Teamgeist ist alles! Die Notfallsanitäter der Rettungswache Husum

Teamgeist ist alles! Die Notfallsanitäter der Rettungswache Husum

Finger im Rasenmäher, stechende Schmerzen im Brustkorb oder ein Unfall auf der B5 – alles Fälle für die Notfallsanitäter des Rettungsdienstes in Nordfriesland. Geht der Melder, heißt es, trittschutzsichere Schuhe anziehen, Helm und Schutzbrille aufsetzen und so schnell wie möglich zum Einsatzort fahren – mit Blaulicht und Horn versteht sich. Über 33.000 Mal im Jahr machen sich die 170 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus neun Rettungswachen im Kreis Nordfriesland auf den Weg, um Leben zu retten. Eine wichtige und verantwortungsvolle Aufgabe, die seit dem 1. Januar 2014 in einer dreijährigen Ausbildung zum Notfallsanitäter erlernt werden kann. Doch wer ist eigentlich für diesen Beruf geeignet? Wir wollten es genau wissen und haben uns mit zwei Azubis und Jens-Peter Lindner, dem Leiter des Rettungsdienstes Nordfriesland, verabredet.

Rettungswache Husum

Es duftet nach Kaffee und frischen Brötchen, als Jens-Peter Lindner und ich die Küche der Rettungswache Husum betreten. Zwei Teller mit Krumen stehen noch auf dem Tisch. „Eine typische Situation“, lacht Lindner. „Ich komme morgens zum Dienst und weiß nicht, was der Tag heute bringt: Kann ich mich gemütlich hinsetzen und frühstücken? Kann ich meine Tagesaufgaben erledigen oder geht es gleich los zum Einsatz?“ Wer als Notfallsanitäter arbeiten möchte, sollte eine gehörige Portion Neugierde und die Bereitschaft besitzen, sich immer auf etwas Neues einzulassen – auch am Wochenende und an Feiertagen. „Wer sagt, mir ist das Weihnachtsfest heilig und ich muss jedes Wochenende mit meinen Freunden losziehen, der wird schnell frustriert sein. Für alle anderen, die kein Medizinstudium absolvieren möchten, ist der Beruf des Notfallsanitäters die spannendste Tätigkeit im medizinischen Bereich, davon bin ich überzeugt“, so Lindner.

Darauf kommt es an!

Da Notfallsanitäter in ihrem Berufsalltag mit den unterschiedlichsten Menschen und Situationen konfrontiert werden, wird bei den Bewerbern ein Mindestalter von 17 Jahren sowie ein Mittlerer Schulabschluss, das Abitur oder ein Erster allgemeinbildender Schulabschluss mit abgeschlossener Berufsausbildung vorausgesetzt. Denn um im Notfall angemessen und besonnen zu handeln, bedarf es einer gewissen Reife: Ein Notfallsanitäter muss auch gestandenen Persönlichkeiten höflich, aber bestimmt auf unangemessenes Handeln hinweisen und vermitteln, dass er die Situation im Griff hat. Von Vorteil sind außerdem ein Führerschein der Klasse B und ein guter gesundheitlicher Zustand. „Wir wollen ja nicht, dass unsere Mitarbeiter abgekämpft im 4. Stock ankommen und selber erst einmal Sauerstoff benötigen“, betont Lindner. Wie vielfältig das Berufsbild des Notfallsanitäters tatsächlich ist, zeigt der Einstellungstest für Azubis: In diesem kommt es nicht nur darauf an, mit Wissen und einer sicheren Rechtschreibung zu glänzen, sondern ebenso mit Teamgeist und sozialer Kompetenz, denn Notfallsanitäter arbeiten in ihrem abwechslungsreichen Arbeitsalltag mit vielen ganz unterschiedlichen Berufsgruppen wie etwa Feuerwehr, Polizei, Hausärzten und dem Gesundheitsamt zusammen. „Das gefällt mir besonders gut“, sagt Malte. „Mittlerweile bin ich im dritten Ausbildungsjahr hier an der Rettungswache Husum und habe meine Entscheidung bis heute noch nie bereut. Jeder Einsatzort ist anders, und das ist wirklich interessant“, erklärt er uns.

„Die Auszubildenden von heute sind flexibler und breiter aufgestellt, was ihre Zukunftspläne angeht.“

Mit Teamgeist zum Erfolg

Wie wichtig der Zusammenhalt auf der Rettungswache ist, weiß auch Stella. Sie befindet sich im 2. Jahr ihrer Ausbildung zur Notfallsanitäterin und darf nach bestandener Kompetenzprüfung im Februar als zweite Teampartnerin im Rettungswagen mitfahren. Ein großer Moment in der dreijährigen Vollzeitausbildung, denn ab diesem Zeitpunkt trägt sie zusammen mit ihrem Kollegen die volle Verantwortung beim Einsatz. „Da wir in Notsituationen perfekt zu zweit funktionieren müssen, ist Teamfähigkeit in diesem Beruf extrem wichtig. Die erste Anlaufstelle nach einem schweren Einsatz ist immer der Teampartner. Nachdem wir Medikamente nachgefüllt und den Wagen gereinigt haben, besprechen wir meist noch im Einsatzwagen, was gut geklappt hat, was beim nächsten Mal besser laufen sollte und wie wir die Situation wahrgenommen haben. Wir machen in der Ausbildung zwar keine konkreten Übungen für die Teamkompetenz, aber werden jeden Tag auf der Rettungswache mit diesem Thema konfrontiert und lernen im Laufe der drei Jahre, wie wichtig es ist, im Notfall als Team zu funktionieren.“ Das alte Klischee von knallharten Kerlen und taffen Mädels, die keine Gefühle zeigen und schon gar nicht über sie sprechen, scheint also überholt. Heute gibt es neben dem Gespräch mit dem Teampartner auch die Möglichkeit der psychologischen Nachsorge. „Das ist sehr wichtig, um posttraumatischen Belastungen oder Flashbacks vorzubeugen“, betont Lindner.

