Start unter außergewöhnlichen Bedingungen

Start unter außergewöhnlichen Bedingungen

Ein Gespräch mit dem neuen Präsidenten der hs21

Herr Prof. Hadrych, seit dem 1. Oktober 2020 bekleiden Sie den Posten des Präsidenten der hs21. Wie war der Start im Ausnahmezustand?

Als Präsident bin ich für den gesamten akademischen Bereich zuständig – als wichtiger Punkt zählt dazu auch die strategische Ausrichtung der Hochschule in Bezug auf Forschung, Qualität sowie Organisation der Lehre. Die letzten drei Monate waren aufgrund der Pandemie allerdings sehr stark von der alltäglichen Organisation geprägt. Da wir unsere Vorlesungen bereits seit März online durchführen, musste ich nicht ins kalte Wasser springen. Wir waren schon geübt darin, Zoom-Sitzungen abzuhalten, Videos hochzuladen und Multimedia-Angebote online zu stellen.

Sie planen, das Studien- und Weiterbildungsangebot sowie die Forschungsaktivitäten am Standort Buxtehude weiterzuentwickeln. Worauf dürfen sich die Studierenden freuen?

Da unsere Hochschule mit rund 1000 Studierenden recht klein ist, möchte ich den Fokus gezielt auf unsere Stärken setzen: Im Bereich des Bauwesens verfügen wir beispielsweise über viel Expertise und Erfahrung. An der hs21 in Buxtehude werden seit 1875 Architekten und Bauingenieure ausgebildet.

Wir planen, weitere Studiengänge zu schaffen, die an der Schnittstelle unserer drei Fachbereiche Bauwesen, Gesundheit und Technik liegen und Synergien erzeugen wie etwa in dem Studiengang Gebäudetechnik und Automation.

Bei diesem Studiengang an der Schnittstelle zwischen Bauwesen, Elektronik und Maschinenbau, geht es darum, Planer und Ausführende für technische Gebäudeausrüstung zu finden. Konkret denken wir derzeit darüber nach, den Studiengang Medizintechnik an der Schnittstelle zwischen Gesundheit und Mechatronik an der hs21 einzuführen.

Auch der Bereich Bau und Gesundheit ist ein Thema, das wir stärken möchten: Wie plane, wie baue und wie betreibe ich Gebäude, die speziell auf das Thema Gesundheit ausgerichtet sind? Oder wie muss ich zukünftig für eine Gesellschaft planen, die immer älter wird? Diese Themen treiben mich stark um, da ich überzeugt davon bin, dass wir als kleine Hochschule in diesen Bereichen viel bewegen können.

An der hs21 wurde ein autonomer Roboter namens MARWIN entwickelt. Welchen Stellenwert nimmt das Thema Künstliche Intelligenz für die Hochschule ein?

KI spielt an der hs21 eine große Rolle in Forschungsprojekten mit autonom fahrenden Fahrzeugen. Wir haben inzwischen sogar zwei autonome Robotersysteme entwickelt. Bei unserem ersten großen Forschungsprojekt im Bereich autonomer Fahrzeuge handelt es sich um MARWIN, einen Roboter, der bei uns in der Mechatronik entwickelt wurde. Er kommt im DESY, dem deutschen Elektronen-Synchrotron in Hamburg zum Einsatz, um bei laufendem Betrieb im Beschleuniger-Tunnel Messungen und Wartungen durchzuführen, die aufgrund der hohen Strahlenbelastung nicht von Menschen ausgeführt werden können.

KI spielt an der hs21 eine große Rolle in Forschungsprojekten mit autonom fahrenden Fahrzeugen.

