Nachgefragt – Dirk Schrödter über die Bedeutung Künstlicher Intelligenz für das Bildungssystem

Nachgefragt – Dirk Schrödter über die Bedeutung Künstlicher Intelligenz für das Bildungssystem

Von heute auf morgen mussten Schulen, Hochschulen und viele weitere Bildungseinrichtungen im März 2020 auf digitale Lösungen zurückgreifen. Die Schulen waren geschlossen, die Kinder zu Hause, doch allen war klar: Die Bildung darf auf keinen Fall darunter leiden! Wir haben den Chef der Staatskanzlei gefragt, wie Künstliche Intelligenz in Zukunft dabei helfen kann, Schülerinnen und Schüler individuell zu fördern und ob die Lehrer im Studium bereits auf neue Technologien und moderne Unterrichtsmethoden vorbereitet werden.
Hallo Herr Schrödter, Sie haben maßgeblich an der Strategie der Landesregierung zur Künstlichen Intelligenz mitgewirkt. Die Landesregierung geht davon aus, dass wir uns an der Schwelle eines neuen Zeitalters des technologischen Wandels befinden: Künstliche Intelligenz werde zur „Dampfmaschine der digitalen Transformation von Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung”, sagten Sie. Wie wird sich Schleswig-Holstein dadurch verändern?

In den letzten Jahren haben sich die Rechenleistungen deutlich erhöht, sodass die Erkenntnisse, die in den 60er 70er Jahren wissenschaftlich in der KI-Forschung erarbeitet wurden, jetzt genutzt werden können. Ähnlich wie die Prozesse während der Industrialisierung durch die Dampfmaschine revolutioniert wurden, kann das Maschinelle Lernen eine Art Katalysator sein, der dazu beiträgt, Entscheidungen zielorientierter und individueller zu treffen: Chatbots können Daten aufnehmen und miteinander kombinieren, um eine Empfehlung zu erarbeiten, die am Ende nur noch vom Menschen geprüft werden muss. Das führt dazu, dass Prozesse schneller bearbeitet werden können.

Wie können sich diese Systeme auf den Schulunterricht auswirken?

KIgesteuerte Empfehlungssysteme können sehr zielführend auf die Bedürfnisse der einzelnen Schüler eingehen: Das System lernt, welche Aufgaben wie bearbeitet werden müssen und gibt maßgeschneidert Zusatzaufgaben, um den Schüler individuell zu fördern oder bestehende Schwächen auszugleichen.

Gibt es bereits konkrete Projekte zu dieser neuen Lernform?

Wir fördern beispielsweise das Projekt ‘120 Wörter pro Minute’. Ein KI-Projekt, das Schülerinnen und Schülern im Grundschulalter beim Lesenlernen unterstützt und mit konkreten Lernempfehlungen ganz gezielt auf die Bedürfnisse der einzelnen Schüler eingeht.

Sind weitere vom Land geförderte KI-Projekte geplant, von denen Schulen profitieren?

Wir fördern eine Reihe weiterer Projekte, wie etwa das Blended Learning Kompetenzzentrum an der FH Lübeck. Hier geht es darum, Module für die virtuelle Lehrerfortbildung zu entwickeln. Ziel ist, herauszuarbeiten, welche Fortbildungsangebote speziell für den einzelnen Lehrer angeboten werden können.
Mit weiteren, auch länderübergreifenden Kooperationen, fördern wir etwa die Entwicklung von Tools für adaptives Lernen. Am Ende muss es immer darum gehen, individuelle Lernangebote für Schüler zu machen, aber auch Fort-und Weiterbildungsangebote für die Lehrer zu entwickeln.

Wir können davon ausgehen, dass zukünftig digitale Tools unterstützend im Unterricht eingesetzt werden, um zielgerichtete Lernempfehlungen für die einzelnen Schüler zu generieren. Sie können jedoch keinesfalls den Lehrer ersetzen.

Wie wird KI langfristig den Schulalltag unserer Kinder verändern? Werden bereits pädagogische Konzepte entwickelt?

Wir können davon ausgehen, dass zukünftig digitale Tools unterstützend im Unterricht eingesetzt werden, um zielgerichtete Lernempfehlungen für die einzelnen Schüler zu generieren. Sie können jedoch keinesfalls den Lehrer ersetzen. KI gesteuerte Programme bieten Schülern beispielsweise zusätzliche Übungen an, sodass das Gelernte bei Bedarf vertieft werden kann. In dem Projekt ,120 Wörter pro Minute’ erkennt das Programm beispielsweise, wie flüssig das Kind liest und gibt je nach Lesestand eine Empfehlung, welche Übung wiederholt werden sollte. So hat der Lehrer mehr Zeit, auf einzelne Defizite einzugehen und Hilfestellungen zu leisten.

Werden am Ende gar Algorithmen den Lehrer ersetzen?

KI wird den Lehrer nicht ersetzen, aber grundlegend Einfluss darauf nehmen, wie und mit welchen Hilfsmitteln Schule stattfindet. Wir werden auf die Bedürfnisse der Schüler durch Empfehlungssysteme besser reagieren können.

