Grafikdesign: „Kreativität ist wie ein Muskel“

Grafikdesign: „Kreativität ist wie ein Muskel“

Ideen aus der China-Connection

Warum Neugierde und Allgemeinwissen so wichtig sind und was wir von China lernen können, erklärt Michael Eisermann, Dozent an der „DESIGN FACTORY International“ in Hamburg.
Ein indiskrete Frage zu Beginn: Was hat den jungen Abiturienten Michael Eisermann begeistert, welche Leidenschaften beflügelten Sie?

Tatsächlich ist es grenzenlose Neugier gewesen. In der Schulzeit habe ich mich für alles Mögliche interessiert. Ich hätte Meeresbiologe werden wollen, Landschaftsarchitekt, Journalist, Programmierer oder, oder, oder. Vieles habe ich ausgeschlossen, weil ich glaubte, es sei brotlose Kunst. Als freier Künstler braucht man nicht nur Talent, sondern auch viel Glück und Kontakte. Eines wusste ich aber genau: Auf weiteres Lernen hatte ich erst mal keine Lust. So habe ich mich in diese und jene Praktika gestürzt, habe für eine Event-Promotion-Agentur gearbeitet, war bei der Bild-Zeitung und bin dann eher zufällig in eine Ausbildung als Mediengestalter gerutscht.

Grafikdesign klingt für viele Schüler reizvoll. Aber wie sieht der Arbeitsalltag aus?

Der Alltag sieht ganz anders aus, als man es sich eigentlich vorstellt. Nach zwei eigenen Agenturen bin ich wieder als freiberuflicher Art Director unterwegs.

Warum?

Weil ich mich weniger mit administrativen Aufgaben und Kunden rumschlagen möchte. Und weil ich in der Tat kein guter Kaufmann bin, sondern lieber gestalte und mir Dinge ausdenke. Meine Aufgaben sind sehr vielfältig: die Produktfindung für eine Bank, Wahlwerbung, die Konzeption einer App für einen Autohersteller sowie die Entwicklung digitaler Geschäftsmodelle der Zukunft für verschiedenste Kunden.

Ich fordere meine Studenten immer wieder dazu auf, neu zu denken, anders zu sein, mich zu überraschen.
-Michael Eisermann

Welche Begabungen und Fähigkeiten sollten Interessenten mitbringen? Reicht künstlerisches Talent aus?

Künstlerisches Talent braucht man – meiner Meinung nach – nicht für ein Design-Studium. Neugier und der Wille zu lernen sind da viel entscheidender. Es wird zwar immer noch das Malen per Hand, das Skizzieren von Ideen als Ideal angesehen. Aber wir leben im Jahr 2017, heute geht alles digital. Erst kommt die Idee – möglichst neu und ungesehen – dann die Technik am Computer. Das finale Produkt wird in der Regel von Profis umgesetzt: Fotografen, Illustratoren oder CGI-Animatoren helfen, meine Ideen zum Leben zu erwecken.

Kreativität ist ja in der Werbebranche ein vielbenutztes Zauberwort.Kann man kreatives Arbeiten lernen?

Kreativität ist weniger ein Zauberwort, sondern inzwischen eher ein Schimpfwort für etwas, das entzaubert worden ist. Heute hat jeder Ideen und jeder ist irgendwie kreativ. In der Regel gibt es eine konkrete Aufgabenstellung, ein Problem muss gelöst werden – da hört es bei fast allen auf, wenn Ideen kommen müssen, die ein Produkt verkaufen sollen, etwas schön machen oder ein Geschäftsmodell der Zukunft darstellen sollen. Aber man kann es lernen. Es gibt viele Kreativtechniken, darunter auch Design Thinking, was ich unterrichte. Es hilft, im richtigen Moment zu jeder Zeit auf gute Ideen zu kommen. Allerdings geht nichts über ein großes Interesse und eine breite Allgemeinbildung sowie über Kenntnisse des aktuellen Weltgeschehens. Kreativität ist wie ein Muskel: Man muss ihn trainieren und pflegen, bevor man ihn richtig einsetzen kann.

Als Dozent überschreiten Sie auch kulturelle Grenzen. Wie kam es zur “Connection Hamburg-Zhuhai”?

Seit knapp 14 Jahren bin ich in China unterwegs: leite Kreativ-Workshops für Werbeagenturen und halte Vorlesungen auf Kongressen, zum Beispiel in Shanghai und Peking. Seit knapp neun Jahren bin ich Gast-Professor in Zhuhai. Diesen Titel hat mir der chinesische Werbeverband wohl auch dank der rund 140 Designerpreise verliehen, die ich gewonnen habe. In einem Gespräch konnte ich mich für einen Studentenaustausch Hamburg-Peking begeistern, zwei Wochen später saß ich im Flieger.

Wie profitieren Ihre Studierenden an der Design Factory vom Blick über den Tellerrand?

Der Tellerrand ist ein schönes Bild. Ich fordere meine Studenten immer wieder dazu auf, neu zu denken, anders zu sein, mich zu überraschen. Alles zu hinterfragen, zu verwerfen. Was nicht einfach ist. Sie sollen zu gestalterischen Persönlichkeiten reifen, die einen Standpunkt einnehmen und zu diesem stehen. Sie sollen unternehmerische Persönlichkeiten werden, jetzt Ideen entwickeln und an Dingen arbeiten, die sich Jahre später erst realisieren lassen. Das hat eigentlich immer gut funktioniert. Durch den Austausch mit chinesischen Studenten wird einem die dauernde Veränderung und damit die Notwendigkeit, lebenslang zu lernen, klarer vor Augen geführt. Ruhe zu bewahren, eine sehr wichtige Tugend in der Hektik des Berufsalltags, habe ich auch erst in China gelernt. Es muss nicht immer alles sofort perfekt sein, wir haben ein Leben lang Zeit, immer besser zu werden.

TEXT Joachim Welding
FOTOS Privat