„Wenn der Melder piept, muss alles ganz schnell gehen.“

Gut zu wissen … für eine Ausbildung zum Notfallsanitäter

Wer sich von der Begeisterung von Malte und Stella hat anstecken lassen und auch Notfallsanitäter werden möchte, muss seit 2014 eine dreijährige Ausbildung absolvieren. In Nordfriesland findet diese nicht nur auf den Rettungswachen des Kreises statt: Der schulische Teil wird in der Außenstelle Schleswig der Rettungsdienstschule des DRK Lübeck gelehrt und für den klinischen Teil geht es für die angehenden Fachkräfte ins Krankenhaus. Auf der Intensivstation, der Pflegestation und in der Notaufnahme sammeln sie erste medizinische Erfahrungen. Nach Bestehen der Zwischenprüfung dürfen die Azubis bereits als zweite Person mit einem erfahrenen Notfallsanitäter im Rettungswagen mitfahren. Für diesen vielseitigen und verantwortungsvollen Beruf bietet der Rettungsdienst Nordfriesland jedes Jahr mehrere Ausbildungsplätze an und freut sich über engagierten Nachwuchs aus der Region.

Erzähl mal…

Stella befindet sich im 2. Ausbildungsjahr zur Notfallsanitäterin beim Rettungsdienst Nordfriesland in Husum.

„Vier, fünf Einsätze sind ganz normal in zwölf Stunden. Es gibt auch Tage, an denen wir öfter rausfahren – manchmal hat man Glück, manchmal Pech. Genau das macht für mich den Reiz dieser Arbeit aus: Mein Tag beginnt, und ich weiß überhaupt nicht, was passieren wird. Die ersten Einsätze waren hart, weil jede Unfallstelle anders ist und wir viel Verantwortung tragen – es geht ja immer um Menschenleben. Noch kann ich mich kurz zurückziehen, wenn mich eine Situation überfordert, da ich im zweiten Lehrjahr ‚nur‘ als dritte Person im Rettungswagen mitfahre. Meine Kollegen übernehmen den Patienten dann zu zweit. Das ändert sich, wenn ich im Februar meine Kompetenzüberprüfung absolviert habe und hoffentlich bestehe. Dann darf ich als zweiter ‚Mann‘ mitfahren und trage die volle Verantwortung. Da wir in Notfallsituationen perfekt zu zweit funktionieren müssen, ist Teamfähigkeit in diesem Beruf extrem wichtig. Einer ist immer der Teamführer und trifft die Entscheidungen, der andere arbeitet zu. Wenn der Melder piept, muss alles ganz schnell gehen. Er zeigt uns an, worum es geht, wie der Patient heißt und wo wir hinmüssen – und los geht’s. Da ist keine Zeit für Diskussionen oder Unstimmigkeiten. Was gut und was weniger gut geklappt hat, besprechen wir anschließend in der Einsatznachbesprechung. Sie gibt auch Raum, das Erlebte emotional zu verarbeiten. Wir lernen zwar in diesem Beruf, mit jeder Situation umzugehen, doch es wird immer Ausnahmen geben.“

„Jeder Einsatzort ist anders und das ist wirklich interessant.“

Malte befindet sich im 3. Ausbildungsjahr zum Notfallsanitäter beim Rettungsdienst Nordfriesland in Husum.

„Schon während ich beim Theodor-Schäfer-Berufsbildungswerk meinen Bundesfreiwilligen Dienst absolviert und Jugendliche mit Behinderung in der Berufsvorbereitung unterstützt habe, wurde mir klar, dass ich Menschen helfen möchte. Weil ich einen sinnvollen und verantwortungsvollen Beruf ausüben wollte, habe ich mich anschließend beim Rettungsdienst Nordfriesland beworben und bekam eine Einladung zum Einstellungstest. Für meine Eignung wurde ich in drei Bereichen geprüft: Rechtschreibung, Allgemeinwissen und Sportlichkeit. Mit Erfolg, wie sich herausstellte, denn einige Wochen später kam dann auch schon die Zusage zur Ausbildungsstelle und am 1. Oktober 2018 ging es dann los. Mittlerweile bin ich im dritten Ausbildungsjahr und habe meine Entscheidung bis heute noch nie bereut. Besonders gefällt mir die abwechslungsreiche Arbeit und dass ich als Notfallsanitäter mit vielen unterschiedlichen Berufsgruppen wie Feuerwehr, Polizei, Hausärzten und dem Gesundheitsamt zusammen arbeite. Jeder Einsatzort ist anders und das ist wirklich interessant. Bevor wir zu einem Notfall fahren, ziehen wir uns daher nicht nur unsere persönliche Sicherheitskleidung an wie Weste, orangefarbene Jacke, Handschuhe, Helm, Schutzbrille und trittschutzsichere Schuhe, sondern klären bereits wichtige Fragen wie: Birgt die Einsatzstelle Gefahren? Sind andere Einsatzkräfte vor Ort? Ist die Einsatzstelle sicher? Wie viele Einsatzwagen brauchen wir? Wie viele Patienten sind gemeldet? Nach der Ausbildung würde ich sehr gerne in diesem Beruf weiterarbeiten und mich zum Mentor oder Praxisanleiter fortbilden.“

 

TEXT Sophie Blady
FOTOS Andreas Birresborn