Traumberuf Segelmacher

Schleswig-Holstein – Land zwischen den Meeren. Nord- und Ostsee, Schlei und Elbe, die Förden von Flensburg, Schleswig, Eckernförde und Kiel, Deutsche und Lübecker Bucht … die Gewässer des nördlichsten Bundeslandes sind Deutschlands Topreviere für Segler! Kein Wunder, dass in der Nähe der insgesamt 65 Yachthäfen Schleswig-Holsteins auch jene Menschen zu finden sind, ohne die der Segelsport nicht auskommen kann: die Segelmacher. In der ME2BE-Reihe „Seltene Berufe – Folge deiner Leidenschaft“ haben wir den Traumberuf des Segelmachers unter die Lupe genommen und zeigen, wie man trotz geringer Angebote auf dem Arbeitsmarkt seinen Weg in das Handwerk finden kann.

Nahaufnahme eines Segels

Die Geschichte des Segelmachens ist so alt, dass wir nur wenig Genaues darüber wissen. Der älteste Nachweis eines Segels besteht aus einer Felszeichnung in der nubischen Wüste und wird auf ca. 5.000 v. Chr. geschätzt. Eine erste regelmäßige Segelnutzung in unseren nordeuropäischen Gewässern wird den Wikingern ab dem 9. Jahrhundert zugeschrieben. Bis zur Erfindung des Motorschiffs zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Schifffahrt ohne Nutzung von Windkraft durch Segel undenkbar. Eines ist klar: Das Handwerk des Segelmachens war deshalb ein sehr Wichtiges und basierte auf einer jahrhundertelanger Tradition – bis die Dampfmaschine alles veränderte. Heutzutage spielt die Segelschifffahrt im Gütertransport keine Rolle mehr und wird hauptsächlich im Sport- und Freizeitbereich betrieben. Ein entscheidender Grund für das Verschwinden vieler Segelmachereien.

Das Segel – Von der Naturfaser zum Carbon-Sail

Vom Material hängen Handwerk und Werkzeug ab. Bei der Herstellung von Segeln verwendeten Segelmacher ursprünglich Gewebe und Tuch aus jeder verfügbaren Naturfaser. Auch tierische Fasern aus Wolle wurden genutzt. Genäht wurde ursprünglich mit großen Tuchnadeln und per Hand, ehe es später mechanische und elektrische Lösungen gab. Die stetige Veränderung und Verbesserung der Segelmaterialien veränderte nicht nur die die Segeltuchgewichte und die Segeleigenschaften, sondern auch die handwerkliche Technik. Nähten früher mehrere Segelmacher an einem Segeltuch in wochenlanger Handarbeit, so wird heute ein Segel in wenigen Tagen von einer Person gefertigt. Der Zuschnitt erfolgt häufig maschinell. Im gegenwärtigen Segelsport werden Segel meistens aus Kunst- oder Kohlefaser gefertigt.

Das Handwerk – Geschick, Präzision und logisches Denken

Segelmacher arbeiten in Segelmachereien oder Bootsbaubetrieben und fertigen und reparieren Segel, Planen und Persenninge für alle Schiffstypen, stellen aber auch Sonnenschutzsegel, Markisen und Zelte her. Das Handwerk hat noch immer einen hohen Anteil an Handarbeit. Die Arbeit findet mit der Schere, dem Bleistift, dem Maßband sowie an der Nähmaschine statt. Neben handwerklichem Geschick benötigen Segelmacher weitere Fähigkeiten: Logisches Denken, Präzision und nicht zuletzt … gute Segelkenntnisse!

Der Leidenschaft folgen – Lennard hat‘s gemacht

Lennard Bahls ist 20 Jahre alt und kann ziemlich gut segeln. Der gebürtige Schleswiger fing im Alter von acht Jahren an, Jolle zu segeln. Seine Leidenschaft für den Segelsport erwachte auf dem Segelboot seiner Eltern. Heute – 12 Jahre später – ist er ausgebildeter Segelmacher und arbeitet als Geselle in der Segelmacherei Holm. Wir haben ihn bei der Arbeit besucht und ihn gefragt, worauf es beim Segelmachen ankommt.

Segelmacher Lennard bei der Arbeit

Segelmachen ist Millimeterarbeit, sagt Lennard.

ME2BE: Moin Lennard. Du bist 20 Jahre jung und darfst dich bereits Segelmacher nennen. Wie bist du auf den Beruf gekommen?

Lennard: Da spielten mehrere Dinge eine Rolle. Zum einen war Segeln schon immer meine Leidenschaft. Dann hatte ich irgendwann auch nicht mehr so viel Lust auf Schule und das Praktikum in der Segelmacherei hat mir unglaublich gut gefallen. Ein anderes in einer Tischlerei weniger. Deshalb hab ich mich für das Segelmachen entschieden.

Worauf kommt es beim Segelmachen an? Wie entsteht ein Segel?

Segelmachen ist Millimeterarbeit! Es kommt darauf an, auf Kundenwunsch individuelle Segel, Planen oder Persennige anzufertigen. Dazu muss zunächst ein präzises Muster angefertigt werden, dann erfolgt der Zuschnitt des Materials. Anschließend werden die Segelbahnen an der Nähmaschine aneinandergenäht. Bei Laminatsegeln kommen in der Regel Schweiß- und Klebetechniken zum Einsatz. Zuletzt werden alle Segel mit den „Zubehörteilen“ ausgerüstet, zum Beispiel Ösen, Kauschen, Rutscher, Reff- und Liekklemmen.

Segelmacherei

Segelmacher brauchen viel Platz

Was sind Voraussetzungen für deinen Beruf?

Ich denke, am wichtigsten ist das Interesse an dem Handwerk selbst und vielleicht die Lust am Segeln. Natürlich braucht man handwerkliches Geschick. Mit zwei linken Händen wird das hier nix. Man sollte auch logisch und räumlich denken können, Geduld haben und die Fähigkeit zum genauen Arbeiten.

Und wie geht es bei dir jetzt nach der Ausbildung weiter? Bietet dieser seltene Beruf genügend Zukunftschancen?

Ja, ich denke schon. Gesegelt wird ja immer. Ich bin jetzt von meinem Lehrbetrieb übernommen worden. Da ich eine sehr gute Gesellenprüfung abgelegt habe, erhielt ich ein Meisterstipendium. Dieses Jahr absolviere ich noch die Teile 3 und 4 der Meisterprüfung. Und dann würde ich hier erst mal gern weiter arbeiten. Irgendwann möchte ich auf jeden Fall noch mal eine Zeit lang ins Ausland reisen, am liebsten nach Neuseeland oder Australien.

Ich stehe jeden Morgen gern auf und gehe gern an meine Arbeit.
(Lennard Bahls)

Gab es ein Highlight während deiner Ausbildung, an das du dich noch genau erinnerst?

Ja, mein erstes allein gefertigtes Segel! Das war ein toller Moment, an den ich mich immer erinnern werde.

Hast du noch einen Tipp für Schülerinnen und Schüler, die sich für das Handwerk des Segelmachens interessieren?

Findet über Praktika heraus, was euch Spaß macht und folgt eurer Leidenschaft. Ich stehe jeden Morgen gern auf und gehe gern an meine Arbeit. Und sollte mir das irgendwann keinen Spaß mehr bringen, … mache ich was anderes!

Aus der ME2BE-Reihe „Seltene Berufe“

TEXT Christian Dorbandt
FOTO Moritz Wellmann