Hamburg Wilhelmsburg

Patchwork-Teppich Wilhelmsburg

2013 geht es rund in Wilhelmsburg. Zwischen Internationaler Bauausstellung (IBA) und Gartenschau (igs) wird das Leben auf der größten bewohnten Flussinsel in Europa wieder viel diskutiert. 

Das war viele Jahre nicht so. Sprach man überhaupt über Wilhelmsburg, dann war eines der meist gebrauchten Attribute „problematisch“. Problematische Lebenssituation,  problematische Wirtschaftsaussichten, problematische Bildungsperspektiven, problematischer Migrantenanteil. Dabei ist kaum ein Stadtteil südlich der Elbe so bunt und vielfältig wie dieser 35 Quadratkilometer große Patchwork-Teppich am Spreehafen. Wilhelmsburg ist Heimat für ungefähr 50.000 Menschen, die zusammen auf über 100 Nationalitäten kommen.

Zur Stunde wissen nur wenige Hamburger, dass sich Wilhelmsburg gerade jetzt zu einem sehr lebenswerten Stadtteil entwickelt: noch gibt es hier unbebaute Naturflächen, bezahlbare Wohnungen, kreative Freiräume. Doch die von der Stadt und den Wilhelmsburgern selbst initiierten Aufwertungsprogramme ziehen auch die Kritiker auf den Plan, die sich um die Authentizität des Stadtteils sorgen: sie sind gegen die gezielte – also künstliche  –  Ansiedlung von Kunst, Kultur und Bildung.

Basketball_Zukuenftiges_Haus_Bau_Teresa_Horstmann_MG_3267 KopieHamburgs bunte Elbinsel
Doch vielleicht braucht gerade „die Insel der verpassten Möglichkeiten“, wie manche Wilhelmsburg halb liebe-, halb kummervoll betiteln, die Initiative der Stadt, um für eine positive Stadtteilentwicklung wieder genügend Schwung und Selbstvertrauen zu gewinnen. Fest steht: Es tut sich viel auf Hamburgs bunter Elbinsel. Und das sollten wir uns alle einmal anschauen. Live und in Farbe!

2004 nahm sich die Hansestadt Hamburg seinem vergessenen Stiefkind Wilhelmsburg an. Verschiedene soziale, ökonomische und kulturelle Projekte sollten zusammen den „Sprung über die Elbe“ gelingen lassen – beispielhaft für
andere „Problemstadtteile“. Die zugrundeliegende Idee: nur dort, wo sich Künstler, Kreative und Intellektuelle niederlassen, kann sich ein Stadtteil wieder zu einem vielversprechenden Standort entwickeln.

In den regionalen Medien liest man seitdem viel über die Reintegration des vernachlässigten Inselquartiers. Als Standort für IBA, igs und dem Dockville Festival für Kunst und Musik liefert  Wilhelmsburg nun auch wieder viele 20130923-DSC_8876positive Schlagzeilen. Soziale Wohnungsbauprogramme der SAGA GWG fördern währenddessen die Ansiedlung von Studenten und Künstlern durch subventionierten Wohnraum.

NÄCHSTER HALT:

20130923-DSC_8873Ernst-August-Schleuse
Wilhelmsburg scheint also auf gutem Weg, wieder das „Tor zur Welt“ zu werden. Pünktlich zum Nikolaustag 2012 feiert die IBA die Öffnung des Spreehafens mit einer neuen Fährverbindung auf die Elbinsel. Und erweckt so eine alte Tradition zu neuem Leben: bereits zu napoleonischen Zeiten landete die Fähre hier am sogenannten Franzosenstieg. Die Idee zur Renaissance des Wasserweges stammt übrigens von den Wilhelmsburgern selbst. Beim IBA-Projektaufruf „Ideen für Veddel und den Spreehafen“ wünschten sie sich diese Reisemöglichkeit und schnelle Anbindung an die Hamburger Innenstadt. 22 Mal am Tag rauscht die Fährlinie 73 nun montags bis freitags zwischen den St. Pauli Landungsbrücken und dem neu gebauten Anlegeponton Ernst-August-Schleuse im Klütjenfelder Hafen hin und her. 15 Minuten dauert das Übersetzen und dann noch mal zehn Minuten per pedes, bis man mitten im lebhaften Reiherstiegviertel steht.

Hier findet der geneigte Besucher in den zahlreichen Ateliers eine Menge Inspiration und Kunst. Oder spaziert durch das Kreativzentrum in den Zinnwerken, eines der letzten Industriedenkmäler im Viertel.

Auch das alte Wilhelmsburger Kino am Vogelhüttendeich wurde für  einen Sommer aus dem Dornröschenschlaf geweckt. Das 100 Jahre alte RIALTO schloss 1987 seine Tore. Nun ist das historische Lichtspielhaus von Mai bis Oktober 2013 Zeitzeuge des klassischen Programmkinos und helle Sternschnuppe  des Wilhelmsburger Kultursommers. Im Programm sind deutsche Independent Film-Klassiker („Fleisch ist mein Gemüse“ oder „Der letzte Lude“ sind auch dabei), Lesungen mit Rocko Schamoni oder David Sedaris, sowie Konzerte und Theateraufführungen.

Ob es im RIALTO auch über 2013 hinaus weiter heißen kann „Film ab!“, hängt von potentiellen Investoren, ehrenamtlichen Helfern und Sponsoren ab. Es wäre dem Lichtspielhaus und den Wilhelmsburgern zu wünschen – bereits in den wenigen Monaten seiner Wiedereröffnung avancierte das RIALTO zum bunten Magnet für Unterhaltungsverliebte.

FRISCH GESCHLOSSEN20130923-DSC_8859

Natürlich gibt es neben vielen kulturellen Freudensprüngen auch Grund zur Wehmut. So wurde eine Wilhelmsburger Kultlocation unlängst geschlossen: die Soulkitchen Halle. Hier drehte Fatih Akin seinen gleichnamigen Film „Soul Kitchen“, ein Stück über Freunde, Liebe, Vertrauen, Loyalität und schließlich auch ein Plädoyer für schützenswerte Heimatorte. Fatih Akin verhalf dem Ort zum Kultstatus: als angesagte Location für Veranstaltungen und Parties stand sie einige Jahre für alles, was Spaß macht in Wilhelmsburg.

Jetzt ließ die Stadt die Soulkitchen Halle wegen Baufälligkeit schließen – trotz des energischen Widerstands einer Gruppe aus Künstlern und Einheimischen. Lange war die mehr als 100 Jahre alte Halle ein nichtkommerzieller Knotenpunkt für Konzerte, Tanz, Theaterproben, Diskussionen und Ausstellungen. Woche für Woche trafen sich hier viele Tag- und Nachtgestalten: mehr als 30.000 Besucher in drei Jahren zählten die Veranstalter, die zudem auch noch die Renovierung der Halle übernahmen. Nun hat es sich ausgetanzt, denn das Gelände soll nach gründlicher Sanierung für Gewerbe- und Industriebetriebe genutzt werden. LKW statt MfG. Zu schade aber auch.

Text Jule Malz | Fotos Teresa Horstmann & Jonas Wölk

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