Das hört sich sehr vielversprechend an und wäre ja gerade in einer Zeit wie dieser, in der viele Schüler im Homeschooling alleinen lernen, sehr hilfreich. Wann werden die Schüler von KI profitieren?

Wir bringen derzeit eine Vielzahl an Projekten voran, die konkret in der Umsetzung sind: Während 120 Wörter pro Minute auf drei Jahre ausgelegt ist, befindet sich Future Skills bereits in der Umsetzung. Ein Projekt, aus dem eine Lehr- und Lernplattform für Lehrer hervorgeht. Sie bietet hochschulübergreifend Lehr- und Lerntools zur digitalen Transformation an und wurde in Kooperation mit der CAU, der Universität Lübeck und dem IQSH entwickelt. Angehende Lehrerinnen und Lehrer können davon ausgehen, dass sich ein Datenwandel vollzieht und sie lernen müssen, mit den Instrumenten der neuen Technologien umzugehen.

Welche Forschungsschwerpunkte verfolgen die Hochschulen und Universitäten in Schleswig-Holstein?

An der Universität Lübeck arbeitet der Fachbereich Informatik sehr eng mit dem Fachbereich Medizin zusammen und setzt KI-Technologien ein, um in der Forschung voranzukommen. Sie ist ein Leuchtturm in der KI-Forschung, der in die Bundesrepublik ausstrahlt. In einem bundesweiten Kraftzentrum kommen Unternehmen, Forschung, Entwicklung und die Gesellschaft zusammen, um sich auszutauschen und Projekte umzusetzen, die konkrete Anwendung in Unternehmen finden. Es ist uns außerdem gelungen, das deutsche Institut für künstliche Intelligenz mit einer Außenstelle in Lübeck anzusiedeln.

Im Bereich der Energiewirtschaft setzt sich ein Netzwerk von Hochschulen und Universitäten in ganz Schleswig-Holstein mit der Frage auseinander, wie wir unsere natürliche Ressource Wind effizienter nutzen können. Wie Künstliche Intelligenz dazu beitragen kann, Schwankungen in der Produktion von Energie auszugleichen und Angebot und Nachfrage durch lernende Systeme besser zu erkennen. Kurz: wie sich Verbrauchsmuster darstellen. Wenn sich durch intelligente Systeme verschiedene dezentrale Kraftwerke miteinander kombinieren lassen, können etwa Versorgung und Verbrauch besser aufeinander abgestimmt werden.

Mit dem Projekt CAPTN, in dem das Thema autonome Schifffahrt und autonome Systeme adressiert wird, beweist auch die CAU ein starkes Interesse für KI-Forschung.

Wir sind also gut aufgestellt in Schleswig-Holstein, um neue Technologien voranzutreiben. Aber wie will die Landesregierung auch in Zukunft die besten Köpfe und fähigsten Schüler für die Erforschung der Künstlichen Intelligenz gewinnen?

Wichtig ist, dass wir bereits bei den Jüngsten Interesse für den Bereich MINT wecken. Das wollen wir schon in der Kita tun und soll sich in der Schule fortsetzen. Das bedeutet auch, sie im Umgang mit Medien dafür sensibilisieren, wie beispielsweise ein Smartphone funktioniert,  auf welche Weise ich es nutzen kann und welche Technik darin steckt. Das Stichwort Medienkompetenz ist sehr wichtig in diesem Zusammenhang. Junge Menschen sollten wissen, nach welchem Prinzip Suchmaschinen funktionieren, um Inhalte auf Google oder anderen Plattformen einordnen zu können. Daher fördern wir mit unseren Kooperationspartnern, wie etwa dem Offenen Kanal Kiel auch außerschulische Projekte zur Medienkompetenz: sei es ein Trickfilm-Dreh mit Kita-Kindern in Schwedeneck oder die kritische Auseinandersetzung Jugendlicher mit Nachrichten und Empfehlungen auf Facebook – warum werden mir bestimmte Veranstaltungen oder Produkte vorgeschlagen und meiner Freundin nicht? Der Offene Kanal Kiel bietet eine Vielzahl von Projekten an, die den kritischen Umgang mit traditionellen und neuen Medien für Kinder und Jugendliche fördern. Zudem gibt es zahlreiche Initiativen an Schulen, in AGs, in Jugendgruppen und anderen Einrichtungen, die das Thema kritisch beleuchten und den Kindern dabei helfen Informationen richtig einzuordnen. Insgesamt geht es aber darum, in den Lehrplänen technische Fragen noch stärker zu verankern. Und natürlich wollen wir die besten Köpfe im Land halten, indem nach der Ausbildung oder dem Studium ausreichend attraktive Arbeitsplätze angeboten werden. Deshalb unterstützen wir unsere mittelständische Wirtschaft, sich neuen Technologien weiter zu öffnen – insbesondere auch KI einzusetzen.

Vielen Dank für die spannenden Einblicke und Ausblicke in eine KI-basierte Zukunft des Lernens und Lehrens in Schleswig-Holstein.

 

TEXT Sophie Blady
FOTO Staatskanzlei SH