AURORA Roboter der hs21

Aus diesem Projekt ist das Forschungsprojekt AURORA hervorgegangen: ein autonom fahrender Erntehelfer. AURORA wurde entwickelt, um auf Apfelplantagen schwere Apfelkisten zu transportieren. Da die Landwirte das Obst heute meist noch mit klassischen kleinen Traktoren und Anhängern transportieren, verursachen sie erhebliche Schäden am Boden, die mittels dieses Erntehelfers deutlich minimiert werden können. Die hs21 bietet ihren Studierenden mit der Entwicklung von autonom fahrenden Fahrzeugen und dem großen Projekt „Building Information Modeling“ spannende Forschungsthemen. AURORA ist darauf ausgerichtet, eine der 600 kg schweren Kisten zu transportieren und sich mit ihren extra breiten Reifen autonom durch die Apfelplantage zu bewegen. Bei uns ist der erste Prototyp fertig. Da wir in der Mechatronik seit Jahren Erfahrungen mit autonom fahrenden Fahrzeugen gesammelt haben, können wir nun unsere Kenntnisse auf andere Bereiche übertragen und diese auch ausbauen.

Gibt es weitere Projekte zum Thema Digitalisierung und KI?

Wir arbeiten gerade an dem großen Projekt Building Information Modeling (BIM). Ziel ist, durch Einführung dieser kooperativen Arbeitsmethode, die auf digitalen Modellierungen basiert, die Zukunftssicherheit der regionalen Bauwirtschaft zu stärken. Konkret geht es darum, regional in mittelständischen Unternehmen die Implementierung dieser Arbeitsmethode zu fördern. Ein Thema, das auch das Bundesverkehrsministerium stark vorantreibt, da auf Bundesebene gerade bei den öffentlichen Auftraggebern große Bauprojekte wie etwa Stuttgart 21 immer wieder aus dem Ruder laufen. Ziel der digitalen Modellierung von Gebäuden und der Erschaffung eines digitalen Zwillings ist, bereits in der Planungsphase Probleme zu erkennen und zu beheben. Firmen, die mit BIM-Modellen arbeiten möchten, müssen jedoch ihre Arbeitsprozesse sehr stark umstellen. Das fällt gerade kleineren Unternehmen nicht ganz leicht. Wir möchten daher Hilfestellung bei Einführung der Methode geben.

Wie sieht diese Hilfestellung aus?

Wir laden zu Veranstaltungen wie zum Beispiel dem BIM-Mittelstandsforum ein. In Vorträgen geben wir Best-Practice-Beispiele, wie man sich der Planungsmethode annähert, sie im eigenen Unternehmen einführt und mit ersten Pilotprojekten umsetzt. In Workshops entwickeln wir mit den Firmen Planspiele, in denen die Teilnehmer an einem konkreten Beispielprojekt ausprobieren können, wie etwa die Zusammenarbeit zwischen dem Architekten, dem Statiker funktioniert – wie tauschen sie Daten und Informationen aus, wie kommunizieren sie digital miteinander?

Gebäudetechnikstudenten an der hs21

Die hs21 bietet ihren Studierenden mit der Entwicklung von autonom fahrenden Fahrzeugen und dem großen Projekt „Building Information Modeling“ spannende Forschungsthemen.

Welche Firmen können an diesen Workshops und Projekten teilnehmen?

Die Projektregion ist das nördliche Niedersachsen, an unserem BIM-Mittelstandsforum waren aber Unternehmen aus Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Hamburg beteiligt. Für das Frühjahr planen wir einen Workshop im Online-Format. Zukünftig möchten wir jedoch wieder Präsenzveranstaltungen unter anderem in unserem BIM-Labor mit der entsprechenden EDV anbieten. Teil des Projekts sind daneben Umfragen und Experteninterviews, die Erfahrungen aus dem Projekt in die Wirtschaft zurückspiegeln.

Wie finden diese Forschungsprojekte Einzug in die Lehre?

Der Kreis schließt sich, indem viele Firmen, die an dem Thema Building Information-Modelling interessiert sind, ihre Studierenden konkret darauf ansprechen, ihre Bachelorarbeit zu diesem Thema zu verfassen, um ihr Wissen später in den Betrieb einzubringen. Um unseren Studierenden und den Betrieben gerecht zu werden, ist es für uns daher sehr wichtig, in der Forschung neueste technische Entwicklungen voranzutreiben.

Herr Professor Hadrych, vielen Dank für das Gespräch.

TEXT Sophie Blady
FOTO hs21