutlich besser aufgestellt, als so mancher glaubt. Das wollen wir stärker vermitteln, um junge Menschen nach Dithmarschen zu locken oder sie zu motivieren, hierzubleiben.

Wir dürfen unsere Zukunft nicht nur über die Vergangenheit definieren und glauben, dass Dithmarschens Zukunft gesichert sei, nur weil wir 1500 die Schlacht bei Hemmingstedt gewonnen haben!

Stichwort ‚junge Leute’. Welche Rolle kommt den nachfolgenden Generationen zu?

Junge Leute werden oft unterschätzt, weil sie bestimmte Erwartungen älterer Generationen nicht erfüllen. Doch die Welt verändert sich. Wir dürfen unsere Zukunft nicht nur über die Vergangenheit definieren und glauben, dass Dithmarschens Zukunft gesichert sei, nur weil wir 1500 die Schlacht bei Hemmingstedt gewonnen haben! Wir müssen neu denken! Ich wünsche mir für Dithmarschen ein modernes Image, ohne dabei unsere Wurzeln zu vergessen. Wir haben wunderbare junge Menschen, die den Wert der Region erkennen und hierbleiben möchten. Wir brauchen sie alle, um unsere Gesellschaft mitzugestalten. Allerdings benötigen wir sie nicht nur an der Spielkonsole, sondern auch in unseren Kommunalparlamenten. Sie müssen den Mund aufmachen, quer denken, sich einmischen und sich was zutrauen. Die Aufgabe der Älteren ist es, ihnen dafür den Raum zu geben.

Herr Landrat, vielen Dank für das Gespräch. Wir wünschen Ihnen eine glückliche Hand.

 

TEXT Christian Dorbandt
FOTO Sönke Dwenger